Donnerstag, 23. Mai 2013

Community Archaeology - Publikum hinter pay wall ausgeschlossen?

Öffentlichkeitsarbeit spielt für die Archäologie mit vielen verschiedenartigen Projekten schon lange eine wichtige Rolle: in Museen und in Kooperation mit Ehrenamtlichen.

Eine neue - englische - Zeitschrift widmet sich ab 2014 diesem Themenfeld, das im englischen aus "community archaeology" bezeichnet wird: Journal of Community Archaeology & Heritage  

Die Zeitschrift erscheint bei Maney und wird auch online zugänglich sein - leider aber offenbar nicht open access! Gerade aber bei diesem Themenfeld, das auch Laienarchäologen ansprechen möchte und diese auch mit Beiträgen involvieren möchte, wäre das wichtig. Denn die üblichen pay-walls schließen große Teile des Zielpublikums aus, das eben meist über keinen Uni-Account verfügt (wie übrigens auch die meisten Kollegen der Denkmalpflege). Positiv ist daher der zugehörige Blog zu vermerken, der weit größere Chancen hat, sein Publikum zu erreichen als die Zeitschrift: http://journalcah.blogspot.co.uk/

Bleibt zu hoffen, dass die Zeitschrift trotz dieses Geburtfehlers der bislang kaum geführten Diskussion über eine community archaeology ein Forum gibt. Vor allem in Deutschland wird bislang kaum darüber diskutiert, was die Ziele und die Inhalte der Vermittlung von Wissenschaft sind (Kenntnis von zeittypischen Schwerttypen oder eher eine Sensibilisierung für die historische Dimensionen unserer Gegenwart?), wie in Zeiten von Web 2.0 mit der sich verändernden, aktiveren Rolle der Öffentlichkeit umgegangen wird, wie man mit dem zunehmenden Anspruch von Laien auf "ihre" Geschichte umgeht und wie man etwa auch die Eigenschaft archäologischer Fundstellen als Gemeingut verständlich macht.

Mittwoch, 22. Mai 2013

Antinoopolis: Papyrologe schlägt Alarm


ein Gastbeitrag von Jutta Zerres

Eine reich illustrierte Dokumentation von Guido Bastianini zu den Zerstörungen in der römischen Stadt Antinoopolis (Mittelägypten) verdient unter der Vielzahl der Presse- und Blogberichte zur Lage der archäologischen Stätten Ägyptens besondere Beachtung:
Kaiser Hadrian, Gründer von Antinoopolis,
Portätbüste in den Kapitolinischen Museen
(Foto: Marie-Lan Nguyen [PD]
via WikimediaCommons)
Der Bericht in englischer Sprache verdeutlicht die illegale Ausweitung von Bautätigkeiten und von landwirtschaftlicher Nutzung  in das denkmalgeschüzte Areal innerhalb der letzten zwei Jahre durch die Anwohner des benachbarten Dorfes Sheikh Abada. 
Plünderungen werden sogar während der Anwesenheit von Grabungsteams durchgeführt. Die Dokumentation enthält kommentierte Luftbilder sowie viele Fotos, den Zustand vor und nach den Zerstörungsaktivitäten zeigen.   
Der Autor ist als Professor für Papyrologie am Istituto Papirologico „Vitelli“ in Florenz tätig. Die Forschungseinrichtung führte erstmals in den dreißiger Jahren Ausgrabungen in Antinoopolis durch und förderte dabei zahlreiche Papyri und Ostraka in koptischer und griechischer Sprache zutage. Seit den sechziger Jahren ist es regelmäßig hier tätig.


Die Stadt Antinoopolis wurde 130 von Kaiser Hadrian an der Stelle einer älteren Siedlung in Erinnerung an seinen verstorbenen Liebhaber Antinoos gegründet. Sie avancierte zu einer bedeutenden Stadt in Oberägypten, besaß ein rechtwinkliges Straßennetz und zahlreiche Prachtbauten.

Links


Ältere Blogbeiträge zu Antinoopolis: 





Jutta Zerres ist promovierte provinzialrömische Archäologin mit einem Faible für Ägypten. Sie beobachtet erschrocken die laufenden Meldungen über die Situation in Ägypten.







 

Montag, 20. Mai 2013

Die württembergische Landesaufnahme - Vaterlandsliebe als Wurzel der Landschaftsarchäologie

Zwischen 1821 und 1851 wurde im Königreich Württemberg die topographische Landesvermessung durchgeführt. Sie war noch vor der Annahme der württembergischen Verfassung angeordnet worden und sollte einer gerechten Besteuerung in dem 1806 erheblich erweiterten und zum Königreich erhobenen Württemberg dienen. Das Produkt war neben dem steuerrelevanten Primärkataster auch der topographische Atlas des Königreichs Württemberg, der die Messtischblätter 1:50000 umfasste.
 

Eduard Paulus der Ältere

Eduard Paulus der Ältere
(Ölgemälde: Landesmus.
Württemberg
[Urheberrechte erloschen];
Wikimedia Commons)
Einer der Mitarbeiter der Landesvermessung war Karl Eduard Paulus, geboren am 29.1.1803 in Berghausen südlich von Speyer. Er trat 1823 in das Königliche statistisch-topgraphische Bureau ein. Anfangs als Messgehilfe tätig, war Paulus bei der Erstellung mehrerer Urkarten und Atlasblätter beteiligt. 1843 wurde er zudem in das Projekt der Oberamtsbeschreibungen einbezogen. Nach und nach legte er eine archäologische Karte von Württemberg vor. 1852 konnte er die ganz Württemberg umfassende Karte im Maßstab 1:200000 auf der Tagung des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine in Mainz präsentieren. Es war die erste, ein Land vollständig abdeckende archäologische Karte. Da Paulus das Dreiperiodensystem nicht anerkannte, unterschied er - blau kartiert - altgermanisch (keltisch) und alamannisch (fränkisch) sowie - in rot - römisch.

Paulus ergänzte die Karte in mehreren Auflagen. Die vierte Auflage erschien posthum, als sein Sohn Eduard Paulus der Jüngere Landeskonservator war.

Surveymethoden

Mehrfach hat Paulus seine Methoden beschrieben. Die neuen topographischen Karten mit ihrer Schraffur-Darstellung des Geländes wie die genauen Flurkarten im Maßstab 1:2500 spielten hier eine zentrale Rolle, dienten sie Paulus doch einerseits zur Eingrenzung potentieller Fundstellen, zugleich aber auch der Kartierung und Dokumentation. Einzelne vor- und frühgeschichtliche Anlagen, wie beispielsweise die Viereckschanze von Fleinheim wurden bereits bei der topographischen Landesvermessung im Maßstab 1:2500 aufgenommen.
Anhand der Karten definierte Paulus archäologisch interessante Situationen, die er dann beging. Die lokale Bevölkerung war ihm dabei eine wesentliche Informationsquelle (siehe Archäologen und mißrathene Genies - Tips für die archäologische Kartierung). Mit ihren topographischen Beobachtungen haben Paulus' Forschungen mehr mit einer modernen Landschaftsarchäologie gemein als mit der Kossinna'schen Siedlungsarchäologie, auch wenn auch für Paulus die Zuweisung zu früheren Völkern grundlegend war.
Ausschnitt aus der topographischen Karte des Königreichs Württemberg
4. Aufl., 1882

Vaterlandskunde

Das Projekt der topographischen und der archäologischen Ebene hängen nicht nur methodisch - die topographischen Karten als Voraussetzung zur archäologischen Kartierung - sondern auch auf der inhaltlichen Ebene zusammen: Karten und Archäologie als Elemente der Identitätsbildung.

Das steigende Interesse für die Vorgeschichte hat in Deutschland sehr viel mit der politischen Situation nach der Auflösung des Alten Reiches zu tun. Der Blick in die Vergangenheit bot Ausgleich für die Gegenwart und lieferte mit seinen nationalen Untertönen Argumente für eine neue Reichsgründung.
Unterhalb der "nationalen" Ebene diente eine Vaterlandskunde auch dazu, den neu geschaffenen oder vergößerten Staaten selbst eine Identität zu verschaffen.
Parallel zur topographischen Landesvermessung und der von Paulus betriebenen Kartierung der archäologischen Fundstellen wurden in Württemberg weitere Vorhaben der Vaterlandskunde forciert: detaillierte Landesbeschreibungen, die zunächst die verwaltungsrechtlichen Rahmenbedingungen festgehalten hatten, aber bald schon um geologische, naturräumliche, volkskundliche und historische - einschließlich archäologische - Informationen ergänzt wurden. Ziel dieser Vaterlandskunde war unter anderem die Schaffung einer gemeinsamen Identität im neuen, gewachsenen Staat Württemberg, der nun neben den alten protestantischen Regionen auch katholische Landstriche mit einbezog. "Ohne Kenntnis des Vaterlands kann es unmöglich wahre Vaterlandsliebe geben (Memminger 1822, 2)." "Die Kenntnis des Vaterlands ist zugleich die Grundlage bürgerlicher Tüchtigkeit und fördert das staatsbürgerliche Leben. (Memminger 1822, 4f.)"

Literaturhinweis

    ResearchBlogging.org
  • F. Kreienbrink, Mapping the Past: Eduard Paulus the Elder (1803–1878) and the Archaeological Survey of Württemberg. Bulletin of the History of Archaeology, 17 (2), 2007 DOI: 10.5334/bha.17202
  • Memminger, Neuere Anstalten und Mittel zur Förderung der Vaterlandsliebe. Württembergische Jahrbücher für Statistik und Landeskunde 1, 1822, 1-71 (Digitalisat)

Mittwoch, 15. Mai 2013

Archäologie in der Krise: Spanien

Sparzwänge und Wirtschaftskrise lassen vielen Politikern die Denkmalpflege und die Archäologie als lästiges Übel erscheinen (siehe z.B. NRW oder Brandenburg).
In Madrid bastelt die Regierung an den Bau- und Denkmalschutzbestimmungen herum, um Bauspekulationen zu erleichtern. Durch eine Änderung von Fristen und Zuständigkeiten sehen Archäologen und Denkmalschützer das kulturelle Erbe in Gefahr und haben eine Petition gestartet:
Weitere Links (bislang leider nur spanisch):

Montag, 13. Mai 2013

Fundstellen in der libyschen Wüste ungeschützt

Über die vielfältigen Bedrohungen archäologischer Fundstellen in der lybischen Wüste berichtet der Geologe Mustafa J. Salem in The New Libya Herald (17.4.2013): The Libyan desert: natural and human heritage under threat.
Eine Bedrohung unter anderen: Neue Wegetrassen, die durch Ölgesellschaften erschlossen werden bringen eine größere Zahl von Besuchern in die Wüste. Archäologische Oberflächenplätze, die derzeit ungeschützt liegen, werden über kurz oder lang abgesammelt und zerstört. Die Dokumentation im Rahmen archäologischer Forschungsprojekte kann mit den neuen Bedrohungen nicht mithalten.
Salem diskutiert die Rolle der Öl- und Gasgesellschaften, der staatlichen Denkmalpflege, internationaler NGOs wie auch der Zivilgesellschaft für den Schutz des Natur- und Kulturerbes in der Wüste. Er kann hier auf positive Beispiele in den historischen Städten Ghadames, Darj, Awjilah und Al-Fugaha verweisen, die freilich andere Probleme bieten als der Schutz archäologischer Fundplätze.

Felsbilder in den Acacus-Bergen
(Foto: Carsten ten Brink / 10btravelling [CC BY-NC-ND 2.0], via flickr.com)