Mittwoch, 28. Oktober 2015

Europäische Gesellschaften beruhen auf Migration – ein kurzer Blick in lange Zeiträume

https://kristinoswald.hypotheses.org/1683
Ein Beitrag zur Blogparade #refhum,
initiiert von Kristin Oswald
Ein Beitrag von Detlef Gronenborn



Aus historischer wie auch archäologischer Sicht ist Migration - auch mit Fluchthintergrund -  ein grundlegender Bestandteil der Konstituierung europäischer Gesellschaften.
Die Archäologie wie auch seit neuerem die Genetik zeigen deutlich, dass es neben Phasen der Stasis immer wieder solche mit zum Teil erheblichen Populationsveränderungen gab, eben durch Migration. Tatsächlich ist seit 7000 Jahren ein großer Teil der heutigen europäischen Menschen nahöstlicher Herkunft, stammt aus den Kerngebieten der westeurasischen Landwirtschaft, dem sogenannten Fruchtbaren Halbmond, genau jene Region, aus der auch heute wieder Menschen nach Europa streben.

Migration nach Europa setzt jedoch schon wesentlich früher ein. Die ersten frühen Menschen kamen vor einer Million bis 800.000 Jahren über den Nahen Osten aus Afrika, was heißt, daß wir letztlich alle afrikanischer Herkunft sind.

Möglicherweise konfliktreich gestaltete sich die Einwanderung der anatomisch Modernen Menschen vor 40.000 Jahren, wiederum aus Afrika, unsere direkten Vorfahren. Diese Gruppen trafen in Eurasien auf die Neanderthalerpopulationen und drängten sie bis in die europäischen Randregionen zurück. Selten kam es aber auch zum genetischen Austausch, so daß 1,5-2% der DNA der heutigen europäischen Bevölkerung auf Neandertaler zurückgehen (Prüfer et al. 2014).

Die nun eingewanderten anatomisch modernen Menschen stellten für die nächsten 33.000 Jahre die europäische Bevölkerung. Zwar gibt es Hinweise auf gelegentliche Migrationen während der frühen Nacheiszeit, jedoch der nächste große Wandel mit deutlicher Zuwanderung beginnt erst mit der Ausbreitung der Landwirtschaft nach Europa vor 7000 Jahren. Nun kommen Menschen mit einer völlig neuen Technologie und Wirtschaft über Anatolien, Griechenland, dem Balkan und Ungarn bis ins heutige Deutschland (Gronenborn / Terberger 2014). Tatsächlich sind die heutigen Flüchtlingsrouten aus Syrien mehr oder weniger die gleichen und auch die Herkunft dieser Menschen ist die gleiche: Das Zweistromland (Syrien; Osttürkei) und die umgebenden Landschaften. Ein Grund für die Expansion dieser Siedler mag auch gewesen sein, dass die durch die Landwirtschaft hochschnellende Bevölkerungsdichte aufgrund klimatischer Fluktuationen nicht mehr gehalten werden konnte und ein Teil der Gruppen neue Landschaften erkunden musste.
Ausbreitung der Landwirtschaft im westlichen Eurasien. Die bäuerlichen Siedler sowie auch ihre Getreide und Haustiere haben ihren Ursprung im orange-rot unterlegten sogenannten Fruchtbaren Halbmond.
(Graphik: D. Gronenborn/ M. Ober, RGZM)

Im gesamten Europa kommt es in den folgenden drei Jahrtausenden zu verschiedenen Akkumulations- und Assimilationsprozessen zwischen den Migranten und den einheimischen Sammlern und Jägern. Gegen Ende dieser archäologische Periode (der Jungsteinzeit) kommt dann schließlich fast flächendeckend noch einmal eine Migration aus dem südosteuropäischen Steppenbereich im heutigen Russland und der Ukraine. Mit Beginn der Bronzeit ist schließlich die Konstituierung europäischer Gesellschaften weitgehend abgeschlossen, in den kommenden Jahrtausenden ist die Migrationsrate geringer (Brandt et al. 2013). Festzuhalten bleibt, dass die europäische Bevölkerung bis zum heutigen Tage aus drei großen Populationsgruppen besteht, die alle durch Migration hierher gekommen sind: Sammler und Jäger, die sich bis in die Eiszeit zurückverfolgen lassen, landwirtschaftreibenden Populationen vor etwa 7000 Jahren und eine Population aus den Steppengebieten Eurasiens vor etwa 5000 Jahren (Haak et al. 2015).

Aus dieser langfristigen archäologisch-populationshistorischen Perspektive ist mithin die gesamte heutige Bevölkerung Europas – wir alle – auf Migrationen, manchmal auch Flucht, zurückzuführen.

Literaturhinweise

  • Brandt, Guido; Haak, Wolfgang; Adler, Christina J. et al., Ancient DNA Reveals Key Stages in the Formation of Central European Mitochondrial Genetic Diversity.  Science 342, 2013, 257-261.
  • D. Gronenborn / Th. Terberger, Die ersten Bauern in Mitteleuropa – eine interdisziplinäre Herausforderung. In: Th. Terberger / D. Gronenborn (Hrsg.), Vom Sammler und Jäger zum Bauern: Die Neolithische Revolution. Konrad Theiss (Darmstadt 2014) 7-14.
  • Prüfer, Kay; Racimo, Fernando; Patterson, Nick; Jay, Flora; Sankararaman, Sriram; Sawyer, Susanna et al., The complete genome sequence of a Neanderthal from the Altai Mountains. Nature 505 (7481), 2014, 43–49. - DOI: 10.1038/nature12886.
  • Sankararaman, Sriram; Mallick, Swapan; Dannemann, Michael; Prüfer, Kay; Kelso, Janet; Pääbo, Svante; Patterson, Nick; Reich, David, The genomic landscape of Neanderthal ancestry in present-day humans. Nature 507 (7492), 2014,354–357. - doi:10.1038/nature12961
  • Haak, Wolfgang; Lazaridis, Iosif; Patterson, Nick; Rohland, Nadin; Mallick, Swapan; Llamas, Bastien et al., Massive migration from the steppe was a source for Indo-European languages in Europe. Nature 522 (7555), 2015, 207–211. - DOI: 10.1038/nature14317.




http://web.rgzm.de/
Prof. Dr. Detlef Gronenborn arbeitet am RGZM und lehrt an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsinteressen gelten den langfristigen Entwicklungen im europäischen Neolithikum sowie der historischen Archäologie in Afrika.

Kommentare:

Georg Löding hat gesagt…

Danke für die wertvollen Informationen.
Mit freundlichen Grüßen
Georg Löding

Ingo Bading hat gesagt…

Genauer wird man sagen müssen, dass in Europa (und weltweit) gesamtgeschichtlich gesehen Völker aus Flaschenhalspopulationen hervorgehen, dann ein längeres oder kürzeres Leben haben und dann - aber vermutlich nicht zwangsläufig - demographisch untergehen.

In diesem Zusammenhang spielen natürlich immer auch Migrationen eine Rolle. Ebenso aber spielt eine Rolle, dass wenn Völker einmal einen Lebensraum für sich in Anspruch genommen haben, sie diesen auch über längere oder kürzere Zeiträume hinweg gegenüber Zuwanderung anderer Völker verteidigen.

Die Bandkeramiker gingen - archäologisch gesehen - klar hervor aus einer KLEINEN Flaschenhalspopulation am Plattensee, wo man die Übergangsformen erkennen kann. Zu großen Teilen stammten sie von Völkern auf dem Balkan ab, die wiederum von Völkern der anatolischen Halbinsel abstammten. Wie groß allerdings der Anteil von genetischer Einmischung einheimischer Bevölkerungen am Plattensee war, scheint noch nicht so klar zu sein. Da der archäologische Befund klar ÜBERGANGSFORMEN zu der klassischen Bandkeramik-Kultur kennt, wird man allerdings davon ausgehen dürfen, dass die Bandkeramiker hervorgegangen sind aus einer genetischen Mischbevölkerung zwischen Zuwanderern und Einheimischen. Nach Etablierung jener klassischen Kombination von Kultur und Genen der Bandkeramiker hat sich diese Kultur demographisch über ganz Mitteleuropa und das sehr schnell (10 Kinder pro Elternpaar oder Frau) ausgebreitet.

Die Bandkeramiker sind aber heute genetisch ausgestorben. Das heißt, sie wurden ausgerottet und/oder gingen in den nachfolgenden Völkerzuwanderungen nach und nach so weit auf, dass ihr genetisches Erbe heute in Mitteleuropa so gut wie nicht mehr feststellbar ist.

Wir selbst stammen genetisch wiederum zu bis zu zwei Dritteln von einer Flaschenhalspopulation ab, die bei der Entstehung des indogermanischen Urvolkes nördlich des Schwarzen Meeres gelebt hat und sich dann über ganz Mittel- und Nordeuropa ausgebreitet hat, wobei die einheimische Bevölkerung, insbesondere die männliche, offensichtlich stark dezimiert wurde.

Seit 4.000 Jahren hält sich diese indogermanische Völkergruppe in kultureller und genetischer Kontinuität in Mittel- und Nordeuropa, hat sich nach Nordamerika, Südafrika und Australien ausgebreitet.

Hätte bspw. Karl Martell nicht die Araber besiegt, wären Hunnen, Mongolen, Türken im Osten nicht erfolgreich militärisch abgewehrt worden, hätte "das" Abendland wie wir es kennen, so nicht herausbilden können.

Und auch diese Abendland hat schon eine erhebliche erzwungene Abwandlung erfahren 1945 mit der größten erzwungenen Migration der Weltgeschichte, nämlich als 15 Millionen Deutsche östlich der Oder vertrieben wurde und eine dortige tausendjährige Kultur zerstört wurde. Von den Plänen um solche Umsiedlungen wussten die Deutschen spätestens seit 1914 (Tannenberg), bzw. 1918/19 (Versailler Vertrag). Und sie haben sich dagegen in den beiden größten Kriegen der Weltgeschichte gewehrt.

Es gibt also immer beides: Migration und Widerstand gegen Migration.

Rainer Schreg hat gesagt…

Ihre Deutung der beiden Weltkriege ist ja an den Haaren herbeigezogen - und: die "klassische Kombination von Kultur und Genen" ist keineswegs gesichert, auch ist zu bedenken, dass wir einen solchermaßen definierten Volksbegriff kaum vor die Neuzeit zurück projezieren können.