Mittwoch, 18. Oktober 2017

Der Aquaedukt auf der Betonbrücke


Für die archäologische Denkmalpflege in Mainz ist die römische Wasserleitung seit langem ein Schwerpunkt. Von Westen kommend quert die im 1. Jahrhundert angelegte Wasserleitung auf Pfeilern (sog. Römersteine) das Zahlbachtal und erreicht dann das Kästrich-Plateau, auf dem das Legionslager lag. Dort wurden bereits 1928 bei der Erweiterung des Klinikums die Pfeiler freigelegt, aber schließlich im Boden belassen. Jetzt, beim Neubau der Zahnklinik wurden sie wieder freigelegt und sollen wiederum erhalten bleiben - allerdings ist dieses Mal ein Untergeschoß vorgesehen.

Dafür wurde nun für 3,5 Mio € ein Betonkasten gebaut, der die konservierten Pfeilerreste in ihrer Originalposition hält.

Die Einhausung des römischen Aquaedukts nach Mainz in der Oberen Zahlbacher Straße
In einem eng begrenzten Betonkasten werden die Pfeiler des Aquaedukts in originaler Lage erhalten.
(Foto: R. Schreg, 2017)

Die Frage, inwiefern das eine sinnvolle Maßnahme ist, drängt sich auf. Der Standpunkt der Denkmalpflege, dass die Wasserleitung als Gesamtdenkmal gesehen werden muss, die man so lange anknabbern kann, bis nur noch einzelne Belegpfeiler übrig sind, ist sicher richtig. Denn die Linienführung der Wasserleitung ist ein ganz wichtiges Kriterium, um diese insgesamt zu verstehen.

„Das Aquädukt ist in seinem gesamten Verlauf ein Kulturdenkmal. ... Der Erhalt von historischer Substanz ist sinnvoll, da sonst ein Denkmal immer stärker reduziert werden könnte - bis zum Schluss quasi nur noch ein 'Belegpfeiler' übrig bleibt. Es käme ja auch keiner auf die Idee zu sagen: Der Dom kann abgerissen werden, zwei Türme oder eine Wand genügen, um zu wissen, wie er gebaut ist.“ erklärte Dr. Marion Witteyer, Leiterin der Mainzer Dienststelle der Direktion Landesarchäologie der GDKE (Generaldirektion Kulturelles Erbe) Rheinland-Pfalz. Tatsächlich wurde die Wasserleitung in den letzten Jahren an verschiedenen Stellen bei Baumaßnahmen aufgedeckt, aber wohl in situ belassen.


freigelegter Abschnitt des Aquaedukts in einem Abschnitt weiter westlich


Allerdings argumentiert Witteyer weiter: „Künftige Generationen machen vielleicht etwas aus der Gesamtleitung. Wenn wir sie vorher teilweise zerstören, zerstören wir auch die Möglichkeit, etwas zu tun.“ - Das ist durchaus richtig, doch stellt sich die Frage, ob der Betonsarg genügend übrig lässt, um diese Möglichkeiten zu erhalten. Entscheidend ist, welche künftige Möglichkeiten das sein sollen, solche der bloßen Visualisierung oder auch solche der Forschung?

Die Hoffung auf künftige neue Möglichkeiten ist in der Archäologie nicht unrealistisch, wie die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnten gezeigt hat. Wir verfügen nun über früher ungeahnte neue Methoden der Erfassung und Dokumentation, etwa in der Geophysik, der digitalen 3D-Dokumentation oder auch in der Geoarchäologie, die uns wesentliche Informationen über vergangene Landschaftszustände vermittelt. Immer war es dabei jedoch Voraussetzung, dass möglichst viel von der Originalsubstanz erhalten war. Restaurierte Pfeiler von ihrem Kontext isoliert in einem Betonkasten sind nicht gerade vielversprechend, dass damit künftig viel Wissenschaft zu betreiben ist. Georeferenzierte 3D-Modelle sind hoffentlich bereits jetzt angefertigt worden.
Nun ist es allerdings so, dass es durchaus einige Fragen gibt, die man an die Wasserleitung  herantragen könnte und müsste. So wäre es nicht uninteressant, näheres über die Mikrotopographie des Aquaeduktes zu wissen.  Über was für ein Land führte die Wasserleitung hinweg? Ackerland oder Brachland? Gab es eine Nutzung unter den Brückenbögen des römischen Aquaedukts? Gab es eine begleitende Straße? Wo kreuzten Wege die Wasserleitungstrasse? Vielleicht könnte man sogar feststellen, ob das Aquaedukt dicht war, oder ob sich im Boden Feuchtigkeitsmarker oder Kalkanreicherungen lange nicht behobener Schäden finden.
Es bestehen hier tatsächlich realistische Chancen, dass man in wenigen Jahren diese Fragen mit geoarchäologisch-bodenkundlichen Fragen wird angehen können - allerdings nicht innerhalb eines kleinen Betonkastens. Vielleicht wäre es daher sinnvoller gewesen, das Geld in entsprechende Forschungen zu stecken, als in eine Einhausung, die eben diese Chancen (wenn nicht bereits die Freilegungen von 1928 die relevanten oberen Bodenschichten abgetragen haben) verbaut. Geoarchäologiche Untersuchungen könnten schon heute mit der Analyse von Bodencheme und Biomarkern  erste Erkenntnisse zu den genannten Fragen liefern und ggf. gezielt an der Methodenentwicklung arbeiten, um wenigstens nach bestem Wissen entsprechende Beprobungen vorzunehmen, die ggf. erst einmal eingelagert werden müssen, ehe sie später untersucht werden können. Untersuchungen wären hier in einem Streifen beidseits des Aquaedukts notwendig, in eben jenem Bereich, der nun durch die Baugrube zerstört ist. 

Es sscheint immer wieder ein Problem, dass wir Bodendenkmale (vielleicht aufgrund des Begriffs) als Monumente und Objekte misverstehen und dabei iihren Charakter als historische Quellen aus den Augen verlieren. Dieser Quellenwert wird maßgeblich durch den Kontext und die möglichst unberührte Originalsubstanz bestimmt.

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Montag, 16. Oktober 2017

Abriss-Versehen in Bayern

Zwei aktuelle Fälle des Denkmalverlustes, die angeblich niemand wollte, die im Sommer 2017 aber dennoch passiert sind.

München-Giesing: Abriss als Unfall?

In Giesing, einem ehemaligen Bauerndorf, das sich schon früh zur Arbeitersiedlung wandelte und 1854 nach München eingemeindet wurde, wurde am 30.8./1.9. das Gebäude Obere Grasstrasse 1 abgerissen, das in der bayerischen Denkmalliste unter der Nummer D-1-62-000-4866 als "Ehem. Handwerkerhaus, zusammengesetzte Baugruppe bestehend aus einem erdgeschossigen, verputzten Massivbau mit Satteldach im Norden und einem zweigeschossigen, verputzten Massivbau mit Satteldach und großer Schleppgaube, im Kern um 1840/45, nach Kriegszerstörung 1944 wiederaufgebaut." gelistet war (BLfD Baudenkmäler München). Das Haus war Teil der sog. Feldmüller-Siedlung, die schon 1840 als Arbeiterwohnquartier entstand und ein wichtiges Zeugnis des sozialen Wandels in der frühen Industrialisierung darstellte. Die 1840 bis 1845 angelegte Feldmüllersiedlung war eine Kleinhaussiedlung, die abseits des bäuerlich geprägten alten Ortskerns entstand . In den 1980er und 200er Jahren flossen viele Gelder in eine Sanierung des Viertels. 

München-Giesing, Obere Grasstrasse1
(Foto. Rufus46 [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)
Angeblich versehentlich hat nun eine Baufirma das Gebäude abgerissen. Allerdings war am 30.8. ein erster Abrissversuch durch Anwohner und Polizei noch gestoppt worden, wonach die Bauarbeiter abends  aber zurückkamen und das Handwerkerhaus platt machten. Am 2.8. waren die Nachbarn darüber informiert worden, dass das Gebäude Obere Grasstrasse 1 demnächst saniert werden, aus Gründen des Denkmalschutzes aber "nach außen wie vorhanden erhalten bleiben" solle.
Die Nachbarn gehen - offenbar mit guten Gründen - von einer bewussten  Zerstörung aus und demonstrieren auf vielfältige Weise gegen den Vorfall. Am 5.9. demonstrierten rund 200 Personen mit Fackeln gegen die Zerstörung des Denkmals, an dem eine Mahntafel angebracht wurde. Außerdem wurde ein Wikipedia-Eintrag zu dem zerstörten Baudenkmal angelegt (Wikipedia). Liedermacher Konstantin Wecker stellt den fall in den Kontext der Münchner Wohnungssituation und fordert die Bürger auf, sich zusammenzuschließen.

Die Stadt will nun eine Verfügung erlassen, dass das Uhrmacherhäusl an der Oberen Grasstraße vollständig wiederherzustellen ist.  es soll verhindert werden, dass der illegale Abriss durch den Bau eines größeren Hauses dem Eigentümer Gewinn einbringt.

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Obermainshof 1: Alle wollen erhalten - Abbruchgenehmigung als Unfall?

In Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz ist ein Bauernhaus legal abgerissen worden - nachdem überraschend die Genehmigung  erteilt worden war, noch ehe alle Optionen für eine Erhaltung ausgeschöpft waren.
Der Obermainshof 1 in Neukirchen b.Sulzbach-Rosenbg ist im Verzeichnis der Baudenkmäler unter der Nummer D-3-71-141-22 als "Bauernhaus, ehem. Wohnstallhaus, eingeschossiger Bruchsteinbau mit Satteldach und Fachwerkgiebeln, 1533/34 (dendro.dat.)." (BLfD Baudenkmäler Neukirchen b.Sulzbach-Rosenbg.) verzeichnet.
Bis 1977 wurde das Haus genutzt, danach wurde ein Neubau daneben gesettzt und das Gebäude verfiel.  2015 wurde erstmals der Abbruch beantragt Das Landesamt für Denkmalpflege und das Landratsamt als Untere Denkmalschutzbehörde bemühten sich daraufhin, eine Lösung zum Erhalt des Gebäudes zu finden. Dabei wurden Mittel für eine Notsicherung bewilligt, der Eigentümer hätte lediglich 4000 € beisteuern müssen; 90% wären als Zuschuss bewilligt worden.
Die Eigentümerin lehnte dies ab, da das Probelm der auf ca. 2 Mio € angesetzten Sanierung damit nur aufgeschoben sei. 
Ein Bericht bei ONetz/Oberpfalzmedien deutet an, dass das Haus keineswegs baufällig gewesen sei und der Abbruch nach erteilter Genehmigung überraschend schnell erfolgt sei.
Dass praktisch über Nacht das Landratsamt die Abrissgenehmigung erteilt habe - und die Bagger praktisch schon in den Startlöchern standen, damit der Abbruch nicht mehr aufgehalten werden konnte. Ohne Not und Eile zu haben. Sie habe lange genug gewartet, wehrt sich die Eigentümerin. "Mir hat das auch leid getan", so beteuert sie. "Aber was blieb uns denn übrig?"
Sie fühlt sich alleine gelassen von den professionellen Denkmalschützern mit ihrem Problemhaus: "Wenn es wirklich historisch so wertvoll war, dann finde ich doch eine Möglichkeit, um es zu erhalten", sagt sie in Richtung der Münchner Behörden. 
In einer Stellungnahme konstatiert das BLfD "Zweifellos waren noch nicht alle Möglichkeiten zur Erhaltung des Bauernhauses Obermainshof 1 ausgelotet." und nicht ganz konsequent weiter: „Insofern wurde – wie gesagt nach gründlicher Abwägung der konkreten Umstände in dieser Angelegenheit und unter Einbeziehung der Stellungnahmen von Gemeinde und Kreisheimatpfleger – vom Landratsamt Amberg-Sulzbach die Abbrucherlaubnis für das Baudenkmal Obermainshof 1 erteilt.“

Von einer bauhistorischen Dokumentation des Bauernhauses, das wenigstens die historische Quelle, die das Haus einmal mit all seinen anzunehmenden Umbauphasen dargestellt hat, gesichert hätte, ist übrigens keine Rede. Das Gebäude war das älteste bekannte der nördlichen Oberpfalz, seine wissenschaftliche Dokumentation und Erforschung hätte erheblich zur Kenntnis des Wandels bäuerlicher Lebensverältnisse beitragen können  - hätte!

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Übrigens: Archäologische Ausgrabungen könnten in beiden Fällen wengstens noch interessante Quellen zu einer möglichen Vorgängerbebauung oder den lebensverhältnissen früherer Bewohner liefern.

Samstag, 14. Oktober 2017

Nachbarn und heimliche Experten

Die jordanische Tageszeitung Jordan Times berichtet in ihrer englischen online-Ausgabe über das Dissertationsprojekt der amerikanischen  Anthropologin Allison Mickel. Sie hat die Auswirkungen archäologischer Langfristgrabungsprojekte auf deren Nachbarn untersucht, die oft als Grabungsarbeiter ihr Geld verdienen. Als Beispiele dienten ihr die Grabungen in  Çatalhöyük in der Türkei und in Petra in Jordanien. Gerade letzteres scheint spannend, denn hier wurden, wie anderswo auch, die Einheimischen aus ihren Dörfern vertrieben (vergl. Archaeologik 28.12.2015). Der kurze Artikel sagt darüber leider nichts, sondern verweist auf die Bedeutung der Grabungen für die Identität der Gruppen, zeigt aber auch die sozialen Beiehungen und Machtverhältnisse auf.
Mickel befasst sich umfassender mit der Frage von Archäologie und Gesellschaft. Einige Artikel stehen online:

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Trump-Administration streicht den Schutz archäologischer Denkmäler

Wie  befürchtet hat das US-Innenministerium nach einem Dekret des POTUS D. Trump den Schutz einiger archäologischer Fundstellen aufgehoben, da sie wirtschaftliche Interessen schädigten.

Anasazi-Fundstelle "House on Fire Ruin" im upper Mule Canyon,
Teil des neuen Bears Ears Nationaldenkmals
(Foto:  snowpeak   [CC BY 2.0] via  Wikimedia Commons)


Betroffen sind vor allem der Bears Ears National Parc, in dem sich zehntausende Fundstellen der Anasazi-Kultur befinden.  Sie sind ein besonders interessantes Beispiel für die langfrstige Anpassung menschlicher Gesellschaften an einen Klimawandel (was für die klimaskeptische Trumpadministration aber vielleicht keine Rolle spielte), das schon verschiedentlich die wissenschaftliche Diskussion angeregt hat.

Der Antiquities Act soll nun neu gefasst werden, so dass die Streichungen - was sie bisher wohl nicht sind - auch legal werden.

Interne Links

Dienstag, 10. Oktober 2017

Die Gewalt der Authentizität

2009 habe ich mir einen Zeitungsartikel aus der Berliner Morgenpost ausgedruckt, der mir v.a. wegen seines Panama-Bezugs interessant schien. Er scheint mir nun aber aus einem anderen Grund wert, ihn hier doch noch zu posten: Er präsentiert ein drastisches Beispiel für die Frage der Authentizität und die Wirkung von Original und Kopie auf das Publikum.

Atalaya in der Provinz Veraguas in Panama ist das bedeutendste Pilgerzentrum des Landes. Seit mindestens 1730 finden Wallfahrten zum Bild des Jesús Nazareno de Atalaya statt, dem Wunderkräfte nachgesagt werden, heute etwa 300000 Pilger jährlich. Die heutige Statue wurde allerdings erst Anfang des 20. Jahrhnderts geschaffen (lokale Internetseiten betonen jedoch, es stünde schon seit Jahrhunderten hier), sollte nun aber restauriert werden. Der Priester vor Ort hatte die Statue dazu im November 2008 gegen eine Kopie ausgetauscht. "Die Volksseele war übergekocht, als sich das Gerücht verbreitete, bei der restaurierten Figur handele es sich um eine Kopie. Bürger begannen darauf mit einer Mahnwache vor dem Gotteshaus, und ein Komitee für die Rettung von Jesus begann mit der Suche nach dem Original." Die Frage, weshalb eine Kopie schon vor der Restaurierung vorhanden war, wird in den Artikeln nicht geklärt, gleichwohl wurde der Verdacht geäußert, dass das Original verhökert werden sollte.
Jesús Nazareno de Atalaya
(Foto: Suarex [CC BY SA 4.0] viw WikimediaCommons)
Als der damalige Bischof von Santiago de Veraguas Oscar Mario Brown Jiménez schließlich die originale Statue am 12.1.2009 zurück brachte, blockierten laut Berliner Morgenpost tausende Menschen das Fahrzeug mit dem Geistlichen. Polizisten konnten Brown nur mit knapper Not in das Innere der Kirche in Sicherheit bringen. Der Bericht der panamaischen Zeitung La Prensa liest sich zwar weniger gewaltvoll,  doch macht er die Komplexität der Motive deutlicher als die deutsche Meldung. Bei der Statue geht es nicht schlicht um ein historisches Objekt, sondern eben um ein Kultbild, dem gar Wunderkraft zugeschrieben wird. Die Statue ist zudem kulturelles identitätsstiftendes Gut der Gemeinde, das jährlich Tausende von Pilgern anzieht und somit auch einen Wirtschaftsfaktor darstellt. Dass die Wundertätigkeit dabei einer Statue zugeschrieben wird, die selbst erst deutlich nach dem Beginn der Wallfahrt geschaffen wurde, scheint dabei keine Rolle zu spielen.

Links

 

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Verbandsklagerecht in der Denkmalpflege

Der Jurist und Archäologe Till Kemper sieht entscheidende Vorteile in der Einführung eines Verbandsklagerechts in der Denkmalpflege, ähnlich, wie es schon im Umweltschutz üblich ist. Dies würde es ermöglichen, dass nicht nur die Staatsanwaltschaft oder die persönliche Betroffene, sondern auch die organisierte Öffentlichkeit klagen könnte. Damit wäre eine größere Bürgerbeteiligung erreicht und auch europäischen Konventionen Rechnung getragen.

In jedem Fall liegt ein positiver Effekt auf der Hand: Sollte die Öffentlichkeit durch das Verbandsklagerecht aktiv den Denkmalschutz und die Denkmalpflege stützen können, wüchse in der Öffentlichkeit sicherlich auch die Bereitschaft, Aufwendungen für den Denkmalschutz mitzutragen.


Montag, 2. Oktober 2017

Kulturgut in Syrien und Irak (September 2017)

Die Aufmerksamkeit für die Situation in Syrien udn Irak lässt deutlich nach. Mit dem weitgehenden Zurückdrängen des Daesh und einer Stabilisierung des Assad-Regimes hat sich das mediale Interesse anderen Brennpunkten des Wahnsinns zugewandt.
Gleichwohl scheint nun eine wichtige Phase der Schadensbegrenzung. Obgleich keineswegs Frieden herrscht, beginnt vielerorts der Wiederaufbau und die Bestandsaufnahme.

Syrien


Berichte aus einzelnen Orten

Aleppo

Palmyra

Im deutschen Fernsehen gleich zwei Dokumentationen auf zdf und arte, die freilich auf gemeinsamem Material aufbauen. Vorgestellt werden das Projekt ILLICID; bemerkenswert auch die Hinweise auf Raubgrabungslöcher im Bereich der von Daesh zerstörten Tempel.
 

Idlib

Das Museum in Idlib macht Bestandsaufnahme des geplünderten Kulturguts, um künftig Rückgabeforderungen gerichtlich durchzusetzen:

Raqqa

kurze Notiz mit Bildern zum Museum

Hama

Bulldozer-Zerstörungen nicht durch IS, sondern durch die Turkistan Islamic Party in Syria (TIP).
Tell Quarqur: Blick von dem überplanierten kleineren Nordhügel
auff den größeren  südlichen Hügel
(Foto: User:PongoPygmaeus 2007 [PD]
via WikimediaCommons)

Tell Quarqur / Karkar besteht aus zwei Tells mit Besiedlungsresten aus verschiedenen Perioden, Vor 2010 fanden hier Forschungen der American School of Oriental Research statt (dt. wikipedia; engl. wikipedia). Nach den Bildern wurde quer über den kleineren nördlichen Hügel ein Weg planiert. 

Nimrud

Maßnahmen gegen Kulturgutverlust

British Army stellt eine Einheit Monuments Men auf:

Daesh-Kulturzerstörer sollen zu Verantwortung gezogen werden.

UN-Sicherheitsrat Resolution 2379/2017zeilt darauf ab, die Verbrechen des Daesh zu verfolgen, darunter auch die Zerstörungen von Kulturgut. Eine Ermittlergruppe der UN wurde eingesetzt.

als sei alles ganz normal in Syrien...

Ungarisches Projekt am Krak des Chevaliers
DGAM bei Blue Shield-Konferenz in Wien



Links

frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

Dank an diverse Kollegen für Hinweise.

Freitag, 29. September 2017

Energiewende und Bodendenkmalpflege II

"Der mit der Energiewende einhergehende Landschaftsumbau stellt die archäologische Denkmalpflege des Bundeslandes Schleswig-Holstein vor eine bisher kaum gekannte Herausforderung. Im Gegensatz beispielsweise zum Kies- und Braunkohleabbau oder dem Erschließen von Neubau- oder Gewerbegebieten betrifft der Ausbau der Energiestruktur den gesamten deutschen Planungsraum,"
Jetzt in den Archäologischen Informationen:

(Foto: R. Schreg)

Interner Link

Dienstag, 26. September 2017

Die Markt- und andere Krankheiten der Archäologie

Raimund Karl

In seinem Blogpost vom 11.9.2017 thematisiert Rainer Schreg (2017) die Kassation von archäologischen Funden auf denkmalschutzrechtlich notwendig werdenden Rettungsgrabungen in Schweden, die durch einen Artikel des schwedischen Archäologen Johan Runer in der Zeitschrift Populär Arkeologi in recht scharfen Worten kritisiert wurde. Runer spricht unter anderem in einem Kommentar zu Thema im Svenska Dagblatt davon, dass die Brache der Archäologie „die Marktkrankheit bekommen“ habe und so tun würde, „als würden wir Geschäfte machen“ (zitiert bei Schreg 2017).

Rainer Schreg hat diese Kritik aufgenommen und dazu benutzt, mehrere durchaus wichtige und innerfachlich nicht ausreichend diskutierte Themen aufzugreifen; nämlich einerseits die Frage der Kassation von Grabungsfunden; andererseits die nach dem Umgang mit Neuzeitarchäologie; und schließlich die der öffentlichen Wahrnehmung bzw. Instrumentalisierung archäologischer Argumente über die Erhaltung bzw. das Entsorgen archäologischer Überreste. Weil diese und damit untrennbar verbundene Themen tatsächlich mehr öffentlicher Diskussion bedürfen, möchte ich mich hier ebenfalls dazu äußern.

Die Selektion erhaltungswürdiger archäologischer Informationen

Rainer Schreg (2017) deutet in seinem kurzen Beitrag ganz richtig an, dass die Selektion bestimmter archäologischer Informationen (inklusive Fundmaterialen), die als erhaltungswürdig und die Deselektion – meist in Form von Kassation – solcher, die als nicht erhaltungswürdig betrachtet werden, gleichzeitig problematisch und notwendig ist.

Wir neigen leider in der deutschsprachigen Archäologie sehr dazu, zu vergessen, dass eine der, wenn nicht sogar die, wichtigste Aufgabe aller mit Quellensammlung und -erhaltung befassten Teilbereiche der Archäologie die Unterscheidung zwischen erhaltenswerten und nicht erhaltenswerten archäologischen Objekten und Informationen ist (siehe dazu auch schon Karl 2015; 2016). Wie das der österreichische Gesetzgeber in der Regierungsvorlage zu seinem Denkmalschutzgesetz ungewöhnlich vernünftig ausdrückt, ging das Denkmalschutzgesetz

„…von vornherein von einer klaren Beschränkung durch wissenschaftlich überlegte Auswahl aus. Nur in dieser Beschränkung kann der Denkmalschutz auch jene Effizienz entfalten, deren er bei einer zu großen Anzahl von Unterschutzstellungen verlustig gehen würde. Aus diesem Grund ist es einer der schwierigsten Aufgaben des Bundesdenkmalamtes, jene Auswahl in jenem Umfang für die Unterschutzstellungen zu treffen, die vom Fachlichen her erforderlich ist und vom Administrativen her bewältigt werden kann. …“ (RV 1999, 39).

Mülldeponie auf Staten Island, New York
(Foto Chester Higgins, Public Domain via WikimediaCommons)
Auch wenn uns das nicht gefallen mag, man kann nun einmal nicht einfach alles aufheben; nicht einmal alles, was wir als ‚archäologische Funde‘ betrachten. Aber selbst, wenn wir alles aufheben könnten, was wir als ‚archäologische Funde‘ betrachten: auch das stellt schon eine Selektion dar. Wir betrachten schließlich nicht jeden ‚alten Mist‘ als ‚archäologischen Fund‘; weil würden wir das, müssten wir auch alle modernen Mülldeponien als archäologische Fundstellen einstufen; und statt den Müll, der tagtäglich von der Müllabfuhr abgeholt wird, auf diese zu kippen, ihn unseren archäologischen Archiven einverleiben. Schließlich ist auch der Mist von gestern eine materielle Hinterlassenschaft der Vergangenheit, die in der Zukunft mit besseren archäologischen Methoden als heute wissenschaftlich ausgewertet werden könnte.

Die Frage, die sich uns stellt, ist also nicht die, ob man eine Grenze ziehen soll, die bestimmt, ab wann ein Gegenstand ‚archäologisch‘ erhaltenswert ist, sondern nur die, wo man diese Grenze ziehen soll bzw. will. Das wurde aber bisher kaum explizit diskutiert. Vielmehr wurde und wird so getan, als ob diese Grenze ‚selbstverständlich‘ sei; und nicht nur jeder einigermaßen ordentliche ausgebildete Archäologe, sondern auch Laien (dank eines kollektiven archäologischen Unbewussten?) zweifelsfrei erkennen könnten, wo sie liegt.

Dabei haben wir selbst diese Grenze noch zur Zeit meines Studiums, also vor etwa 30 Jahren, deutlich anders gezogen als heute: als ich Ende der 1980er in Wien zu studieren begann, wurde dort alles was jünger als das 15. Jh. n.Chr. war als ‚rezenter Mist‘ betrachtet, den man schon auf der Grabung auf den Abraumhaufen verlagerte und damit effektiv kassierte. Ein paar Jahrzehnte davor hat man das gleiche noch mit Tierknochen gemacht, und vor einem Jahrhundert auch mit Menschenknochen und ‚nicht ausstellungswürdigen‘ Funden wie z.B. stärker fragmentierter Keramik. Die Deselektion, oft verbunden mit einer Kassation, von Funden und ganzen Fundgattungen war und ist also in der Archäologie immer schon ganz und gäbe; egal ob wir es offen zugeben oder uns hinter sich wandelnden Grenzziehungen des Bedeutungsbereichs des Begriffs ‚archäologischer Fund‘ verstecken.

Kassation, nicht nur von einzelnen Fundgattungen, sondern sogar von ganzen Fundstellen, findet auch heutzutage in Deutschland statt, meist mit stillschweigender, manchmal auch ausdrücklicher Zustimmung durch die örtlich zuständigen Denkmalbehörden. So z.B. haben vor ein paar Jahren Frank Siegmund und Diane Scherzler kritisiert, dass im rheinischen Braunkohletagebau gerade einmal 5% der bekannten Fundplätze – nach sorgfältiger Auswahl durch die lokal zuständige Denkmalbehörde – systematisch ausgegraben werden (Siegmund & Scherzler 2014, 172). Bedenkt man dann noch, dass lineare Großprojekte immer wieder zeigen, dass selbst in gut bekannten archäologischen Fundlandschaften durchschnittlich gerade einmal nur etwa 20% aller vorhandenen Fundplätze bekannt sind, bevor sie bei Baumaßnahmen angefahren werden (Stäuble 2012, 18-19), sinkt die Quote der im rheinischen Braunkohletagebau denkmalpflegerisch selektierten Fundplätze eventuell sogar noch weiter, auf gerade einmal 1% aller tatsächlich vorhandenen. Die restlichen 99% werden hingegen kassiert.

Will man also kritisieren, dass in Schweden auf Denkmalschutzgrabungen bestimmte Funde oder sogar ganze Fundgattungen kassiert werden, kann man zwar natürlich Einzelentscheidungen wie in den von Runer reportierten Fällen kritisieren; als auch wie der Selektionsprozess konkret organisiert ist, d.h. z.B. wie Schreg (2017) kritisieren, dass die Entscheidung vom Grabungsmitarbeiter an Ort und Stelle, statt vom besser qualifizierten Grabungsleiter oder gar den gesetzlich dazu beauftragten Denkmalfachbeamten getroffen wird. Man sollte sich allerdings gut überlegen, ob man die Schweden dafür kritisieren will, dass sie – wie das Riksantikvarieämbetet in einer Stellungnahme zu den Fällen festgestellt hat – auf Basis wissenschaftlicher Prioritätensetzungen selektieren. Denn das Riksantikvarieämbetet scheint in dieser Beziehung wenigstens den Standards und Empfehlungen des EAC zur Selektion der zu archivierenden Evidenzen bei archäologischen Projekten (Perrin et al. o.J., 25) zu folgen. Inwieweit alle Denkmalämter in Europa, oder auch nur in Deutschland, sich ebenso an diese Empfehlungen halten wie die Schweden, ist hingegen durchaus diskutierbar.

Man kann die Sache übrigens drehen und wenden, wie man will, Tatsache ist, dass die meisten archäologischen Archive und Museumssammlungen in Europa als Folge der nahezu flächendeckenden Einführung des Verursacherprinzips für Denkmalschutzgrabungen nahe an den Grenzen ihrer Aufnahmekapazität angelangt sind, wenn sie diese nicht schon längst überschritten haben (Karl 2015; 2016). Die Vorstellung, dass der archivgerechte Lagerraum und – noch wichtiger – der zu deren Betreuung notwendige wissenschaftliche Personalstand archäologischer Archive mit der gleichen Geschwindigkeit wachsen wird, mit der neues Fundmaterial anfällt, ist in Anbetracht derzeitiger Realitäten schlicht und einfach unrealistisch. Selektion ist unvermeidlich; das fachliche Gespräch darüber zu scheuen wie der Teufel das Weihwasser daher höchstgradig unverantwortlich. 

Das Problem mit der Neuzeitarchäologie

Schreg merkt ebenso richtig in einer Randbemerkung an, dass die ‚rechtfertigende‘ Stellungnahme des Riksantikvarieämbetet, dass in den von Runer kritisierten Fällen (nur oder vorwiegend) moderne Fundgegenstände (des späten 18. Jhs. und jünger) deselektiert worden seien, „Fragen nach dem Umgang mit der Neuzeitarchäologie aufwirft“ (Schreg 2017). Schließlich stellen auch neuzeitliche Fundgegenstände – bis hin zum gegenwärtigen Müll (z.B. Rathje & Murphy 2001) – materielle Hinterlassenschaften der Vergangenheit dar, die Gegenstand wissenschaftlichen archäologischen Interesses werden können. Diese einfach aufgrund ihres vergleichsweise geringen absoluten Alters zu deselektieren ist daher aus archäologischer Sicht problematisch, wenigstens, wenn man die Neuzeitarchäologie als anderen gleichberechtigtes Untergebiet der modernen Archäologie betrachten will.

Gerade aus Sicht der archäologischen Archivierung stellt die Neuzeitarchäologie jedoch ein ganz besonderes Problem dar. Dies nicht einmal so sehr deshalb, weil es – insbesondere sobald man damit in Zeiten der industriellen Massenproduktion und moderner ‚Wegwerfgesellschaften‘ vorstößt – einfach viel mehr neuzeitliche als ältere archäologische Überreste gibt; obgleich die vergleichsweise enormen neuzeitlichen Fundmassen auch Teil dieses Problems sind. Der weit größere Teil dieses Problems ist vielmehr, dass neuzeitliche materielle Hinterlassenschaften der Vergangenheit im Gegensatz zu denen älterer Zeitabschnitte keine begrenzte, sich nicht regenerierende Ressource darstellen, sondern dauernd neu entstehen.

Das soll natürlich nicht bedeuten, dass heute noch Gegenstände z.B. des späten 18. Jh. n.Chr. entstehen: natürlich sind diese, wie alle in der Vergangenheit erzeugten Gegenstände, eine beschränkte, sich nicht regenerierende Ressource, weil eben im späten 18. Jh. n.Chr. nur eine begrenzte Anzahl von Gegenständen erzeugt wurde. Werden diese alle kassiert, dann sind sie genauso für immer verloren, wie wenn alle z.B. eisenzeitlichen Gegenstände kassiert werden würden.

Dennoch: will man nicht zwischen der Neuzeit- und einer ‚Gegenwartsarchäologie‘ eine weitere, willkürlich absolut festgesetzte Zeitgrenze einziehen, also das als Neuzeitarchäologie bezeichnete archäologische Forschungsgebiet z.B. im mehr oder minder beliebig gewählten Jahr 1950 enden lassen, sondern zur Gegenwart hin ‚offen‘ lassen, entstehen jeden Tag überall zahllose neue archäologische Überreste, die zum Forschungsgegenstand unseres Faches und somit zu potentiell erhaltungswürdigen ‚archäologischen Funden‘ (und ‚Befunden‘) werden. Das stellt, vor allem langfristig betrachtet, die archäologische Archivierung vor ein unlösbares Problem, wenn man sich Selektionsprozessen in der Evidenzarchivierung verweigert, ja diese nicht einmal offen zu diskutieren bereit ist: man bräuchte, um eine zur Gegenwart hin ‚offene‘ Neuzeitarchäologie ‚vollständig‘ sammeln zu können, auch ein ‚nach oben hin offenes‘ Archiv, d.h. ein stetig wachsendes Archiv. Aber ein ‚nach oben hin offenes‘ Archiv, was Lagerplatz und verfügbare Personalressourcen (und den politischen bzw. gesellschaftlichen Willen zu dessen Bereitstellung) betrifft, gibt es nicht und wird es auch nie geben.

Solange neuzeitliche Hinterlassenschaften der Vergangenheit fachlich als ‚rezenter Mist‘ betrachtet wurden, ließ sich die Fiktion der nicht selektiven Archivierung archäologischer Evidenzen daher aufrechterhalten; und sei es nur dadurch, dass man den Bedeutungsgehalt des Begriffs ‚archäologischer Fund‘ so modifiziert hat, dass man sich über die Unterscheidung zwischen erhaltenswerten und nicht erhaltenswerten Gegenständen keine zusätzlichen Gedanken machen musste. Sobald man aber ernsthaft neuzeitliche materielle Hinterlassenschaften ebenfalls als ‚archäologische Funde‘ zu betrachten beginnt, scheitert diese Fiktion – und zwar eher früher als später – an den tatsächlich existierenden Beschränkungen, die in der Realität räumlich und ressourcenmäßig begrenzter Archive bestehen.

An diesem Punkt hat man dann zwei Möglichkeiten:

Entweder man tut so, als ob chronologisch jüngere Funde generell weniger wichtig sind als ältere; z.B. weil sie eben häufiger, meist auch durch andere historische Quellengattungen wenigstens grundsätzlich dokumentiert, usw. sind. Damit erklärt man aber die Neuzeitarchäologie zu einer Archäologie 2. Klasse: man weist damit schließlich ihren Quellen a priori einen geringeren Wert zu als den Quellen der ‚wirklich wichtigen‘ Archäologie älterer Zeiten. Das erscheint mir aber im Sinne einer Gesamtbetrachtung der Archäologie als Wissenschaft letztendlich unvertretbar; weil man dadurch die Wertung ‚älter ist wichtiger‘ zu einem Grundprinzip erheben würde, das in dieser vereinfachten Form sachlich nicht zu rechtfertigen ist.

Oder man akzeptiert, dass Selektion unvermeidlich ist; und man daher wenigstens innerfachlich darüber zu reden beginnen muss, welche Selektionskriterien denn nun in der Selektion archäologischer Funde für die Archivierung zur Anwendung gebracht werden sollen. Weil wenn man das nicht tut, dann werden einfach die Denkmalämter entscheiden, welche Selektionskriterien zur Anwendung zu bringen sind; wenn nicht, weil sie das wollen; dann doch, weil ihnen gar nichts anderes übrigbleibt: schließlich sind sie vom Gesetzgeber dazu befugt und damit beauftragt worden, genau solche Entscheidungen zu treffen.

Und wenn sie das nicht tun, dann kommt irgendwann einmal eine staatliche Kontrollbehörde daher und kritisiert sie massiv dafür, dass sie das nicht getan haben, wie das in Österreich gerade im vor einigen Monaten erschienenen Kontrollbericht des Rechnungshofs der Fall war (RH 2017, 41-47), mit potentiell dramatischen Konsequenzen bis hin zur drohenden ‚Privatisierung‘ der Behörde (Wiener Zeitung 2017). Dass die „Marktkrankheit“ der Archäologie durch eine Behördenprivatisierung geheilt werden wird, kann man wohl nicht erwarten. 

Das Problem der Instrumentalisierung durch Dritte

Die Diskussion über Selektionsstrategien darf und sollte sich aber nicht nur auf die Fachwelt beschränken, sondern auch öffentlich geführt werden. Denn der dritte Problempunkt, auf den Schreg (2017) ebenfalls ganz richtig hinweist, ist, das eine Selektion, die stattfindet, ohne dass ihre Notwendigkeit und die Gründe für die gewählten Selektionskriterien wenigstens öffentlich kommuniziert, wenn nicht sogar öffentlich diskutiert wurde, sehr leicht von Gruppen, mit denen man als Archäologe und als Mensch vielleicht nicht unbedingt assoziiert werden möchte, politisch zu instrumentalisieren versucht werden können.

Im konkreten, schwedischen Fall ist dies eine versuchte Instrumentalisierung durch die rechtsnationalistische Szene (Schreg weist darauf hin, dass die European Union Times und die dort genannte Quelle, The Daily Westener News, rechtspopulistische Medien sind, hat aber scheinbar übersehen, dass auch die deutsche Version des Berichts auf der stark rechtslastigen Webseite unzensuriert.at erschienen ist; für Links zu den jeweiligen Beiträgen siehe Schreg 2017). Gleichermaßen sind aber natürlich Medienberichte, in denen ein arrivierter Archäologe seinen KollegInnen vorwirft, die „Marktkrankheit“ zu haben und mit Deckung durch die staatlichen Denkmalbehörden die Geschichte ihres Landes wegzuwerfen, um Geschäfte zu machen, auch Wasser auf die Mühlen von Metallsuchern und Antikenhändlern, die solche Berichte ebenfalls sehr leicht zu ihrem Vorteil zu instrumentalisieren versuchen können.

Das Problem ist aber noch weitreichender: was sollen sich jene Mitglieder der Öffentlichkeit, seien es ehrenamtliche Denkmalpfleger oder Aktivisten für den Denkmalschutz, denn denken, wenn wir öffentlich stets steif und fest behaupten, dass jeder ‚archäologische Funde‘ von so unendlich großer Bedeutung ist, dass er unbedingt erhalten werden muss; wenn sie dann zuschauen müssen, wie archäologische Denkmale, die ihnen wichtig sind, ohne dass die Denkmalbehörden irgendetwas dagegen tun von ihren Eigentümern zerstört oder von uns auf Denkmalschutzgrabungen Funde kassiert werden? Tatsächlich kann ich aus eigener Erfahrung mit zahlreichen für den Denkmalschutz engagierten Mitgliedern der Öffentlichkeit bestätigen, dass sowohl der Grad der Verwirrung über solche Vorkommnisse hoch ist, als auch die Motivation solcher engagierten Laien enorm stark beeinträchtigt wird, wenn wir zwar stets predigen, dass die Erhaltung aller archäologischen Denkmale inklusive der Kleinfunde unumgänglich notwendig ist, aber dann keinen Finger rühren, wenn sie uns darauf aufmerksam machen, dass irgendwo gerade Archäologie zerstört wird. Gerade solche engagierten Bürger glauben unseren Worten nämlich, und sind dann unendlich enttäuscht, wenn diesen schönen Worten keine entsprechenden oder sogar den Worten diametral entgegengesetzte Taten folgen.

Wie enorm schwierig es ist, solchen Denkmalschutzaktivisten dann zu erklären, dass die Deselektion und eventuell auch die Kassierung vieler archäologischer Funde und teilweise sogar ganzer Fundplätze notwendig ist, weil sonst die Funde bloß in archäologischen Archiven unter konservatorisch absolut ungeeigneten Bedingungen vor sich hin korrodieren, verschimmeln, etc., brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Zumeist kann man diesen das überhaupt nicht erklären, weil sie – wieder auf Grund unserer jahrzehntelangen Propaganda, dass jeder Fund unbedingt erhalten werden muss – weder verstehen noch akzeptieren können, dass es überhaupt sein kann, geschweige denn sein ‚darf‘, dass archäologische Archive nicht ausreichend geräumig und mit Ressourcen ausgestattet sind, dass auch wirklich alle Funde dauerhaft archiviert werden können.

Kommuniziert man nicht öffentlich, dass man nicht alle archäologischen Funde aufheben kann, egal wie unbedeutend sie sind und egal wieviel Lagerraum sie verstellen und finanzielle Ressourcen verschlingen, sondern auswählen muss, welche man langfristig aufheben und erhalten kann und welche nicht; und dann natürlich auch die, die man nicht langfristig aufheben und erhalten kann wegwerfen muss; sind Instrumentalisierungen des tatsächlich stattfindenden Wegwerfens von Funden durch bestimmte, uns normalerweise unangenehme, und entsprechende Verwirrtheit anderer, uns gewöhnlich weit angenehmerer, Interessensgruppen unvermeidlich. Und kommuniziert oder diskutiert man die Kriterien nicht öffentlich, die der tatsächlich zu erfolgenden Auswahl zu Grunde liegen, braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn dann jedes öffentliche Verständnis dafür fehlt, dass, wie und warum eine solche Selektion vorgenommen wird. Und dann schreien die Medien ‚Skandal‘ und dass ‚die Archäologen unsere Geschichte wegwerfen‘, was für unsere Reputation als Archäologen, die unseres Faches, und der staatlichen Strukturen zum Schutz der Archäologe, keineswegs gut ist. 

Wie bestimmt man den Wert archäologischer Funde?


Alle diese Problemkreise sind aber eigentlich nur Symptome eines noch wesentlich bedeutenderen Problems, das letztendlich dieser ganzen traurigen Situation zu Grunde liegt: das Problem, dass wir vergessen haben, uns mit der Frage zu beschäftigen, wie man archäologische Informationen relativ zueinander bewertet; und daher selbst keine Ahnung (mehr) haben, wie man auf vernünftige und einigermaßen nachvollziehbare Weise den Wert archäologischer Informationen und insbesondere den Wert archäologischer Funde bestimmt.

In einfacheren Worten gesagt: wir können nicht (mehr) zwischen ‚bedeutenden‘ archäologischen Funden und ‚altem Mist‘, zwischen ‚archäologisch wertvollen‘ und ‚archäologisch wertlosen‘ Sachen unterscheiden. Das ist, wie ich schon an anderem Ort genauer erläutert habe (Karl 2016), charakteristisch für eine tatsächlich (im Gegensatz zur „Marktkrankheit“) von der Psychologie als Geisteskrankheit definierte Verhaltensstörung, das sogenannte „Messie-Syndrom“. Wir halten eben alle ‚archäologischen Funde‘ für gleich, nämlich für unendlich, wichtig.

Das war keineswegs immer so, wie mein Beispiel weiter oben bereits gezeigt haben sollte: als ich vor – jetzt, als ich diese Zeilen schreibe, nahezu auf den Tag genau – 30 Jahren an der Universität Wien Ur- und Frühgeschichte zu studieren begann, wussten dort alle, bzw. glaubten zu wissen, dass alle Sachen, die jünger als das 15. Jh. n.Chr. waren, ‚rezenter Müll‘ war, den man ungeniert auf den Abraum werfen konnte, wenn man ihn bei einer Grabung fand. Man kann von dieser relativen Bewertung halten, was man will – ich persönlich halte und hielt sie auch schon damals für falsch, auch wenn mich Neuzeitarchäologie nie besonders interessiert hat – aber es ist, egal was man von ihr jetzt konkret halten mag, ein Bewertungskriterium: alles was älter als 1500 ist, ist diesem Bewertungskriterium zufolge ‚archäologisch wichtig‘ (oder, wenn man so will, ist ‚Geschichte‘), alles was jünger ist hingegen ‚alter Mist‘, den man wegwerfen kann, darf und sogar soll (d.h., im selben Sinn, ist ‚keine Geschichte‘).

Wenn man zwischen unterschiedlichen Dingen auswählen muss, egal ob das Sachen wie archäologische Funde, Informationen wie archäologische Dokumentationsunterlagen, oder Handlungen wie welche Fundstelle man unverändert in situ erhalten muss und welche in situ zerstört werden kann (ob jetzt mit oder ohne vorhergehende Denkmalschutzgrabung), braucht man Bewertungskriterien, anhand derer unterschieden werden kann, welche der unterschiedlichen Optionen man wählen soll; und sei es nur das Ergebnis eines Münzwurfes. Nachdem klarerweise schwer öffentlich vermittelbar wäre, dass man über die Selektion oder Deselektion eines archäologischen Fundes für die Langzeitarchivierung mittels eines Münzwurfs entscheidet, müssen es wohl andere Kriterien als dieses sein, wenn man sich nicht dem dann durchaus berechtigten Vorwurf aussetzen will, dass man ‚Geschichte‘ wegwerfen würde.

Manche solche Kriterien haben wir auch schon; auch wenn wir das nicht (gerne) zugeben; bzw. nach außen hin selektiv kommunizieren, ob diese Kriterien relevant sind oder nicht. Eines dieser Kriterien ist zum Beispiel, ob der Fund aus einem stratifizierten Kontext stammt oder nicht: wie wir stets behaupten, wenn es darum geht, die archäologische Schädlichkeit von ‚Raubgrabungen‘ darzustellen, sind Funde, die sich nicht mehr in ihren ursprünglichen Deponierungskontexten befinden, „… allenfalls noch Antiquitäten, für die Forschung kaum noch zu verwenden und nur noch von geringer Bedeutung.“ (Kriesch et al. 1997, 26). Aber wenn dem denn tatsächlich nach derzeit vorherrschender Fachmeinung so ist, kann man nicht auch behaupten, dass ein bereits – ob nun legal oder illegal – aus seinem Kontext gerissener archäologischer Fund von herausragender archäologischer Bedeutung, weil er aus Edelmetall und damit ein museal und touristisch ausschlachtbarer ‚Schatzfund‘ ist, den man qua staatlichem Schatzregal der Sammlung einverleiben will, für die man verantwortlich ist.

systematisch abgelagert:
spätantike Ziegel aus einer Ausgrabung 
(Foto R. Schreg 2015)
Ein anderes Kriterium ist beispielsweise, ob ein Fund – sei es nun auf einer konkreten Grabung oder auch ganz allgemein – in die Kategorie der ‚Massenfunde‘ fällt, wie es ja auch Schreg (2017) z.B. bezüglich Dachziegeln, Nägeln und Grobkeramik andeutet, oder ein generell seltenes oder sogar einzigartiges Stück ist. Auch wenn man, wie Schreg (2017) ebenfalls richtig anmerkt, immer noch die genaue Fundlage z.B. jedes einzelnen Dachziegels dokumentieren sollte, weil sich dadurch vielleicht Erkenntnisse über die genaue Dachkonstruktion des Hauses ableiten lassen, das einstmals mit ihnen gedeckt war; jeden einzelnen davon dauerhaft zu archivieren ist wohl nicht nötig, sondern es genügt vermutlich in den meisten Fällen die Aufbewahrung einer aussagekräftigen Stichprobe.

Auch das schon oben genannte absolute Alter könnte – und sei es nur als erste Näherung für die mutmaßliche Häufigkeit des Vorkommens gleichartiger Fundgegenstände – als ein solches Kriterium dienen, insbesondere um dem durch die Neuzeitarchäologie verursachten Archivierungsproblem etwas besser beikommen zu können; ebenso wie der Erhaltungszustand eines Fundgegenstandes; und noch viele andere mehr. Welche Kriterien es genau sein sollten, und wie sie relativ zueinander gewichtet werden sollten, kann, soll und muss sogar innerfachlich diskutiert werden, um allen Teilbereichen der Archäologie und auch den spezifischen Forschungsinteressen aller derzeitigen Forscher ausreichend Gelegenheit zu geben, ihren Bedürfnissen entsprechend Gehör zu verschaffen.

Es wäre auch sicher nicht die schlechteste Idee, auch der breiteren Öffentlichkeit eine gewisse Beteiligung am Bewertungskriterienfindungsprozess zu geben. Denn das hätte einerseits den Vorteil, dass es die Vorstellung, dass eine Selektion vor der und für die archäologische Archivierung einfach notwendig ist, bereits frühzeitig in wenigstens einigen Köpfen außerhalb des Faches verankern würde; und andererseits auch den Vorteil, dass auch die tatsächlichen Schwerpunktinteressen archäologieinteressierter Teile der Bevölkerung in den Bewertungsprozess einfließen würden. Letzteres wäre jedenfalls für die Legitimierung eines solchen Bewertungskriterienkatalogs wenigstens nützlich, wenn nicht sogar essentiell; weil eine solche Bürgerbeteiligung in der Erstellung des Kriterienkatalogs macht es schwerer, die im Endeffekt getroffene Wahl und Gewichtung dieser Kriterien als z.B. ‚gegen das eigene Volk‘ gerichtete, von einer distanzierten, internationalistischen Expertenelite gesteuerte Verschwörung zugunsten einer „multikulturellen Globalisierung“ (European Union Times; zitiert bei Schreg 2017) zu instrumentalisieren. 

Schlussfolgerungen


Egal auf welchem Weg welche Beurteilungskriterien letztendlich für die Selektion gewählt und wie sie gewichtet werden, sie und das Prinzip der Notwendigkeit der Selektion müssen auch entsprechend öffentlich kommuniziert werden. Solange wir uns selbst in die Tasche und die Öffentlichkeit anlügen, dass alle archäologischen Funde so wichtig sind, dass auf keinen einzigen davon verzichtet werden kann, verringern wir nicht nur das öffentliche Verständnis für unsere Tätigkeit und warum diese eben von Experten durchgeführt werden muss – damit eben nicht „die Geschichte“, sondern ganz im Gegenteil der „alte Mist“ weggeworfen wird, damit „die Geschichte“ auch tatsächlich erhalten, erforscht und daher auch erzählt werden kann – sondern wir machen uns auch unsere eigene Aufgabe, die notwendige Selektion vorzunehmen, unnötig schwerer.

Wir schaffen uns auch, was vielleicht noch schlimmer ist, damit nur unnötige zusätzliche Probleme, die letztendlich dazu führen, dass wir nicht etwa mehr, sondern weniger der wirklich wichtigen Überreste der Vergangenheit erhalten und erforschen können als wir könnten, wenn wir nicht einen bedeutenden Teil unserer ohnehin viel zu knappen Ressourcen auf jene weniger wichtigen Überreste der Vergangenheit verschwenden würden, die wir letztendlich für nichts gebrauchen können, die wir nie erforschen werden, und mittels derer wir daher auch überhaupt keine Geschichte(n) erzählen können. Zu viel des Guten ist eben nicht besser als das Gute, sondern schlecht; ist Weniger mehr; und die Konzentration auf das Wesentliche wichtiger als auf hundert Hochzeiten gleichzeitig tanzen zu wollen und es doch nicht zu schaffen.

Wir haben nicht „die Marktkrankheit bekommen“ (Runer; zitiert bei Schreg 2017), und – auch wenn das in bedauerlichen Einzelfällen vorkommen mag – werfen auch nicht zu Geschäftszwecken die Geschichte weg. Die „Marktkrankheit“ hat unsere kapitalistische Gesellschaftsordnung in ihrer Gesamtheit; und ihre Auswirkungen zeigen sich in der Archäologie in erster Linie durch die erbärmlichen Löhne und Arbeitsbedingungen, unter denen die meisten von uns schuften, vor allem die, die in der praktischen Feldarbeit tätig sind (siehe dazu zuletzt Möller 2017).

Wir leiden vielmehr an einem kollektiven archäologischen „Messie-Syndrom“, einer Wertzuweisungsstörung, die uns daran hindert, die notwendige Selektion zwischen erhaltenswerten und nicht erhaltenswerten archäologischen Gütern zu treffen, und sogar daran, die Notwendigkeit dieser Selektion auch nur zu kommunizieren, selbst untereinander, geschweige denn öffentlich. Statt unsere Verantwortung wahrzunehmen, die harten Entscheidungen zu treffen, die notwendig sind, damit wir die bestmögliche Erhaltung, Erforschung und Vermittlung von Geschichte erreichen können, vertagen wir diese Entscheidungen lieber auf morgen, wo sie hoffentlich dann jemand anderer trifft. Das ist bequem aber, leider, auch ein Rezept für ein bevorstehendes archäologisches Desaster. 


Zitierte Literatur


Verlage gehen gegen ResearchGate vor

Zwar scheinen Archäologen und Historiker noch immer das Netzwerk Academia.edu zu bevorzugen, doch sind viele auch auf ResearchGate unterwegs, das eher in den Naturwissenschaften beliebt ist. Die Verlage, die ja eigentlich der Publikation von wissenschaftlicher Forschung dienen sollen, stellen heute im Gegenteil das größte Hindernis für die Verbreitung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse dar. Grade in der Archäologie ist das ein Problem, arbeitet doch die Mehrzahl der Kollegen in der Denkmalpflege und hat keine Anbindung an Universitätsbibliotheken. Sie können sich aus ihrem Haushalt die schweineteuren Aufsätze gar nicht leisten und sind damit von den vermeintlich prestigeträchtigen, weil - von den Verlagen selbst - gerankten Publikationen abgehängt. 
Gut, dass immer mehr archäologische Zeitschriften auf Open Access setzen...

Sonntag, 24. September 2017

Polizei auf dem Rückzug

    (Foto: ChrisO [CC BY SA 3.0 ]
    via WikimediaCommons)
    Am 14.9. 2017 wurden in London offizielle Untersuchungen zu dem katastrophalen Hochhausbrand im Grenfell Tower in der Nacht zum 14. Juni eimgeleitet, der mindestens 80 Tote gefordert hatte und einige Fragen nach der Verantwortung aufwirft. Die drei (3!) Beamten von Scotland Yard, die bislang mit Kunst- und Antikenhandel beschäftigt waren, werden nun abgezogen, um sich an diesen Untersuchungen zu beteiligen. Die Abteilung wird  damit zumindest temporär aufgelöst. Sie war nicht nur für Greater London, das eigentliche Zuständigkeitsgebiet von Scotland Yard von Bedeutung, sondern für das gesamte Vereinigte Königreich. Die London Stolen Art Database von Scotland Yard  ist die zweigrößte Datenbank dieser Art.


    Im April 2016 wurde in Belgien bereits die entsprechende Polizeieinheit aufgelöst.
    Der illegale Handel mit Kunst- und Antiken ist nach Erhebungen von Interpol das drittgrößte Kriminalitätsfeld nach Waffen- und Drogenhandel. Wenn sich auch keine Zahlen benennen lassen und auch ganz viele anderee Kriminelle ihre Finger im Spiel haben, so ist doch deutlich, dass der Terrorismus von Antikenhehlerei profitiert. Warum in Brüssel und London nir wenige Wochen nachdem diese Städte von Terroranschlägen betroffen waren (Brüssel: 22.3.2016; London 22.3.2017), gerade diese Polizeoeinheiten aufgelöst und als irrelevant bezeichnet werden, ist einfach nur unverständlich - und angesichts des Terrors und seiner Opfer alles andere als eine angemessene Reaktion
    Westminster Bridge: Ort des Terroranschlags vom 22.3.2017, nur wenige Wochen vor Auflösung einer Polizeieinheit bei Scotland Yard, die auch wichtig wäre für den Kampf gegen die Finanzierung des Terrors
    (Foto: Laima Gūtmane (simka… [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

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    Donnerstag, 21. September 2017

    „Frisch ausgegraben“ – Raubgrabungsgut in Hamburg sichergestellt


    Jutta Zerres

    Die Hamburger Morgenpost meldete am 18.09.2017 die Sicherstellung von Raubgrabungsgut von erheblichem Wert und die Festnahme der Beschuldigten durch die Polizei. Es handelt sich um ein mindestens 2500 Jahre altes goldenes Trinkhorn, einen Goldbecher, eine goldene Gürtelschnalle, eine antike griechische Stele und einen römischen Bronzetorso. Die Objekte stammen vermutlich aus dem Schwarzmeergebiet. Der Goldbecher ähnelt stilistisch einem Exemplar aus dem Schatz von Panagjurischte (Bulgarien) aus dem 4. Jahrhundert v.Chr. 

    (CCO via pixabay)
    Die Stücke waren 2014 als „frisch ausgegraben“ dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe am Hauptbahnhof zum Kauf angeboten worden. Die Verantwortlichen des Museums informierten die Polizei und ließen sich zum Schein auf wochenlange Verhandlungen um den Preis ein. Nachdem eine Einigung erzielt worden war, vereinbarte man einen Übergabetermin, bei dem die Polizei zwei Männer festnahm und die Objekte sicherstellen konnte. Einer davon war als Antikenhändler gemeldet. Bei weiteren Durchsuchungen in Deutschland und der Schweiz wurden weitere Verdächtige festgesetzt und weitere Funde sichergestellt. Den insgesamt fünf Beschuldigten droht nun eine Anklage wegen gewerbsmäßigem Bandendiebstahl, Hehlerei und Betrug.


    Link


    Dienstag, 19. September 2017

    Brandstiftung in römischer Villa

    In der Nacht vom 6. zum 7.9.2017 brannte der Schutzbau der spätantiken römischen Villa von Faragola bei Ascoli Satriano in Mittelitalien ab. Seit 2003 hatte die Universität Foggia in der Villa Asgrabungen durchgeführt und dabei im Badegebäude mehrere Mosaiken freigelegt. Diese wurden konserviert und mit einem hölzernen Schutzbau geschützt, der 2009 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Demnächst sollte als dritter Ausbauschritt ein Informationszenter eingerichtet werden.

    Bald nach dem Vorfall wurde in den italienischen Medien über einen Brandanschlag spekuliert. Branbeschleuniger oder Sprengstoff soll im Spiel gewesen sein. Über die Hintergründe der Tat und eine Verwicklung der Mafia wird spekuliert, doch sind bisher offenbar keine Untersuchungsergebnisse publik geworden. Der Parlamentsabegordnete Michele Bordo verspricht einen Restaurierung bzw. Rekonstruktion der Fundstelle.




     

    Links

    zur Fundstelle


    3D-Rekonstruktionen


    zum Brand


    Literatur

    • Giuliano Volpe, Maria Turchiano, La villa tardoantica e l’abitato altomedievale di Faragola (Ascoli Satriano). Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung, 118, 2012, 455-491.