Donnerstag, 21. August 2014

Virtuelle Archäologie in Baden-Württemberg

Offiziell wurden vorige Woche die 3D-Modelle vorgestellt, die die archäologische Denkmalpflege Baden-Württemberg online bereit stellt.

Zu erreichen ist die 'virtuelle Archäologie' unter:
Die bisher verfügbaren Modelle zeigen die Bandbreite der Anwendungen:

Die Ansicht der 3D-Modelle erfolgt mittels Sketchfab im Browser. Hier gibt es auch die Möglichkeit, die 3D-Modelle über Social Media zu teilen oder mit einem code auf anderen Website einzubinden. Die rechtlichen Bedingungen, ob und wie das erlaubt ist, werden aber nirgendwo explizit angegeben. In den Erläuterungen ist beiläufig von "freiem Download" die Rede, weshalb hier der Menhir von Weilheim mit der bereit gestellten Funktion als Beispiel eingebunden sei:



So beeindruckend das Heidengraben-Modell auf den ersten Blick ist, so haben doch die früheren archäologischen Pläne des Oppidums einen höheren Informationsgehalt. Die Auflösung ist relativ gering, so dass es nicht prospektiv zu verwenden ist, sondern allenfalls illustrativ zu verwenden ist. Dann aber ist es eventuell störend, dass es im Hangbereich viele Datenlöcher gibt und auch die Kacheln der LiDAR-Scans sind nicht sauber geglättet sind.
Anders sieht es mit der Dokumentation des Menhirs von Weilheim aus, der sehr gut die Details erkennen lässt. Hier hat das 3D-Modell großen wissenschaftlichen Wert. Für ein breiteres interessiertes Publikum würde eine Fototextur aber einen höheren Grad an "Authentizität" vermitteln.
Grundsätzlich stellt sich bei solchen 3D-Modellen, wo ihr Nutzen über eine reine Visualisierung hinaus liegt. Die Antwort liegt sicher in der Möglichkeit zu weitergehenden Analysen - was aber das Prinzip der Open Data erfordert, das über die Bereitstellung fertig interpretierter Modelle hinaus geht.

Link

Online-Petitionen in der Archäologie

Online Petitionen sind in Mode. Man kann darüber streiten, inwiefern sie tatsächlich Einfluß auf politische Entscheidungen nehmen können. Der DGUF-Newsletter v.6.8.2014 frägt "Folgenlose Klickerei oder wachsender Einfluss der Bürger: Was Online-Petitionen und -Kampagnen erfolgreich macht". Aber jenseits der Frage, was Petitionen praktisch erreichen können, sind sie auch ein Zeichen dafür, dass eine Öffentlichkeit zunehmend eine Mitbestimmung und Beteiligung an ihrem Kulturerbe einfordert.

Petitionen

Petitionen sind ein Instrumentarium der demokratischen Meinungsbildung und können sich an verschiedene Adressaten der Legislative wie der Exekutive wenden. Petitionen an die Parlamente haben oft insofern besonderen Rechtscharakter, als ein Anrecht besteht, dass sich die Volksvertretung mit dem Anliegen auch tatsächlich auseinandersetzt. Der Bundestag unterhält dazu einen eigenen Petitionsausschuß. Über ein eigenes Portal können Petitionen auch online eingereicht werden (https://epetitionen.bundestag.de/epet/peteinreichen.html). 
Ansonsten gibt es heute zahlreiche Petitionsplattformen, von denen in Deutschland change.org und openpetition derzeit besonders bedeutend sind. Im Unterschied zu den offiziellen Petitionen an die Parlamente haben diese online-Petitionen keine rechtliche Wirkung. Sie sind lediglich Appelle. Wirksam werden sie, wenn es gelingt, eine überraschende Anzahl von Unterstützern zu finden, die zeigt, dass sich Wähler oder Kunden für ein Thema einsetzen. 

Petitionen zur Denkmalpflege

Inzwischen gibt es international eine große Zahl von Petitionen, die Fragen der Denkmalpflege und der Archäologie betreffen. Einige Beispiele seien im folgenden aufgeführt:
Pont Valentré in Cahors
(Foto: S. Schreg, 1978)


In Deutschland sind entsprechende Petitionen (noch?) relativ selten. Beispiele sind etwa:

Mittwoch, 20. August 2014

Materielle Kultur in den historischen Kulturwissenschaften (Materielle Kultur und Archäologie 3)

Das Studium materieller Kultur ist ein Teil der Kulturwissenschaften. Dabei sind die vielfältigen Beziehungen zwischen Menschen und Dingen in Zeit und Raum der Hauptforschungsgegenstand. Materielle Kultur kann nicht unabhängig von sozialen Prozessen und Rahmenbedingungen verstanden werden, wie umgekehrt soziale Handlungen und Beziehungen häufig aufs engste mit materieller Kultur verbunden sind. Objekte können als Ressourcen, Prestige- und Machtmittel im Kern sozialer Auseinandersetzungen stehen oder als Medien sozialer Kommunikation dienen – oder einfach den lebensweltlichen Rahmen sozialer Prozesse bestimmen.

Die Beschäftigung mit materieller Kultur hat innerhalb der Kulturwissenschaften einen schweren Stand. Einerseits führten die herrschenden Menschen- und Geschichtsbilder dazu, die materielle Kultur als etwas niederes zu sehen, der eine höhere, durch Ideen, Sprache und Texte repräsentierte immaterielle Kultur gegenüber steht. Andererseits hat in den 1960er Jahren der linguistic turn in den Kulturwissenschaften die Idee propagiert, wonach jede Erkenntnis sprachabhängig ist. Damit entwickelte sich eine gewisse Sprach-Fixierung, die manche lebensweltlichen und materiellen Aspekte von Kultur ins Hintertreffen geraten ließ.

In vielen Handbüchern und Einführungen in die Kulturwissenschaften spielt materielle Kultur keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Vielfach bestehen starke Traditionen aus den Literatur- und Bildwissenschaften, wohingegen Ethnologie oder eben auch Archäologie häufig lediglich eine Nebenrolle spielen.


Historische Kulturwissenschaft
Wissenschaftsverständnis Transdisziplinär
selbstreflexiv
Forschungsansatz Vergangenheitsbezogen
fachspezifisch
Forschungsgegenstand Der historische Mensch samt seiner materiellen und immateriellen Hervorbringungen
Interpretation Theorie- und analogiegeleitet
Ziel Herausarbeitung geschichtlicher Einzelkulturen und Kulturerscheinungen
Herausarbeitung wiederkehrender Züge in den geschichtlichen Erscheinungen und im geschichtlichen Prozess (Generalisierung)
Abb. 3.1 Eigenschaften der Historischen Kulturwissenschaft (nach Eggert 2006, Abb. 13.1)

 

Kulturgeschichte und Ethnologie im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert spielte die Auseinandersetzung mit materieller Kultur eine wichtige Rolle für die im Zusammenhang mit der Ausbildung nationaler Identitäten entstehenden Kulturgeschichte. Sammlungen und Kuriosenkabinette entwickelten sich zu Museen mit wissenschaftlichen und didaktischen Ansprüchen. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise die Gründungen des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg und des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz zu nennen. In der Ethnologie entstanden umfangreiche Sammlungen von Objekten fremder Völker. Eine wesentliche Aufgabe war zunächst die zeitliche und räumliche Ordnung des Materials. Die Konzepte von Typologie und Kulturräumen wurzeln in dieser frühen Phase der Erforschung materieller Kultur, der es oft noch an einer ausreichenden Kontextualisierung der Objekte bezüglich ihres Gebrauchs- oder Fundkontextes mangelte. Neben der räumlichen und zeitlichen Ordnung richtete sich das Forschungsinteresse von Anfang an auf den Alltag sowie eine weitere kulturgeschichtliche, meist evolutionär gedachte Einordnung. Für Ludwig Lindenschmit beispielsweise war es das Ziel seiner Sammlungen am Römisch-Germanischen Zentralmuseum anhand der Objekte „die Stellung der vorhistorischen Bildungszustände mit jenen der geschichtlichen Zeit in ein folgerechtes und begreifliches Verhältnis“ zu bringen (Lindenschmit 1866). Man bediente sich für die Interpretation schriftlicher und bildlicher Quellen und versuchte deshalb in der Archäologie „von den Verhältnissen der ältesten historischen Zeit, als der einzig sicheren Grundlage, ausgehend ihren Pfad in die dunkleren Räume der Vorzeit, Schritt für Schritt“ (Lindenschmit 1866) zu sichern. Archäologische und kunsthistorische Objekte wurden unter Bezug auf bildliche und schriftliche Quellen interpretiert, weshalb der frühgeschichtlichen, historischen Archäologie eine besondere Bedeutung zukam.

Montag, 18. August 2014

Gestrandete archäologische Funde der Krim

Ein Update zu Archäologie zwischen Kiew und St. Petersburg - Kulturgut im Krim-Konflikt. Archaeologik (28.3.2014) jetzt im Spiegel:

Materielle Kultur: Einige Definitionen (Materielle Kultur und Archäologie 2)

Traditionell wird der Begriff der materiellen Kultur in der volkskundlich-museologischen Forschung auf tote, bewegliche Güter bezogen, womit die gebaute Umwelt weitgehend ausgeschlossen wird (Ludwig 2011). In der Regel werden auch natürliche oder lebendige Dinge wie Bäume, Tiere aber auch Kulturlandschaften ausgenommen. Voraussetzung ist zudem, dass die Objekte auch vom Menschen wahrgenommen wurden.


Im Hinblick auf die Ziele einer Erforschung materieller Kultur – egal ob auf die Gegenwart oder die Vergangenheit bezogen – macht solch eine restriktive Begrifflichkeit heute wenig Sinn und ist nur aus der Forschungsgeschichte (siehe unten) und einem antiquierten Kulturbegriff (siehe oben) heraus zu erklären. Die neueren „material culture studies“ etwa ziehen bewusst die anthropogene Landschaft in die Analyse mit ein. „Die Frage, ob eine Sache vom Menschen gestaltet wurde, erweist sich als nachgeordnet gegenüber der Frage nach der Wahrnehmung von Gegenständen, dem Umgang damit und deren Bedeutung“ (Hahn 2005, 25). Elemente der menschlichen Umwelt, die der Mensch direkt (bewusst, aber auch unbewusst) beeinflusst, prägt oder wahrnimmt sind Teil der materiellen Kultur. Äcker, Hecken, Wege oder Brücken sind ebenso Teil der materiellen Kultur wie Möbel, Gefäße oder jedwede Luxus- und Prestigeobjekte oder Statusabzeichen.
Gräber, Schlachtfelder, aber auch  Kulturlandschaftsrelikte (Abb. 1.3; Abb. 2.1) können nicht ausgeklammert werden, wenn man vergangene Gesellschaften verstehen möchte.



Abb. 2.1 Ackerfluren als materielle Kultur: gestaltete, genutzte und auch wahrgenommene Landschaft


Problematisch ist auch das Kriterium einer Wahrnehmung durch den Menschen, da z.B. Mikroben fester Teil der Kulturgeschichte sind, aber erst in der Neuzeit als solche entdeckt wurden. Unter dem Einfluss menschlicher Kultur entwickelten sich Krankheitserreger, aber beispielsweise auch Hefe-, Milchsäure und Sauerteigbakterien.



Abb. 2.2 Holzmodell einer Bäckerei, Tempel des Mentuhotep II in Deir el-Bahari (British Museum)
Wichtiger Bestandteil des Backens sind Hefe- oder Sauerteigbakterien. Sie sind wichtiger Teil der materiellen Kultur, obgleich sie von den Menschen vor dem 19. Jahrhundert nicht bekannt waren.
(Foto: E. Naville 1906/07, via Wikimedia Commons)



Insofern bietet es sich an, unter materieller Kultur alle materialisierten Überreste vergangenen menschlichen Lebens zu verstehen, unabhängig davon, ob es sich um greifbare Gegenstände, klassische archäologische Befunde oder Geländerelikte handelt.


Dabei handelt es sich bei den archäologischen Funden aber nicht lediglich um Relikte oder Überreste, da beispielsweise Grabanlagen aber auch Architektur (ebenso wie epigraphische Denkmäler) durchaus mit einem Überlieferungswillen einhergehen mögen. Gräber künden an nachfolgende Generationen vom Stellenwert der Familie oder reklamieren möglicherweise auch ganz konkrete Besitzansprüche an Land. Monumente, Kunstobjekte oder bildliche Darstellungen sind ebenso nicht nur als Relikte zu verstehen (vergl. die Kategorien intentionaler/funktionaler Daten: Härke 1993; Archaeologik).




Abb. 2.3 Definitionen von Sachkultur/materieller Kultur
(Graphik: R. Schreg)


Die Begrifflichkeiten von Objekten, Dingen, Sachen etc. sind sehr komplex und ihr Gebrauch ist nicht einheitlich. Die folgende Übersicht stellt einige gebräuchliche Definitionen zusammen:


Ding
Oberbegriff: bezeichnet die einzelnen Gegenstände der materiellen Kultur,
speziell deren physischen Erscheinungsformen (engl. ‚lumps’, eigentlich Brocken oder Klumpen), um ihre Materialität, Dreidimensionalität und physische Präsenz hervorzuheben.
teilweise auch bezogen auf naturgegebene Dinge

problematische Abgrenzung gegen „Sache”, „Objekt” oder „Artefakt”
Objekt
1.) Dinge mit kultureller Bedeutung
Der Begriff ist „psychologisch besetzt“ und lässt jeweils ein ‚Subjekt’ als Gegenüber mitdenken.
Damit lassen sich Objekte der Natur, die nicht weiter bearbeitet, benutzt oder kulturell und sozial eingeordnet werden, aus der materiellen Kultur ausscheiden, was aber umgekehrt auch bedeutet, dass Objekte der direkten Umwelt Teil der materiellen Kultur sind, auch wenn sie wie Tiere oder Bäume lebendig sind.
2.) vom Betrachter unabhängig existente, dem Menschen gegenüber gestellt
Gegenstand
Objekt mit kultureller Bedeutung, schließt aber lebendige Objekte aus
Sache
Betonung auf Gebrauchswert: Objekte menschlicher Arbeit
Artefakt
Betonung auf der Herstellung, dem Produktionsvorgang: intentional und durch menschliche Arbeit
Zeug
Begriff nach Heidegger: vom Menschen geschaffen, dem Menschen dienstbar gemacht
Werk
Begriff nach Heidegger: vom Menschen geschaffen, aber kein unmittelbarer Zweck
Güter (goods)
Betonung auf Konsum und allgemeine ökonomische Dimension
Ware
Betonung auf Markt
Überrest /Relikt
nicht mit der Intention eines Überlieferungswillens produzierte Gegenstände
Nach: Ludwig 2011; Hahn 2005, 19ff.




zur Serie 'Materielle Kultur und Archäologie'
zu Teil 1
zu Teil 3
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