Mittwoch, 20. Januar 2016

Archaeonik 1: Wie Archäologen die Zukunft retten (oder auch nicht?)

In Deutschland bisher kaum diskutiert: die praktische Anwendung archäologischer Forschungsergebnisse. Da von den Geisteswissenschaften immer mehr der Nachweis der Relevanz eingefordert wird, ist das Thema nicht nur von theoretischer Bedeutung. Zumal inzwischen Projekte entstehen, die genau das von sich behaupten, dass sie nämlich Wissen schaffen, das für unsere Gegenwart unmittelbaren Anwendungsbezug hat.

In den USA ist das hingegen eine alte Debatte. Sie ist vor allem entstanden aus Forschungsprojekten in Südamerika. Dahinter steckt die Frage, inwiefern die Archäologie einen praktischen Beitrag zur Zukunftsbewältigung leisten kann oder als "Lehrmeisterin für das Leben"  fungieren kann. Grundlegend für diese Diskussion ist ein Beitrag des amerikanischen Archäologen Clark Erickson (1998), der erstmals das archäologische Potential geschildert hatte, die Zukunft zu gestalten. Erickson arbeitet insbesondere in den Anden. Eher durch Zufall entwickelte sich aus einem seiner Feldforschungsprojekte eine Wiederbelebung präkolumbischer Landwirtschaftstechniken. In einem Interview auf About.com Archaeology: Recreating Raised Fields schildert er diesen Fall, auf den auch hier noch näher einzugehen ist.


Applied Archaeology / Archaeonik


"Applied Archaeology" ist allerdings ein doppeldeutiger Begriff: Er bezeichnet vor allem auch den privaten Berufssektor im Kulturbereich, also etwa Grabungsfirmen und Ausstellungsmacher. Das Centre for Applied Archaeology des UCL beispielsweise befasst sich weitgehend mit praktischen Denkmalpflegeprojekten. Wesentlicher ist in unserem Zusammenhang jedoch ein zweites Feld, nämlich die Formulierung von Erfahrungen und die Entwicklung von Zukunftstechnologie auf Basis der Erfahrungen aus der Vergangenheit.

Clark Erickson definiert Applied archaeology als die anthropologisch orientierte Erforschung der Geschichte des Menschen, vor allem auf das Basis materieller Hinterlassenschaften, mit dem Ziel, die Erkenntnisse daraus zu nutzen, um die Lebensbedingungen heute zu verbessern (Erickson 1998, 34f.).

Erica Guttmann-Bond hat in einem Artikel "Sustainability out of the past: How archaeology can save the planet" das Forschungsfeld umrissen und - unter Rückgriff auf Clark Erickson - einige Beispiele angeführt - darunter die Phänomene der terra preta und der raised fields in Südamerika (vergl. dazu Altfluren in Panama / Altfluren an der Abschußrampe) sowie das "rainwater harvesting" in der Negev-Wüste (vergl. Landnutzung in der Wüste). Die Beispiele betreffen in erster Linie grüne Technologie und zielen auf nachhaltige Landnutzungsstrategien, die die Fehler moderner industrieller Landwirtschaft vermeiden wollen.

Mit der Forderung einer gesellschaftlichen Relevanz der Archäologie bringen mittlerweile viele Projektanträge als Teil einer von den Schreibern meist wenig ernst genommenen Antragsrhetorik gerne einen solchen Gegenwartsbezug. Methodisch ist das meist recht fragwürdig. Zusammen mit Markus Dotterweich hatte ich vor ein paar Jahren überlegt, wie man ein Lernen aus der Vergangenheit systematisieren und damit methodisch absichern könnte. Wir hatten dabei den Begriff der Archaeonik - analog zur Bionik - vorgeschlagen (dazu ein Poster vom PAGES Focus 4 workshop, Southampton 2010): Ein Konzept, das darauf abzielt, historische Landnutzungssysteme für die Entwicklung eines nachhaltigen Energie- und Bodenmanagements heranzuziehen, und das sich weitgehend mit den Überlegungen von Guttmann-Bond trifft. Bislang haben wir das nicht weiter verfolgt. Inspiriert war der Ansatz durch eine Idee aus dem Bundesumweltministerium. Haiko Pieplow, Referent am BMU hatte noch zu Zeiten der rot-grünen Koalition die Idee entwickelt, dass staatliche Investitionen in die Förderung grüner Technologie dort am vielversprechendsten und sichersten angelegt seien, wo man erkennen könne, das solche oder so ähnliche Techniken in der Vergangenheit schon einmal funktioniert hätten. Für Pieplow diente der noch vorzustellende Fall der Terra preta als Vorbild: Auf Basis neuer Erkenntnisse über die frühere Wirtschaftsweise im Amazonas wurden hier verschiedene Techniken für den Umgang mit Bioabfällen und die Bodenbearbeitung entwickelt.

Der Ansatz wurde mit einer mehr technischen Perspektive von Guertler u.a. 2015 aufgegriffen. Sie definieren Archaeonik als "Archaeology-inspired-design (AID)", das systematisch versucht, geeignete archäologische Lösungen für moderne Ingenieurprobleme zu suchen.


    Einige Beispiele

    Einige Beispiele sollen im folgenden dazu dienen, das Feld der "applied archaeology" etwas genauer zu umreißen und einige mögliche Anwendungen zu skizzieren.

      Raised Fields in den Anden

      Raised Fields waren in weiten Teilen Amerikas verbreitet (vergl. Denevan 2001). Sie finden sich beispielsweise auch in Französisch-Guyana (Altfluren an der Abschußrampe. Archaeologik 7.11.2011), in Kolumbien und - wie ein eigenes Forschungsprojekt zeigt - auch in Panama (Archaeologik: Erste Sondagen auf raised fields in Panama. Archaeologik 30.6.2011; Martín u.a. 2015). Ähnliche Feldstrukturen sind aber auch im Hochland von Mexiko bekannt, dort werden sie 'chinampas' genannt. Diese weite Verbreitung in unterschiedlichen Landschaften von den Küstenebenen des Pazifiks und der Karibik bis in die Hochländer der Anden deutet darauf hin, dass die raised fields wohl auch sehr unterschiedliche Funktionen hatten.

      Raised Fields bzw. "Waru Waru" in den Hoch-Anden (siehe Eine fossile Kulturlandschaft in den Anden. Archaeologik 3.9.2012) sind das klassische Beispiel des Transfers archäologischer Forschungsergebnisse in moderne landwirtschaftliche Praxis. Nach dem Scheitern erster Experimente in den 1970er Jahren (Denevan 2001, 236f.) wurden seit den 1980er Jahren alte Feldsysteme wieder in Nutzung genommen. Ausgangspunkt war ein kleineres Experiment auf einem Bauernhof, der Clark Erickson Ende der 1980er Jahre als Expeditionsbasis diente. Die gute Ertragslage motivierte recht schnell auch die Nachbarn, alte raised fields wieder in Nutzung zu nehmen.
      Panama, Komplex von raised fields
      (Planskizze R. Schreg)

      Raised fields südwestlich von Juliaca am Titicaca-See in Peru

      Bald darauf stiegen verschiedene NGOs in die Förderung ein und propagierten eine "traditionelle" Landwirtschaft, die freilich nach den archäologischen Erkenntnissen bereits um 1000 n.Chr. aufgegeben worden war. Hintergrund dieses Endes des alten Feldbaus ist wohl der Kollaps des Tiwanaku-Staates möglicherweise in Verbindung mit einem Klimawandel. Von einer traditionellen Landwirtschaft kann daher keine Rede sein - eine ungebrochene Tradition gibt es offenbar nicht.
      Von 1992-2001 untersuchte ein niederländisches Entwicklungshilfeprojekt in Peru die Möglichkeiten einer "Rehabilitación" der Feldsysteme und kam prinzipiell zu dem Schluß, dass dies effektiv möglich sei, aber ein umfassendes Konzept notwendig sei.
      Neu angelegte Raised fields

      Eine jüngere archäologische Studie (Bandy 2005) kommt hingegen zu einem anderen Schluß: Im Rückblick auf die verschiedenen NGO-Entwicklungshilfe-Projekte war 2005 festzustellen, dass sie mehrheitlich gescheitert seien und der normale Regenfeldbau immer effektiver gewesen sei, als der Hochbeet-Anbau. Anhand von Modellierungen konnte Bandy zeigen, dass eine kontinuierliche Nutzung der raised fields wegen Parasitenbefalls kaum möglich gewesen sei und regelmäßige Brachen erforderlich waren. Selbst bei moderat angesetztem Arbeitsaufwand für die Instandhaltung der Feldsysteme sei die Effizienz der raised fields relativ gering. Bandy folgert daraus, dass die Anlage von raised fields entweder auf eine Siedlungspräferenz für Uferrandsiedlungen oder aber eine so weit gestiegene Bevölkerungsdichte zurückgehen, dass auch die ineffektive Anbaumethode der raised fields genutzt werden musste.
      Ein Weiteres fällt auf: Gemäß der idealistischen Vorstellung von indianischem Gemeineigentum setzten die Entwicklungshilfeprogramme auf bäuerliche Genossenschaften, die die "rehabilitación" genannte Wiederinbetriebnahme der Raised Fields organisieren sollten. Tatsächlich dürfte der Tiwanaku-Staat jedoch eine zentral organisierte Wirtschaft aufgewiesen haben. Möglicherweise wurden die raised fileds gar nicht von ortsansässigen Bauern, sondern saisonal von eigentlich stadtsässigen Arbeitern oder Sklaven bewirtschaftet (Bandy 2005, 191; Kolata 1991).


      Die Debatte lehrt vor allem, dass schon die Zielsetzung, eine Verbesserung der Lebensverhältnisse sehr viel Spielraum lässt, was man darunter verstehen möchte. Die Analyse von Bandy schaut sehr auf die Effizienz des Systems. Möglicherweise spielt aber das Risikomanagement eine zentrale Rolle: Im Vergleich zum Regenfeldbau kann ein Anbau auf Hochbeeten das Risiko von Frostschäden reduzieren (Kolata/Ortloff 1989). Im Januar 1986 wurde bei Überschwemmungen rund um den Titicacesee die Ernte der ganzen Region zerstört - mit Ausnahme einiger restaurierter Raised Fields (Denevan 2001, 237, Dartmouth Flodd Observatory). Ob man bereit ist, mehr Arbeit in den Ackerbau zu investieren hängt v.a. von der Risikobereitschaft, aber auch dem Lebensstil der Nachbarn ab.

      Terra preta

      Ein faszinierendes und lehrreiches Beispiel der Chancen und Schwierigkeiten einer "applied archaeology" bieten die aktuellen Forschungen rund um die terra preta.

      Der Begriff der terra preta do Indios geht zurück auf archäologische Befunde, die im Amazonasbecken prinzipiell schon lange bekannt sind. Es handelt sich um Schwarzerdeböden, für die eine anthropogene Entstehung postuliert wird. Der Begriff Anthrosole / Dark Earths wird wissenschaftlich bevorzugt, so ist häufig von ADE (Amazonian Dark Earth bzw. Anthropogenic Dark Earth) die Rede.

      Landschaftsarchäologische Forschungen in einigen Regionen des Amazonasbeckens zeigen alte Kulturlandschaften, die heute durch dünn besiedelten Regenwald oder Savanne eingenommen werden. Dabei zeichnet sich eine große Zahl präcolumbischer Siedlungen unterschiedlicher Größe ab, aber auch Erdwerke wie künstliche Hügel, Dämme und Gräben. 14C-Datierungen verweisen überwiegend ins 13. bis 15. Jahrhundert (Heckenberger et al. 1999; Heckenberger et al. 2003). Entlang des Amazonas wurde in vielen Bereichen - geschätzt etwa 10% der Gesamtfläche - ADE angetroffen. Die Plätze befinden sich meist auf den überschwemmungsfreien Zonen entlang der Flussläufe.

      Die Diskussion um die "terra preta" macht eine andere Problemlage einer applied archaeology deutlich: eine schwierige archäologische Quellenlage. Bei terra preta handelt es sich um anthropogene Schwarzerdeböden im Amazonasbecken, die sehr fruchtbar sind. Diese Böden fallen deshalb besonders auf, weil die tropischen Waldböden des Amazonas ausgesprochen nährstoffarm sind. Als in den 1970er Jahren vor allem in Brasilien die Ausbeutung des Regenwalds in Angriff genommen wurde und dort Bauern und Viehzüchter angeseiedelt wurden, entstand ein verstärktes Forschungsinteresse an der Region. Es war vor allem die Anthropologin Betty Meggers, die die siedlungsfeindliche Natur des Amazonas herausstellte (Meggers 1971). Sie bestätigte damit das alte Bild einer unberührten Wildnis, das beispielsweise Alexander von Humboldt beschrieben hatte.
      Erst in den 1980er Jahren sollte sich das Bild des Amazonas ändern. Zwei Entdeckungen waren ausschlaggebend. Zum einen entdeckte 1977 der Geograph Alceu Ranzi vom Flugzeug aus (http://thefishbowlnetwork.com/blog/discovery-of-geoglyphs/) große Erdwerke, deren Zahl sich Dank GoogleEarth inzwischen stark vermehrt hat und die nun Gegenstand zahlreicher Forschungsprojekte sind (Pärssinen u. a. 2009).



      Zum anderen begannen sich in den 1980er Jahre Bodenkundler für die sogenannte terra preta do Indios zu interessieren (Smith 1980; Eden u. a. 1984). Es handelt sich hierbei um fruchtbare anthropgene Schwarzerdeböden in einer sonst wenig tragfähigen Landschaft (Arroyo-Kalin 2010, German 2001, Glaser 2007, Heckenberger u. a. 2003, Lehmann u. a. 2004, Marris 2006, Woods u. a. 2009; Schmidt u. a. 2014). Natürlicherweise sind die Böden des tropischen Regenwaldes im Amazonasbecken sehr nährstoffarm, weshalb die Carrying capacity der Landschaft auch sehr gering ist. Sie wird heute auf etwa 0,1 bis 1 Person pro Quadratkilometer geschätzt. Auf Basis von Surveys in einzelnen Landschaften kalkulierten Archäologen nun jedoch Bevölkerungsdichten von rund 14 Personen/km² (Denevan 1996, Table 1). Viele Kollegen sind gegenüber solchen Zahlen allerdings noch immer skeptisch. Die ältere Lehrmeinung ging davon aus, dass das Amazonasbecken fast siedlungsleer war. 
      Tatsächlich sind terra preta-Böden im Amazonasgebiet weit verbreitet. Bald wurde jedoch deutlich, dass dies Schwarzerdeböden der sog. terra preta anthropogener Entstehung sind. Die terra preta ist mit Keramik durchsetzt. Schätzungen gehen von "8000-12000 Tongefäßen/ha" aus. Dabei erreicht die TP Mächtigkeiten von bis zu 2 m (Smith 1980). Vereinzelt wurden in den TP-Horizonten vollständige Gefäße beobachtet. Serien von Radiocarbondaten ergeben ausschließlich präcolumbische Daten und einen abrupten Abbruch im 16. Jahrhundert, so dass die These im Raum steht, eine verhältnismäßig dichte Bevölkerung sei durch die von Conquistadoren eingeschleppten Krankheiten dezimiert worden. 

      Umstritten ist jedoch, wie sie genau zustande gekommen sind: Seit Jahren tobt eine heftige Diskussion um die Interpretation dieser Schwarzerdebefunde. Die eine Sichtweise sieht sie als intentionell anthropogen gebildete hochfruchtbare Böden, die erst die Grundlage zu einer dichten Besiedlung geschaffen hätten. Dabei werden komplexe Prozeduren angenommen, wie diese Böden bewusst geschaffen worden sind. Der Amazonas wurde nun von vielen Kollegen für dauernd, dicht besiedelt gehalten (Heckenberger u. a. 2003). Neuere Forschungen legen nahe, dass dies nur für einige Regionen tatsächlich gilt (Piperno u.a. 2015).
      Die andere Sicht ist nüchterner. Sie sieht in den Böden Siedlungsabfälle, mithin den Archäologen eigentlich vertraute Kulturschichtreste. Tatsächlich handelt es sich bei den zahlreichen Keramikscherben nicht zuletzt um Gebrauchskeramik (Costa u. a. 2004). Eine Zusammenfassung der Forschungskontroverse findet sich bei Meggers 2011.

      Unabhängig von dieser andauernden Diskussion um die tatsächlichen Bodennutzungssysteme der Vergangenheit im Amazonasgebiet, gibt es nun weltweit zahlreiche Versuche, inspiriert durch die terra preta des Amazonas, Rezepte zu finden, wie hochfruchtbare Böden geschaffen werden können. Man hat daraus verschiedene Rezepturen entwickelt, die durch Patente geschützt wurden und die heute in den USA, aber auch in Deutschland vermarktet werden (Casselman 2007). Die Hoffnungen oder Versprechungen sind groß, damit ausgelaugte Böden zu rekultivieren oder in marginalen Landschaften neue Ackerflächen zu schaffen (Pieplow 2008).
      Neben der terra preta sind in der Forschung derzeit auch andere 'ökologische' Methoden der Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit in der Diskussion (z.B. BioChar), die mit den historischen Landnutzungsverhältnissen im Amazonas wenig zu tun haben: 
      • Verkohlung
      • Veraschung
      • effektive Mikroorganismen
      • Bokashi
      Eine Besonderheit der terra preta-Böden im Amazonas ist ihre anhaltende Fruchtbarkeit.  Selbst heute noich werden terra preta-Böden im Umfeld prä-columbischer Siedlungen als Gartenerde abgebaut. Bodenkundliche Forschungen an den Originalstandorten untersuchen, wie die Fixierung der Nährstoffe zustande kommt (z.B. Nakamura u.a. 2007). Es ist vor allem diese langfristige Nährstoffbindung, die die Hoffnungen und Einsatzmöglichkeiten der modernen terra preta begründen:
      • als Alternative zum waldvernichtenden Brandrodungs-Wanderfeldbau
      • als CO²-Speicher als Beitrag im Kampf gegen den Treibhauseffekt
      • als eine Möglichkeit zur Steigerung der Flächenerträge
      • als Alternative zum Einsatz von Kunstdünger, der aus fossilen Energieträgern gewonnen wird durch eine Schließung der Stoffkreisläufe: Veränderung der existierenden energieintensiven und ineffektiven Abfallwirtschaft durch die Nutzung von Biomasse und Fäkalien für die Bodenverbesserung
      • als Beitrag zur Sicherung der Ernährung einer steigenden Weltbevölkerung in einer nicht-industrialisierten Landwirtschaft
      Es gibt inzwischen zahlreiche Ansätze, terra preta nutzbar zu machen und zu vermarkten. Es handelt sich meist um kleine Firmen oder lokale Initativen, auch in Deutschland. Darunter sind durchaus ziemliche Enthusiasten und da wird natürlich auch ein gewisser Öko-Mythos gepflegt, nicht zuletzt aus Gründen der Vermarktung:

      Private Entwicklungshilfe-Projekte versuchen, terra preta in praktische Landwirtschaft umzusetzen und zwar nicht nur im Amazonasgebiet, sondern beispielsweise auch auf den Philippinen.
      Die derzeitige Vermarktung setzt jedoch in auffallendem Maß auch auf das Mystische der Indianer und auf das Motiv von El Dorado. Terra Preta wird als Wundererde oder das Schwarze Gold der Indianer angepriesen. Auch eine prinzipiell gut gemachte Dokumentation der BBC "The Secrets of ElDorado" beschwört filmisch Assoziationen zum Paradies. So bekommt die Forschung um die Terra preta einen etwas esoterischen Touch. Die Terre Preta Nova erweist sich zwar als vom archäologischen Befund inspiriert, kann aber keinesfalls als die Rekonstruktion und die Nachschöpfung eines (prä)historischen Verfahrens gelten. Prinzipiell wäre das auch egal, ginge es hier eben nicht um die Vermarktung und einen Bezug auf die ökologisch sensibel mystifizierten Indios. Am direktesten verweist die Firma Palaterra auf die historische terra preta im Amazonas und nimmt auch in Anspruch, "das Geheimnis um die Herstellung gelüftet" (Präsentation von H. Böttcher) zu haben.
      Verschiedene praktische Projekte setzen Terra Preta inzwischen ein. Das BMBF-geförderte Verbundprojekt LaTerra „Nachhaltige Landnutzung durch regionales Energie-und Stoffstrommanagement bei der Nutzung der Terra PretaTechnologie auf militärischen Konversionsflächen und ertragsschwachen Standorten“ nutzt Terra Preta Substrat zum Abbau von Schadstoffen, zur Rekultivierung von Kippböden im ehemaligen Braunkohleabbau und zur Wiederaufforstung von Windwurfflächen.
      Dabei geht es um eine realistische Einschätzung von Chancen und Risiken der "Terra Preta", die die kommerziell orientierten Umsetzungen nur bedingt leisten können.


      Forschungen zu Anthrosolen im Amazonasbecken, aber auch anderswo liefern immer wieder Impulse für diese Entwicklungen. 
      In die Diskussion fließen zunehmend Beobachtungen aus anderen Regionen ein. Beobachtungen von Haiko Pieplow in Mexiko (Pieplow 2011) beispielsweise zeigen, wie eine bewusste Bodenproduktion in der landwirtschaftlichen Praxis der Vergangenheit ausgesehen haben könnte. Er beschreibt hier eine Vorgehensweise, bei der 10 % Pflanzenkohlepulver mit 20 % Mutterboden, 30% Hühnermist und 30 % Küchenabfälle gemischt und mit 10 % besten frischen Kuhmist angeimpft wird. Die für eine Fermentierung nötigen Milchsäurebakterien werden über die Küchenabfälle und dem Kuhmist eingebracht, so dass ein weiterer Zusatz von Effektiven Mikroorganismen nicht notwendig ist. Hier besteht mit Sicherheit eine Abweichung gegenüber der ADE des Amazonas, da hier Großvieh fehlte. Der Hühnermist sei indes durch menschliche Fäkalien zu ersetzen. 
      In Eimern oder auch Keramikgefäßen wird das gemischte und verdichtete Material dann auf dem Pflanzareal zum Fermentieren gebracht. Die Gefäße werden im Abstand von 80 cm mit der Öffnung nach unten aufgestellt. Dadurch wird die Feuchtigkeit reguliert und die Einwanderung von Bodentieren in das Material ermöglicht. Die Bodentiere vererden das Material, so dass nach drei Monaten die Gefäße abgezogen werden können und auf dem Boden gepflanzt werden kann.

      Unabhängig von der tatsächlichen Rekonstruktion vergangener Landnutzungssysteme sind die Anregungen aus der Archäologie dazu geeignet, Innovationsimpulse für die Entwicklungshilfe vor Ort, aber auch für andere Regionen zu geben.  Ihre Umsetzung ist auf geeignete soziale und politische Rahmenbedingungen angewiesen, die selbstverständlich andere sind als in vergangenen Zeiten.

      Landwirtschaftssysteme in Kenia

      Ein laufendes Projekt des MacDonald Institute for Archaeological Research beschäftigt sich mit langfristig betriebener Landwirtschaft in Afrika. Gemeinhin gelten afrikanische Landwirtschaftssysteme als sehr instabil. Archäologische Forschungen stellen dies in Frage. Eines der Studiengebiete liegt im Nordwesten Kenias. Hier dienen archäologische Forschungsergebnisse nicht nur dazu, alte Bewässerungskanäle wieder in Nutzung zu nehmen, sondern vielmehr die traditionellen Rahmenbedingungen der lokalen Subsistenz zu verstehen, um daraus Handlungsempfehlungen für Entwicklungshilfeprogramme zu formulieren (Davies 2012). Zu diesem Empfehlungen gehört etwa, die Gewährleistung einer räumlichen Flexibilität der Bevölkerung, die so in der Vergangenheit Umwelt- wie Wirtschaftseinflüsse auffangen konnte. Instabilität auf der lokalen Ebene war Voraussetzung für eine Stabilität der Gesellschaft als Ganzem.



      Matthew Davies hat diese Forschungen in den weiteren Kontext einer "useable" oder "applied archaeology" gestellt. Dabei ging es nicht um eine konkrete Anwendung in konkreten Entwicklungshilfeprogrammen, sondern darum zu zeigen eine Analyse der langfristigen Entwicklung einheimischer sozio-ökonomischer System sehr viel zu aktuellen Themen der Ernährungssicherheit, der Nachhaltigkeit und der Entwicklung beizutragen hat.

      "Water harvesting" in der Negev-Wüste

      Ein weiteres Beispiel führt in die Negev-Wüste.  Als insbesondere nach der Gründung des Staates Israel europäische Juden einwanderten, standen sie vor der Herausforderung, dass sie nur wenig Erfahrungen in der Landwirtschaft mitbrachten, vor allem aber nicht für die teils wüstenhaften Bedingungen des Landes. Schon seit dem 19. Jahrhundert war Reisenden immer wieder aufgefallen, dass in der Wüste Spuren früherer Landwirtschaft anzutreffen sind (z.B. Palmer 1871). Da man in Palästina im Umland von Jerusalem ebenfalls schon im 19. Jahrhundert begonnen hatte, antike Bewässerungssysteme wieder in Nutzung zu nehmen (Khalaf 2014), lag es nahe, dies auch in der Negev-Wüste zu versuchen.
      Notiz über abgegangene Gärten in der Wüste: Palmer 1871
      Dort zeigen sich Spuren komplexer Ackerbausysteme, die an die besonderen Bedingungen der Negev-Wüste mit kurzen Starkregenereignissen angepasst sind. Die archäologischen Reste wurden lange Zeit als 'nabatäisch' und damit "biblisch" angesehen, tatsächlich weisen inzwischen viele 14C-Daten darauf hin, dass diese Systeme insbesondere in byzantinischer Zeit in Gebrauch waren, als in der Region einige Großsiedlungen wie beispielsweise Shivta (Röhl 2011) bestanden (vergl. Wüstenstädte im Negev und ihr Umland. Archaeologik 22.7.2011).
      Nach Gründung des Staates Israel wurden tatsächlich archäologische Forschungen initiiert, die die Relikte der Landwirtschaft in der Negev-Wüste erforschen und reaktivieren sollten. Das mythisch-biblische Vorbild spielte dabei sicherlich auch eine Rolle. Tatsächlich wurden - beispielsweise in Avdat - entsprechende Betriebe eingerichtet. Mit der monographischen Publikation der Forschungsergebnisse Anfang der 1970er Jahre (Evenari u.a. 1971) gewann das Water Harvesting international an Aufmerksamkeit. In der Folge wurde versucht, die Erfahrungen für die Landwirtschaft in Afrika nutzbar zu machen (Bruins u. a. 1986).  Bis heute ist die Ben Gurion University of the Negev eine Anlaufstelle für Water Harvesting.

      Das sogenannte Rainwater Harvesting sammelt das Regenwasser aus einem größeren Einzugsgebiet, um relativ kleinere Acker- oder Gartenflächen zu bewässern. Dazu dienen Kanäle, aber auch unterirdische Staumauern, die den Grundwasserstand regulieren. Diese Techniken sind vor allem in Trockengebieten von Bedeutung.
      Heute beruht die stark intensivierte Landwirtschaft in der Negev-Wüste jedoch zunehmend auf Grundwasservorkommen, die heute unter hohem Energieeinsatz an die Oberfläche gepumpt werden können. Da es sich um Brackwasser handelt, besteht das Risiko der Versalzung. 




      In den Tälern liegen kleine Gärten, die deren wichtigster Bestandteil die Mauerzüge sind, die die Täler queren. Sie stauen das Wasser zurück und führen zu einer Kolluvienbildung, die die nötigen Böden für den Gartenbau liefern. In den Hängen liegen ausgedehnte Systeme von Steinhügeln und -haufen, die dazu dienen, den seltenen, aber starken Wasserabfluss zu bremsen und die Verdunstung zu reduzieren. Im Einzelnen gibt es hier wohl unterschiedliche technische Lösungen, außerdem zeigt sich eine starke Vielfalt der byzantinischen Siedlungen und der landnutzungssysteme im Umfeld, die daran denken lassen, dass die wirtschaftlichen Grundlagen ebenso unterschiedlich waren (Bruins 1986; Bruins u.a. 1986; Lavee u.a. 1997).

      Wassermanagement in Arabien und Afrika

      Das Wassermanagement reicht in der arabischen Wüste jedoch weit in neolithische Zeit zurück und entwickelte dort verschiedene Formen der Bewässerung. In Tayma beispielsweise, einer Oase im Nordwesten Arabiens wurde artesisches Grundwasser genutzt (Wellbrock u.a. 2012), anderswo wurde Wasser durch Qanate über weite Strecken transportiert.


      Den Gegenwartsbezug solcher Forschungen betonte Ricardo Eichmann (Orient-Abteilung des DAI) in einem Festvortrag im Rahmen des Jahresempfangs des Deutschen Archäologischen Instituts am 6. Mai 2015 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Ohne den Begriff einer angewandten Archäologie zu benutzen, stellt er die Frage "Können wir das Wissen der Antike für die Gestaltung der Gegenwart gewinnbringend nutzen?"


      Er präsentierte hier eine Synthese verschiedener Forschungen der letzten Jahre, die nicht zuletzt gezeigt haben, dass die Vorstellung der unüberwindbaren trockenen Wüstem die nich vor wenigen Jahren die Forschungsdiskussion beherrscht hat, so nicht richtig ist. Bis zur Neuzeit, als nicht zuletzt mit dem beginnenden Ölboom der 1930er und 40er Jahre Pumpen und Tanklaster die alten Systeme der Wasserversorgung abgelöst haben, gab es komplexe Strategien, die eine Besiedlung der Wüste ermöglichten. Negative ökologische Auswirkungen einer Übernutzung und irreversiblen Desertifikation gibt es offenbar schon lange, doch gerade die modernen Methoden erweisen sich als besonders zerstörerisch. 
      "Mit dem Studium der historischen Wasserbautechniken ist u.a. die Hoffnung verknüpft, mit altem Wissen zur Linderung heutiger Wasserversorgungsprobleme beizutragen, insbesondere in den durch ökologischen Veränderungen stark gefährdeten Weltregionen."  Konkret verweist Eichmann auf einige kleinere Projekte, in denen antike Bewässerungssysteme wieder in Betrieb genommen wurden. Die Reaktivierung antiker Wasserversorgung liefert angesichts einer steigenden Bevölkerung freilich zu geringe Kapazitäten, so dass eine Ergänzung durch moderne ökologische Methoden, wie der Tauwassergewinnung notwendig sei. 
      Eichmann geht nicht näher darauf ein, was konkret die Leistung der Archäologie sein kann. Wichtig ist in unserem Kontext  aber ohnehin etwas anderes: Mit einem Festvortrag beim Jahresempfang des Deutschen Archäologischen Instituts ist das Thema einer "applied archaeology" auch in Deutschland salonfähig geworden.

      Ein Projekt der "Engineers without borders" setzt in Tanzania auf den Bau von Zisternen (http://www.ingenieure-ohne-grenzen.org/de/Projekte/TZA-Zisternen). Guertler u.a. 2015 nutzen dieses Projekt um auf die Bedeutung eines Archaeology-Inspired Design hinzuweisen. "In the presented case study of the cistern project in Tanzania, the identified archaeological solutions provide robust and affordable cistern designs suitable for the modern context factors in Tanzania. They demand low requirements for the training of local workers, building technics and the availability of materials." Der Artikel sagt leider wenig, was konkret die Anregungen waren, die das bereits 2008 begonnene Zisternen-Projekt konkret aus der Archäologie bezogen hat. Fig. 4 deutet an, dass zahlreiche Detailprobleme, wie etwa die Reinigung der Zisterne Lösungsideen aus der Konstruktion antiker römischer wie punischer Zisternen bezogen haben.

      Beispiel Energiemanagement im Oberharz

      Etwas anders gelagert ist der Fall des Oberharzer Wasserregals (Welke 2007). Hier ging es zunächst nicht darum, eine Lösung für aktuelle Umweltprobleme zu finden, sondern um primär denkmalpflegerische Belange.
      Weltkulturerbe Oberharzer Wasserregal, Rothenberger Wasserlauf - Zulauf und Mundloch zur Abkürzung des Dammgrabens, Clausthal-Zellerfeld
      (Foto: MSeses [CC BY SA 3.0] via Wikimedia Commons)

      Das Oberharzer Wasserregal - seit 2010 UNESCO-Weltkulturerbe - ist ein im Kern spätmittelalterliches System des Wassermanagements, das vorrangig dazu diente, die Grubenbauten des dortigen Bergbaus auf Silber trocken zu legen. Mittels Auffangbecken und Gräben wurde die Wasserkraft an der Oberfläche effektiv genutzt, um mittels Pumpen die Bergwerke zu entwässern. Heute sind die Reste dieser Anlage in einem schlechten Zustand, doch es gibt Berechnungen, wie man durch eine Reaktivierung und Pflege der Anlage einerseits ihre Erhaltung erreichen könnte, andererseits aber durch den Einbau eines Kleinkraftwerkes einige Millionen Euro jährlich erwirtschaften könnte. Nachdem der Bergbau in den 1930er Jahren eingestellt wurde, ist bis in die 1980er Jahre bereits Strom produziert worden, ehe die Anlagen unrentabel wurden. In der Grube Samson wird bis heute mit zwei kleinen Kraftwerken Energie erzeugt, die fast das gesamte Städtchen Sankt Andreasberg versorgt. Die Betreiberin HarzEnergie zählt sie zu ihrem Engagement für die Energiewende (http://harzenergie.de/index.cfm?fuseaction=portal.page&page=29058&rootmenu=25335&menu=29059).
      An diesem Beispiel zeigt sich ein mögliches Spannungsfeld der Anwendungsorientierung mit denkmalpflegerishen Belangen. Eine moderne Nutzung bedeutet natürlich auch einen Eingriff in die Originalsubstanz, andererseits geht es um eine historische Weiterentwicklung, die ihrerseits eine gewisse Erhaltung der Gesamtanlage fördern kann.

      Bautechniken und experimentelle Archäologie

      Erwähnung verdient hier ein weiteres Projekt, das nicht als 'applied archaeology' gestartet ist, sondern das eher zufällig das Potential dazu zeigt:  Anknüpfend an das Beispiel der Lehmarchitektur seien noch materialkundliche Studien genannt, wie etwa die Entwicklung einer alternativen Betontechnik, die von römischen Opus Caementitium inspiriert wurde.

      Beobachtungen an historischem Baumaterial liefert hier Ideen, über alternative Techniken nachzudenken. Entsprechendes ist sicherlich auch möglich auf der Basis genauer restauratorischer Beobachtungen zur Handwerkstechnik archäologischer Funde. Experimentelle Archäologie ist hier in grundlegender Teil der Forschung.

      Themenfelder der applied archaeology

      Die zusammengestellten Beispiele lassen einige Themenfelder erkennen, in denen eine applied archaeology denkbar ist:
      • Landnutzung
      • Wassermanagement
      • Bau- und Handwerkstechniken 
      In hohem Maße steht jeweils die Hoffnung im Raum, alte Techniken kopieren oder so weit modifizieren zu können, dass sie heute anwendbar sind. Dabei darf aber - wie das Beispiel der raised fields gezeigt hat - nicht allein die Technik im Vordergrund stehen. Genau so müssen die sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen gesehen werden. Denn langfristig sind manche der nun als Vorbild empfohlenen Wirtschaftssysteme auch ein Krisenfaktor gewesen. Die Bewässerung und Nutzung der Wüste mag ein wesentlicher Faktor für die dortigen Desertifikationsprozesse gewesen sein.



        Kulturerbe als Stabilisationsfaktor moderner Gesellschaften

        Die bisher vorgestellten Beispiele einer angewandten Archäologie hatten eine sehr praktische, unmittelbare  Anwendung zum Ziel. Daneben besitzt das Kulturerbe aber in verschiedener Hinsicht eine gesellschaftliche Bedeutung für die Gegenwart. 
        Bleiben wir zunächst einmal bei der ökologischen Perspektive, die den meisten der bislang dargestellten Beispiele zugrunde liegt. Hier wird davon ausgegangen, dass die kulturelle Vielfalt wie die Biodiversität einen stabilisierenden Faktor darstellt. Wenn eine Krise eine kulturelle Anpassung erfordert, so muss diese auf die eine oder andere Weise an vorhandene kulturelle Praktiken anknüpfen. Je mehr Diversität vorhanden ist, um so eher lassen sich Lösungen finden und etablieren. In diesem Sinne ist kulturelle Vielfalt eine gesellschaftliche Stärke und nicht unbedingt eine Schwäche. Solch unterschiedliche Kulturen werden aber durch ihre Gruppenidentität aufrecht erhalten, wozu eben auch das Kulturerbe seinen Teil beiträgt. Deshalb ist der Kulturgutschutz in Krisenregionen auch humanitäre Arbeit und Friedensdienst. Er legt die Grundlage, dass sich in Friedenszeiten eine stabile kulturelle Identität bilden kann.
        Die archäologische Forschungsgeschichte zeigt freilich, dass solche Identitätsbildungen kritisch begleitet werden müssen, denn Kulturerbe kann auch in vielfältiger Weise zu Propaganda missbraucht werden. Hier hat Wissenschaft eine stabilisierende Funktion. Das Themenfeld Identitätsstiftung ist somit ein wichtiges Themenfeld für eine gegenwartsbezogene Archäologie. Darauf kann an dieser Stelle aber nicht näher eingegangen werden, da die ethischen Herausforderungen, die sich daraus ergeben sehr komplex sind und bisher ebenfalls nur ungenügend diskutiert sind.   

          Zwischenfazit: Sinn und Unsinn

          Die hier präsentierten kurzen Skizzen der Beispiele lassen kein abschließendes Urteil über die konkreten Anwendungen zu. Immerhin zeigen sie deutlich, dass es verschiedene Ebenen und Ziele des Anwendungsbezugs geben kann.
          Und sie zeigen noch etwas weiteres: Es gibt Anknüpfungspunkte, die es wert sind, darüber nachzudenken, wie man aus der Vergangenheit konkret lernen kann. Nicht immer sind die Beispiele überzeugend, denn es ist ja nicht immer die tatsächliche rekonstruierte Vergangenheit, sondern meist nur der aktuelle Forschungsstand, der die Anregung zur Anwendung bietet. Im Falle der terra preta ist es überhaupt nicht gewiss, dass die Böden intentionell produziert worden sind; über die Effizienz der raised fields wird gestritten und viele Details des Water Harvesting in der Negev-Wüste sind bis heute so unklar, dass da keine konkrete Umsetzung möglich ist. 

          M.K.H. Eggert verweist darauf, dass die Archäologie in aller Regel „weder über eine hinreichend differenzierte Quellenbasis noch über einen begründeten Handlungszusammenhang verfügt (Eggert 2006, 257)“. Er kommt zu dem Schluß, dass Archäologie nicht als „Lehrmeisterin für das Leben“ tauge und es auch nicht ihre Aufgabe sei, „an sogenannten ‚gesellschaftlichen Diskursen’“ teilzunehmen oder zur Zukunftsbewältigung beizutragen (Eggert 2006, 257).

          Letztlich sind es auch in keinem der Beispiele letztendlich die Archäologen, die die Initiative zur Anwendung ergriffen haben. Mit ihrer fortschreitenden Kenntnis der vergangenen Verhältnisse, sind sie aber in der Lage, solche Projekte kritisch zu begleiten. 
          Es scheint mir bei aller Skepsis gegenüber solcher applied archaeology aber wichtig, nicht grundsätzlich zu mauern. Vielfach stoßen solche Anwendungsüberlegungen sehr rasch auf Ablehnung, meist mit den folgenden drei Argumenten:
          1. Historische Forschung ist vergangenheitsorientiert.
          2. Historische Forschung kann und soll keine Politikberatung leisten, sie gebe ihre Unabhängigkeit auf.
          3. Historische Forschung kann den Anspruch nicht einlösen und deshalb ist ein vorgeblicher Anwendungsbezug unseriös.

          Alle drei Argumente sind diskussionswürdige konservative Positionen aus unseren Fachtraditionen heraus. Die Frage ist aber heute nicht mehr, ob wir tatsächlich einen Anwendungsbezug wollen - er wird längst allenthalben eingefordert. "Gesellschaftliche Relevanz" ist vielfach ein Evaluationskriterium und die EU fördert Projekte, die "uses of the past" ins Blickfeld nehmen. Wenn sich die Fachwelt nicht zu den Gegenwartsbezügen äußert, so tun es eben fachliche Laien. Ob das dann die bessere Lösung ist, erscheint doch mehr als fraglich. Meines Erachtens erwächst dem Fach hier eine ethische Verantwortung, sich in einen Diskurs zu begeben.


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