Montag, 7. Dezember 2015

Archäologische Prospektion in historischen Luftbildarchiven

William S. Hanson/ Ioana A. Oltean (ed.)
Archaeology from Historical Aerial and Satellite Archives

(New York, Heidelberg, Dordrecht, London: Springer 2013).

ISBN 978-1-4614-4504-3

117,29€ (als e-Book 91,62€)





Luftbildarchäologie ist in hohem Maße vom richtigen Befliegungszeitpunkt abhängig. Oft ist es nur ein Zeitfenster von wenigen Stunden, in dem die richtigen Bedingungen herrschen, um ein Bodendenkmal sichtbar zu machen. In Deutschland war man zudem lange Zeit der Meinung, für die Zwecke der Archäologie seien nur Schrägaufnahmen brauchbar. Die für Zwecke der Geoinformatik wie auch für die militärische Aufklärung regelmäßig angefertigten Senkrecht-Aufnahmen, deren Flugtermin sich auch nicht an optimalen Beobachtungsbedingungen für Bewuchsmerkmale orientierte, schienen für die Luftbildarchäologie hingegen eher uninteressant. Man sah deshalb nur geringe Chance in vorhandenen Luftbildarchiven beispielsweise der Landesvermessungsämter archäologisch interessante Aufnahmen zu finden. Luftbildarchäologie bestand deshalb weitgehend aus aktiven, mehr oder weniger gezielten, jedenfalls aber archäologisch initiierten Befliegungen.

Inzwischen stehen viele Luftbilder online, meist eben die lange wenig geschätzten Senkrecht-Aufnahmen. Dabei zeigt es sich, dass selbst bei Google interessante archäologische Befunde zu entdecken sind. Hier auf Archaeologik wurden schon mehrfach entsprechende Beispiele gezeigt (vergl. Archaeologik), vor allem aber war von jener Entdeckung die Rede, bei der es gelungen ist, von Tübingen aus erstmals sog. "raised fields" in Mittelamerika zu identifizieren (http://archaeologik.blogspot.de/2015/02/publikation-zu-den-hochbeeten-von.html).


Grabhügel, Grubenhäuser und römische Gebäude bei Google Maps in der Oberrheinebene


Frühmittelalterliche Siedlung in Burgund
(vergl. Eine frühmittelalterliche (?) Siedlung in Burgund. Archaeologik (30.6.2012)



Welches Potential in existierenden Luftbildarchiven steckt, zeigt der Band von Hanson & Oltean in zahlreichen Beispielen. Sie decken viele Regionen Europas ab: England, Frankreich, Belgien, Portugal, Spanien, Italien, die ehemalige Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Rußland sowie darüber hinaus Armenien, Jordanien, Kambodscha und Uruguay. Beispiele aus Deutschland fehlen. Die Beispiele betreffen damit sehr unterschiedliche Naturräume mit ganz unterschiedlichen Potentialen für die archäologische Luftbildforschung.




Inhaltsverzeichnis

Part I: Introduction
William S. Hanson (et al.)
A Spy in the Sky: The Potential of Historical Aerial and Satellite Photography for Archaeological Research
S. 3-10

Part II: Opening Doors: Aerial and Satellite Archives
David C. Cowley, (et al.)
The Aerial Reconnaissance Archives: A Global Aerial Photographic Collection
S. 13-30

Peter McKeague (et al.)
Blitzing the Bunkers: Finding Aids – Past, Present and Future
S. 31-46

Martin J. F. Fowler,
Declassified Intelligence Satellite Photographs
S. 47-66

Part III: Historical Aerial and Satellite Photographs in Archaeological Research
Birger Stichelbaut (et al.)
First World War Aerial Photography and Medieval Landscapes: Moated Sites in Flanders
S. 69-85

Tony Pollard (et al.)
The Use of First World War Aerial Photographs by Archaeologists: A Case Study from Fromelles, Northern France
S. 87-103

Andrew Young,
Historic Vertical Photography and Cornwall’s National Mapping Programme
S. 105-122

Patrizia Tartara,
The Use of Historical Aerial Photographs in Italy: Some Case Studies
S. 123-145

Ioana A. Oltean,
A Lost Archaeological Landscape on the Lower Danube Roman
S. 147-164

Zsolt Visy,
The Value and Significance of Historical Air Photographs for Archaeological Research: Some Examples from Central and Eastern Europe
S. 165-177

Iván Fumadó Ortega (et al.)
Archaeology from Aerial Archives in Spain and Portugal: Two Examples from the Atlantic Seaboard
S. 179-197

Natal’ya S. Batanina (et al.)
Soviet Period Air Photography and Archaeology of the Bronze Age in the Southern Urals of Russia
S. 199-219

Robert Bewley (et al.)
Historical Aerial Imagery in Jordan and the Wider Middle East
S. 221-242

José Iriarte
“Down Under in the Marshes”: Investigating Settlement Patterns of the Early Formative Mound-Building Cultures of South-Eastern Uruguay Through Historic Aerial Photography
S. 243-259

Anthony R.Beck (et al.)
The Archaeological Exploitation of Declassified Satellite Photography in Semi-arid Environments
S. 261-278

Rog Palmer
Uses of Declassified CORONA Photographs for Archaeological Survey in Armenia
S. 279-290

Damian Evans (et al.)
Pixels, Ponds and People: Mapping Archaeological Landscapes in Cambodia Using Historical Aerial and Satellite Imagery
S. 291-313

Ioana A. Oltean (et al.)
Integrating Aerial and Satellite Imagery: Discovering Roman Imperial Landscapes in Southern Dobrogea (Romania)
S. 315-336




Deutsches Flugzeug über den Pyramiden während
eines Bombenangriffs auf Kairo 1916 (evtl. gestellt)
(Foto: Falke, Australian armed forces
[Public Domain] via Wikimedia Commons)
Die meisten Luftbilder, die in den Beiträgen herangezogen werden, sind in militärischem Kontext entstanden. In Flandern und in Nordfrankreich sind Luftbilder aus dem Ersten Weltkrieg von Bedeutung. Der Beitrag von Stichelbaut u.a. (S. 69ff.) zu Flandern zeigt das Potential der Bilder nicht nur für eine Rekonstruktion der Kriegslandschaft des Ersten Weltkriegs, sondern auch für die Lokalisierung archäologischer Fundstellen in dieser massiv durch die Schlachten umgewühlten Region. Eine Verifizierung der Beobachtungen ist heute kaum mehr möglich und so bleibt die Interpretation einiger Kreisstrukturen als bronzezeitliche Grabhügel unklar. Es könnte sich hier auch um militärische Anlagen handeln. Sicherer ist die Ansprache im Falle der etwas komplexeren Strukturen mittelalterlicher Niederungsburgen. Viele von ihnen sind nur aus den Luftbildern des ersten Weltkriegs bekannt (fig. 5.5.).
Der Beitrag von Robert Bewley und David Kennedy (S. 221ff.) zeigt das Potential historischer Luftbilder aus Jordanien und Palästina. Ihre Existenz war schon lange bekannt - viele der Bilder stehen auch online etwa unter https://www.flickr.com/photos/apaame/collections/72157627159146427/ oder dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv -  doch hat erst die aktuelle Krise im Nahen Osten zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit ihnen geführt.

Für die Verwendung historischer Luftbilder ist vor allem die Ermittlung einschlägiger Bildbestände und -archive nicht immer einfach. Aufgrund ihres militärischen Hintergrundes befinden sie sich häufig nicht in dem betreffenden Land, sondern zerstreut in ausländischen (Militär-)Archiven der kriegsführenden Parteien oder ehemaligen Kolonialmächte. Viele Luftbilder sind schon früher an Archäologische Institute gelangt. Einzelne sind schon früher publiziert worden.

Mehrere Beiträge ziehen CORONA-Satellitenbilder aus den 1960er und 70er Jahren heran (vergl. Archaeologik 8.12.2011).. I.A. Oltean und W.S. Hanson (S. 315ff.) nutzen sie im letzten Beitrag des Bandes, um den römischen Limes an der Unteren Donau in Rumänien zu rekonstruieren. R. Palmer (S. 279ff.) nutzt Corona-Bilder von 1970, um in Armenien einen ersten Eindruck der Siedlungslandschaft zu gewinnen. Ihren besonderen Wert entfalten die Corona-Aufnahmen beispielsweise in Kambodsche (Beitra. D. Evans/ E. Moylan, S. 291ff.), wo die Landschaft durch die Agrarpolitik der Roten Khmer grundsätzlich verändert wurde.


Corona-Satelittenbild (Center for Advanced Spatial Technologies, University of Arkansas/U.S. Geological Survey)
Der Band zeigt sehr schön das Potential historischer Luft- und Satellitenbilder. Mehrfach werden auch online-Datenbanken angegeben, bei denen oft allerdings eine freie Nachnutzung nicht gegeben scheint. Man vermisst eine Zusammenfassung der verschiedenen Erfahrungen, aus denen man ja auch einige Handlungsempfehlungen ableiten kann, wie künftig mit entsprechenden Luftbildern umgegangen werden sollte und wie man ihre Recherchierbarkeit verbessert.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Da sind die Sondengänger schon sehr lange drauf gekommen, im Übrigen auch auf die bei der LUBW veröffentlichten Schummerungskarten. Für die inoffizielle Denkmalliste der privaten Sucher eine sichere Quelle, für die Denkmalliste sicherlich ein Desaster.

Anonym hat gesagt…

Archäologen kennen diese Bildbestände auch schon lange und für einzelne Fundplätze wurden sie auch durchaus herangezogen. Neu ist, dass man sie gut flächendeckend auswerten kann, dank leichterer Zugänglichkeit und GIS.
Die Schummerungskarten des LUBW sind mit 5m Auflösung für archäologische Zwecke übrigens weitgehend unbrauchbar. Da gibt es besseres.
Leider erweist sich in der Tat die Veröffentlichung solcher Daten oft als Desaster für die Fundstellen, die dann gerne mal vom angeblich Geschichtsinteressierten ausgeplündert und zerstört werden.

Anonym hat gesagt…

Ich sprach ironisch von "inoffiziellen Denkmallisten privater Sucher" umd das Wort Raubgrabungen zu vermeiden. 5 Meter sind perfekt genug um jede keltische Viereckschanze und alte Wegtrassen zu erkennen. Ich weiß, wovon ich rede. Die Schummerungskarten der LUBW waren ja auch nur ein Beispiel und mögen für ernsthafte, archäologische Belange nicht von Relevanz sein, aber für unehrenhafte Belange sind das sehr zielführende Hilfen. Ohne Frage gibt es Besseres, das man hier aber sicher aus nachvollziehbaren Gründen erst recht nicht anführen muss.