Montag, 21. Juli 2014

Vorbevölkerung und nichtagrarische Nutzung? - 'koloniale' Aspekte des frühmittelalterlichen Landesausbaus

Der mittelalterliche Landesausbau in Mittelgebirgs- und Sumpflandschaften wird insbesondere in der Archäologie häufig noch als organisierte Zivilisierung zuvor unbesiedelter Wildnis verstanden. Dies gilt etwa für frühmittelalterliche Aufsiedlung in Süddeutschland, wo aus der Chronologie der Reihengräberfelder, aus Ortsnamen, Flur- und Dorfformen mehrfach auf eine herrschaftliche Lenkung der Aufsiedlung geschlossen wurde. Abgesehen davon, dass hier oft spätere Umstrukturierungen des ländlichen Siedlungsgefüges unterschätzt wurden, ist vor allem zu hinterfragen, inwiefern das dahinter stehende theoretische Konzept von Kolonisation zu bewerten ist.

Eine 'post-koloniale' Perspektive dazu in einem neuen Artikel 

Montag, 14. Juli 2014

Schimmel-Keramik

Die Bearbeitung von Keramikfunden aus alten Sammlungsbeständen kann hin und wieder eklig sein: Milbenpopulationen und Schimmelflecken sind mir nun schon mehrfach begegnet. Jüngster Fall ist ein bronze- und urnenfelderzeitlicher Keramikbestand der Sammlung Kley - der anders als die nebenan gelagerten Funde auf fast allen Scherben punktuell auftretenden weißen Schimmel zeigt.
verschimmelte Keramik einer urnenfelderzeitlichen Fundstelle aus Langenau, geborgen Mitte der 1980er Jahre
(Foto: R. Schreg)

Im Falle des Schimmels wurden die Scherben nochmals gewaschen, wobei die befallene Fläche etwas wasserabweisend ist. Ohne Einsatz einer Bürste sind die Schimmelreste nicht ohne Weiteres zu beseitigen. Für weniger hart gebrannte vorgeschichtliche Keramik ist das ein Risiko für die Erhaltung der originalen Oberflächen.

Bei der Milbenpopulation hatte es keinen anderen Ausweg gegeben, als mit Insektenvernichtungsmitteln zu agieren - was ggf. für künftige archäometrische Untersuchungen ein Problem sein könnte.
Auch für Keramik sind trockene Lagerungsbedingungen wichtig - ebenso wie eine gelegentliche Prüfung des Zustandes der Funde.

Mittwoch, 9. Juli 2014

Terrorgelder bringen Antikenhandel in Erklärungsnot

Nach Pressemeldungen über die Finanzierung von ISIS in Syrien und Irak (vergl. Antikenhandel auf Platz 2 im Handelsimperium des Terrors Archaeologik 17.6.2013) hat das Thema des illegalen Antikenhandels weitere Resonanz in den Medien gefunden.
Dabei fällt der Blick nicht nur in den Nahen Osten in den Irak und nach Syrien, sondern auch auf Kambodscha: 

    Auch die einschlägigen Blogs greifen das Thema nun verstärkt auf:
    Ein Punkt der Diskussion dreht sich darum, wie der Kulturgüterschutz mit der nun ins öffentliche Bewusstsein tretenden Verknüpfung von Antikenhandel und Terrorismus umgehen solle. Derek Fincham, warnt davon, die Beziehungen zu sehr zu betonen und die Probleme des Kulturgüterschutzes zu sehr mit dem Kampf gegen den Terror zu verbinden. "Plünderungen archäologischer Fundstellen sind ein ernstes und tragisches Verbrechen, das uns unseres gemeinsamen Kulturerbes beraubt. Versuche, einfache Verbindungen zwischen Raubgrabungen und Terrorismus herzustellen werden der Problematik von Plünderungen nicht gerecht und unterminieren das Anliegen (Archaeological looting is a serious and tragic crime which robs us of our collective cultural heritage. To attempt to make cheap connections between looting and terrorism undermines the cause and seriousness of the theft and looting.)"
    Dem hält Paul Barford entgegen, dass man die Indizien nicht negieren könne. "Wir können nicht negieren, dass dieses ganze Gewerbe heimlich und geheimnskrämerisch ist, in dem die hier Tätigen (selbst die, die sich selbst als den legalen Teil erachten) höchstes Interesse daran haben, alles vor den Blicken der Öffentlichkeit zu verbergen. (We cannot ignore the fact that this whole business is a clandestine and secretive one, where those engaged in it (even those who regard themselves as at its "legitimate end") have a vested interest in keeping everything out of the public eye. The evidence of anything connected with it is going to be scant and uncertain in its interpretation - what else can one expect until we have proper investigations of the whole process?)":
    Images from 9/11
    9/11
    (Foto: 'macten' [CC BY-NC 2.0] bei flickr)
    Im Prinzip geht es bei der aktuellen Diskussion aber, soweit ich sehe, nicht mehr darum, ob es einen Zusammenhang von Terrorgeldern und Antikenhandel gibt, sondern wie sich dieser gestaltet und welche Ausmaße er hat.
    Die Vorwürfe eines engen Zusammenhangs zwischen Terror und Antikenhehlerei sind im übrigen nicht neu. Schon 2005 war der Verdacht laut geworden, auch die Anschläge von 9/11 seien mit Geldern aus dem Kunsthandel finanziert worden:

    Ganz unabhängig von den Fragen des Kulturgüterschutzes und der Prävention von Raubgrabungen, wird der Antikenhandel nun aber die Fage zu klären haben, wie die Verflechtungen mit dem Terror tatsächlich aussehen - und es wie bei den angeblich sicheren Vor-1970-Provenienzen möglich ist, dass in den Regionen des Vorderen Orients Millionen-Gewinne erzielt werden können, wenn diese Objekte angeblich gar nicht gehandelt werden. Und natürlich stellt sich die Frage, ob die angeblichen, meist nicht belegten "Alte-Sammlungen"-Provenienzen (echte Provenienzen sind eigentlich auch nur  Fundorte und Grabungsbefunde, nicht aber Sammlungen) dem neuen Problem angemessen sind, ob man hier nicht eben doch nachvollziehbare Regeln benötigt, um mögliche Terrorgeschäfte auszuschließen.

    Links

      Montag, 7. Juli 2014

      In 25 Jahren ausgeplündert? Ägyptens Kulturgüter im Juni 2014

      ein Beitrag von Jutta Zerres

      Selten genug hört man die Stimmen der Ägyptologen zur akuten Bedrohung der ägyptischen Kulturstätten. Anläßlich einer Diskussion des US State Departments um strengere  Importgesetze äußerten sich nun Amerikanische Forscher. Es wurde dabei die eindringliche Warnung ausgesprochen, dass das Land ohne weitere Gegenmaßnahmen in ca. 25 Jahren ausgeplündert sei.
      Auch der Ägyptische Archäologenverband forderten mehr Schutz vom Antikenminister:

      Neuer Antikenminister
      Ägypten hat einen neuen Antikenminister, den Ägyptologen M. El-Damaty.


      Neues von der selbsternannten deutschen Pyramiden-„Forschern“

      D. Görlitz und St. Erdmann hatten im letzten Jahr ohne Genehmigung der ägyptischen Behörden Gesteinsproben aus der Cheopspyramide entnommen (Archaeologik vom 8. Juni 2014). Die Staatsanwaltschaft Chemnitz hat nun wegen Diebstahls eine Geldstrafe beantragt:

      Berichte über Raubgrabungen

      Am 12. Juni meldeten die Aktivisten von Egypt’s Heritage Task Force Raubgrabungen vom Gebel Mandisha in der Oase Bahariya und belegten dies mit 29 Fotos.
      Am  6. und 19. Juni machte die Gruppe auf Plünderungen an den Fundplätzen Al-Maasara 'southern mountain' und Sheik Wali in der Oase Dachla aufmerksam und illustrierten dieses wiederum eindringlich mit einer Vielzahl von Fotos von Raubgrabungslöchern, zerstörten Mumien und Fundobjekten.

      Monica Hanna verbreitete über die sozialen Netzwerke die Nachricht über einen großen Coup der ägyptischen Polizei. Es wurden 9000 Statuen, 107 Mumien und verschiedene weitere Artefakte wurden beschlagnahmt und 300 Personen, die der Beteiligung an illegalen Ausgrabungen vorgeworfen wird, festgenommen.
      Über die Arbeit der Ägyptologin Monica Hanna:
      Blick auf die mittelalterliche Lehmziegelstadt El Qasr in der Oase Dachla
      (Foto: E. Schäffer, Königsbronn, mit freundlicher Genehmigung)

      Die ägyptische Polizei fand in Achmin (Mittelägypten, bei Sohag) eine 7 m tiefe Grube angefüllt mit geraubten Kulturgütern:

      Eine Bande von Raubgräbern wurde von der Polizei in Abu Sir festgenommen:
      El Ahram online, 30. Juni 2014: http://english.ahram.org.eg/NewsContent/9/40/105110/Heritage/Ancient-Egypt/Ancient-Egyptian-objects,-Islamic-coins-recovered.aspx
      Selket’s Blog, 30. Juni 2014: http://blog.selket.de/grabraeuber/grabraeuberbande-abusir-festgenommen


      Restitutionen

      Sowas gibt’s auch! Ein deutsches Sammlerehepaar entschied sich ein Wandmalereifragment zurückzugeben, nachdem sie erfahren hatten, dass es aus dem Grab des beamten Sobekhotep in Luxor geraubt worden war. Das Paar hatte das Stück 1986 in einem Kölner Kunsthaus erworben mit der Angabe, dass es aus einer alten englischen Privatsammlung stamme. Nun sollte es in einer Bonner Sonderausstellung präsentiert werden. Dabei wurde der Ägyptologe J. Auenmüller auf das Fragment aufmerksam und dieser deckte die wahre Herkunft auf. Für den Entschluss zur Rückgabe wurde das Paar vom ägyptischen Botschafter in Berlin geehrt:
      In den letzten Wochen wurde von zahlreichen weiteren Restitutionen berichtet. Dabei darf nicht vergessen werden, dass dadurch der Schaden an der historischen Aussagekraft des Fundes nicht wieder gut gemacht werden kann! Die entscheidende Aussagekraft eines Objektes liegt darin, dass man seinen Kontext so genau als möglich rekonstruieren kann. Mit der Plünderung ist das vernichtet. Vordringliche Sorge muss es sein, die Raubgrabungen einzudämmen - etwa, indem man die Hoffnung auf große Gewinne minimiert (die im übrigen auch nicht bei den Raubgräbern vor Ort ankommen).



      Zwölf gestohlene Artefakte werden aus Großbritannien an Ägypten zurückgegeben. Sie waren im Auktionshaus Christie’s aufgetaucht:

      Acht gestohlene Holzobjekte aus islamischer Zeit erhielt Ägypten aus Dänemark zurück:

      24 Objekte aus einer Privatsammlung aus Deutschland werden ans Ursprungsland zurückgegeben. Die Stücke waren dem Ägyptischen Museum der Uni Leipzig vor einigen Monaten zum Kauf angeboten worden. Der Verkäufer konnte keine Papiere vorweisen, die ihn als rechtmäßigen Besitzer auswiesen. Das Museum hegte Zweifel an der legalen Ausfuhr der Stücke und beschloss die Rückgabe:

      85 antike Objekte wurden in einem Privathaus im Fayoum gefunden. Es fand sich sogar eine königliche Mumie unter den Funden. Zwei Männer wurden festgenommen. 

      Am Tahrir-Platz in Kairo wurde ein Mann verhaftet, der eine Statuette des Gottes Bes verkaufen wollte. 


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      Samstag, 5. Juli 2014

      Auf dem Weg nach Iustiniana Prima

      Archaeologik wird im Juli voraussichtlich etwas kürzer treten. 
      Heute beginnt die erste Feldkampagne unseres neuen Projektes zu Stadt und Umwelt. Forschungsgegenstand ist Caričin Grad in Südserbien - ziemlich sicher das antike Iustiniana Prima. Vier Wochen lang forschen wir mit serbischen und französischen Kollegen zu Produktion im Umland und Konsum in der Stadt. Da die Stadt nur kurz exisitierte, bietet sie hervorragende Erhaltungsbedingungen.
      Unsere Arbeiten testen neue Ansätze und zielen darauf, nicht nur Neues zu Iustiniana Prima herauszufinden, sondern mehr darüber zu lernen, wie in vorindustrieller Zeit Stadt und Umland miteinander interagierten.

      Caričin Grad von Osten (Foto: R. Schreg, 2013)


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