Donnerstag, 17. Mai 2018

WANTED: Mitarbeiterinnen / Mitarbeiter am Lehrstuhl

Wer möchte in den kommenden Jahren mit daran arbeiten, die Archäologie des Mttelalters und der Neuzeit inhaltlich zu profilieren, modern zu lehren und ihre Bedeutung der Öffentlichkeit zu vermitteln?

Ich suche ganz konkret für die Assistenz am Lehrstuhl für Archäologie des Mitttelalters und der Neuzeit an der Otto-Friedrich Universität in Bamberg zum kommenden Wintersemester zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen / Mitarbeiter in je 50% Beschäftigungsverhältnis. Es handelt sich um Qualifikationsstellen zur Promotion mit Aufgaben in Lehre und akademischer Verwaltung. Sie sind befristet auf 3 Jahre, jedoch mit Option auf Verlängerung.
Bewerbungsfrist ist der 11.6.2018

Der genaue Ausschreibungstext mit den Bewerbungsmodalitäten:

Weitere Infos:


Bamberg, Am Kranen 14,
Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit
(Foto R. Schreg)


Montag, 14. Mai 2018

Alpine Wüstungsforschung im Berner Oberland

Brigitte Andres

Alpine Wüstungen im Berner Oberland.
Ein archäologischer Blick auf die historische Alpwirtschaft in der Region Oberhasli

Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie 42
Basel : Schweizerischer Burgenverein
2016

364 Seiten, 187 Abbildungen
Ladenpreis: 68,00 €
ISBN 978-3908182269


Anne-Sophie Ebert

Die Archäologie in den Alpen und nicht zuletzt auch die alpine Wüstungsforschung fanden in den letzten ca. 20 Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung. Ein Anstoß dafür mag die Auffindung der als "Ötzi" bekannten Eisleiche am Tisenjoch im Ötztal im Jahr 1991 gewesen sein. Ein weiterer Grund für eine vermehrte Forschungstätigkeit liegt im Klimawandel begründet, aufgrund dessen im Hochgebirge für den Skitourismus immer höher gelegene Pisten erschlossen und somit Bodeneingriffe vorgenommen werden.


Auch im Berner Oberland, in der Region Oberhasli, wurde 2003 eine Zusammenlegung mehrerer Skigebiete zu einem "Schneeparadies Hasliberg-Frutt-Titlis" geplant, sodass der Archäologische Dienst des Kantons Bern unter der Leitung von Daniel Gutscher mehrere Prospektionskampagnen (2003, 2004 und 2006) vornahm, um gefährdete Befunde in diesem Gebiet zumindest zu kartieren.
Ähnliche Projekte werden in der Schweiz in letzter Zeit häufiger durchgeführt (s. z.B. die Prospektionskampagnen im Muotatal SZ, die von Franz Auf der Maur, Walter Imhof und Jakob Obrecht ausgewertet und publiziert worden sind). Für den österreichischen Alpenraum liegen insgesamt weniger Untersuchungen vor, aber auch hier werden, gerade durch die Tätigkeiten des Vereins für Alpine Forschung (ANISA) immer mehr Kampagnen und interdisziplinäre Auswertungen realisiert (s. z.B. Weishäupl 2014 oder die Reihe "Forschungsberichte der ANISA").
Die knapp 400 im Oberhasli neu entdeckten Hinweise auf alpine Wüstungen und Alpwirtschaft wertet Brigitte Andres nun in diesem Band (ihrer Dissertation) aus. Dabei geht sie vor allem der Fragestellung nach, wie und ob man die Befunde in den Kontext der bisherigen Wüstungsforschung in der Schweiz einbetten und mit Befunden anderer Regionen vergleichen kann. Ein weiteres wichtiges Ziel der Arbeit ist es zudem Hinweise auf alpwirtschaftliche Tätigkeiten wie Milchverarbeitung, Viehhaltung und Wildheunutzung im archäologischen Befund zu finden.

Im ersten Teil des Buches stellt die Autorin gleich zu Beginn die Problematik des Forschungsstandes klar. In den letzten Jahren, nach mehreren Grabungskampagnen in den 1970er Jahren (s. Werner et al. 1998), ist immer mehr von tatsächlichen Grabungen im Hochgebirge abgesehen worden. Vor allem ist es schwierig, sowohl die Grabungsmannschaft, als auch das benötigte Material an die meist entlegenen Grabungsstellen, die oft auch über keinen Anschluss an moderne Wegenetze verfügen, zu bringen. Darum wurde ein stärkerer Fokus auf Prospektionsprojekte gelegt. Dies zieht zwei Probleme nach sich: Erstens sind durch fehlende Untersuchungen der Innenstruktur von Alpgebäuden Funktionen derselben nur schwer zu bestimmen und zweitens fehlt es der Forschung an zeitlicher Tiefe, da genauere Datierungen bei Prospektionen nicht möglich sind (S. 29f.). In den drei Tälern des Untersuchungsgebietes kommen Alpwüstungen wahrscheinlich häufiger ab dem 14. Jh. vor, meist können die festgestellten Strukturen allerdings höchstens bis in das 16. Jh. (z.B. anhand von Bauinschriften) zurückdatiert werden (S. 30).
Im Folgenden gibt die Autorin mit dem Kapitel "Naturraum und Geschichte der Region Oberhasli" (S. 33) einen Überblick über Klima und Naturgefahren im Untersuchungsgebiet, welcher gut zum Verständnis der naturräumlichen Bedingungen beiträgt. Die detaillierte Beschreibung von Pässen vermittelt die Kenntnis der Verkehrswege und der Handelskapazität der Täler im Oberhasli. Zudem geht sie kurz auf Landwirtschaft, Handel, Eisenbergbau, Fremdenverkehr und Wasserkraftnutzung in der Region ein, sodass dem Leser ein eindrückliches Gesamtbild der Umwelt und der Kulturlandschaft im Oberhasli gegeben wird.

Nach diesem einleitenden Teil folgt im zweiten Teil das eigentliche Kernstück der Arbeit (S. 63-200). Vor der Beschreibung und Einordnung der eigentlichen archäologischen Befunde, erfolgt die Betrachtung der Alpwirtschaft im Oberhasli anhand von nichtarchäologischen Quellen. Hier bezieht sich die Autorin vor allem auf Rechtsquellen, Alpstatistiken, topographische Beschreibungen der oekonomischen Gesellschaft Bern und auf alte Reiseberichte und legt somit den Fokus auf einen wichtigen interdisziplinären Ansatz. Erkenntlich wird, dass wahrscheinlich zwischen dem 15. und 16. Jh. ein Wandel in der Alpwirtschaft stattfand, da Viehweiden wohl zunehmend dem Großvieh vorbehalten wurde, ab Ende des 14. Jh. eine Tendenz zur gemeinschaftlichen Verwaltung von Alpen, Allmenden und Wäldern zu erkennen ist und ab 1600 ein zunehmender Export von Käse in die Städte Norditaliens belegt ist (S. 68-76). Allerdings fanden sich wohl nur sehr wenige Beschreibungen von eigentlichen Alpgebäuden, weshalb ein Vergleich mit den archäologischen Befunden schwierig bleibt. Eventuell hätte hier noch eine verstärkte Betrachtung von noch bestehenden Alpgebäuden geholfen auch am archäologischen Material einzelne Funktionsbereiche vergleichend zu erkennen.
Im Kapitel "Wüstungsforschung im Oberhasli" (S. 89) wertet Andres schließlich die eigentlichen Befunde der Prospektionskampagnen aus. Zunächst teilt sie die Befunde in Kategorien ein. Dies vermittelt einen Eindruck, wie vielfältig die Befunde tatsächlich sind (das Spektrum reicht von Gebäudegrundrissen und Konstruktionen unter Fels über Pferche und Weidemauern bis hin zu Wegabschnitten und Hinweisen auf Erzabbaustätten). Die einzelnen Befundkategorien sind meist noch wie im Fall der Konstruktionen unter Fels in weitere Untergruppen nach Erscheinungsmerkmalen unterteilt. Durch in den Text eingebaute Tafeln, auf denen Andres signifikante Beispiele für jeweils eine Befundkategorie abbildet, werden dem Leser die unterschiedlichen Ausprägungen der Befunde innerhalb der Befundgruppen besonders deutlich (z.B. Abb. 91, S. 125). Hilfreich sind auch die dabei stets aufgeführten Katalognummern, um die einzelnen Beispiele im Befundkontext im sehr übersichtlichen und anschaulich gestalteten Katalog wiederfinden zu können. 

Im Anschluss beschreibt Andres die einzelnen Wüstungsplätze in ihrer Gesamtheit und im Kontext des Fundgebietes. An dieser Stelle wird der Leser systematisch an das Siedlungsgefüge der Alpwüstungen und mägliche Problematiken herangeführt. So wird deutlich, dass sowohl bei größeren, als auch bei kleineren Siedlungsplätzen die Anordnung der einzelnen Strukturen stark von den topographischen Gegebenheiten im Gebirge abhängig sind und somit jeweils individuelle Ausprägungen erscheinen, die kaum einheitlich dargestellt oder kategorisiert werden kännen (S. 168). Dies bedeutet im Umkehrschluss wiederum eine erschwerte Zuordnung von Funktionsbereichen zu einzelnen Siedlungselementen.

An dieser Stelle soll durch die kurze Vorstellung zweier Beispiele die Problematik beleuchtet werden:

Beispiel 1: Wüstungen Hinder Tschuggi (Hasliberg BE):

Die Strukturen bei Hinder Tschuggi sind weit im Areal verstreut errichtet worden. Die meisten erhaltenen Grundrisse sind einräumig, es liegen aber auch zweiräumige Strukturen und sogar drei mehrräumige Strukturen vor. Närdlich der heute bestehenden Alpgebäude schließen sich "Tschugginollen" genannte Felsformationen an, in denen des Weiteren Konstruktionen unter Fels festgestellt werden konnten.
Ob diese weit verstreuten Gebäude gleichzeitig oder nacheinander in Betrieb waren oder ob es Spezialisierungen auf unterschiedliche Käseherstellungen gab, kann aufgrund der fehlenden Datierungen und Untersuchungen der Innenräume leider nicht mit Sicherheit gesagt werden (S. 146-148).






Beispiel 2: Wüstung Wendenläger 1 (Innertkirchen BE):

Bei Gadmen befindet sich die Wüstung Wendenläger 1. Am Rand einer Geröllhalde sind hier ein etwas größerer einräumiger Grundriss an einem Felsblock zu erkennen und südlich dicht daran anschließend mehrere kleine, teilweise sogar annähernd runde Strukturen, die eventuell auf weitere kleinere Gebäude oder Lagerräume hinweisen kännen.
Die heutigen Alpgebäude wurden südlich dieser Wüstung in etwas flacherem Gebiet errichtet, befinden sich daher aber auch in einer exponierteren Lage, aufgrund dessen zum Hang hin Lawinenkeile künstlich aufgeschichtet werden mussten (S. 160-164 und S. 204).










Sinnvollerweise zieht die Autorin, auch aufgrund fehlender Grabungen im Oberhasli, andere Quellen aus dem gesamten Schweizer Alpenraum zur Interpretation von Funktionen der beschriebenen Strukturen im folgenden Kapitel "Kulturhistorische Einordnung" (S. 171) heran. Besonders bezieht sie sich auf den 1998 erschienenen Band "Heidenhüttli" von Werner Meyer, der ein umfassendes Bild der alpinen Wüstungsforschung in der Schweiz bis in die 1990er Jahre vorstellt und in dem auch noch tatsächliche Grabungen in alpinem Gelände ausgewertet werden. Aber auch die Ergebnisse aus dem vorangestellten Abschnitt zu den nichtarchäologischen Quellen fließen in diesem Kapitel in die Bewertung der Befunde mit ein.

An dieser Stelle geht es Andres vor allem darum, ob Wirtschaftsweisen auch im Oberhasli am archäologischen Befund erkennbar sind oder nicht. So kommt sie zu dem Ergebnis, dass generell Viehhaltung, anhand von Pferchen, Ställen und Weidemauern zunächst leichter zu erkennen ist, als die Milchverarbeitung. Hier tritt erneut die Problematik der fehlenden Grabungen in den Vordergrund.
Da keine gesicherten Aussagen über die Innenstrukturen von Gebäuden gemacht werden kännen, sind Sennereien, die anhand von Feuerstellen erkennbar wären, nur in sehr wenigen Fällen zu identifizieren. Auch bei Konstruktionen unter Fels kann die Funktion nicht immer eindeutig bestimmt werden. Daher schlie§t Andres in ihrer Interpretation vielfach über die Grä§e der Strukturen auf mägliche Funktionen der Gebäude.
Allerdings versucht Andres zumindest die Fragen zur Art der Milchwirtschaft trotzdem zu beantworten. Hier geht es um die Diskussion ob die eigentliche Käseherstellung am Befund zu erkennen ist. Für die Vollfettkäserei ist kein direkter Kühlraum notwendig, da die Milch nicht zum Abrahmen gelagert wird. Abrahmen bedeutet, dass die Milch vor der Verarbeitung zum Käse gelagert wird, sodass der Rahm sich absetzen und entnommen werden kann, um zum Beispiel Butter daraus herzustellen.
Das Phänomen, dass im Oberhasli auch bis weit in die Neuzeit hinein, anders als in anderen Regionen der Schweiz, noch einräumige Alpgebäude genutzt wurden, deutet Andres mit Hilfe der historischen Quellen als einen Hinweis dafür, dass Vollfettkäserei, für die keine Kühlräume in der eigentlichen Sennerei notwendig waren, noch viel länger als in anderen Regionen der Schweiz praktiziert wurde. Auch den in den Schriftquellen oft zu fassenden Buttermangel in den Städten führt Andres auf eine schwerpunktmä§ige Vollfettkäserei im Oberhasli zurück.
Dies ist zunächst nicht von der Hand zu weisen, widerspricht sich jedoch teilweise mit den Rückschlüssen, die sie selbst im Folgenden aufstellt. Denn es sind doch Ð wenn auch wenige Ð zwei- oder mehrräumige Gebäudegrundrisse vorhanden (s. das Beispiel Hinder Tschuggi). In ihrer Synthese interpretiert Andres diese als "frühe Formen einer Sennerei mit Milchkeller" (S. 203). Zudem führt sie selbst auch die Mäglichkeit an, dass Konstruktionen unter Felsen ebenfalls als Kühlraum genutzt wurden (z.B. S. 174), was wiederum auch auf das Abrahmen und die Herstellung von Butter hindeuten kännte. Dass solche künstlich erschaffenen oder natürlichen "Höhlen" für die Milchlagerung tatsächlich genutzt wurden, konnte auch bei Forschungen im Muotatal SZ erwiesen werden (s. Auf der Maur et al. 2005).
Insgesamt ist der Rückbezug des Kapitels "Kulturhistorische Einordnung" auf das Kapitel "Alpwirtschaft im Spiegel nichtarchäologischer Quellen" jedoch sehr gelungen. Durch die Einordnung der eigentlichen Befundbeschreibungen zwischen diesen beiden Kapiteln wird das Material interdisziplinär eingerahmt, es steht nicht einfach im Raum. Auch der Vergleich der Befunde nicht nur mit regionalen historischen Quellen, sondern mit archäologischen und historischen Quellen aus anderen Regionen der Schweiz hilft bei der genauen Einordnung der Befunde aus dem Oberhasli in die alpine Wüstungsforschung insgesamt.

In ihrer Schlussbewertung geht Andres noch einmal auf die Forschungsproblematik ein und plädiert für eine vermehrte Institutionalisierung der alpinen Archäologie in der Schweiz um Grabungsprojekte wieder verstärkt zu fördern. Dies ist wohl im Endeffekt die einzige Möglichkeit gesicherte Aussagen über das sonst schwer zu datierende Befundmaterial zu tätigen, wie Andres selbst in ihren Analysen stichhaltig beweist.
Besonders hervorzuheben ist schlussendlich die vorbildlich ausgeführte interdisziplinäre Betrachtung der Befunde und die Darstellung der alpinen Wüstungsforschung "als Schnittstelle von Archäologie, Geschichte, Volkskunde, Bauernhausforschung und Denkmalpflege" (S. 205). Zu ergänzen wäre eventuell noch, dass auch naturwissenschaftliche Methoden aus der Bioarchäologie, GIS zur Rekonstruktion von Weideflächen (s. Štular 2010) oder Daten aus Geoarchiven genutzt werden könnten und müssten, um ein annähernd vollständiges Bild der Nutzung der Alpen durch den Menschen - nicht nur in Mittelalter und Neuzeit - zu erlangen.

Der Band stellt somit eine wichtige Publikation für die weitere Forschung dar. Zwar handelt es sich um die Auswertung von regionalen Entwicklungen der Alpwirtschaft, aber durch die interdisziplinäre Herangehensweise und die Berücksichtigung aller Befundarten auch im Vergleich über das Berner Oberland hinaus schafft die Autorin es, die Befunde überregional einzuordnen. Wichtig sind auch ihre Analysen zur Sichtbarkeit der Wirtschaftsweisen im archäologischen Befund. Teilweise ist dies schon bei anderen Forschungen durchgeführt worden (s. z.B. Meyer et al. 1998), verdient insgesamt aber einen noch stärkeren Fokus in der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, vor allem auch über die Schweiz hinau. Die Ansätze, die hier von Andres erbracht werden, können somit als Diskussionsgrundlage dienen.

Literaturhinweise


  • Auf der Maur et al. 2005:
    F. Auf der Maur / W. Imhof / J. Obrecht, Alpine Wüstungsforschung, Archäozoologie und Speläologie auf den Alpen Saum bis Silberen, Muotatal SZ, Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz 97, 2005, S. 11-74.
  • Meyer et al. 1998:
    W. Meyer et al., "Heidenhüttli". 25 Jahre archäologische Wüstungsforschung im schweizerischen Alpenraum, Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 23/24, 1998.
  • Štular 2010:
    B. Štular, Medieval High-Mountain Pastures in the Kamnik Alps (Slovenia): Mittelalterliche Almen in den Steiner Alpen (Slowenien), In: F.Mandl / H. Stadler (Hrsg.), Archäologie in den Alpen. Alltag und Kult, Forschungsberichte der ANISA 3, Nearchos 19, 2010, S. 259-272.
  • Weishäupl 2014:
    B. Weishäupl, Anthropogene Strukturen in den närdlichen Stubaier Alpen. Bericht über die Prospektionen von 2008 bis 2011, ANISA FB I. 10, 2014
  • Website des Vereins für Alpine Forschung (ANISA): http://www.anisa.at/index-2.htm




Anne-Sophie Ebert studiert Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg und arbeitet zurzeit an ihrer Masterarbeit über die frühmittelalterlichen Siedlungsbefunde in Neuwied-Gladbach. Ihren Bachelorabschluss in Archäologischen Wissenschaften, mit einem Schwerpunkt in Ur- und Frühgeschichtlicher Archäologie, absolvierte sie in Bochum.

Freitag, 11. Mai 2018

Ein Versuch, den Denkmalschutz auszuhebeln - diesmal in der Schweiz

Bei Gesetzesinitiativen in der Schweiz kommt es zunächst zu einer "Vernehmlassung", bei der einschlägige Interessensverbände direkt angesprochen werden, bei der sich aber auch jeder Bürger zu Wort melden kann. So jetzt bei einem Gesetzesentwurf eines Abgeordneten mit dem das Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz dahingehend geändert werden soll, dass bei der Entscheidung gegen ein Denkmal nationaler Bedeutung künftig nicht nur nationale, sondern auch regionale = kantonale Interessen zugelassen werden. Im Schweizerischen Recht wird zwischen Objekten von nationaler Bedeutung und solchen von regionaler und lokaler Bedeutung unterschieden. Das Bundesgesetz greift nur bei der ersten Gruppe, die in einem Inventar genauer verzeichnet ist.

Die Schutzmöglichkeiten sollen bewusst eingeschränkt werden, um wirtschaftliche Zerstörungsinteressen zu unterstützen. Im Rahmen der Interessenabwägung bei Maßnahmen, die Denkmäler nationaler Bedeutung betreffen bilden die Fachgutachten der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission ENHK und der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege EKD eine wesentliche Entscheidungsgrundlage. Die Entscheidung liegt aber jeweils bei den politischen Gremien, weshalb Eingriffe in Denkmale nationaler Bedeutung auch heute schon keine Seltenheit sind.

Die Alliance Patrimoine, als einer der angeschriebenen Verbände urteilt:
Die geplante Revision des NHG ist aus folgenden Hauptgründen abzulehnen:
1 Die Anliegen der parlamentarischen Initiative sind mit der Revision des Energiegesetzes umgesetzt.
2 Eine Aushebelung des Schutzes der national bedeutendsten Landschaften, Ortsbilder und Baudenkmäler widerspricht dem Volkswillen.
3 Statt angeblich mehr Rechtssicherheit und Effizienz würde die vorgeschlagene Revision zu einer Zunahme von Bürokratie und Rechtsunsicherheit führen.
4 Für die aktuellen wirtschaftlichen, planerischen und energetischen Herausforderungen gibt es keine einfachen Lösungen im Sinne der parlamentarischen Initiative – für gute Lösungen braucht es den Dialog.
Der Vorgang zeigt (mal wieder) - unter den anderen politischen Rahmenbedingungen der schweizerischen direkten Demokratie - die Wahrnehmung der Denkmalpflege als Zukunftsverhinderer, deren Einfluss maßlos überschätzt wird. Eine Argumentation für die Denkmalpflege mit dem Hinweis auf hoheitliche Aufgaben und gesetzliche Bestimmungen (ich weiß nicht, ob die Schweizer Kollegen auch so argumentieren) begünstigt eine solche Wahrnehmung und fordert solche grundsätzlichen politischen Angriffe auf das Kulturerbe und die tragenden Institutionen aber wohl heraus.

Offizielle Unterlagen

Informationen der Alliance Patrimoine

Mittwoch, 9. Mai 2018

Retrutopia: Wie Regierungen die Geschichte ihrer Völker umdeuten

Politik hat die Geschichte wieder entdeckt und manipuliert Geschichtsbilder. Eine Tagung am Deutschen Historischen Institut in Paris hat das Phänomen diskutiert, unter anderem an den Beispielen Türkei, Ungarn und Polen.

Daraus einige Beobachtungen und Gedanken: 
Geschichtsspektakel im Freizeitpark Puy de Fou
(Foto: Padpo [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)
  • Es gibt immer weniger Institutionen und Mittel für Geschichtsforschung, aber Geschichte spielt in der Öffentlichkeit eine immer größere Bedeutung.
  • Geschichte wird heute als Unterhaltung präsentiert, immer weniger Experten kommen in den Medien zu Wort. 
  • Der kritische Aspekt der Geschichte geht verloren. "Geschichte dient zu allererst dazu, Fragen aufzurufen, Konflikte auszulösen und nicht mundgerechte Antworten zu liefern oder gar Bestätigungen."
  • Unsere Gesellschaft hat keine Zukunftsutopien, statt dessen werden Utopien in die Vergangenheit projiziert. - Retrutopia statt Utopia
  • Es scheint wichtig, den kritischen Blick auf die Geschichte zu schärfen.

Sonntag, 6. Mai 2018

Freitag, 4. Mai 2018

Transformers' Archaeology

In den USA wurde eine neue TV-Serie "Mysteries and Myths with Megan Fox" angekündigt, die 2019 ausgestrahlt werden soll. Moderatorin und Autorin ist die Schauspielerin Megan Fox, die mit den Kinofilmen "Transformers" bekannt wurde (mir allerdings nicht).
Megan Fox
(Foto: nicolas genin [CC BY SA 2.0]
via WikimediaCommons)
Angekündigt wird die Serie:
Die Schauspielerin Megan Fox reist um den Globus, um mit Experten mysteriöse Fragen der Weltgeschichte zu erörtern und ggf. zu lüften. Gab es das Trojanische Pferd wirklich? Und wer waren eigentlich die sagenumwobenen Amazonen? (fernsehserien.de)
Präsentiert werden soll "alternative history". Fachleute sind am Konzept nicht beteiligt. Megan Fox selbst sagt:
“I haven’t spent my entire life building a career in academia so I don’t have to worry about my reputation or being rebuked by my colleagues, which allows me to push back on the status quo. So much of our history needs to be re-examined.”
Diese Aussage, wie auch die Beobachtung, dass Megan Fox offenbar Anhängerin von Verschwörungstheorien à la Ancient Aliens ist, weckt Befürchtungen:
Keine Ahnung, ob die Serie per se erfolgreich wird und ein Publikum erreicht. Scheint aber insgesamt ein weiteres Beispiel, das die anti-science-Tendenzen und den Trend zu "fake history" jedenfalls in den USA illustriert.

Interne Links



Mittwoch, 2. Mai 2018

Bamberg International Summer School - Monitoring Heritage

Der Bamberger Dom steht im Mittelpunkt der
International Summer School zum Thema Monitoring Heritage
(Foto: R. Schreg, 2017)

Vom 30. Juli - 4. August 2018 läuft in Bamberg die International Summer School zum Thema Monitoring Heritage um nicht nur Studierende der Universität Bamberg, sondern auch Studierende anderer Hochschulen, national wie international praktische Erfahrungen sowie eine Einführung in die theoretischen Grundlagen der nicht-invasiven Strukturanalyse und der Erfassung historischer Gebäude zu bieten. Der Kurs beinhaltet eine theoretische Einführung zu verschiedenen Methoden der Strukturanalyse (Georadar, Seismik, Laserscanning) und deren Anwendung in und um den Bamberger Dom. Der Kurs wird in englischer Sprache abgehalten und kann im Studium mit 3 ECTS angerechnet werden. Von den 20 Plätzen sind 10 für externe, und 10 für lokale Studierende vorgesehen.
Der theoretische Teil des Kurses findet in den Räumen des Kompetenzzentrums Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien (KDWT) statt, die mit Seminarraum und gut ausgestattetem CIP-Pool sowohl Präsentationen als auch Datennachbearbeitung durch die Teilnehmer/innen ermöglichen.


Anmeldefrist: 

15. Mai, 2018


Registrierung

Organisation:

Herr Prof. Dr. Till Sonnemann (Informationsverarbeitung in der Geoarchäologie, Uni Bamberg)
Frau Prof. Dr. Mona Hess (Digitale Denkmaltechnologien, Uni Bamberg)
Herr Dr. Jesús Pacheco Martínez (Universidad Autónoma de Aguascalientes, Mexiko)

Montag, 30. April 2018

Gescheitert an der Arroganz der Kulturschaffenden

Plakat zum Bürgerentscheid im April 2018
(Foto: R. Schreg)
In Mainz kam es Anfang April zu einem Bürgerentscheid zum Bau eines "Bibelturms" als Erweiterung des Gutenberg-Museums. 77,3 % der Wähler sprachen sich gegen das Projekt aus.
Problematisch war das Finanzierungskonzept der Planungen, bei denen in einer finanziell ziemlich klammen Stadt viel Geld ausgegeben werden sollte, nicht um die bestehenden Raumprobleme zu lösen, sondern, um ein Prestigeobjekt zu schaffen, mit dem man hoffte, Sponsoren und Geldgeber locken zu können [die ja aber vielleicht nicht da spenden, wo sich andere schon ein Denkmal gesetzt haben]. Für die Mainzer waren die fraglichen Finanzen, sicher aber auch eher die Eingriffe in das eh schon sehr gebeutelte Stadtbild ausschlaggebend.

Über Mainz hinaus weisen aber einige Kritikpunkte, nach denen das Projekt bzw. seine Vermittlung als arrogant erscheinen mussten.
Der Fall zeigt, wie wichtig es ist, Bürgerbeteiligung ernst zu nehmen und glaubwürdig solide zu argumentieren. Das ist in der Tat nicht immer der Fall...

Dienstag, 3. April 2018

Neues Online-Diskussionsforum: „Beruf Archäologie“

Die Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e. V. (DGUF) hat vor wenigen Wochen ein neues Diskussionsforum zum Thema „Beruf Archäologie“ freigeschaltet. 
(CCO via pixabay)
Nach der Jahrestagung vom Juli 2017 in deren Vorfeld in dem Forum „Berufsverband“ intensive Diskussionen geführt wurden, wurde der Wunsch nach einer Fortsetzung laut. Das neue Forum zielt nun nicht mehr ausschließlich auf das Thema des Berufsverbandes ab, sondern ist offen für Chats zu vielen Themen und Aspekte rund um den „Beruf Archäologie“. Zunächst ist die Laufzeit bis zum 1. Juli 2018 befristetet. Bei reger Nutzung kann die Frist verlängert werden.
Eingeladen zum Austausch sind ArchäologInnen, StudentInnen und interessierte Laien. Die Teilnahme setzt keine Mitgliedschaft bei der DGUF e. V. voraus. Der Datenschutz ist gewährleistet, da eine Beteiligung unter Pseudonym möglich ist und die Moderatoren zur Verschwiegenheit verpflichtet sind. Niemand soll sich scheuen, auch die „heißen Eisen“ des Berufs Archäologie anzufassen.

Jutta Zerres 

Montag, 2. April 2018

Kulturgut in Syrien und Irak (Februar und März 2018)

Die Situation in Syrien ist mit den nunmehr komplexeren Koalitionen nochmals unübersichtlicher geworden - das gilt auch in Bezug auf Kulturgüter, die auch unter den neuen Voraussetzungen Spielball der Politik sind. Schuldzuweisungen sind in jeder Richtung mit großer Vorsicht zu geniesen.


Mari, Tell mit Schutzdach 1993
(Foto: M. Scholz)

Daesh-Zerstörungen in Mari

Tell Hariri an der Grenze zum Irak war lange Zeit im Machtgebiet des Daesh, jetzt liegen erste Beobachtungen nach deren Vertreibung vor. Die syrische Alterumsbehörde postete Bilder der Zerstörungen. Offenbar wurde die Fundstelle systematisch umgegraben, die Mauern des Palastes von Mari (s. Wikipedia), im 3. und 2. Jahrtausend v.Chr. Mittelpunkt eines wichtigen mesopotamischen Reiches wurden systematisch untergraben. Das Schutzdach, mit dem das langjährigen archäologische Grabungsareal geschützt worden war, ist eingestürzt.
Mari, Tell mit Schutzdach 1993
(Foto: M. Scholz)
Die Fundstelle ist wegen ihres Keilschriftenarchivs sowie einiger exzeptionelle Funde, von denen sich einige heute im Louvre befinden, bekannt. Es ist anzunehmen, dass sich die Plünderer  hier Funde versprochen haben, die bei Sammlern im Ausland begehrt sind. Es ist weiters anzunehmen, dass die Raubgräber ihre Ware inzwischen an Zwischenhändler verkauft haben und dabei an Daesh "Steuern" bezahlt haben. Es dürfte Jahre dauern, bis die Funde irgendwo auf dem Markt auftauchen.
Zu vermerken ist, dass Daesh mit dieser Fundstelle, die auf der Tentativliste der UNESCO steht, keine Propaganda betrieben hat.


Die türkische Offensive in Nordsyrien

Das militärische Eingreifen der Türkei im Norden Syriens hat dem ehemaligen Bürgerkrieg in Syrien eine neue Dimension gegeben. Neben den zivilen Menschenopfern und den Angriffen auch auf zivile Einrichtungen in Afrin stehen auch die Angriffe auf archäologische Fundstellen in einem bemerkenswerten Gegensatz zu den Beteuerungen der Türkei, nur Terroristen zu verfolgen.

Nordbasilika in Brad
(Foto: Hani Simo [CC BY 2.0]
via WikimediaCommons [Version v. 27.3.2011])
Am 22.3. melden Quellen aus dem Umfeld des Assad-Regimes wie auch die syrische Altertumsbehörde Bombenangriffe auf die byzantinische Siedlung Brad, 15 km südlich von Afrin. Sie ist die nördlichste der Totenstädte, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen.

Die syrische Altertumsbehörde unterstellt der Türkei einen systematischen Plan syrisches Kulturerbe zu zerstören. Die Meldung nennt weitere Zerstörungen in Qurosh und Tal Jendyres.
Weitere Meldungen zu den türkischen Zerstörungen in Ain Dara

Schadensmeldungen


Nach den unmittelbaren Kriegsschäden gibt es nun zunehmend Meldungen über Folgeschäden durch Vernachlässigung und mangelnde materielle wie administrative Infrastruktur. Offenbar wird die Gelegenheit gerne genutzt, Altbauten zugunsten von Neuinvestitionen los zu werden.

Mosul

Abbrucharbeiten nach Daesh in Mosul:
Impressionen aus Mossul:

Zustand des Aleppo Museums

Ein facebook-Post auf Aleppo Archaeology zeigt Bilder angeblich des Museums von Aleppo (auf der angegebenen Quelle konnte ich sie nicht ausfindig machen). Erkennbar ist ein Hinterhof mit Müll und Autowracks, vor allem aber - geschätzt von den Autowracks - etwa 20 cm hoch stehendes, schon total veralgtes Wasser, das nach dem facebook-Post vermuten lässt, dass Funde im Museum ebenfalls im Wasser liegen.


Raubgrabungen & Antikenhehlerei

Im Kontext mit der Frage nach dem Schicksal der geplünderten Funde (der Kunsthandel hat jüngst darauf verwiesen, dass in Europa bisher keine Funde des IS aufgetaucht seien. - T.E. Schmidt, Kulturgutschutzgesetz ohne Grundlage. Weltkunst 23.2.2018), ist eine Meldung von Interesse, bei der es allerdings um Funde aus dem IS-Gebiet in Libyen geht: In Spanien wurden Funde sicher gestellt, die vom IS in Libyen geplündert worden sein sollen. Das wäre ein erster Nachweis, dass "Blutantiken" tatsächlich den westlichen Markt erreichen - allerdings werden die angeblichen Beweise (noch?) nicht offen gelegt. Nach einem französischen Zeitungsartikel geht es um einen renommierten Händler aus Brüssel, der auch auf der angeblich mit höchsten Sorgfalt arbeitenden Brussels Art Fair ausgestellt hat. In Spanien soll Anklage wegen Terrorfinanzierung erhoben werden. Die Funde gingen von Libyen über Ägypten, Vereinigte Arabische Emirate/Jordanien und Deutschland (! - mit was für Papieren?) nach Spanien und Belgien
Verdachtsfälle gab es aber schon zuvor:
Tagung der UNESCO in Paris mit dem (wahrscheinlich vergeblichen) Versuch, den Kunsthandel in die Maßnahmen gegen Antikenhehlerei und Raubgrabungen einzubinden

 Artikel

  • Neil Brodie & Isber Sabrine (2017) The Illegal Excavation and Trade of Syrian Cultural Objects: A View from the Ground. Journal of Field Archaeology, 43:1, 74-84, DOI: 10.1080/00934690.2017.1410919


Restaurierung & Wiederaufbau

Aleppo

Restaurierung der Omayaden-Moschee in Aleppo:
Der Damage Newsletter von Heritage for Peace vom 12.3.2018 weist auf einen arabischen Artikel zu den Baulizenzen in der Altstadt von Aleppo hin, die nach der Eroberung durch das Assad-Regime vergeben werden und weitere Substanzverluste befürchten lassen.
Es wird bemängelt, dass die Bestimmungen des Denkmalschutzes umgangen würden und der Wiederaufbau unsachgemäß mit Beton durchgeführt würde. Ein Problem scheint indes der Mangel an traditionellen Baumaterialien zu sein. Es gibt wohl Gespräche zwischen Stadtverwaltung und Denkmalschutz. Unter den aktuellen Bedingungen mit einer Kontrolle durch das Assadregime ist es kaum denkbar, dass all die im Ausland geschmiedeten Pläne (vergl. Archaeologik 19.5.2017) groß in den Wiederaufbau eingebracht werden können.

Palmyra

Weitere 3D-Rekonstruktionen
Buchpublikation:
  • M. Silver/G. Fangi/A. Denker, Reviving Palmyra in multiple dimensions. Images, ruins and cultural memory (2017). - ISBN 978-184995-296-5 
Eine syrische Delegation hat in Moskau eine Vereinbarung über Restaurierungsarbeiten unter russischer Beteiligung unterschrieben:

Irak

UNESCO-Statement zum Wiederaufbau im Irak:
Mosul
Neben den Meldungen über Trümmer und Tote - während noch die Leichen in den Straßen liegen - gibt es auch solche zu ersten Restaurierungen.

Resonanz

Diskussion in Wien:
Auswirkungen des deutschen Kulturgutschutzgesetzes:
Kunst in London

Schulung für syrische Museumsmitarbeiter in Beirut durch HTW Berlin

    Literatur


    Links

    frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

    Dank an diverse Kollegen für Hinweise.

      Dienstag, 27. März 2018

      Zerstörung in gutem Glauben - ländliche Kirchen in Südserbien

      An einem trüben Nachmittag im Juli 2014 war ein Team des RGZM im Rahmen des Forschungsprojektes mit serbischen Kollegen unterwegs, die Siedlungslandschaft in Spätantike und Frühmittelalter im das Umland der frühbyzantinischen Stadt Caričin Grad/ Iustiniana Prima zu erkunden. Als kleinen Abstecher führten uns die serbischen Kollegen zu der kleinen Kirche Sv. Pantelejmon in Gazdare. Sie ist in keinem Reiseführer verzeichnet, sie ist unscheinbar und doch ein Bau, der die Geschichte der Region in einzigartiger Weise spiegelt - spiegelte sollte man heute sagen, denn an Weihnachten 2017/18 wurde der Bau abgerissen. Auch damit spiegelt er Geschichte, denn der Abbruch hängt auch mit der aktuellen politischen Situation rund um den nahen Kosovo zusammen.

      Gazdare, Sv. Pantelejmon im Juli 2014
      (Foto: R. Schreg/ RGZM)

       

      Gelebter Glaube


      Als wir uns an jenem Nachmittag 2014 der Kirche nähern, lag unser eigentliches Ziel etwas weiter talaufwärts in Lece, wo es Nachrichten über römischen Bergbau gibt (die wir in zwei Kampagnen 2016 und 2017 mit Kollegen vom Deutschen Bergbaumuseum verifizieren konnten - siehe Archaeologik). Die serbischen Kollegen empfehlen jedoch einen Zwischenstop und führen uns zu einem niedrigen aus Bruchsteinen gemauerten Bau nur wenige Meter neben der Straße. Was wir zunächst für einen Schuppen halten, erweist sich als eben jene Kirche Sv. Pantelejmon.

      Gazdare, Sv. Pantelejmon
      Zwei Jahre nach der ersten Besichtigung
      (Foto: RGZM, November 2016)
      Die Tür ist aus den Angeln gebrochen. Sie liegt links neben dem Eingang, die Farbe abgeplatzt und verwittert. Beim Betreten der Kirche wird der Schritt unsicher. Drinnen ist es dunkel und es geht über eine Schwelle ein, zwei ausgetretene und schiefe Stufen nach unten. Die Augen gewöhnen sich rasch an das Dämmerlicht, denn es ist keine völlige Dunkelheit. Da brennen zwei Kerzen auf einem Ständer neben dem Altar und etwas Sonnenlicht dringt durch den nur mit Hölzern verkleideten Giebel über der Tür. Details werden erkennbar. Nur im rückwärtigen Bereich ist der Boden mit Backsteinen belegt, nach links ist er abgesackt. Vorne, dort, wo wir nun stehen, gibt es nur einen unebenen Lehmboden. Vor dem mit einer weißen Tischdecke geschmückten Altar deutet ein Querbalken eine Abtrennung des Altarraumes an. Am Balken hängen vier Ikonen, daneben Tisch- und Handtücher. Auch sonst ist der Raum voll mit Gegenständen: Weitere Tücher und Taschen sind in kleine Nischen links und rechts der Apsis gestopft. Auf dem Altar frische Blumen, aber auch kleine Heiligenbilder, Münzen, Geldscheine und ein altes Plastik-Colafläschchen mit Rakija, auf dem Boden eine Flasche mit Öl. An der Seite steht eine grob zusammen gezimmerte Bank, und mitten im Raum liegen einige, offenbar auch als Sitzgelegenheit genutzte Steinblöcke. Besen und Putzeimer stehen direkt neben der Tür. Dieser Raum wird genutzt, er steht in einem bemerkenswerten Kontrast zu den sauberen, aufgeräumten, fast schon sterilen Kirchenräumen, wie man das aus Deutschland vielleicht gewohnt ist. Hier sieht man Spuren lebendigen Glaubens.

      Gazdare, Sv. Pantelejmon, der Kircheninnenraum im Mai 2017
      (Foto: R. Schreg/ RGZM)

      Gazdare, Sv. Pantelejmon, byzantinisches Kapitell als Altar,
      Juli 2014
      (Foto: R. Schreg/ RGZM)
      Ein genauerer Blick zeigt, dass der Altar aus einem antiken byzantinischen Kapitell besteht, in der linken Wand ist ein Grabstein mit einer kyrillischen Inschrift verbaut. Die Kirche, ein einfacher Rechtecksaal mit halbrunder, außen unkenntlich rechteckig abgemauerter Apsis, ist aus zahlreichen Bruchsteinen und Spolien trocken aufgemauert. Die unregelmäßige Bauweise macht es schwer, einzelne Bauphasen zu differenzieren, doch zeigt sich im unteren Teil der Wand ein Mauerwerk aus größeren Steinen als an ihrem oberen Abschluß. Beim untersten Teil des Mauerwerks, der sich besonders unregelmäßig darstellt, handelt es sich um den Fundamentbereich. Einst war das Gelände um die Kirche herum etwa 0,4m höher, so dass der Bau noch flacher wirkte und deutlich in den umgebenden Boden eingetieft war.
      Nach Aussagen von Anwohnern ist der Bau nicht besonders alt, sondern erst nach dem 2. Weltkrieg gebaut worden. Dass dies nur ein Teil der Geschichte ist, wird mit Blick auf die Spolien deutlich. Der Kirchenbau geht viel mehr auf das Mittelalter zurück, was durch archäologische Ausgrabungen in den 1980er Jahren und erneut 2002 deutlich wurde. Bei letzteren Grabungen - auf die die Geländeabsenkung im Außenbereich zurückgeht -  wurden in der direkten Umgebung der Kirche 81 Gräber lokalisiert. Eine Münze des adligen Münzherrn Jakov (c.1380-c.1395) bestätigt eine ältere Bauphase des 14. Jahrhunderts. Bei der genannten Inschrift, die in der Kirche sekundär vermauert wurde, handelt es sich pikanterweise gerade um die Bauinschrift des mittelalterlichen Vorgängerbaus (wenn man nicht unwahrscheinlicherweise eine Verschleppung von einer anderen Kirche annehmen möchte). Die bereits 1988 publizierte und in der Kirche ehedem sichtbare Inschrift aus der zweiten Hälfte des 15. oder dem Anfang des 16. Jahrhunderts nennt den Priester Luka, Bruder des Radivoj Ratkov, die die Kirche erbaut oder renoviert haben.

      Gazdare, Sv. Pantelejmon, Inschrift des 15. Jh. als Spolie in der Nordwand,
      Juli 2014
      (Foto: R. Schreg/ RGZM)
      Der bestehende Bau ist nach Literaturlage im späten 19. Jahrhundert entstanden (Ercegović-Pavlović/ Kostić 1988), baute wahrscheinlich, wie viele andere Kirchen der Region auf älteren Fundamenten auf. Bei den Grabungen der 1980er Jahre wurde südwestlich außerhalb der Kirche eine Mauerecke dokumentiert. Luftbilder einer von uns veranlassten Drohnenbefliegung zeigen nach dem Abbruch der Kirche östlich von ihr einen Mauerzug (?), zeigen aber keine Reste dieser Mauerecke. Noch ist die Grabungsdokumentation von 2002 nicht gesichtet, um abzuklären, ob auch damals neben den Bestattungen noch weitere Baureste zu tage kamen.
      Der abgesenkte Fußboden der Kirche dürfte charakteristisch sein für Kirchenbauten aus osmanischer Zeit. Bau und Unterhalt nicht-islamischer Sakralgebäude waren unter osmanischem Recht zwar untersagt und die öffentliche Religionsausübung eingeschränkt, eine diskrete Religionsausübung im Privaten wurde aber durchaus toleriert. Kirchen aus dieser Zeit geben sich nur schwer zu erkennen und möglicherweise liegt hier auch die Begründung für die häufigen in den Boden eingetieften, niedrigen Kirchenbauten.

      Der Besuch dieser Kirche hat tiefen Eindruck gemacht - wegen der so alltäglich-selbstverständlichen Religionsausübung wie auch der zahlreichen historischen Befunde in dem unscheinbaren Bau. Er hat uns die Bedeutung dieser kleinen unscheinbaren Kirchen für unsere Forschungsfragen nach der Siedlungsgeschichte von der Antike bis in die Neuzeit hinein vor Augen geführt.

      Eine Demonstration der Stärke des christlichen Glaubens


      Gazdare, Sv. Pantelejmon im Januar 2018
      (Foto: RGZM)
      Am serbischen Weihnachtsfest im Januar 2018 wurde die Kirche in Gazdare abgerissen. Dahinter steht ein Sohn der Gemeinde, der als Architekt in Wien Karriere gemacht hat und nun in seiner Heimat einen neuen Kirchenbau stiftet. Unterstützung erhält er von der Gemeinde und vom Bürgermeister der zuständigen Kommunalverwaltung in Medveđa, der erklärt, dass es darum gehe, den Albanern (= die Muslime im benachbarten Kosovo) die Stärke des eigenen christlichen Glaubens zu zeigen. 
      Vermutlich ist das allerdings nicht das wesentliche Motiv, denn prinzipiell hätte eine renovierte alte Kirche ja weit mehr politische Symbolkraft, zumal serbische Politiker ja ihrerseits die Zerstörung von historischen Kirchen im Kosovo brandmarken.  In der Wahrnehmung der Bevölkerung geht es wohl eher um Selbstdarstellung des Stifters und um das Prestige der Gemeinde, das sich an einem Neubau misst. Das war wahrscheinlich in der Vergangenheit nicht anders, wie nicht zuletzt ja auch die Bauinschrift aus dem 15. Jahrhundert aus Gazdare bezeugt. Für die Gemeindemitglieder handelt es sich ja auch nicht um eine Zerstörung, sondern um eine Verschönerung und Vergrößerung. Letztlich fehlt es an einem Verständnis des historischen Werts der Bauten und an Sensibilität bei der Restaurierung.

      Der örtliche Priester war vom Abbruch zunächst gar nicht informiert, konnte aber einen ersten Abbruchversuch im Frühjahr 2017 noch durch persönliches Einschreiten vor dem Bagger verhindern. Er nahm auch Kontakt zu den Kollegen des Archäologischen Instituts in Belgrad auf, die in der Region im Umfeld von Caričin Grad seit Jahren aktiv sind. Damit wurde dann auch die zuständige Denkmalpflege informiert, die den bestehenden Bau allerdings unter Verweis auf die Auskunft der Anwohner und wegen der architektonisch wenig elaborierten Bausubstanz ebenfalls nicht als schützenswertes Monument einschätzte und ihn letztlich unter der Auflage der Separierung der Spolien und einer nachfolgenden ergänzenden Grabung zum Abbruch frei gab.

      Gazdare, Sv. Pantelejmon im Januar 2018
      (Foto: RGZM)


      Gazdare, Sv. Pantelejmon im Januar 2018
      Der ehemalige Altar aus Kapitell und Säulentrommel,
      dahinter in den Trümmern die mittelalterliche Bauinschrift.
      (Foto: RGZM)
      Inzwischen ist die Kirche zerstört, die Spolien liegen auf der Baustelle, darunter auch weitere Reliefs, die im stehenden Bau nicht sichtbar waren. Wir wissen derzeit nicht, ob ihre Position beim Abbruch dokumentiert worden ist. Archäologische Arbeiten sollen allerdings noch durchgeführt werden. Ob nach dem Maschineneinsatz noch ungestörte Befunde übrig sind, scheint fraglich; Fragen zur Baugeschichte können nicht mehr geklärt werden.

      Zwischen Verehrung und Verfall

      An fast allen kleinen Kirchen der Region finden sich Spuren aktiver Religionspraxis. Auf Mauervorsprüngen, vor allem aber auf dem Altar oder in der Apsis werden Münzen und Kerzen geopfert, finden sich Ikonen, mehr oder weniger frische Blumen, aber auch Keramikgefäße und gebrauchte Flaschen mit Rakija. Bisweilen werden dafür extra kleine Schreine aufgestellt.

      Münzopfer  in einer Kirchenruine nahe Caričin Grad
      (Foto: R. Schreg/RGZM 2016)
      Die Kirchen, so verfallen sie auch sein mögen, sind aktiv in das religiöse Leben des Volksglaubens eingebunden. Im Falle einer Kirche bei Svinjarica haben die Dorfbewohner in den 1930er Jahren eine byzantinische Kirche freigelegt, an der nun ein kleiner Opferschrein steht. Auch in anderen Fällen scheinen die Kirchen schon lange verfallen und eine Kultkontinuität über die Zeiten hinweg ist oft auch fraglich.

      Svinjarica. Am Nordrand des Dorfes befindet sich eine in den 1930er Jahren von den Dorfbewohnern freigelegte byzantinische Basilika, an der ein kleiner Schrein errichtet wurde.
      (Foto: R. Schreg/RGZM 2014)


      Radinovac, kleiner Schrein in den Ruinen einer Basilika. Im Hintergrund ist die Apsis zu erkennen.
      (Foto: R. Schreg/ RGZM)

      Tatsächlich haben viele Kirchen dringenden Renovierungsbedarf. So ist in den vergangenen Jahren das Dach der kleinen Kirche von Vrbovac eingestürzt, so dass nun die Mauern offen der Witterung ausgesetzt sind. Nur notdürftig wurden die Mauerkronen mit den Ziegeln des Daches abgedeckt. Die Nutzung und damit auch die Pflege der Kirche ist nun eingeschränkt und nur selten wird der Bau nun noch von der wuchernden Vegetation freigeschnitten. Der erste Besuch 2014 ist daran gescheitert, dass wir uns durch das dichte Gestrüpp keinen Weg bahnen konnten.

      Vrbovac
      2014 im Gestrüpp unzugänglich
      (Foto: R. Schreg/ RGZM)


      Vrbovac, 2015
      Vor der Südwestecke liegen antike Architekturteile
      (Foto: R. Schreg/ RGZM)

      Vrbovac, 2015
      Blick ins Innere der Kirche
      (Foto: R. Schreg/ RGZM)

      Vrbovac, 2007 noch mit dem baufälligen Dach
      (Foto: Archäologisches Institut Belgrad)


      Eine weitere Gefahr für die ländlichen Kirchen sind die zahlreichen Raubgrabungen. Sondengänger haben sich in den Kopf gesetzt, dass hier Schätze zu finden sind und wühlen das umliegende Gelände in vielen Fällen komplett um. In der kleinen Kirche in der befestigten Siedlung von Bregovina, haben Raubgräber den mit Backsteinen gefliesten antiken Kirchenboden komplett unterhöhlt, so dass der Boden am Stück abgesackt ist (s. Archaeologik).

      Bregovina. Von Raubgräbern zerstörter Kirchenboden.
      (Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)


      Die Region Jablanica in Südserbien gehört heute zu den ärmsten Gebieten Serbiens. Viele der Dörfer sind von Landflucht betroffen und in vielen einst großen Dörfern wohnen nur noch wenige Alte. Häuser und Bauernhöfe sind dem Zerfall preisgegeben, ehemalige Äcker sind mit jungen Birken bestanden. So bleiben oft nicht genügend Gläubige zurück, die die Kirchen instand halten können. Bisweilen spenden jedoch Auswanderer das Geld in ihre Heimatgemeinde.

      aufgegebene Felder
      (Foto: R. Schreg/RGZM 2016)

      Weitere gefährdete Kirchen

      Prinzipiell ist das neu erwachte Interesse an den Kirchen also zu begrüßen, denn viele der Kirchen sind von fortschreitendem Zerfall bedroht. Die Kirche von Gazdare ist aber nicht der einzige Fall, in der solche Investitionen das Gegenteil bewirken und nicht zum Erhalt, sondern im Gegenteil zur völligen Zerstörung der alten Bausubstanz führen.
      Die Renovierung der ländlichen Kirchen erfolgt ohne ausreichende Erforschung und Dokumentation. Gazdare war mit den Grabungen von 1980 und 2002 eigentlich die Kirche, bei der die historische Bedeutung am besten dokumentiert war. Bei der großen Mehrzahl der Kirchen haben wir so gut wie gar keine Informationen zur Baugeschichte.

      Lalinovac,
      der geflieste Sockel bedeckt vermutlich ältere Fundamentreste
      (Foto: privat, 2017)
      In dem kleinen Ort Lalinovac hat man bereits 2016 ein entsprechendes Projekt durchgezogen. Auf den Ruinen einer älteren Kirche wurde mit Materialien aus dem Baumarkt ein Neubau errichtet. Die alten Fundamente hat man teilweise sogar erhalten und als Sockel mit rotbraunen Badfliesen aus dem Baumarkt im Stil einer öffentlichen Toilette verkleidet. Eine Dokumentation des Baus, der in den 1950er Jahre als mittelalterliche Kirche in der wissenschaftlichen Literatur aufgeführt wurde, hat leider nicht stattgefunden.


      Stilac, Sv. Ilija mit neu gestalteter Fassade
      (Foto: R. Schreg/RGZM 2017)
      Die kleine Kirche von Sv. Ilija bei Stulac, genau gegenüber der frühbyzantinischen Stadt Caričin Grad, an der Stelle einer durch geophysikalische Prospektion entdeckten Basilika wurde 2017 Opfer einer Verschönerungsaktion. Die örtliche Gemeinde hat aus Eigeninitiative und ohne Fachberatung Restaurierungen begonnen. Erst vor wenigen Jahren war die Kirche neu verputzt und gekalkt worden. Um aber eine modern anmutende glatte Wandoberfläche zu erhalten, wurde die Westfassade mit Styroporplatten verkleidet, was im übrigen in kurzer Zeit zu verstärktem Algenbefall der Wände im Kircheninneren geführt hat. Dabei verschwand die Bauinschrift von 1890 und zunächst auch ein als Spolie vermauertes Kapitell hinter dem Styropor. Glücklicherweise hatten wir 2015 die Kirche und mittels Drohne auch das umliegende Gelände genau in einem 3D-Modell dokumentiert, als das umliegende, von einer Befestigung umfasste Gelände mit Hilfe der Wiener Kollegen des LBI ArchPro geophysikalisch prospektiert wurde. Dabei zeigte sich, dass die in der Literatur bisher vertretene (und im Widerspruch zur Bauinschrift stehende) Datierung in byzantinische Zeit nur bedingt richtig ist, da sich in dem Gelände die Reste einer großen Basilika nachweisen ließen. Nachdem die serbischen Kollegen das zuständige Denkmalinstitut informiert haben, wurden die Arbeiten gestoppt.


      In verschiedenen Gesprächen, die unsere serbischen Kollegen mit Nachbarn und Lokalpolitikern führen konnten, wurde deutlich, dass mit weiteren Renovierungen und Neubauten zu rechnen ist. Es ist hier ein sozialer Wettbewerb zwischen den Nachbardörfern in Gang gekommen. Konkret wissen wir von mindestens zwei weiteren Plätzen, an denen es Neubaupläne zu Lasten historischer Monumente gibt.
      Lece, eingetiefte Kirche, gefährdet durch Planungen für einen Kirchenneubau
      (Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)
      Zum einen geht es um eine kleine, wiederum eingegrabene Kirche im Ortsbereich der Bergbaustadt Lece. Auch hier sind zahlreiche antike und mittelalterliche Spolien verbaut, im Mauerwerk finden sich zahlreiche Reste von Schmelztiegeln. Nicht weit entfernt befinden sich die Reste antiker und mittelalterlicher Bergwerke, die wir 2016 und 2017 dokumentieren konnten (siehe Archaeologik).

      Tiegel von der Kirche in der Bergbaustadt Lece
      (Verbleib: Fundstelle)
      (Foto: R. Schreg/ RGZM, 2016)
      Pusto Šilovo
      (Foto: Archäologisches Institut Belgrad, 2008
      Zum anderen geht es - nicht weit entfernt - um die Reste einer Kirche bei Pusto Šilovo. Diese Stelle liegt heute abseits modernern Siedlungen im Wald, ist aber ein beliebtes Ausflugsziel. Irgendwann einmal wurden die Kirchenfundamente freigelegt. Von hier liegen römische Altarreste vor und auch die Kirchenfundamente wurden in byzantinische Zeit gestellt. Nähere Untersuchungen fehlen. 

      An beiden Stellen soll nach der Vorstellung der Gemeinde mit Sponsorengeldern ein Neubau errichtet werden. Problematisch ist, dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass fachliche Überlegungen in dem Entscheidungsprozess überhaupt berücksichtigt werden.

      Siedlungsgeschichtliche Quellen ersten Ranges

      Diese Kirchen sind die einzigen erkennbaren Reste älterer Siedlungsstrukturen. Ein Blick beispielsweise in die Ortsgeschichte des Dorfes Prekopčelica zeigt, wie sehr sich die Siedlungslandschaft in der Neuzeit verändert hat. Der Ort entwickelte sich in osmanischer Zeit zu einem stattlichen Dorf, das möglicherweise sogar größer war als die frühbyzantinische Stadt Caričin Grad. Erst mit der Industrialisierung verlagerte sich der Mittelpunkt der Region in das benachbarte Lebane. Mittelalterliche Quellen bezeugen die Ortschaft Caričina, die heute nur aus wenigen Häusern besteht.
      Archäologische Surveys im Umfeld von Caričin Grad erbrachten einige Hinweise auf eine neuzeitliche Umstrukturierung der Landschaft und angesichts der zahlreichen Bevölkerungsverschiebungen auf dem Balkan ist es kaum möglich, mit einem rückschreibenden Ansatz aus den heutigen Verhältnissen auf ältere Siedlungsmuster zu schließen.
      Die Überreste der Kirchen sind daher wichtige Anhaltspunkte für die Rekonstruktion früherer Siedlungsverhältnisse. 

      Über 100 Kirchen

      Radinovac, römische Thermen.
      Die Ruinen werden von der Bevölkerung wohl als Reste einer
      Kirche interpretiert, was Kerzen und Geldopfer
      auf den Mauerabsätzen nahe legen.
      (Foto: R. Schreg/RGZM 2015)
      Aus der serbischen Literatur sind für das westliche Leskovac-Becken etwa 100 Kirchenstandorte dokumentiert, die meisten davon sind nur noch Ruinen. Der lokalen Bevölkerung sind die Standorte zumeist bekannt, wie Opfergaben, Kerzen und Ikonen auf den Altären und in den Apsiden erkennen lassen. Genaue historische Kenntnisse sind aber meist nicht vorhanden. So kommt es auch vor, dass auch die noch aufrecht stehende Apsis einer römischen Thermenanlage als Kirche missverstanden wurde und sich heute als Gedenk- und Opferplatz präsentiert. Hier zeigt sich ebenso wie in der mündlichen Tradition zur Kirche in Gazdare das Fehlen eines historischen Bewusstseins.

      Viele der Kirchenstandorte liegen heute weit abseits der Dörfer und lassen vermuten, dass sie früher nicht so abgelegen waren. Es lassen sich verschiedene topographische Situationen erkennen: Manche liegen inmitten des Wirtschaftslandes oder aber in Höhenlage, oft in Verbindung mit spätantiken Höhensiedlungen.

      Sekizol: Kirche in einer spätantiken/ frühmittelalterlichen Befestigung
      (Foto: R. Schreg/ RGZM 2015)

      An einigen Plätzen, wie etwa in Gazdare Sv. Pentelejmon und Gazdare Sv. Arhandjeli lässt sich jedoch ein Friedhof nachweisen.  Bisher können wir nicht zwischen unterschiedlichen Kirchen - Klöstern, Einsiedeleien oder Gemeindekirchen - unterscheiden, wie sich dies bei unseren Surveys im Bergland der Krim angedeutet hatte. Teilweise scheint von der Topographie her ein Zusammenhang mit dem Bergbau gegeben zu sein.

      Gazdare, Sv. Arhandjeli
      (Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)
      Die bereits genannte Kirche Gazdare Sv. Arhandjeli liegt an der Stelle eines kleinen Tales, wo sich dieses verengt und beiderseits von altem Bergbau begleitet wird. Unmittelbar neben der Kirche wurde bei unseren Surveys eine Schlackenfundstelle registriert, zudem zeigen sich einige anthropogene Geländeformationen ungeklärter Bedeutung.

      Der Erhaltungszustand der meisten Kirchen ist schlecht, oft sind sie zugewuchert. Wandmalereien, für die die serbische Sakralarchitektur berühmt ist, sind allenfalls in allerkleinsten Fragmenten erhalten. Beispielhaft seien hier einige Bilder der Kirche von Mrveš gezeigt.

      Mrveš, Kirche
      (Foto: R. Schreg/ RGZM)

      Mrveš, Kirche
      (Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)

      Mrveš, Kirche
      (Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)

      Mrveš, Kirche: Reste von Wandmalereien an der Nordwand
      (Foto: R. Schreg/ RGZM 2016)


      Islamische Gemeinden

      Moschee in Leskovac
      (Felix Kanitz 1889)
      Gut fünf Jahrhunderte stand das  Arbeitsgebiet unter osmanischer Herrschaft, in der zahlreiche islamische Gemeinden und Moscheen entstanden. Möchte man die Kirchenreste als Indikatoren der Siedlungsgeschichte werten, müssen in Folge dessen zwingend auch die Moscheen in die Überlegungen einbezogen werden.

      Sie sind nach dem Ende der osmanischen Herrschaft und der nachfolgenden Bevölkerungsverschiebungen im 19. Jahrhundert heute aus der Landschaft und weitgehend auch aus dem Bewusstsein verschwunden. Historische Quellen und Karten, bisweilen aber auch - kritisch zu bewertende - mündliche Traditionen helfen, hier einen Überblick zu gewinnen. Insgesamt ist damit zu rechnen, dass manche der Kirchen zeitweise auch als Moschee genutzt wurden.

      Die Region in Südserbien steht exemplarisch für eine Erforschung der mittelalterlichen und neuzeitlichen Siedlungsgeschichte und der zahlreichen ländlichen Kirchen, die bisher kaum die Beachtung der archäologischen Forschung gefunden haben.

      Handlungsbedarf

      Diese Beobachtungen, die wir im Laufe unserer Surveys in der Region um Caričin Grad machen konnten, waren für uns ein Alarmsignal. Unser wissenschaftliches Interesse galt der Besiedlungsgeschichte der Region und Versuche, ländliche Siedlungen über Surveys zu erfassen blieben weitgehend erfolglos. Einziger Hinweis auf die mittelalterliche Besiedlung blieben die Kirchen, die in der wissenschaftlichen Literatur wiederholt angesprochen, aber kaum genauer bearbeitet und dokumentiert wurden. Da diesen Kirchenbauten ein besonderer kunsthistorischer Wert oft abgesprochen wird, sind sie völlig aus dem Blickfeld der Denkmalpflege wie auch der Forschung geraten. Nun werden diese Quellen vielerorts vor unseren Augen zerstört - aus Unwissen um ihren Wert und den richtigen Umgang.

      So entstand die Idee, in einem neuen Projekt genau dies zu tun: Die Kirchen systematisch zu erfassen, zu dokumentieren und landschaftsarchäologisch auszuwerten und so auf eine größere Aufmerksamkeit bei Kollegen und Bewohnern hinzuwirken. Testweise haben wir daher im Rahmen des RGZM-Projektes einzelne Kirchen fotografisch so dokumentiert, dass daraus mittels sfm ("Structure from motion") digitale 3D-Modelle abgeleitet werden können. Dies scheint für viele der Kirchen und Kirchenruinen ein praktikabler Weg einer raschen Dokumentation, die allerdings ergänzt werden muss, einerseits durch eine Aufnahme der umliegenden Topographie (mittels LiDAR und Dronenbefliegung sowie archäologische Surveys und Prospektionen) und durch eine möglichst genaue Beschreibung des Bestandes. In Gazdare kamen wir damit leider zu spät, da wir immer gehofft hatten, dass der Abriss abgewendet werden kann.

      Inzwischen ist ein Projektantrag ausgearbeitet, der neben der archäologischen Prospektion und der Dokumentation der Geländedenkmäler auch Bauforscher und Experten der islamsichen Archäologie einbindet. Das Projekt wird, sofern eine Finanzierung bewilligt wird, als Kooperationsprojekt zwischen deutschen  (Universität Bamberg und RGZM/Leibniz-WissenschaftsCampus Mainz: Byzanz zwischen Orient und Okzident) und serbischen Partnern durchgeführt. Gegebenenfalls werden sich auch tschechische Kollegen beteiligen. Das primäre Ziel ist eine landschaftsarchäologische Dokumentation und Auswertung der Kirchen, aber auch, vor Ort ein Bewusstsein für die historische Bedeutung der Kirchenreste zu schaffen und so dazu beizutragen, dass künftige Renovierungen denkmalverträglich durchgeführt werden. Die Arbeiten vor Ort wird daher ein serbischer Kollege übernehmen, denn der persönliche Kontakt mit der Bevölkerung ist hier außerordentlich wichtig. Um die Bedeutung der Ruinen zu veranschaulichen, werden einzelne Kirchen als digitale 3D-Modelle visualisiert werden.


      Literaturhinweise

      • S. Ercegović-Pavlović, D. Kostić, Arheološki spomenici i nalazišta leskovačkog kraja, (Beograd, Leskovac 1988)
      • S. Stamenkovič, Rimsk Nasleđe u Leskovačkoj Kotlini. Roman Legacy in the Leskovac Valley. Arheološki Institut Posebna Izdanja 53 (Beograd 2013). 


      Links

      Dank

      Ich danke den serbischen Kollegen für zahlreiche Auskünfte, Übersetzungshilfen und Übersetzungshilfen. Die Einschätzungen der denkmalpflegerischen Situation sind darauf aufbauend freilich meine eigenen.