Mittwoch, 18. März 2015

Erster Surveyfund: Frisches Raubgrabungsloch

Im Rahmen eines Forschungsprojektes bemühen wir uns gerade, die Landnutzung im Umland der frühbyzantinischen Stadt Caričin Grad in Südserbien zu verstehen. Der erste Anlaufpunkt: eine aus einem LiDAR-Scan bekannte Befestigungsanlage. 
Und was findet man? Ein großes frisches Loch von Raubgräbern... 

Raubgrabungsloch
(Foto R. Schreg/RGZM)
Leider nix Ungewöhnliches!

Samstag, 14. März 2015

Cyberarchäologie im Widerstand gegen IS


Das durch IS zerstörte Museum von Mosul soll nach einer Idee junger Kollegen aus dem EU-Projekt 'Initial Training Network for Digital Cultural Heritage: Projecting our Past to the Future' als crowd-sourcing-Projekt digital rekonstruiert werden. In einem "call for action" wird um Hilfe bei der Sammlung von Fotos gebeten, die das Museum und die Objekte zeigen. Ziel ist es, mit photogrammetrischen Methoden 3D-Modelle der zerstörten Objekte zu schaffen, die später Grundlage sein könnten, ausstellbare Kopien zu erstellen. Dabei wird auch Unterstützung bei der Prozessierung der Bilder benötigt, etwa bei der Maskierung bzw. beim Freistellen der Objekte.
Zerstörungen im
Museum von Mosul
(Ausschnitt aus einem
Video des IS)

Montag, 9. März 2015

Krieg gegen die Vergangenheit? Der IS und die systematische Zerstörung archäologischer Fundstellen

Der Zerstörungswahn von IS nimmt ungeahnte Ausmaße an. Nach dem Museum von Mossul und Niniveh gibt es nun Berichte der Zerstörung aus Nimrud, Chrosabad und Hatra. Dahinter steckt mehr als Ikonoklasmus: eine gezielte Provokation des Westens, aber wohl auch der Versuch, aus einzelnen Objekten Geld zu machen, denn immer wieder findet sich in den Berichten auch der Hinweis, dass womöglich mit LKW Objekte abtransportiert wurden.
Allerdings: Die meisten Berichte sind bisher nicht wirklich bestätigt und stammen anders als im Falle des Museums von Mossul aus irakischen Quellen, die möglicherweise ein Interesse daran haben, eine militärische Frühjahrsoffensive als dringlich erscheinen zu lassen und sich dafür breite internationale Unterstützung zu sichern. Einige frühere Berichte zu Zerstörungen in Niniveh hatten sich erst mal als falsch erwiesen (vergl. Archaeologik [1.2.2015]). Insofern besteht noch Hoffnung, dass am Ende die Schäden geringer sein werden, als derzeit zu befürchten steht.

Ein wesentliches Problem für die Einschätzung der Zerstörungen an den Fundstellen im Einzugsbereich des IS ist es, dass es - anders als dies in Syrien oder in Ägypten der Fall war - kaum Berichte über Social Media gibt, die ergänzende Informationen oder aktuelle Bilder liefern.
Kritisch zu der Berichterstattung stellt sich Donna Yates (Anonymous Swiss Collector), die eben bemängelt, dass die Mehrzahl der Medienberichte eben nicht auf zuverlässigen Meldungen aufbaut: Poor reporting of the destruction of heritage threatens our ability to protect the past.. Anonymous Swiss Collector (8.3.2015) - http://www.anonymousswisscollector.com/2015/03/poor-reporting-of-the-destruction-threatens-our-ability-to-protect-the-past.html


Nimrud

Nimrud, Norwest-Palast
(Foto: Staff Sgt. JoAnn Makinano
[PD] via Wikimedia Commons)
Am 5.3. ging die Meldung durch die Medien, IS hätte die assyrische Ruinenstadt von Nimrud einplaniert.
Nimrud ist eine Stadtanlage im wesentlichen des 7. Jahrhunderts v. Chr., die an der Mündung des Großen Zāb in den Tigris gelegen ist. Die mit Türmen bewehrte, fast 8 km lange Stadtmauer schützt ein etwa rechteckiges Stadtgebiet, in dessen Westecke über dem Tigris die sogenannte Akropolis liegt. Hier befanden sich eine große Zikkurat, mehrere Tempel und der Königspalast. 
Nach ersten Ausgrabungen 1845 legten britische Archäologen die bestens erhaltene Palastanlage frei. Im Irakkrieg kam es bereits durch US-Truppen zu erheblichen Schäden an der Fundstelle. 

Zur Fundstelle auf wikipedia 
    Chorsabad/Dur Šarrukin
    Eine assyrische Königsresidenz 12 km nördlich von Mossul soll am 8.3. gesprengt worden sein.

    Hatra

    Hatra, November 2008
    (Foto: 1st Combat Camera Sq., Staff Sgt. JoAnn S. Makinano
    [PD] via Wikimedia Commons)
    Außer den assyrischen Monumenten stehen auch griechisch-römische Monumente auf dem Zerstörungsprogramm von IS. Nicht verwunderlich, da der IS den Westen mit den Ruma - den Römern gleichsetzt.
    Allerdings lag Hatra meist im Einflußbereich des Partherreiches und war Hauptstadt eines kleinen  Reiches, das sich Rom meist widersetzte und dessen Herrscher im späten 2. Jahrhundert den Titel "König der Araber" führte.
    Zur Fundstelle auf wikipedia

    Am 7.3. gab es Meldungen, wonach IS Hatra zerstören würde.


    Neue Zerstörungen in Mossul
    Weitere Berichte zu den Ereignissen in Mossul
    Zu den Zerstörungen des IS in Mossul wurden die Berichte bereits in  Archaeologik v. 1.3.2015 zusammen gestellt, so dass hier im wesentlichen nur Ergänzungen angeführt sind:
    Terroristen zertrümmern eine assyrische Statue im
    Museum von Mossul
    (Ausschnitt aus einem Video des IS)
    Inzwischen zeichnet sich ab, dass es nicht eine Attacke auf das Museum von Mossul gegeben hat, sondern, dass die Terroristen ihr Zerstörungswerk über einen längeren Zeitraum vollbracht haben, lange bevor das Video publik wurde. Eine arabische Quelle berichtet, der IS habe vier seiner eigenen Leute, die sich geweigert haben, sich an dem Zerstörungswerk zu beteiligen, bei lebendigem Leib verbrannt.

    Eine Bestandsaufnahme der Zerstörungen im Museum von Mossul


    Reaktionen
    Eine Fatwa gegen die Zerstörung von Artefakten

    Politische Forderungen
    Veranstaltungen
    Karrikaturen und Satire 
    IS und die Kulturzerstörung 
    Kommentare
    mit Blick nach Libyen, wo IS auch einen Ableger hat:
    Überhebliche Einschätzungen, wonach die Kulturgüter in Europa besser aufgehoben wären
    Übersehen wird mal wieder, dass archäologische Befunde nicht transportabel sind. Zudem einige richtige Bemerkungen dazu bei

    interner Link

        Samstag, 7. März 2015

        Dorfkernarchäologie. Untersuchungen eines Gehöfts in Neckarhausen


        http://www.edition-ralf-fetzer.de/index.php?page=shop.product_details&flypage=flypage.tpl&product_id=42&category_id=9&keyword=Ortsgeschichte+Edingen&vmcchk=1&option=com_virtuemart&Itemid=71Förderverein Gemeindemuseum Edingen-Neckarhausen e.V. / Klaus Wirth (Hrsg.)

        Ein Beitrag zur Archäologie des ländlichen Raumes im Rhein-Neckar-Kreis.
        Untersuchungen eines Gehöfts in Neckarhausen (Hauptstraße 379)
        Bausteine zur Ortsgeschichte 3

        (Edingen-Neckarhausen: Edition Ralf Fetzer 2012)

        ISBN 978-3-940968-11-1

        Hardcover, 224 Seiten

        22,-€

        Archäologie und Bauforschung sind in der Stadtarchäologie längst kein ungewöhnliches Gespann mehr, auch wenn das Potential solcher Forschungen noch längst nicht ausgenutzt scheint. Anders sieht es hingegen im ländlichen Raum aus. Baugeschichtliche Untersuchungen gibt es zwar auch hier, aber selten ist eine Verbindung mit der Archäologie gelungen, die die alten Ortskerne kaum als Handlungsfeld wahrnimmt.

        Die Publikation zu dem Anwesen Hauptstraße 379 in Neckarhausen, gegenüber der Stadt Ladenburg gelegen und mit dieser durch eine Neckarfähre verbunden, ist eben deshalb bemerkenswert.  Denn hier werden zu einem bäuerlichen Bauensemble ganz unterschiedliche Quellen genutzt und aus einer sozialgeschichtlichen Mikroperspektive interessante Einblicke in die Dorfentwicklung gegeben.

        Ausgangspunkt dazu sind archäologische Notgrabungen, die 2011/12 durchgeführt wurden, nachdem die letzten Reste der landwirtschaftlichen Nutzung 2001 aufgegeben wurden und das Gebäude verkauft worden war. Die Untersuchungen begangen noch vor dem Abbruch mit den Bauuntersuchungen und endeten mit archäologischen Ausgrabungen nach dem Abbruch des Wohnhauses und der rückwärtigen Scheune.
        Die zuletzt vorhandenen Bauten stammten mit mehreren Umbauten aus dem 18.oder gar 19. Jahrhundert, doch gehören die Keller zu Vorgängerbauten des 16. Jahrhunderts. Die Grabungen, insbesondere im ehemaligen Küchengebäude des Anwesens brachten zudem Spuren eines Grubenhauses des 12. Jahrhunderts zu Tage.

        Inhalt
        • Zwei bäuerliche Anwesen in Neckarhausen, Hauptstraße 377 und 379 - eine ehemalige stattliche fränkische Hofreite  - Dagmar Dietsche-Pappel (rem)
        • Gehöfte in Neckarhausen, Hauptstraße 377 und 379 aus der Sicht von Zeitzeugen - Sonja Zacher (rem)
        • Bauforschung in der Hauptstraße 379 in Neckarhausen - Benedikt Stadler (rem)
        • Ein Bauernhof in Ilvesheim, Alte Schulstraße 28 - ein originelles Individuum - Dagmar Dietsche-Pappel (rem)
        • Großfamilie Feuerstein auf dem Bauernhof in Ilvesheim, Alte Schulstraße 28 - Sonja Zacher (rem)
        • Baugeschichte des Wohnhauses von Ilvesheim - Benedikt Stadler (rem)
        • Frühmittelalterliche Grundherrschaft in Neckarhausen? Eine Spurensuche - Claus Kropp (Universität Heidelberg)
        • Archivalische Spurensuche zur Besitzgeschichte - Ralf Fetzer (Edingen)
        • Ausgrabungen in Neckarhausen, Rhein-Neckar-Kreis, Hauptstraße 379  - Befunde und Funde - Klaus Wirth (rem)
        • Neckarhausen, Hauptstr. 379 - Farbgestaltung der Stubenwände ab der Bauzeit mit Interpretationsansätzen und Hinweisen zum Untersuchungsvorgehen - Wilfried Maag (Sandhausen)
        • Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Keramikfunde - Uwe Gross (LAD Esslingen)
        • Zwei Mainzer Räder in Neckarhausen. Die Fundmünzen aus dem Gebäude Hauptstraße 379 - Matthias Ohm (Landesmuseum Württemberg)
        • Archäobotanische Untersuchungen - Julian Wiethold (Inrap Metz)
        • Tierknochenfunde des 11./12. -20. Jahrhunderts aus Edingen-Neckarhausen - Reinhold Schoon (Universität Regensburg)
        • Fundstücke - Elke Kurtzer (Neckarhausen).

        Aus den vielen Artikeln seien hier nur einige wenige Aspekte herausgegriffen und knapp kommentiert.

        Leider reiht der Band im wesentlichen nur die Fachberichte aneinander, wohingegen eine etwas breitere Synthese oder auch nur Zusammenfassung fehlt. Nur undeutlich zeigt der Band die siedlungstopographische Situation auf, die nur mit Worten beschrieben wird, aber nirgendwo einen kartographischen Niederschlag gefunden hat. Sie ist im Hinblick auf ein Gesamtbild nicht uninteressant: Die Grabungsstelle liegt nicht irgendwo im Dorf. Sie liegt nahe der Kirche und oberhalb der Fähre, die laut Schriftquellen eng mit dem Anwesen verbunden war (S. 15).  Die ältesten Funde, die im Beitrag von Uwe Gross vorgestellt werden, gehören noch in die Zeit vor 1200. Sie sind mit dem Befund eines Grubenhauses zu verbinden. Ältere Funde und Befunde fehlen trotz der prominenten Lage mitten im Dorf.


        Ein Beitrag von Uwe Gross behandelt die Keramik, die leider wie inzwischen üblich nur summarisch in einem knappen Text mit einigen Abbildungsverweisen beschrieben wird. Der Katalog bringt neben der Zuweisung zu den im Text nur knapp beschriebenen Warenarten leider nur Farbangaben sowie die Gradangabe der erhaltenen Randpartie. Weitere Angaben, die es erlauben würden, sich ein Bild von der jeweiligen Scherbenbeschaffenheit zu machen oder den genauen Fundkontext nachzuvollziehen fehlen ebenso, wie statistische Angaben zum Keramikspektrum insgesamt. Das ist in einem kurzen Vorbericht zu verschmerzen, in einer detaillierteren Grabungsdarstellung, wie sie der Band zweifellos bietet, wäre ein Mehr an Informationen aber hilfreich. Gerade am unteren Neckar, an dem unterschiedliche Keramikregionen aneinander grenzen, wäre es aufschlußreich statistische Vergleiche einzelner Fundstellen zu machen, was aber anhand des Gesamtbestandes mit unterschiedlichen Laufzeiten nicht gelingen kann. Man wird hier auf einzelne, wenn auch nur grob datierte Befunde zurück greifen müssen - oder auf die Relation einzelner Warenarten zueinander. Leider sind solche exakten Fundvorlagen inzwischen Mangelware.
        Uwe Gross kann unter den mittelalterlichen Keramikfunden verschiedene Warenarten aussondern:
        • Pingsdorf-Ware
        • imitierte Pingsdorf-Ware
        • Ältere graue Drehscheibenware
        • Braune ältere Drehscheibenware (definiert am Heiligenberg, ist die wohl lokale Gruppe bisher nur ungenügend umschrieben)
        • Kugeltopf
        • Jüngere graue Drehscheibenware
        • Jüngere helle Drehscheibenware
        Die Pingsdorf-Ware erreichte Südwestdeutschland insgesamt zwar eher selten, ist im Neckarmündungsgebiet inzwischen jedoch in vielen ländlichen Siedlungen zu erfassen. Nachgewiesen sind auch goldglimmerhaltige Pingsdorf-Imitate, die auf eine Produktionsstätte in Seligenstadt zurückzuführen sein dürfte. Auch die Glimmerware erscheint als ein auf Beziehungen in Richtung Norden verweisendes Element der Sachkultur. Die wohl aus dem Vorspessartraum stammende Glimmerware endet um 1300 abrupt und ist daher ein wichtiges Indiz für Siedlungsaktivitäten im Ortskern bereits im 12. Jahrhundert.
        Die ältere graue Drehscheibenware sowie eine bislang kaum genauer beschriebene "braune ältere Drehscheibenware" stellen die einheimischen Waren der Region dar. Die ältere graue Drehscheibenware umfasst gelegentlich auch Kugeltöpfe, die sonst v.a. nördlich der Mainlinie verbreitet sind. Eine Randscherbe eines Kugeltopfes ist in der Einordnung als heimisches oder importiertes Produkt nicht sicher. Auch die Laufzeit dieser Waren recht im Wesentlichen bis ins 12. Jahrhundert.
        Neuzeitliche Keramik wird grob in glasierte Keramik, Steinzeug und Fayence unterteilt. Dankbar nimmt man hier jede Fundvorlage zur Kenntnis, auch wenn im Neckarland durch Uwe Gross eine - allerdings nur grau publizierte, inzwischen aber online zugängliche - Überblicksarbeit existiert (Gross 2003). Besonders hervorgehoben seien dabei die Farbabbildungen der Keramikfunde, auch wenn es sich überwiegend um Sammelfotos handelt, die die Scherben auf einem Haufen zeigen. Immerhin ist aber so eine grobe Vorstellung vom Farbenspektrum und der optischen Scherbenbeschaffenheit zu erhalten.

        Verschiedene Beiträge legen weitere Funde vor. Einige ausgewählte Stücke werden in dem Beitrag von Elke Kurtzer am Schluß des Bandes vorgestellt. Darunter befinden sich auch zwei ausrangierte Heiligenfiguren des späten 19. Jahrhunderts, die an einer Kellertreppe einer Scheune abgestellt worden waren.
        Von den übrigen Funden seien hier nur noch die beiden Mainzer Pfennige angeführt, die Mathias Ohm in einem eigenen Artikel vorstellt. Eine der Münzen wurde im Lehmfußboden des Kellers gefunden, die andere lag in einer Grube, die an der Innenseite des mittelalterlichen Fundamentes des Hauses Hauptstraße 379. Die stark abgegriffene Münze stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, die Funde aus der Grube sind deutlich jünger. Es handelt sich um gängige Münztypen, die das alltägliche Wirtschaftsleben widerspiegeln.

        Bemerkenswert sind aber auch noch die Tierknochenfunde der Grabung, die einen Zeitraum vom Hochmittelalter bis ins 20. Jahrhundert abdecken. Bei insgesamt rund 360 Knochen bleibt pro Periode nicht viel Material, so dass allenfalls für das 14./15. und das 17./18. Jahrhundert Aussagen über die Fleischnahrung möglich sind. Es liegt nahe, dass das Schwein der wichtigste Fleischlieferant war. Das Fehlen des Rindes im 14./15. Jahrhundert mag allerdings der kleinen Datenmenge geschuldet sein. Die botanischen Reste sind in verkohltem Zustand in Brand- und Auffüllungsschichten erhalten. Roggen ist dabei die am häufigsten vorliegende Getreideart.
        Drei Artikel stellen den Befunden aus der Hauptstraße 379 Untersuchungen zu einem Bauernhof in Ilvesheim, Alte Schulstraße 28 gegenüber. Auch dieser Hof liegt im Ortskern eines Haufendorfes. Er wurde im Dezember 2011 baugeschichtlich untersucht (B. Stadler).

        Fazit
        Die interdisziplinäre Untersuchung von Bauernhäusern in Neckarhausen zeigt das große Potential solcher Studien und lehrt uns mindestens drei Lektionen:
        1. Der ländliche Raum ist voll Geschichte. Die Struktur der Dörfer hat sich erheblich verändert. Dorfkernarchäologie (hier tatsächich so gemeint - vergl. Archaeologik) ist ein Desiderat, denn nur hier lassen sich wichtige Informationen über die Anfänge der Besiedlung im Bereich der späteren Ortskerne gewinnen.
        2. Die Alltagsgeschichte bezogen auf kleine soziale Gruppen entsprechend einer Familie oder eines Haushalts eröffnet ungewohnte Einblicke in die Geschichte.
          Hier ist es nicht damit getan, die materielle Ausstattung eines Haushalts anhand der Funde aus einer Latrine oder anhand von Nachlaßinventaren zu rekonstruieren. Von grundlegender Bedeutung ist das alltägliche Handeln in seiner praktischen wie sozialen Funktion. Die Heranführung der Betrachtung an die Gegenwart ermöglicht es, mündliche Überlieferungen zu integrieren, die zwar spezifische recht moderne Verhältnisse wiederspiegeln und keineswegs in frühere Zeiten zurück projiziert werden dürfen. Sie zeigen aber die Lebensrealitäten und das Zusammenspiel von materieller Kultur und alltäglicher sozialer Praxis.
        3. Ein wesentliches Problem archäologischer Grabungsauswertungen ist heute mehr denn je der stereotype Katalog von Fragen, die sich vor allem auf die Entwicklung städtischer Siedlungs- und Baustrukturen beziehen, aber kaum je nach den Veränderungsprozessen und ihren Hintergründen fragen. Vorliegender Band bildet da nur bedingt eine Ausnahme. Durch die breite Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven auf einen einzelnen Hof gelingt eine ungewöhnliche Perspektive 'von unten'. 
         Zudem wirft die Publikation aber auch die Frage auf, wie solche Grabungen am besten vorzulegen sind:
        • Die Vorlage von Grabungsbefunden und Funden ist eine nüchterne Angelegenheit. Sie kann kaum in Publikationen integriert werden, die sich an ein breiteres Publikum richten. Im vorliegenden Falle hat der Förderverein des Gemeindemuseums Edingen-Neckarhausen die Herausgabe des Bandes übernommen. Er schuldet seinen Mitgliedern und Lesern eine ansprechende, lesbare Publikation - was hier auch durchaus gelungen ist. Auf eine katalogartige Beschreibung der Funde und Befunde wurde verzichtet, was wohl auch eine noch vertiefte Auswertung vorausgesetzt hätte. Mit der Vorlage stellt sich aber die Frage, ob und wie die eigentlichen Grabungsdaten der Forschung zugänglich gemacht werden. Ein weiterer monographischer Band, der die durchaus umfassenden, nun vorgelegten Ergebnisse einfach nur vertieft, scheint unrealistisch. - Hier wie auch bei anderen Grabungen wird man darüber nachdenken müssen, inwiefern Grabungsdokumentationen nicht digital, online und per open access erschlossen werden können.   

        Links
        Literaturhinweis
        • Gross 2003
          U. Gross, Neuzeitliche Keramik im nördlichen Baden (16.-19. Jh.). Ein Überblicksversuch anhand ausgewählter Fundkomplexe (Heidelberg 2003). - online auf artdok