Donnerstag, 27. November 2014

Der Zoll als Hehler?

Auf Zoll-Auktion, einer Plattform des Bundes-Finanzministeriums, auf der "gepfändete, sichergestellte oder beschlagnahmte Sachen, ausgesonderte Gegenstände des Verwaltungsgebrauchs und Fundsachen von Behörden und Institutionen von Bund, Ländern und Gemeinden sowie sonstigen öffentlich-rechtlichen Körperschaften, Anstalten und Stiftungen" versteigert werden, werden derzeit 69 antike, überwiegend römische Münzen angeboten.
Damit beteiligt sich der Staat an einem Markt, der die Plünderung archäologischer Fundstellen fördert. 
Nach Protesten hatte der Zoll die Versteigerung zunächst ausgesetzt, dann aber erneut eingestellt, da keine Erkenntnisse vorlägen, dass es sich bei den Münzen um gestohlenes oder illegal gehandeltes Kulturgut handele. Das ist eine Verkennung der Realitäten. Ein solcher Nachweis ist nie zu erwarten, denn es steht ja niemand neben dem Raubgräber und fertigt erst einmal ein Fahndungsfoto an - und bei römischen Münzen wird auch kein Provenienzland Ansprüche erheben können, immerhin gibt es heute weit über 30 Staaten auf dem Territorium des Imperium Romanum.
Angesichts der großen Zahl von Raubgrabungslöchern auf römischen Fundstellen ist davon auszugehen, dass ein erheblicher Teil der auf dem Markt befindlichen Münzen aus solchen illegalen Quellen stammen. Hier steht zu Recht die Forderung im Raum, dass nur noch Funde gehandelt werden dürfen, die mit Papieren ausgestattet sind, die die legale Herkunft positiv nachweisen. Dementsprechend ist es zu begrüßen, wenn nun von Seiten der Bundesregierung Bestrebungen bestehen, das bestehende Kulturgüterschutzgesetz dahingehend zu verschärfen, dass eindeutige Papiere vorgelegt werden müssen, die die Rechtmäßigkeit erweisen - siehe das vernichtende Urteil zum bestehenden Gesetz: Bericht der Bundesregierung zum Kulturgutschutz in Deutschland (pdf) - http://www.bundesregierung.de/Content/Infomaterial/BPA/BKM/2013-08-12--bericht-kulturgutschutz.pdf).

Das Entscheidende dabei ist, dass verhindert wird, dass aus archäologischen Funde Gewinne erzielt werden, die Raubgrabungen motivieren - das gilt für Münzen genau so wie für andere Funde, denn das Problem ist das Raubgrabungsloch, das entscheidende historische Quellen vernichtet.

Zoll-Auktion macht zu den Münzen keinerlei Provenienzangaben. Daher ist es mehr als wahrscheinlich, dass sie aus illegalen oder mindestens unethischen Quellen stammen. Archäologische Funde sind in Deutschland meldeflichtig und im Ausland überall mit einem Exportverbot belegt. Bleiben 'alte Sammlungen', die aber zumindest klar und nachvollziehbar benannt werden müssten!
 
Dass nun das Finanzministerium Kulturgut versteigert und damit einen finanziellen Anreiz für weitere Raubgrabungen setzt, ist nicht zu akzeptieren!



Links

Montag, 24. November 2014

Sonderangebot der Woche! Antike "Schrottmünzen" beim Lebensmitteldiscounter

Rainer Schreg/Jutta Zerres

Der Lebensmitteldiscounter NORMA bietet seit 19.11.2014 eine „Sammler-Wunderkiste Münzen“ an. Darin enthalten ist u. a. auch "aus Schatzfund: 1 originale altrömische Münze!!!"

Uns hat dieses Angebot entsetzt, zeigt es doch wieder, wie gering die Sensibilität gegenüber archäologischen Funden als historischer Quelle ist. Wir haben uns daraufhin, - unabhängig voneinander - als Privatpersonen an NORMA gewandt. Umgehend erhielten wir von deren Lieferanten Prophila Collection Antwortbriefe mit weitgehend identischen Inhalten. Der Lieferant führt aus, dass letztlich alles legal sei und es sich nur um „Schrottmünzen“ handele. Als Beweis dafür, dass das Angebot nur minderwertige Objekte enthalte, wurde uns auch je eine der originalen altrömischen Münzen zugesandt, wie sie auch in der „Sammler-Wunderkiste“ vorzufinden sind.


"Schrottmünze"
(Foto R. Schreg)
Die Münze wurde von Prohila Collection dem Antwortschreiben beigelegt.

Vorab: Wir begrüßen die rasche und ausführliche Rückmeldung des Geschäftsführers der Firma Prophila Collection, der sie sich mit der Kritik auseinandergesetzt und eine ernsthafte Antwort verfasst hat! Und wir glauben, dass nach bestehender Gesetzeslage das Angebot legal ist - allerdings hat es aus ethischer Sicht eben einen ausgesprochen bitteren Beigeschmack. Deshalb hat sich NORMA zu fragen, ob das Unternehmen tatsächlich als Kulturzerstörer wahrgenommen werden möchte. Vermutlich haben sich die Verantwortlichen bei dem Unternehmen darüber im Vorfeld des Angebotes keine Gedanken gemacht.

In der Sache erscheint uns die Reaktion des Lieferanten in mehrfacher Hinsicht als aufschlussreich, letztlich aber als wenig befriedigend.

Zunächst bekundet der Geschäftsführer sein persönliches Geschichtsinteresse und betont auch seine Unterstützung für den Schutz von archäologischen Kulturgütern. Wie passt das zusammen?
„Wir verstehen Ihr Anliegen im Sinne der Archäologie und möchten aber auch die Bedeutung des Handels für das gleiche Thema verständlich machen. Letztlich gelangen diese Sammlerstücke in Hunderttausende von Haushalten und erwecken so erst das Interesse an der Geschichte.“
Interesse für Geschichte bedeutet hier ganz offenbar, dass man sich damit auseinandersetzt, indem man sich ein Teil von ihr physisch aneignet. Dahinter steht wohl eine problematische Vorstellung von historischer Authentizität, die über das Objekt vermittelt wird und die letztlich die Gefühlsebene anspricht. Das ist freilich etwas ganz anderes als ein wissenschaftliches Geschichtsinteresse, das weniger am Objekt, als vielmehr an dessen Informationen interessiert ist.
Verständnis für Geschichte als eine kritische, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann so ein Angebot aber nicht wecken. Dazu wäre ein minimaler didaktischer Rahmen notwendig.

Ein wichtiges Argument für den Münzhändler ist der Wert der Münze. Zwar sieht er völlig richtig:
"Im Gegensatz zu anderen Artefakten sind Münzen das Produkt einer semiindustriellen Massenfertigung und deren Wert liegt damit meist nicht in deren Einmaligkeit, sondern eher in Verbindung mit dem Fundort in der Chance, die Datierung dieses Ortes zu ermöglichen bzw. zu erleichtern. "
Die Tatsache, dass aber gerade durch den Münzhandel Anreize gegeben werden, diese Chance zu vernichten und immer mehr Münzen undokumentiert aus dem Boden zu reißen, und hier das eigentliche Problem der Entwertung liegt, liegt außerhalb der Münzhändler-Argumentation.
Stattdessen wird die Münze dann doch als Einzelobjekt eigenen - materiellen - Wertes gesehen:
„Römische Münzen, das wissen Sie sicherlich als Person mit Einblicken in die Branche, gibt es Tausende verschiedene. Von einzelnen Sorten existieren teilweise zigtausend. So kann man mit gutem Recht behaupten, dass Millionen von Münzen aus dieser antiken Zeit noch am Markt sind.“
„Gold- und Silbermünzen, aber auch seltenere Prägungen haben Seltenheitswert und sind entsprechend teuer.“
Deshalb handele es sich bei der angebotenen Münze
"nicht um eine echte Rarität im oben beschriebenen Sinne“".
„Vielmehr handelt es sich um eine sogenannte „Schrottmünze“. Das heißt, es ist eine einfache ungereinigte Bronzemünze mit schwachem Relief. Davon gibt es Hunderttausende nicht zuletzt auch auf Märkten wie ebay zu kaufen.“
Unseres Erachtens macht das die Sache aber nicht weniger schlimm: "Schrottmünze" ist keine Kategorie der Archäologie. Zur Schrottmünze wird sie nur in den Augen eines Handels, der damit keinen Gewinn machen kann, aber auch nicht zögert, sie frei zu verschenken und beim Lebensmitteldiscounter anzubieten, um Nachwuchssammler zu ködern. Gerade dann, wenn der Handel auch solche Schrottmünzen übernimmt, wird in Kauf genommen, dass historische Informationen vernichtet werden. Das Angebot behauptet zudem, die Münze stamme aus einem "Schatzfund". Wenn hier nicht einfach eine irreführende Behauptung (und ein Fall für den Verbraucherschutz) vorliegt, bedeutet das aber immerhin, dass ein Komplex zusammengehörender Münzen auseinander gerissen wurde, der eine historische Quelle dargestellt hätte - und fast überall meldepflichtig gewesen wäre. Die beigelegten Münzen sind stark korrodiert, ungereinigt (also vielleicht eher nicht aus alter Sammlung) und kaum mehr bestimmbar, gleichwohl wären sie im Kontext des Schatzfundes durchaus noch wichtiger Teil einer historischen Quelle gewesen. Das Problem liegt darin, dass für einen Münzhandel genau der eigentliche Wert vernichtet wird.

Ohne Kontext
Mit Kontext
  • Materieller Wert
  • Datierungsmöglichkeit für archäologische Befunde
  • Bildprogramm der Münze
  • ggf. Teil eines Hortfundes (vulgo: Schatzes) mit wichtigen Informationen zu dessen Bildung, Zusammensetzung
  • Rarität
  • Lokaler Münzumlauf

  • Wirtschaftliche Konjunkturen

  • „Schatzhorizonte“: Informationen zu politischen Krisen, Unruhezeiten

  • Regionale Metallzusammensetzungen

  • Bestattungs- und Opfersitten

  • Regionale Wirtschaftsbeziehungen

Anm.: Selbst schlecht erhaltene, nicht mehr exakt bestimmbare Münzen liefern zumindest ein quellenkritisches Korrektiv
 Tab.: Der Wert einer Schrottmünze - in rot der vernichtete Wert

Tatsächlich sind wohl viele römische Münzen in Privatbesitz, die vielleicht aus "alter Sammlung" stammen oder zufällig im Baustellenaushub gefunden worden sind. Auch diese Funde könnte man mit einem Herkunftsnachweis versehen, indem bei Neufunden eine Behörde bescheinigt, dass es sich um einen wissenschaftlich irrelevanten Fund handelt. Die Meldepflicht in den deutschen Denkmalschutzgesetzen besteht ohnehin schon. Bei Altfunden könnten alte Fotos und Sammlungsinventare ggf. eine eidesstattliche Erklärung den Funden beigelegt werden, die präzise (deutlich mehr als 'alte Schweizer Sammlung'!) auflisten, was zur Provenienz bekannt ist.
„Herkunftszertifikate werden in Deutschland mit gutem Recht nicht verlangt, weil sonst diese Münzen allesamt illegal würden und nicht mehr übertragbar wären. Der Handel mit Hehlerware ist jedoch eindeutig geregelt und gilt für jedes Produkt, so natürlich auch für Münzen. Wir haben die Ware in gutem Glauben erworben und gehen natürlich davon aus, dass diese Ware nicht aus solchen Quellen stammt. Auch bei anderen Produkten verlassen wir uns auf diese Grundsätze von Treu und Glauben.“
Angesichts der enormen Raubgrabungslöcher, die man im Vorderen Orient, aber auch anderenorts wie beispielsweise in Bulgarien auf Google-Luftbildern erkennen kann, (vergl. Ratiaria – Die geschredderte Römersiedlung. Archaeologik [20.6.2013]; Die völlige Zerstörung von Apameia. Archaeologik [30.4.2013]), ist es aus unserer Sicht allerdings sehr wahrscheinlich, dass ein großer Teil von Münzfunden aus Raubgrabungen stammt und „Treu und Glauben“ längst nicht mehr ausreichen. Wenn sich auch im Einzelfall des Norma-Angebots ein Gesetzesverstoß wahrscheinlich nicht wird nachweisen lassen, so ist doch mit höchster Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die angebotenen Funde illegal sind. Insofern ist das Angebot in höchstem Maße unmoralisch.

Derzeit gibt es durchaus Planungen, das Kulturgüterschutzgesetz zu reformieren (http://www.deutschlandradiokultur.de/terror-geschaefte-gesetz-soll-illegalen-handel-mit.1013.de.html) und endlich den internationalen Standards anzupassen. Entweder ist das dem Münzhändler noch nicht bekannt, oder er möchte davon ablenken („eine Verschärfung der Gesetze nicht geplant“). Bleibt zu hoffen, dass hier endlich der Legitimitätsnachweis festgeschrieben wird.
"Es ist ein Spannungsverhältnis zwischen beiden Interessenlagen ist sicher vorhanden, das sich letztlich nicht befriedigend lösen lässt." 
Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Vergangenheit wie auch gegenüber der Zukunft kann aber nur bedeuten, dass man alles unterlässt, was neue Raubgrabungen ermutigt.
„Zusammenfassend möchten wir sagen, dass wir uns vollkommen konform mit unseren Gesetzen verhalten und auch sonst keinen Grund sehen, unser Angebot als anstößig zu betrachten.“
In Zeiten, in denen der Islamische Staat seinen Terrorismus, der so unsagbares Leid über Menschen gebracht hat, unter anderem auch mit dem Verkauf von Antiken finanziert (vergl. Archaeologik), scheint ein solches Angebot aus unserer Sicht eben doch anstössig. Jahrtausendealte archäologische Fundstellen werden für solche Schrottangebote und einige wenige hochpreisige Kunstwerke für alle Zukunft zerstört. Norma setzt seinen Ruf aufs Spiel.


PS:
Die beiden Münzen, die uns zugesandt wurden, werden der Sammlung des RGZM übergeben, da wir uns als Archäologen keine privaten Funde leisten möchten und es auch nicht für verantwortbar halten, die Funde durch Rücksendung an den Händler wieder in den undurchsichtigen Markt zu geben.


Link (Nachtrag 26.11.2014)

Sonntag, 23. November 2014

Antikenhandel in Südostasien

Nicht nur ein Thema für den Nahen Osten:
Ein wachsender Markt für Antiken, in dem Thailand und Singapur die entscheidenden Drehscheiben sind. Ein wichtiger Endmarkt sind offenbar die USA, von wo jüngst 500 illegal gehandelte Objekte an Thailand zurückgegeben worden sind. 

Dienstag, 4. November 2014

Kambodscha: Die Ausfuhr von Kulturgütern war auch früher illegal

Mehrfach gab es in jüngerer Zeit Affären um illegal gehandelte Statuen aus Kambodscha, die bei großen Auktionshäusern angeboten wurden. Rechtsansprüche der Herkunftslandes wurden von den Geschäftemachern des Antikenhandels verneint, Rückgaben als freiwilliges Zeichen guten Willens dargestellt.

Dass aber der Export auch früher schon nicht rechtens war zeigt ein Beitrag bei artnetnews:

Ähnliches gilt übrigens auch für den Mittelmeerraum, wo es auch vor 1970 Antikengesetze gab, die den Export von Kulturgütern weitgehend verboten haben - oder an Bedingungen gebunden, die bei legal exportierten Funden auch heute noch nachprüfbar sein sollten.


Interner Link