Freitag, 19. Dezember 2014

Eine neue Symbiose von Genetik und Sprachwissenschaft? Hoffentlich keine alte!

In Jena wurde im November 2014 ein neues Max-Planck-Institut für Geschichte und Naturwissenschaften (teils auch Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschicht) /Max Planck Institute for the Science of Human History eingerichtet (als wissenschaftliche Neuausrichtung des bisherigen MPI für Ökonomik). Es umfasst eine Abteilung für Archäogenetik und eine für Sprach- und Kulturevolution.
So sehr zu begrüßen ist, dass diese beiden wichtigen Forschungsrichtungen institutionell besser etabliert werden und Forschungsressourcen erhalten, so wirft das Konzept doch auch recht kritische Fragen auf.
Wie stellt man sich eine Synthese zwischen Genen, Sprache und Kultur vor? Bislang ist nicht zu erkennen, wie mit dieser grundlegenden kulturwissenschaftlichen Problematik in dem sehr naturwissenschaftlich ausgerichteten Institut umgegangen werden soll. Die Gleichsetzung von "Rasse"/Genetik, Sprache und Kultur ist eines der problematischen Kapitel der deutschen Forschungsgeschichte nicht nur der Archäologie, Geographie und Geschichte während der NS-Zeit. Eigentlich sollte heute klar sein, dass eine einfache Gleichsetzung dieser ganz unterschiedlichen Kategorien nicht statthaft ist.
Bleibt zu hoffen, dass hier Naturwissenschaftler nicht ganz unbedarft und konzeptlos der alten Gleichsetzung folgen, die in der Vergangenheit eine der übelsten Grundlagen für Rassismus geworden war.
Die Website formuliert als Aufgabe des Instituts die "Entwicklung und Anwendung neuer naturwissenschaftlicher Methoden, mit dem Ziel einer integrierten Wissenschaft der Menschheitsgeschichte. Es schlägt dabei eine Brücke zwischen den Geschichts- und Naturwissenschaften." Wie die Integration aber tatsächlich konkret aussieht, bleibt bisher unklar, zumal auch nicht zu erkennen ist, dass tatsächlich Geschichtswissenschaften beteiligt sind.
In einem Kommentar der FAZ weißt auch Jörg Feuchter auf die Herausforderung hin, die es bedeutet, Genetik und Geschichtswissenschaft zusammenzuführen. Er sieht hier die Geschichtswissenschaften in der Pflicht, sich ihr zu stellen, doch bringt auch er die Hoffnung zum Ausdruck, "dass das neue Max-Planck-Institut in Jena auch ein Ort für solche kritischen Dialoge wird." Ohne solch einen Dialog wird das neue Institut keine vertretbaren Ergebnisse liefern können.

Die beste Genetik bringt nichts, wenn sie ihre Daten mit den falschen historischen und sozialwissenschaftlichen Konzepten interpretiert. Es wäre ein großer Erfolg, wenn es hier tatsächlich gelingt, Natur- und Geisteswissenschaften zusammenzuführen!

Links
    Kritisch auch zur Gleichung "Gen = Volk":
    Interner Link


    Montag, 15. Dezember 2014

    „Don’t buy this stuff!“ – Zur Berliner Tagung „Kulturgut in Gefahr-Raubgrabungen und illegaler Handel“

    Jutta Zerres

    „Was tun?" angesichts weltweit zunehmender Raubgräberei und dem boomenden Handel mit den geplünderten Kulturgütern fragten sich am 11. und 12. Dezember die Teilnehmer der internationalen Tagung, zu der das Deutsche Archäologische Institut, die Stiftung Preussischer Kulturbesitz und der Deutsche Verband für Archäologie eingeladen hatten.

    Es geht um nichts geringeres als das kulturelle Gedächtnis der Menschheit, das im Boden in Form von Befunden und Kleinfunden konserviert ist.
    Raubgrabungen  sind zwar gewiß keine neue Erscheinung. Jedoch haben die politischen Krisen der jüngeren Vergangenheit insbesondere im Nahen Osten das Problem vielfach verstärkt. Allerdings wäre es eine glatte Fehleinschätzung, dass das Phänomen auf diese Regionen beschränkt wäre; es hat sich weltweit zu einer veritablen Bedrohung entwickelt. Die Bandbreite der Motivationen der Akteure ist breit. Sie liegen im puren ökonomischen Überlebenskampf, aber auch in einer überbordenden Gewinnsucht.  Dass Terroristen neuerdings ihre Aktivitäten u. a. auch mit dem Verkauf von illegal ausgegrabenen Objekten finanzieren und Kulturstätten feindlicher Gruppen aus ideologischen Gründen zerstören ist da nur das Tüpfelchen auf einem per se schon höchst abscheulichen „i". Wie mehrfach im Laufe der Tagung betont wurde, hält das deutsche Recht derzeit keine geeigneten Maßnahmen zur Beschränkung des Handels mit archäologische Objekten bereit, um dem Fortschreiten des Desasters etwas entgegen zu setzten. Vielmehr machten die laxen Gesetze Deutschland zu einem Umschlagplatz für diese Ware.

    Um der Sache von Seiten der deutschen Gesetzgebung endlich angemessen begegnen zu können, plant Kulturstaatsministerin Monika Grütters eine Gesetztesnovelle des Kulturgutschutzgesetztes von 2007. Die Tagung sollte mit Ideen, Verbesserungsvorschlägen und Konzepten dafür den Boden bereiten.

    Politisch war die Sache hoch aufgehängt: Das Auswärtige Amt stellte seinen „Weltsaal" zur Verfügung und die Begrüßungsworte sprachen vor den Repräsentanten der einladenden Institutionen die Staatsministerin im Auswärtigen Amt Maria Böhmer und die Initiatorin der Gesetzesnovelle selbst.

    Anwesend waren neben Archäologen und Juristen auch zahlreiche Pressevertreter von namhaften Medien. Für Archäologen ist so eine hohe Aufmerksamkeit für ihre Anliegen eher gewöhnungsbedürftig; Tagungen finden im Allgemeinen ohne nennenswert Anteilnahme der Öffentlichkeit statt. Das große Medienecho (s. u.) kann also die Fachvertreter, die sich nach Aussage des Leiters des DAI Kairo St. Seidlmayer ab dem ersten Semester der Marginalität ihres Exotenfaches bewußt sind, nicht kaltlassen.

    Ungewöhnlich war auch die Anwesenheit von Vertretern des Kunsthandels, denen die geplante Gesetzesnovelle als eine Art Damoklesschwert erscheinen muss. Je nachdem wie die Änderungen ausfallen, könnte es passieren, dass ihnen zukünftig das eine oder andere goldene Vlies davonschwimmt.

    Donnerstag, 11. Dezember 2014

    Die Zukunft mag erneuerbar sein - die Vergangenheit ist es nicht!

    In Nazca in Peru hat Greenpeace in der geschützten Zone des UNESCO-Weltkulturerbes als Aktion den Slogan "Time for Change! The future is renewable. Greenpace." angebracht. Die Schrift selbst stellt wohl keinen Bodeneingriff dar, doch ist es in dem Bereich das Betreten verboten. Fachleute betreten das Gelände nur mit Spezialschuhen. (Nachtrag 11.12.2014): Durch die Begehungen bei der Aktion ist eine neue Linie entstanden, die das Bild stört. -
    Die Linien gelten den Indios zudem immer noch als heilig.

    (Änderung 11.12.2014): Die peruanische Regierung hat die Aktivisten ausgewiesen. Greenpeace hat sich inzwischen entschuldigt. Aus den Berichten wurde mir nicht klar, welcher Schaden entstanden ist.
    Die peruanische Regierung hat eine Entschuldigung von Grenpeace abgelehnt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Durch die Begehung von 15 Aktivisten ist eine neue Linie im Kolibribild entstanden. 

    Die Zeichnung eines Colibris vor dem Greenpeace-Protest
    (Foto: BjarteSorensen, 2003 [CC BY SA 3.0) via Wikimedia Commons)

    Links
    Nachtrag 11.12.2014
    jetzt auch deutsche Medien:
    Nachtrag 12.12.2014

    Montag, 8. Dezember 2014

    Getty-Generaldirektor James Cuno: Keine Rückgabe von Funden

    Lesenswert zur Diskussion um die Rückgabe illegal gehandelter Museumsobjekte an die Herkunftsstaaten die Position des Generaldirektors des Getty Trusts James Cuno:

    Die Getty Museen haben in der Vergangenheit öfters durch Skandale mit illegal gehandelten Kunstobjekten und archäologischen Fundstücken Schlagzeilen gemacht und mussten in den letzten Jahren einigen Rückgabeforderungen etwa von Italien nachgeben. James Cuno spricht sich gegen eine Rückgabe von Museumsobjekten an die Herkunftsstaaten aus. Rückgabeforderungen seien nationalistisch.
    An einem wichtigen Punkt hat Cuno durchaus Recht: Die Rückgabe an einen Staat erweckt den Eindruck, Kultur sei Staatseigentum. (Was bei einigen unserer heimischen Sondler dann auch zu der absurden Meinung führt, der Staat würde sie durch das Schatzregal bestehlen.) Kultur gehört nicht dem Staat, sondern den Menschen - als Gemeinschaft. Es ist in der Tat nicht der moderne Staat, der einen moralischen Rückgabeanspruch hat (wohl aber einen rechtlichen), sondern es sind die Menschen der Region - basierend auf dem Aspekt des Raumes, nicht der Abstammung. Der Staat ist hier nur ihr Vertreter.
    Was Cuno aber übergeht, ist der Fakt, dass die meisten Objekte illegal außer Landes gebracht worden sind. Repatriierung ist eben auch ein Instrument, künftigen Schmuggel und Raubgrabungen zu vermeiden. Es dürfen keine Anreize gesetzt werden, Fundstellen und Geschichte dem Sammlerwahn und Kommerz zu opfern.

    Links und Literatur

    Montag, 1. Dezember 2014

    Kampf gegen Terror und Raubgrabungen (Syrien und Irak im November 2014)

    UNESCO-Direktorin Irina Bokova vergleicht die "kulturelle Säuberung", die IS derzeit im Nordirak und in Syrien betreibt, mit Völkermord.
    “Das ist eine Möglichkeit, Identitäten zu vernichten. Man beraubt die Menschen ihrer Kultur, ihrer Geschichte und ihrer Sprache - deshalb geht das mit Völkermord Hand in Hand. Abgesehen von der physischen Verfolgung wollen sie auch das Gedächtnis der verschiedenen betroffenen Kulturen löschen, d.h. zerstören.” (“This is a way to destroy identity. ... You deprive them of their culture, you deprive them of their history, their heritage, and that is why it goes hand in hand with genocide. Along with the physical persecution they want to eliminate – to delete – the memory of these different cultures.”) Bokova fordert bessere Maßnahmen gegen den internationalen Handel mit geplünderten Antiken. 
    Finanzierung des IS-Terrors durch den Antikenhandel 
    Im Schatten der Greueltaten des IS haben Raubgrabungen und Antikenhandel in Syrien und Irak in den Medien große Aufmerksamkeit gefunden.
    In Deutschland hat vor allem die Doku der ARD vom 20.10.2014 "Das geplünderte Erbe"  das Thema aktuell gemacht.

    In den Medien ist dabei von Milliardengewinnen durch den IS und vom Antikenhandel als zweitwichtigster Einnahmequelle die Rede. Dass der IS von Raubgrabungen profitiert, steht aufgrund einiger Zeugenaussagen außer Zweifel. Zweifelhaft sind allerdings die wohl tatsächlich überzogenen Zahlen zu den Einnahmen des IS aus dieser Quelle:
    Ein Beitrag von Jason Felch bei Chasing Aphrodite zeigt auf, wie die Aussage, Raubgrabungen und Antikenhehlerei seien die zweitwichtigste Einnahmequelle von IS, zustande kam. Es gibt freilich keinen Zweifel am Ausmaß der Plünderungen, denn Luftbilder belegen, wie vollständig viele Fundstellen inzwischen durch Raubgrabungslöcher vernichtet sind, was jedoch nicht allein auf das Gebiet des IS zutrifft. Aber bislang ist der Verbleib der sicher in die Hunderttausende gehenden Funden unklar. Noch wird der westliche Markt damit nicht überschwemmt - wobei die komplexe Handelskette und die Provenienzfälschung "alter Sammlungen" auch eine gewisse Zeit benötigt. So fehlt es an gerichtsfähigen  Beweisen, dass IS damit tatsächlich so viel Geld verdient - sind doch die Herkünfte meist gut verschleiert und liegen die Gewinne doch eher am Ende der Handelskette.
    Um hier Klarheit zu schaffen und um dann auch effektiv gegen den IS vorgehen zu können, ist es von zentraler Bedeutung, dass der Kunsthandel an der Aufklärung mitarbeitet und die Handelswege offen legt.
    Schon früher hat Derek Fincham die Frage aufgeworfen (vergl. Archaeologik 1.9.2014), wie die Archäologie mit dem Terroraspekt umgehen soll, da dieser zwar kurzfristig die Aufmerksamkeit auf das Thema lenkt, mittel- bis langfristig der Sache des Kulturgüterschutzes aber schaden könne. Immerhin besteht ein hohes Risiko, dass die Archäologie hier für die Interessen der US-Außenpolitik mißbraucht werden kann.
    Die ZEIT berichtet über die Finanzierungsmethoden des IS, wobei zunächst das Geschäft mit dem Kidnapping im Mittelpunkt steht:
    Eine aktuelle Zusammenfassung des Kenntnisstandes bringt
    Verschärfung des Kulturgüterschutzgesetzes in Deutschland
    Die bisherigen Regelungen des 2006 erlassenen Kulturgütergesetzes (mit dem erst nach über 30 Jahren auch Deutschland die UNESCO-Welterbe-Konvention mehr schlecht als recht umgesetzt hatte), hatten einer Überprüfung nicht stand gehalten. Die unzureichenden Regelungen haben im Gegenteil dem Antikenhandel in Deutschland einen Freischein ausgestellt. Vergl.

    Die Ankündigungen von Staatssekretärin Monika Grütters im Oktober gingen in die richtige Richtung.