Sonntag, 1. Mai 2016

Diskussion um den Wiederaufbau - und neue Zerstörungen (Syrien/Irak im April 2016)

Das Vordringen der syrischen und der irakischen Armee gegen Daesh hat im vergangenen März zur 'Befreiung' von Palmyra geführt. Der syrische Vorstoß richtet sich nun gegen Deir-ez-Zor und Raqqa, aber auch gegen Aleppo, wo sich vor allem die gemäßigte Opposition und al-Kaida hält. Die Medienberichte werden immer noch von Palmyra bestimmt. Die Kulturgutzerstörung andernortes gerät dadurch in den Hintergrund - zugleich zeigt sich, wie die Daesh-Propaganda auch nach der 'Befreiung' noch wirkt.

Mächte in Syrien, April 2016
(nach Pieter Van Ostaeyen,
https://pietervanostaeyen.wordpress.com/2016/04/04/syria-map-update-dd-april-3-2016/,
zur Nutzung freigegeben lt. https://pietervanostaeyen.wordpress.com/about/),

Palmyra

Russische Minenräumer in den Ruinen:
Schäden in Palmyra
Bei den Statuen im Museum haben die Daesh-Fanatiker gezielt die Köpfe abgeschlagen.
Palmyra
(Foto: M. Scholz)
Bilder zu Palmyra

Massengrab entdeckt:

Die Frage des Wiederaufbaus




Gegen eine Rekonstruktion zu Unzeiten - noch bevor der Bürgerkrieg wirklich beendet ist - und gegen eine daraus resultierende weitere Politisierung der Ruinen von Palmyra wendet sich eine Petition, die am 8. April auf der Plattform Avaaz gestartet wurde (Stand 27.4.: 470 Unterschriften). Initiator ist Salam Al K.aus den USA. Sie richtet sich an die UNESCO, die dazu angehalten wird, von überstürzten Rekonstruktionsmaßnahmen Abstand zu nehmen, in die zudem Vertreter der Kriegsparteien wie Russland involviert wären.

Tatsächlich will Russland an der Rekonstruktion beteiligt sein. Damit könnte der Makel, einem Diktator geholfen zu haben, der die Menschenrechte ebenfalls mit Füßen tritt, in der öffentlichen Wahrnehmung übertüncht werden.
UNESCO greift russischen Plan auf:


Auch der Iran will sich beteiligen:
DGAM bei Schadenserhebung mit polnischen Kollegen:
Die syrische Altertumsbehörde stellt klar, dass bei der Rekonstruktion nicht an 3D-Ausdrucke gedacht ist und es auch keine Pläne für zusätzliche Gebäude auf der Fundstelle gäbe.
 

Rekonstruktionen in London und New York

Die Rekonstruktion in London wurde nun eingeweiht:


Christliche Fundamentalisten sehen Palmyra als Teufelswerk und wenden sich gegen Rekonstruktionen in New York und London:
 und okkultistische Verschwörungstheoretiker sind auch nicht weit:
 

Niniveh

Nach der 'Befreiung' Palmyras setzt Daesh sein Zerstörungswerk im Irak fort:
Es ist nicht das erste Mal, dass Daesh in Niniveh und Mossul zuschlägt:

Schadensberichte anderer Orte

Beim weiteren Vormarsch der syrischen Armee nach Osten wird Daesh am 3.4. auch aus al-Qaryatain vertrieben. Das Kloster Mar Eliam mit einer Kirche aus dem 5. Jahrhundert ist weitgehend zerstört. Es war am 6. August 2015 von Daesh gesprengt worden, noch bevor ihm Palmyra zum Opfer fiel.
 Die letzten Damage Newsletters von Heritage for Peace:
 In der Provinz Deraa wurden in Bosra umfangreiche Raubgrabungen festgestellt. Die Freie Syrische Armee und die Antikenbehörde in Bosra versuchen sie zu stoppen.
Die Altertumsbehörde in Bosra beklagt, dass sich die Aufmerksamkeit einseitig auf Palmyra richte.

Raubgrabungen und westliche Antikenhehlerei  

Der russische UN-Botschafter Valeri Churkin hat neue Zahlen zum Wert des Antikenhandels durch Daesh genannt. Jährlich verdiene Daesh 150 bis 200 Millionen Dollar durch Antikenschmuggel, vor allem über die Türkei. Gaziantep sei Hauptumschlagsplatz, in Izmir, Mersin und Antalya gebracht, wo gefälschte Dokumente erstellt würden, ehe die Funde online verkauft würden.
    Die Tükei dementiert:
    Und die üliche reflexhafte Abwehr durch Kunst- und Antikenhändler:

    In der Tat bleibt allerdings unklar, worauf die rusischen Schätzungen konkret beruhen. In einem Exklusiv-Bericht von Russia Today werden neue Dokumente genannt, die RT von kurdischen Kämpfern erhalten hat und die dem Daesh-Ministerium für natürliche Ressourcen und Öl zugeschrieben werden. In den Unterlagen geht es vorrangig um Ölgeschäfte, doch sind auch Dokumente darunter, mit denen Daesh die Ausfuhr von Antiken in die Türkei genehmigt.
    Die Srategie hinter Plünderungen und Zerstörungen:
    weitere Berichte
    Reliefs aus dem Museum Palmyra in einem Versteck aufgefunden:

    Ermittlungen der Bundesanwaltschaft haben in Nordrhein-Westfalen zur Festnahme eines Syrers geführt, der beschuldigt wird, in Aleppo Kriegsverbrechen begangen zu haben. "Der Beschuldigte ist dringend verdächtig, im Herbst 2012 im syrischen Bürgerkrieg wiederholt nach dem humanitären Völkerrecht zu schützende Personen in schwerwiegender Weise grausam und unmenschlich behandelt zu haben. Zudem soll er mehrfach geplündert haben." Die Ermittlungen zeigen, dass die Stadtteilmiliz, die der Freien Syrischen Armee zugehört,  "nach den vorliegenden Erkenntnissen vorwiegend eigennützige Interessen" verfolgte. Geplündertes Gut soll der Angeklagte wiederholt zum Kauf angeboten haben.
     

    Nationalmuseum in Bagdad

    Maßnahmen

    Nach Jahren bringen die USA ein Importverbot auf den Weg. Antikenimporte aus Syrien hatten nach Daten der US-Customs in den letzten Jahren einen Höchststand erreicht.  
    Zum Engagement der Bevölkerung:
    Unterstützung und Ausbildung syrischer Kollegen:
    Fundstellen-Monitoring
    in den USA und Australien
    Task-Force
    Archaeological Heritage Network ArcHerNet
    Empfehlungen an die US-Regierung
    Weitere Maßnahmen

    Tagungen 



    Die Rolle des Kulturerbes für Wiederaufbau und Frieden:


    Sonstiges

    Links


    Montag, 25. April 2016

    Fragwürdige Renaturierung von Hochmooren ruiniert historische Archive

    In den letzten Jahren werden verstärkt auch in Südwestdeutschland Moore 'renaturiert'. Die Ziele solcher Maßnahmen sind vielfältig: Sie sollen dem Artenschutz und mit der Diskussion der Moore als CO²-Senken zunehmend auch dem Klimaschutz dienen. Dazu werden künstliche Barrieren geschaffen, die den Wasserabfluss bremsen und Bäume werden gerodet.

    Harzmoos bei St. Peter
    Im Jahr 2013 neue errichtete Sperren im mit engem Abstand. Beim Bau entstanden massive Schäden auf der Mooroberfläche und in den Torfen
    (Foto: A. Hölzer 2013, mit freundl. Genehmigung)
    Ein Artikel von Adam Hölzer, ehemals am Staatlichen Museum für Naturkunde in Karlsruhe setzt sich mit dieser "Renaturierung" von Hochmooren auseinander. Er untersucht solche Maßnahmen anhand von sechs Beispielen, wie etwa dem Hinterzartener Moor, dem Ibacher Fohrenmoos, dem Kohlhüttenmoos und dem Harzmoos bei St. Peter im Südschwarzwald sowie dem NSG Waltere in Oberschwaben und dem NSG Elzhofmoor im Mittleren Schwarzwald. Die Bilanz fällt ernüchternd aus:
    • Adam Hölzer, Moor-Renaturierung – eine kritische Diskussion der Entwicklung in SW-Deutschland. standort.wald 49, 2015, 101 - 117
      [Der Verein für Forstliche Standortskunde und Forstpflanzenzüchtung e.V., der sich für eine standortnahe Waldbewirtschaftung einsetzt, verspielt übrigens viel von seinem potentiellen Einfluss dadurch, dass die Zeitschrift nicht Open Access steht.]

    Kritikpunkte

    Die getroffenen Maßnahmen erfolgten meist ohne die nötigen Voruntersuchungen und wurden kurzfristig mit erheblichen Geldmitteln, unter anderem von Daimler durchgeführt, die freilich die absehbaren Folgekosten nicht abdecken. Staumaßnahmen, die entweder gar keine Wirkung zeigen oder im Gegenteil zu Staubereichen führen, die bereits laufende natürliche Regenerationen unterbrechen. Barrieren aus Holzspänen führen zu einer Nährstoffanreicherung, die dem Moorcharakter zuwiderlaufen und zu Methanfreisetzungen führen, die die intendierten CO²-Speicher zunichte machen. Die Niederschlagsbilanz in den Mooren des Schwarzwaldes beispielsweise ist keineswegs so, dass ein Mangel an Wasser besteht und ein gewisser Abfluss natürlich und notwendig ist.
    "In ein paar Jahren wird man erkennen, daß die ganzen Eingriffe nur Geld gekostet haben. Nur wird dann der Torf in vielen Gebieten massiv gestört sein und die unwiederbringlichen Archive werden zerstört sein. Es heißt immer, daß durch Wiedervernässung die Torfe geschützt seien. Aber das ist ein Trugschluß, auch eine trockene Oberfläche schützt den Torf. Zudem muß man dazu den Torf nicht 'umwühlen'."  (e-Mail A. Hölzer v. 29.2.2016)
    Erfahrungen und Vorbilder für die Renaturierungsmaßnahmen stammen aus Norddeutschland, ohne dass darüber reflektiert wird, inwiefern diese für die südwestdeutschen Moore angemessen sind. Dabei ist auch zu bedenken, dass Moore keineswegs reine Naturphänomene sind, sondern ihre Entstehung oft ganz erheblich mit früheren Kulturlandschaften zu tun hat, die man erst verstehen muss, um angemessene Naturschutzmaßnahmen zu treffen. Dazu sind ökologische Voruntersuchungen und landschaftshistorische Forschungen erforderlich, für die gerade die Moore selbst eine erhebliche Quelle darstellen.

    Politik und Sponsoren stellen derzeit gerne Geld für solche gut gemeinten Maßnahmen bereit, das natürlich auch gerne ausgegeben wird.
    "Neben der Rolle der Moore als Habitat für spezialisierte Arten ist die Bedeutung der Moore als einzigartige, unersetzbare naturwissenschaftliche Archive bei den Akteuren der Moorrenaturierung offenbar zu wenig bekannt und zu wenig im Bewusstsein, so dass dieser Gesichtspunkt auch viel zu wenig Berücksichtigung findet." (Hölzer 2015, 112)
    Alle diese Maßnahmen sind aber mit nicht unerheblichen Eingriffen in den noch vorhandenen Moorkörper verbunden. Da Torfabbauflächen in Südwestdeutschland relativ selten und eher klein sind, "erfolgen Eingriffe in schwach gestörte und in schon seit Jahren in Selbstheilung begriffene Moore. (...) Dabei werden erhebliche Schäden verursacht, sowohl an der Mooroberfläche als auch an den Torfprofilen, die in ungestörtem Zustand einzigartige und unersetzbare Archive unserer Vergangenheit sind"(Hölzer 2015, 101). Mit den Maßnahmen werden eben jene Daten vernichtet, die man für die Qualitätssicherung dringend benötigt.

    Moore als historische Archive

    Moore sind für die Archäologie bedeutende Archive, nicht nur wegen der archäologischen Fundstellen, wie etwa am Federsee, sondern wegen der dort sehr guten Erhaltungsbedingungen für Pollen, die eine Grundlage bilden, Landschafts- und Kulturgeschichte zu rekonstruieren, auch wenn dabei einige methodische Probleme zu bewältigen sind - Einflüsse des Fernflugs von Pollen oder gerade auch die Folgen des Torfstechens, das durchaus zu Kontaminationen führen kann. Selbst wenn die Maßnahmen nicht zur Zerstörung der gewachsenen Moorkörper führen, erschwert und verteuert die mangelnde Dokumentation der Naturschutzmaßnahmen eine spätere Beprobung und Interpretation.
    Bohrungen in einem Moor bei Würzbach
    (Foto: R. Schreg, Mai 2008)
    Im Schwarzwald wie auch in Oberschwaben gibt es nur noch wenige Moore, die nicht durch solche Aktionen gestört sind, oder für die keine Pläne existieren. Erst in den vergangenen Jahren haben die Moore des Schwarzwald als Quelle der Besiedlungsgeschichte verstärkte Beachtung gefunden. Dabei konnten einige Hinweise gewonnen werden, die auf eine frühere Besiedlung hinweisen, als man lange angenommen hat. Die Forschung ist hier auf ein Zusammenspiel weiterer pollenanalytischer Forschungen wie auch landschaftshistorischer und -archäologischer Forschung angewiesen. Dabei geht es um die Grundlagen eines adäquaten Naturschutzes, aber auch um grundsätzliche Vorstellungen über den Einfluss menschlichen Handels auf Natur und Klima lange vor der Industrialisierung.


    Mit bestem Dank an Adam Hölzer für ergänzende Auskünfte.

    Mittwoch, 20. April 2016

    Archäologie im Vergnügungspark: Eindrücke vom 81. Jahrestreffen der Society for American Archaeology in Orlando, Florida

    Beitrag von Detlef Gronenborn

    Zunehmend wird im letzten Jahrzehnt die Jahrestagung der Society for American Archaeology (SAA) auch von europäischen Kolleginnen und Kollegen besucht, dies mittlerweile auch im Zuge engerer offizieller Kontakte zwischen der European Association of Archaelogists (EAA) und der SAA, aber auch der Society of Africanist Archaeologists (SAfA). So gelingt es, zumindest strukturell, die verschiedenen Archäologien Afroeurasiens und beider Amerikas enger zusammenzuführen. Freilich bleiben die individuellen kulturgeschichtlichen Entwicklungen auf den jeweiligen Kontinente im Vergleich miteinander ebenso faszinierend.

    Bei Walt Disney unter Palmen

    Zu ihrem 81. Jahrestreffen hat sich die ehrwürdige SAA ein bislang noch nicht gewähltes Tagungszentrum ausgesucht, das Dolphin Hotel auf dem Gelände der Walt Disney World bei Orlando in Zentral-Florida.

    Für manchen war diese Ortswahl problematisch, in erster Linie wohl auch aus finanziellen Gründen, denn die Übernachtungspreise im Tagungshotel wie auch den angebotenen umliegenden Hotels waren zum Teil erheblich. Wer weiter entfernt unterkam, musste mit dem Auto anfahren und Parkgebühren zahlen. Auch mag die zwar schön gestaltete aber auch völlig künstliche und abgeschlossene Resort-Landschaft nicht jedem angenehm gewesen sein. Für Lebensmitteleinkäufe musste man jedenfalls etliche Kilometer fahren, oder war auf die recht hochpreisigen Angebote im Hotelbereich angewiesen. Insgesamt schienen, gerade für europäische Tagungsteilnehmer, die Wahl von Tagungsorten im urbanen Bereich wie etwa in Austin, Texas (2007, 2014) oder Vancouver, British Columbia, Kanada (2008) aufgrund der dichteren Infrastruktur glücklicher. So waren in Florida nach Angaben der SAA 3,577 Tagungsteilnehmer zu verzeichnen.
    Unter den Palmen Floridas fand sich vom 6. bis 10. April 2016 die Society of American Archaeology zu ihrem 81. Jahrestreffen zusammen.
    (Foto: D. Gronenborn)

    President’s Forum

    Neben einigen Vorprogrammen setzte die Tagung am 6. Abends mit der Opening Session ein, dem President’s Forum, das dieses Jahr dem Thema „Climate Change and Archaeology“ gewidmet war. Vor den eigentlichen Vorträgen wurde von der derzeitigen Präsidentin, Diane Gifford-Gonzales (Emerita an der University of California Santa Cruz mit Schwerpunkt Zooarchäologie und Archäologie Ostafrikas) im Namen der Tagungsteilnehmer und der Organisation eine Respektsbezeugung gegenüber den Indigenen von Zentral-Florida ausgesprochen.

    Das President’s Forum bestand dann aus einer Reihe von Vorträgen, eigentlich Diskussionsbeiträgen, namhafter mit Klimaforschung befasster Kolleginnen und Kollegen. Die Themen waren entsprechend vielfältig, einige der Vorträge jedoch etwas oberflächlich. Deutlich wurde allerdings, dass die Klimaarchäologie weiterhin ein wichtiges Thema in der globalen Archäologie sein wird, auch wenn es nicht nur in Europa vielfältige Gegnerschaft gibt.

    Aus den Sektionen

    Ab Donnerstag früh um 8:00 bis einschließlich Sonntag morgen 12:00 liefen die diversen Sektionen, Diskussionsforen, Symposien und Roundtables, abends auch die für die SAA so typischen von Vereinen oder Universitätsinstituten organisierten Parties. Letztere, wie auch die stets sehr lebendige cash bar am frühen Abend bieten gute Gelegenheit zur individuellen Diskussion und zum networking, denn innerhalb der Sektionen sind die Vorträge eng getaktet und Diskussionen sind selten möglich.

    Da es einer Einzelperson, die ja auch direkt eigene wissenschaftliche Interessen verfolgt, kaum möglich ist, alle Veranstaltungen zu kommentieren, hier nur Bemerkungen zu den persönlich länger besuchten:

    Donnerstag morgen stand da zunächst das Syposium zu den Hopewell Ceremonial Landscapes auf dem Programm, unter anderem mitorganisiert von Friedrich Lüth (DAI Berlin). Aus eigenen Schultagen im Mittelwesten wohl vertraut mit der Archäologie der Hopewell, war es interessant zu sehen, welche Möglichkeiten in dieser stark agrarisch überprägten Landschaft die großflächigen Prospektionsmethoden bieten.
    Am Nachmittag stand dann das Symposium zu den „’Skull Cults’ amongst Hunter-Gatherers“ an, in dem eine Reihe von archäologischen und ethnographischen Vorträgen aus Eurasien und Nordamerika das Themenfeld umfangreich beleuchtete. Besonders im Gedächtnis – allerdings aus individuellem Interesse – blieb der Vortrag von Frederik Hallgren über mesolithische Schädeldeponierungen in Schweden und den noch nicht publizierten aber referierten DNA-Untersuchungen dazu. Diese Ergebnisse werden für die holozäne Humangeschichte Europas bedeutungsvoll werden.

    Am Donnerstag abend stand dann das von mir mit organisierte Symposium zu neuen Ansätzen der Klimaarchäologie in Europa statt, was hier jedoch unkommentiert bleiben soll. Wir waren angesichts des Interesses zu abendlicher Zeit und an eigentlich abgelegenem Raum sehr zufrieden.

    Vom Freitag Morgen ist von einem Symposium mit dem Titel „Terraforming and Monumentality in Hunter-Gatherer-Fisher Landscapes“ zu berichten, in dem diverese Befunde von künstlichen Muschelgärten bis zu Befestigungen und Ritualmonumenten in aneignenden Gesellschaften vorgestellt wurden. Besonders zu Fragen von Agglomerationsprozessen wurden anregende Beiträge von der Nordwestküste, aber auch dem Mississippi-Tal und Japan gegeben.

    Der Nachmittag war dann einer langen Sektion zur afrikanischen Archäologie gewidmet in der die aktuellen Forschungsergebnisse beginnend vom Early Stone Age bis zum 19. Jahrhundert vorgestellt wurden. Zwar war das mit fünf Stunden Dauer kein Parforceritt, aber dennoch umfangreich und vielfältig.

    Das m. E. eindrucksvollste Symposium war das von Nicole Boivin, ab Juli 2016 Direktorin für die Abteilung Archäologie am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, und Mary Pendergast (Saint Louis University, Madrid Campus) organisierte, mit dem Thema „Biological Exchange in the Anthropocene: Archaeological and Genetic Perspectives“. Hier wurden die Ergebnisse des auslaufenden Sealinks-Projektes (http://www.sealinksproject.com/) aus archäologischer wie auch bioarchäologischer Sicht vorgestellt. Es ging unter anderem um die Ausbreitung der Ratte, um die Besiedlung Madagaskars, um die Pest, aber auch um die Veränderung der microbakteriellen Flora im menschlichen Darm im Zuge der Globalisierung. Letzteres war meisterhaft vorgetragen von Christina Warinner von der University of Oklahoma.

    Ein Blick in die Zukunft

    Neben den ausführlicher dargelegten Symposien wurden auch noch etliche andere zumindest kurz besichtigt, um einen breiten Eindruck der Gesamtveranstaltung zu bekommen. Schließlich ist es für Europäer interessant, den Blick über den Nordatlantik zu richten, auch um eine Idee zu bekommen, wie sich das Fach global in den nächsten Jahren entwickeln könnte. Allerdings verblieb der leise Eindruck, dass die innovativste Forschung zur Zeit aus Europa kommt. Die Nordamerikanische Archäologie befindet sich seit einigen Jahren auf einem Rückzug von einer ehedem stark theoretischen Ausrichtung und versucht, sich auf das Studium materieller Kultur zu besinnen, oder aber Aspekte der britischen post-prozessualen Archäologie aufzugreifen, gelegentlich gar Ideen – eher allerdings unbewusst – des deutschen Historismus. Mit Anerkennung wird zudem die europäische, auch deutsche, archäogenetische Forschung betrachtet, und junge deutsche Genetiker konnten Professuren in Nordamerika besetzen. 

    Zusammenfassend kann man daher vorsichtig formulieren, dass in den nächsten Jahren die Rolle von Klima und Umwelt in den Analysen weiter steigen wird, ja insgesamt die Bioarchäologie, insbesondere sicher die Genetik. Letztere wird wohl weiterhin mehr und mehr Deutungshoheit, zumindest beim Verfassen einer Geschichte der longue durée, erhalten. Noch wenig beachtet, zumindest auf dieser Veranstaltung, war hingegen die mathematische Simulation historischer Prozesse. Das alles sind jedoch freilich nur Eindrücke, ja Ahnungen, einer Einzelperson, die längst nicht das gesamte Spektrum der Veranstaltung aufnehmen und bewerten konnte. Dennoch, wissenschaftlich lohnend war es wieder einmal, auch zur Erweiterung des Horizontes.


    Links


    Bearbeitungsvermerk (20.4.2016): Nachtrag Teilnehmerzahl

    Sonntag, 17. April 2016

    Archäologik - was ist das?

    Archaeologik ist natürlich zunächst einmal dieses Blog!
    ;-)

    Aber Archäologik ist auch ein bislang noch wenig etablierter archäologischer Fachbegriff, den Manfred K.H. Eggert in Anlehnung an den historischen Fachbegriff der Historik geprägt hat (Eggert, 2006, 201-203). Archäologik bezeichnet die kritische und systematische Auseinandersetzung mit der „disziplinären Matrix“ bzw. den Paradigmen des Fachs, was sich auch als einer der Schwerpunkte des Blogs entwickelt hat.
    Es geht um die Grundlagen archäologischer Erkenntnis, was mehr ist als Quellenkritik und die Methoden der Feldarchäologie und der Archäometrie, die überwiegend auf der Ebene der Datenerschließung und Datenanalyse ansetzen. Es geht um Methoden der Interpretation, das archäologische bzw. historische Denken und seinen wissenschaftlichen Anspruch, sowie um die Einbindung der Archäologie in die moderne Gesellschaft, was Perspektiven und Ziele entscheidend bestimmt.
    Archäologik reflektiert die gängige Denkweise der Wissenschaft und analysiert beispielsweise deren Vorstellungen über das Wesen der Geschichte. 

    Johann Gustav Droysen
    (PD, via WikimediaCommons)
    Der Begriff der Historik ist schon deutlich älter. Er reicht zurück ins 19. Jahrhundert, als Gustav Johann Droysen formuliert hatte, "die Historik ist nicht eine Encyklopädie der historischen Wissenschaften, nicht eine Philosophie (oder Theologie) der Geschichte, noch eine Physik der geschichtlichen Welt, am wenigsten eine Poetik für die Geschichtschreibung. Sie muss sich die Aufgabe stellen, ein Organon des historischen Denkens und Forschens zu sein." Und weiter: "Die Historik umfasst die Methodik des historischen Forschens, die Systematik des historisch Erforschbaren, die Topoi der Darlegungen des historisch Erforschten." Im Kontext solcher Historik wurden auch erste Überlegungen angestellt, wie schriftliche Quellen mit archäologischen Quellen zusammen hängen, was in der Folgezeit jedoch auf dieser systematischen Basis nicht weiter verfolgt wurde. 

    Jörn Rüsen hat den Begriff in den 1980er Jahren aufgenommen und ihn im Sinne einer "Meta-Theorie der Geschichtswissenschaft, einer kritischen Selbstreflektion verwendet. Historik umfasst wie von Droysen definiert die Quellenkritik und Methode sowie die Strukturierung des Forschungsgebiet, aber auch eine Auseinandersetzung mit den Paradigmen und den sozialen Rahmenbedingungen der historischen Forschung.
    "Die Historik bringt das in den Blick, worauf das historische Denken in seiner wissenschaftlichen Verfassung immer schon beruht, und das ohne seine Thematisierung und Explikation durch die Historik lediglich den Status nicht-explizitierter Voraussetzungen und Grundlagen hätte."  (Rüsen 1983, 10)

    Diese Selbstreflektion begründet auch eine Kritikfähigkeit gegenüber dem eigenen Forschen wie der Forschungsgeschichte. So ist aus der Historik auch eine grundsätzliche Kritik der Paradigmen des Historismus erwachsen, der den Begriff der Historik ursprünglich eingeführt hat. Historik ist also nicht einfach geschichtswissenschaftliche Theorie - wie z.B. die Auseinandersetzung mit der Geschichtsphilosophie -, sondern sie bezieht sich immer auf die Praxis der Forschung.
    In der disziplinären Matrix wirken fünf Faktoren zusammen: 1.) das Erkenntnisinteresse an der Vergangenheit, 2.) die sinnstiftenden Ideen, 3.) die Methoden der empirischen Forschung, 4.) die Darstellungsformen und Narrative und 5.) die aktive Rezeption und Integration der Erkenntnisse des geschichtswissenschaftlichen Forschens in die Daseinsorientierung der Gegenwart.

    'Archäologik' ist das Pendant der Historik für die Archäologie. Sie ist die Beobachtung und Selbstreflektion unserer wissenschaftlichen Praxis.  

    Archäologik ist nicht nur der Name, sondern auch das zentrale Thema von Archaeologik.



    Literaturverweise
    • Droysen 1868
      J.G. Droysen, Grundriß der Historik (Leipzig 1868).
    • Eggert 2006
      M. K. H. Eggert, Archäologie. Grundzüge einer historischen Kulturwissenschaft. UTB 2728 (Tübingen 2006).
    • Rüsen 1983
      J. Rüsen, Historische Vernunft. Grundzüge einer Historik I (Göttingen 1983).