Freitag, 23. Januar 2015

Alle Freiheit für die Wirtschaft: TTIP und das Kulturgut

Historisches Monument in Rosia Montana
(Foto: R. Schreg, 2004)
setzt sich mit den Folgen eines Investitionsschutzes für Großunternehmen im Rahmen von TTIP auseinander. Am Beispiel des Goldbergbaus im rumänischen Siebenbürgen wird dargestellt, wie ein Unternehmen versuchen kann, durch finanziellen Druck auf den Staat die berechtigten Interessen der ortsansässiger Bürger zu übergehen.

Für die Archäologie interessant: In dem genannten Roșia Montană kämpfen Kollegen seit langem für den Erhalt der einzigartigen römischen Bergbauspuren.

Investorenschutz wendet sich möglicherweise auch gegen die Denkmalpflege!


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Montag, 19. Januar 2015

Kahlschlag bei der Kantonsarchäologie Schaffhausen

Im Kanton Schaffhausen hat der Regierungsrat Sparmassnahmen verabschiedet, mit denen das Jahresbudget der Kantonsarchäologie Schaffhausen bis ins Jahr 2018 um mehr als die Hälfte gekürzt wird. Vorgesehen ist ein Abbau von über 70% der Feststellen; befristete Jahresverträge sollen nicht mehr erneuert werden. Derzeit sind im bislang 8 köpfigen Team überhaupt nur zwei Archäologen, zwei technische Stellen scheinen jetzt schon vakant zu sein (in der Summe grade wenig mehr als 3 Vollzeitstellen [in Worten: drei!]). Daneben gibt es einen Grabungstechniker, einen Restaurator und eine Plangraphikerin sowie eine Sekretärin/Bibliothekarin. Nach dem geplanten Abbau werden die Amtsaufgaben nicht mehr zu erfüllen sein, ein Bürgerservice mit einer zeitnahen Bearbeitung von Baugesuchen und Fundmaldungen wird unter solchen Bedingungen unmöglich.
Bis Mitte April kann unterzeichnet werden.


Der Kanton Schaffhausen hat ein reiches archäologisches Erbe. Hier wurden zahlreiche wichtige Grabungen durchgeführt, die das wissenschaftliche Potential, aber auch die Dringlichkeit einer funktionierenden Denkmalpflege zeigen.


Die Siedlungsentwicklung der Wüstung Berslingen ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis der mittelalterlichen Siedlungsgeschichte (vergl. Archaeologik). 1968-70 wurde die Siedlung unter widrigen Bedingungen von der Kantonsarchäologie im Vorfeld des Straßenbaus ausgegraben
(Graphik R. Schreg, nach Bänteli u.a. 2000).


Übrigens: Es spart nicht allein der Kanton Schaffhausen in der Archäologie. Im benachbarten Kanton Aargau wurden der Kantonsarchäologie die Mittel für wissenschaftliche Auswertungen komplett gestrichen (300.000 sfr):

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Samstag, 17. Januar 2015

Geplündert - verkauft - zerstört und zerbombt: Kulturerbe in Syrien

Mamoun Fansa (Hrsg.)
Syrien. Sechs Weltkulturerbe-Stätten in den Wirren des Bürgerkriegs
Geschichte, Gegenwart, Perspektiven

(Mainz: Nünnerich Asmus Verlag 2014)

ISBN 978-3943904741

Hardcover, 128 Seiten, 166 Abbildungen

29,90€

Der Bürgerkrieg in Syrien, der längst nicht mehr nur ein Aufstand einer Opposition gegen das Regime ist, sondern zahllose Parteien involviert, ist mörderisch. Die UN hat längst aufgehört, die Toten zu zählen. Die Kulturgüter treten da natürlicherweise in der Wahrnehmung zurück. Wer nimmt den Verlust von Steinem und Scherben ernst, wenn so viel Blut fließt? Wie kann man sich damit angesichts der Gewalt abgeben?
Der Herausgeber Mamoun Fansa gibt eine knappe Antwort: "Es handelt sich um Verluste, Verlust des Lebens und der kulturellen Identität eines Volkes und man sollte es nicht zulassen, dass ein Volk zukünftig ohne eigene kulturelle Identität lebt." Tatsächlich wird es für eine Stabilisierung des Nahen Ostens wichtig sein, dass sich die Menschen auf ihre eigene Identität besinnen können - dazu braucht es die ganze Breite der Überlieferung. Jede Region dieser Erde, ganz besonders aber Syrien hat im Lauf der Geschichte zahlreiche Veränderungen erlebt - neue Wirtschaftsweisen, neue Siedlungsformen, ein Kommen und Gehen von Menschen, eine immer neue Formation von Identitäten. Das Bewusstsein dieser Veränderungen, mehr als die Berufung auf meist mystifizierte Traditionen, kann Grundlage sein für neue Arrangements unterschiedlicher Gruppen, die ein friedliches Zusammenleben ermöglichen. Ein Auslöschen der Vergangenheit spricht den Anderen ihre Existenzberechtigung ab.

Der Einsatz für die Kulturgüter ist der Einsatz für eine friedliche Zukunft. So ist es auch das Anliegen des Buches, "die Weltöffentlichkeit, insbesondere in Deutschland über die Vernichtungvon Kulturerbestätten durch den Krieg in Syrien [zu] informieren".


Es ist das zweite Buch des in Aleppo gebürtigen langjährigen Leiters des Landesmuseums Natur und Mensch in Oldenburg, Mamoun Fansa zu den Folgen des Bürgerkrieges in Syrien. 2013 ist sein Buch über Aleppo begleitend zu einer Ausstellung in Berlin erschienen (vergl. Archaeologik).

Das Buch beschreibt im ersten Teil die Welterbestätten und ihre historische Bedeutung. Mehrere Autoren, die mehrere Jahre vor Ort gearbeitet haben, behandeln Damaskus, Plamyra, Bosra, Aleppo,  die Burgen Krac des Chevaliers und Qal’at Salah ad-Din sowie die toten Städte im nordsyrischen Kalksteinmassiv. Die jahrtausendlange urbane Siedlungstradition ist Hintergrund der Welterbestätten Damaskus, Aleppo und Bosra. Mit dem Welterbestatus ist vor allem auch ein Schutzstatus verbunden - der gerade in der boomenden Entwicklung der modernen Großstadt Damaskus der Denkmalpflege mehr Aufmerksamkeit sichern sollte. Auch ohne Krieg und Terror ist der geschichtsbewußte Umgang mit diesen Städten eine Herausforderung. 
Der zweite Teil geht auf die aktuelle Situation ein. Franziska Bloch stellt die Initiativen dar, die weltweit gestartet wurden, um das Kulturerbe Syriens zu schützen. Kurz erwähnt wird die Rolle der Social Media bei der Information und Berichterstattung über aktuelle Zerstörungen und Plünderungen. Ausführlicher werden die Projekte geschildert, die ein digitales Register archäologischer und historischer Monumente und Stätten aufbauen. Sie sollen das Monitoring der Stätten ermöglichen, aber auch kriminalarchäologische Ermittlungen geplünderter und geschmuggelter Fundobjekte erleichtern.
Mamoun Fansa selbst stellt die Situation an den UNESCO-Welterbestätten (S. 78ff.) aber auch an anderen Fundstellen wie Dura Europos, Mari, Apameia, Ebla, Tell Sheikh Hamad  (S. 102ff.) dar. Hier finden sich zahlreiche Bilddokumente der aktuellen Zerstörungen. Das Kapitel diskutiert auch die Situation der Museen. Berichte über Plünderungen stehen hier der Versicherung der Altertumsbehörden gegenüber, die Museumsbestände seien gesichert worden.

Der Status als Weltkulturerbe bietet in der Kriegssituation keinerlei Schutz. Die UNESCO ist nicht in der Lage (und nicht berechtigt), vor Ort wirkungsvolle Maßnahmen zu treffen. Sie hat die syrischen Welterbestätten auf die rote Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt. Ausländische Archäologen, die in Syrien gearbeitet haben, bleibt ebenfalls nur ein kleiner Spielraum. Im Prinzip können sie den syrischen Kollegen nur wenig konkrete Hilfestellung bieten. Was vom Ausland geleistet werden kann ist vor allem eine Schaffung von Problembewusstsein und eine Regulierung des Antikenmarktes, der ganz offensichtlich Anreiz für die systematischen Plünderungen ist, die der Band beispielsweise in Tell Sheik Hamad, Mari, Apameia und Dura Europos dokumentiert.

Das Buch ist ein wichtiges Buch, trägt es doch hoffentlich dazu bei, dass ein Bewusstsein für die Bedeutung der bedrohten Fundstellen entsteht und der Öffentlichkeit deutlich wird, was dort vorgeht - und wie unmoralisch es ist, sich mit Antiken seiner eigenen Kulturbeflissenheit zu brüsten.


Inhaltsverzeichnis

Mamoun Fansa
Vorwort - 7


Michael Braune
Die Altstadt von Damaskus - 10


Andreas Schmidt-Colinet
Palmyra. Stadt an der Seidenstraße. Reichtum durch weltweiten Handel zwischen China und Rom - 20


Klaus Stefan Freyberger
Bosra. Eine traditionsreiche Handelsstadt im Haura ̄n - 28


Julia Gonnella
Aleppo. Die älteste Stadt der Welt - 38


Michael Braune
UNESCO-Welterbe. Krac des Chevaliers und Qal’at Salah ad-Din. Zwei Burganlagen aus der Kreuzfahrerzeit - 48


Rüdiger Gogräfe
Die „Toten Städte“ im nordsyrischen Kalksteinmassiv - 58


Franziska Bloch
Was tun? Internationale Initiativen gegen den Verlust archäologischer Wissensspeicher - 70


Mamoun Fansa
Die UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten und der Krieg in Syrien - 78


Mamoun FansaRaubgrabungen an archäologischen Fundstellen, Plünderungen der Museen und der Krieg in Syrien - 102

Fazit - 122

Die Autoren - 124

Literaturverzeichnis - 126

Abbildungsnachweis - 128


Interner Link

Montag, 12. Januar 2015

Kaum neue Meldungen aus Libyen ...

Nach dem Sturz Gadhafis scheint Libyen dem Westen gleichgültig. Nachrichten sind spärlich, obwohl sich auch hier Kräfte des Islamischen Staats breit machen.
Opferzahlen des andauernden Bürgerkriegs sind kaum zu finden - 600 Mordopfer soll es allein in Benghasi 2014 bis Oktober gegeben haben. Schreine und Moscheen fallen religiösen Fanatikern zum Opfer. Da es nur wenige Archäologen im Lande gibt, gibt es auch keine laufenden Berichte, die Kollegen in Ägypten und Syrien über Social Media absetzen. Mit ausländischer Hilfe wurden Museen und Bauten evakuiert und gesichert.
UN-Apell vom Oktober 2014:

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