Dienstag, 29. November 2016

Definitionen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit


Die Archäologie des Mittelalters hat sich im deutschen Sprachraum im wesentlichen seit den 1960er Jahren entwickelt. Bereits 1852 war auf der Versammlung deutscher Geschichts- und Alterthums-Vereine in Mainz von einer "mittelalterlichen Archäologie" die Rede, die sich jedoch auf die Monumente und noch nicht auf Bodenfunde bezog.
Die im Lauf der Zeit formulierten Definitionen lassen das sich verändernde Selbstverständnis des Faches erkennen.

H. v. Petrikovits 1962:
‚archäologische Landeskunde des Mittelalters‘

P. Grimm 1966:
‚archäologische Frühgeschichtsforschung‘

H. Jankuhn 1973:
‚direkte Fortsetzung der vor- und frühgeschichtlichen Archäologie, und zwar sowohl nach Problemstellung wie nach methodischem Ansatz‘

H. Hinz 1982:
‚Erforschung der Gesamtheit der Erscheinungen mittelalterlichen Lebens‘

G.P. Fehring 1987:
‚nach Fragestellung und Arbeitsziel eine historische Wissenschaft; aufgrund der in den Boden eingebetteten Sachquellen und ihrer Methoden eine archäologische Disziplin‘

B. Scholkmann 1998:
‚eine Geschichtswissenschaft, deren Forschungsgegenstand die gegenständlichen Quellen sind. Die Fragestellungen zielen auf kulturelle Erscheinungen und Entwicklungen, sie arbeitet mit einem breiten Methodenspektrum, dessen Kern die archäologischen Methoden bilden‘ 

Der Bezug auf die Geschichtswissenschaften tritt immer wieder auf, wobei die Formulierungen von v. Petrikovits und H. Hinz zeigen, dass es hier durchaus Spielraum für andere zugänge gibt. Ihnen alle ist gemeinsam, dass diese Referenzpunkte kaum genauer reflektiert wurden.

In der 2016 erschienenen neuen Einführung geben wir nun selbst die folgende Definition:
Scholkmann – Kenzler - Schreg 2016:
'Die Archäologie des Mittelalters (und der Neuzeit) ist  eine historische Kulturwissenschaft.
Sie analysiert die materiellen Hinterlassenschaften mit geistes- und naturwissenschaftlichen Methoden.
Sie ist eine historische Archäologie, die die materiellen Quellen in den Kontext einer überwiegend schriftlichen und bildlichen Parallelüberlieferung stellt und so zum Verständnis vergangener Gesellschaften beiträgt.' 

Begründung der Neudefinition

In diese neue Definition sind einige grundsätzliche Überlegungen eingeflossen:

Montag, 28. November 2016

25 Jahre nach dem Bürgerkrieg: Archäologie im Libanon

Der Bürgerkrieg im Libanon dauerte über 15 Jahre von 1975 bis 1990. Es gab rund  90.000 Tote, 115.000 Verletzte und 20.000 Vermisste. 800.000 Menschen flohen ins Ausland. Die Infrastruktur wurde massiv zerstört - so gibt es bis heute keine Eisenbahn mehr. 1990 war das Land durch syrische Truppen besetzt und blieb bis etwa 2005 unter einer Art syrischem Protektorat. 

Das Nationalmuseum in Beirut während der Einsetzung des
Staatspräsidenten Bachir Gemayel im August 1982
(Foto: James Case [CC BY 2.0] via Wikimedia Commons)

Das 1942 eröffnete Nationalmuseum in Beirut lag seit 1975 genau an der "grünen Linie", der Demarkation zwischen den verfeindeten Parteien und wurde als Militärbaracke genutzt. Die Kleinfunde wurden heimlich im Kellergeschoss hinter mehreren Stahlbetonwänden eingemauert, größere Objekte durch Sandsäcke und Betonumhüllungen geschützt. Durch die Zerstörungen am Gebäude wurde dieses durch Regenwasser und salzhaltiges Grundwasser überschwemmt. Einige Räume brannten bei den Kämpfen aus, wobei Funde, Karten, Fotos und Dokumentationen vernichtet wurden. Die Funde im Keller aber wurden erfolgreich geheim gehalten und entgingen der Zerstörung und Plünderung - sie blieben von lagerungsbedingten Schäden abgesehen erhalten. Ab 1995 wurde das Museum restauriert und sukzessive wieder eröffnet. Erst jetzt, im Oktober 2016 wurde auch das Kellergeschoss wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Andere Museen und Fundstellen hatten weniger Glück: Die Depots der Denkmalpflege wurden geplündert. Einige der Funde wurden bei einer Kunstauktion in Zürich sichergestellt. Gleich zwei Mal wurde das Museum der American University of Beirut von Plünderern heimgesucht.
Östlich von Tyrus wurden phönizische  Gräberfelder der Eisenzeit sowie römische Gräber geplündert, das Gelände nur noch als Kraterlandschaft hinterlassen, die Funde über Zypern nach Europa und Amerika verkauft. Auch der bronzezeitliche Tell von Kāmid el-Lōz, lange eine deutsche Grabung, wurde mit Baumaschinen in eine Kraterlandschaft verwandelt. 1982 standen sich hier die israelische und syrische Armee gegenüber und legten Panzerstellungen an.
Diese Verluste sind nicht wieder gut zu machen. Viele der geplünderten Funde dürften noch heute auf dem Kunstmarkt sein. 

Bis heute ist der Libanon ein krisengeschüttelter Staat - so wurde das Amt des Staatspräsidenten jetzt erst nach Jahren der Vakanz wieder besetzt, nachdem mehrere Wahldurchgänge gescheitert sind. Der kleine Libanon hat weit mehr Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen als gesamt Europa (ca 1,5 Mio bei etwa 4 Mio Bevölkerung). 
Die Periode seit 1990 zeigt aber auch die Bedeutung, die dem Kulturgut für den Frieden zukommt.
Beim Wiederaufbau des Schulwesens spielten Überlegungen eine große Rolle, wie man den Unterricht so gestalten könne, dass er die Konflikte überbrücken könne. Dass dabei in Baalbek - wie in Palmyra (vergl. Die Zerstörung des alten Palmyra - 1929) - durch die westlichen Ausgräber alle nach-antiken Spuren beseitigt wurde, erschwerte es, die Ruinen in ein modernes Lehrprogramm einzubauen (Hakimian 1991).

Wie in den Nachbarländern sind auch im Libanon die archäologischen Quellen und Kulturdenkmale massiv durch Raubgrabungen wie auch durch die Siedlungsentwicklung bedroht. Eine ungute Rolle spielt der - gar nicht aus dem Libanon stammende - Seuso-Schatz (vergl. https://archaeologik.blogspot.de/2014/03/sieben-stucke-des-seuso-hortfundes.html), der mit gefälschten libanesischen Papieren auf den Markt kam und nach den Jahren des Bürgerkriegs im Libanon das Schatzfieber angeheizt hatte (Hakimian 1991).

Links

Literatur

Robert Fisk: The Biggest Supermarket in Lebanon. A Journalist investigates the plundering of Lebanon's heritage. Berytus 39, 1991, 243-252 - online: http://ddc.aub.edu.lb/projects/archaeology/berytus-back/berytus39/fisk/

Suzy Hakimian: De la nécessité d'enseigner l'archéologie `l'école. Berytus 39, 1991, 253-261.

Freitag, 25. November 2016

Forschungen in Caričin Grad / Iustiniana Prima

Ein soeben erschienener Überblick über unser Projekt zum spätantiken Caričin Grad, das inzwischen allerdings schon in der Schlußphase ist.


J. Birk, I. Bugarski, S. Fiedler, V. Ivanišević, H. Kroll, N. Markovi, A. E. Reuter, C. Röhl, R. Schreg, A. Stamenković, S. Stamenkovic, M. Steinborn:
An Imperial Town in a Time of Transition. Life, Environment, and Decline of Early Byzantine Caričin Grad.
In: LAC2014 Proceedings  http://lac2014proceedings.nl/


DOI 10.5463/lac.2014.4

CC BY NC ND


Deutsche Zusammenfassung

Caričin Grad in Südost-Serbien – heute auf der tentativ-Liste der UNESCO als Weltkulturerbe – ist seit mehr als 100 Jahren das Ziel archäologischer Ausgrabungen in den letzten Jahrzehnten stand es im Mittelpunkt eines gemeinsamen serbisch-französischen Projekts des Archäologischen Instituts in Belgrad und der École Française de Rome. Eine Rekonstruction der wirtschaftlichen, sozial- und umweltgeschichtlichen Entwicklung ist nun  das Ziel eines 2014 begonnenen Kooperationsprojektes mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz.
Die Überreste des frühbyzantinischen Caričin Grad zeigen Elemente der klassischen, hellenistischen und römischen Stadt, kombiniert mit christlichen Elementen. Aufgrund eines Vergleichs schriftlicher Quellen mit der Topographie und den tatsächlich vorhandenen Bauresten, ist Caričin Grad ziemlich sicher mit Iustiniana Prima zu identifizieren, einer Stadtgründung Kaiser Iustinians, die als kirchliches und administratives Zentrum geplant war. 
Mit einer kurzen Besiedlung von rund 90 Jahren, von etwa 530 bis etwa 615 erlaubt die Stätte eine Momentaufnahme einer kurzen intensiven Nutzung, die kaum durch jüngere Störungen beeinträchtigt wird. Caričin Grad bietet deshalb eine einmalige Gelegenheit, eine Stadt am Übergang von der Antike zum frühen Mittelalter und die komplexen Verhältnisse dieser Übergangszeit zu studieren.
Ausgehend von einer humanökologischen bzw. sozialgeschichtlichen Perspektive zielt das Projekt darauf, neue Ansätze zu entwickeln. Es untersucht das "kurze Leben einer Kaiserstadt" während einer Umbruchsperiode, indem auf der methodischen Ebene Archäozoologie, Archäobotanik, Geoarchäologie, Bodenkunde sowie Geoinformatik herangezogen werden.
Das zentrale Thema in diesem Kontext betriift "Haushalt, Konsum und Alltag". Untersucht werden einzelne kleine Hauseinheiten, in denen beispielsweise Produktion, Konsum, Aktivitätszonen bezüglich von Nahrungsmitteln betrachtett werden. Diese auf die Stadt selbst gerichtete Perpsektive wird ergänzt durch eine weitere, die die umgebende Landschaft und deren Ressourcen und Landnutzung betrifft.







Interner Link


Korrekturvermerk
Ursprünglich ging versehentlich eine Entwurfsversion des Posts online. Korrigiert noch am 25.11.16 

Samstag, 19. November 2016

Kulturgutraub ist auch ein Thema in Kolumbien

Beim Problem der Raubgrabungen und der Antikenhehlerei denkt man für gewöhnlich an den Nahen Osten, den Mittelmeerraum, vielleicht auch noch an viele unserer heimischen Sondler oder Kambodscha. Es trifft auch nicht nur die berühmten präcolumbischen Hochkulturen der Maya, Azteken und Inka, sondern beispielsweise auch Kolumbien:     

Donnerstag, 17. November 2016

Archäologen zur Trump-Wahl

Unter den zahlreichen Kommentaren zur Trump-Wahl finden sich auch einige, in denen Archäologen versuchen, eine Beziehung zwischen der Vergangenheit und den aktuellen Ereignissen herzustellen. Sie tun dies in sehr unterschiedlicher Weise.
Mehrfach spielen jedoch Zyklen-Theorien eine wichtige Rolle, wie auch in dem Beitrag von Detlef Gronenborn hier auf Archaeologik

Ebenfalls auf Zyklen greift der Journalist Tobias Stone zurück, der sich aber gleich eingangs als Archäologe outet und damit seine Langfristperspektive begründet. Er konstruiert ein leider gar nicht unrealistische Szenario, wie die Trump-Wahl die Welt in eine neue Katastrophe stürzen kann - dabei greift er jedoch mehr auf historische denn auf archäologische Daten zurück.
Einen anderen Weg schlägt Howard M.R. Williams ein. Er baut sein Szenario auf der Tatsache auf, dass Donald Trump der älteste Mann ist, der jemals zum US-Präsidenten gewählt wurde und kommt daraufhin auf die Begräbnisse von US-Präsidenten und (prä)historischen Eliten zu sprechen.

Dienstag, 15. November 2016

Neue Studiengebühren in Baden-Württemberg

via Fachschaft UFG/INA, Universität Tübingen

„Baden-Württemberg ist ein exzellenter Hochschulstandort. Studierwillige sollen hier studieren, weil das Studium hoch attraktiv ist, nicht weil es billig ist.“
(Gebühren für internationale Studierende und Zweitstudium. - http://mwk.baden-wuerttemberg.de/de/hochschulen-studium/studienfinanzierung/gebuehren-fuer-internationale-studierende-und-zweitstudium/,

Das grün-schwarze Kabinett in Baden-Württemberg beschloss am 25.10.2016 die Einführung von Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer in Höhe von 1500€ pro Semester und für alle Studierenden im Zweitstudium Gebühren in Höhe von 650€ pro Semester. Hinzu kommen allgemein höhere Verwaltungskostenbeiträge in Höhe von 10€.
Eine Universität soll für interkulturelle Zusammenarbeit und Wissensaustausch stehen.
Ein internationaler Austausch ist dabei unabdingbar, doch dieser Beschluss ist als Bremse zu verstehen. Entgegen der Aussagen des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst ist davon auszugehen, dass weniger Kompetenz denn Wohlstand für künftige Studierende aus dem Nicht-EU Ausland an Baden-Württembergischen Universitäten maßgeblich sein wird.
Wie weit bereits die Umsetzung vorangeschritten ist, zeigt folgender Artikelausschnitt:
„Der Vorstoß von Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer erheben zu wollen, ist keine drei Wochen alt – und schon beschlossene Sache. Am Dienstag verabschiedete die Landesregierung den Haushaltsplan für 2017 und gab damit der Grünen-Politikerin für ihr Vorhaben grünes Licht. Studierende von außerhalb der Europäischen Union sollen demnach ab Wintersemester 2017/2018 mit voraussichtlich 3.000 Euro jährlich zur Kasse gebeten werden.“
(Bezahlstudium für Nicht-EU-Ausländer im Ländle. Studis online (26.10.2016). - http://www.studis-online.de/HoPo/art-1974-gebuehren-bawue-kabinett.php,

Nun soll der Stuttgarter Landtag Frau Bauers Vorhaben im Dezember gutheißen.

Auch in den Geisteswissenschaften werden viele Fakultäten davon betroffen sein. Zum Beispiel in der Archäologie studieren viele Studenten aus Nicht-EU-Ländern, die sich eine solche Erhöhung der Studiengebühren nicht werden leisten können - und somit leidet die interkulturelle Forschung und Zusammenarbeit.
Des weiteren bauen sich viele Studenten der Archäologie ein zweites Standbein auf, indem sie ein Zweitstudium beginnen. Ein Zweitstudium meint, dass bereits ein Hochschulabschluss erfolgreich beendet wurde (Bsp. BA in Ur- und Frühgeschichte oder MA in UFG) und nun ein weiteres gleichwertiges Studium begonnen wird (BSc Chemie oder MA in Klassischer Archäologie).

Weitere Informationen:

Sonntag, 13. November 2016

Der Ziggurat von Nimrud wurde einplaniert!

Heute gibt es zahlreiche Meldungen über die Rückeroberung von Nimrud bei Mosul durch die Anti-IS-Truppen.
Bei all den Berichten wurde jedoch eine Meldung der letzten Tage übersehen, die anhand von aktuellen Luftbildern zeigt, dass der Ziggurat von Nimrud zwischen dem 31. August und dem 2. Oktober 2016 mit schweren Baumaschinen einplaniert worden ist. Jüngere Luftbilder, vom 16. Oktober zeigen weiter fortschreitende Planierungen.


Der einplanierte Ziggurat links oben im Bild. deutlich sind die Spuren der Baumaschinen zu erkennen.
Foto vom 16.10.2016
(via ASOR)

Satellitenbilder vom 4. November zeigen schließlich Militärstellungen, die angeblich die kurdischen Peschmerga mitten in der Ruinenstadt ausgehoben haben.

Ob dies der bekannten Kulturgutzerstörung von Daesh zuzurechnen ist, oder ob hier militärisch eine potentielle Stellung beseitigt werden sollte - der Ziggurat war die höchste Erhebung in der Umgebung - bleibt unklar.

Haben die bisherigen durch Daesh inszenierten Kulturgutzerstörungen vor allem Rekonstruktionen betroffen, so ist hier nun originale archäologische Substanz zerstört. 3D-Rekonstruktionen helfen da gar nichts! 


"The palaces of Nimrud restored", nach dem ersten Ausgräber A.H. Layard 1853 in einer Umsetzung von James Fergusson. Links der nun von Daesh einplanierte Ziggurat.
(PD, via WikimediaCommons)



Dass beim Vormarsch der Anti-IS-Truppen auf Mosul die durch Daesh bereits angegriffenen Stätten von Nimrud und Hatra in eine gefährliche Frontsituation geraten werden, war klar:
Zu den früheren Zerstörungen:

Facharchäologische Argumente gegen die Metallsuche durch Laien - ein Kommentar zum Beitrag von Raimund Karl

2014 habe ich den Beitrag von Raimund Karl Facharchäologische Argumente gegen die Metallsuche durch Laien - Anspruch und Realität  (Archaeologik 29.9.2014) aus der facebook-Gruppe auf Archaeologik übernommen, da er mir mit seiner Polemik als Chance erschien, Themen auf den Tisch zu bringen, die bisher im Fach zu ungenügend reflektiert sind.. Im bin gleichwohl keineswegs einig mit Karls Position. Sie hat auch nicht zu der erwünschten Diskussion geführt, sondern wurde von den Sondengängern nur zur Bestätigung ihrer eigenen Position herangezogen. Der Blogpost gehört heute zu den am meisten gelesenen auf Archaeologik.
So scheint es mir nun dringend, den eigentlich von Anfang an angedachten eigenen Kommentar nunmehr nachzuholen. 


Freitag, 11. November 2016

Ideologisierung von Geschichte

bedenkenswert:
"Jetzt beeinflusst nicht mehr die geschichtliche Erkenntnis die Politik, sondern umgekehrt die Politik die geschichtliche Erkenntnis. Dem haben die Aufgeklärten wenig entgegenzusetzen."
 Dann sollten wir uns als Wissenschaftler darum dringend bemühen.

Donnerstag, 10. November 2016

Grundwissen: Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit


B. Scholkmann │ H. Kenzler │ R. Schreg (Hrsg.)
Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 
Grundwissen

Darmstadt: WBG 2016

ISBN 978-3-534-26811-5




Neu erschienen: Eine Einführung in die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, die nach fast 30 Jahren den Klassiker von Günter Fehring ersetzen will. Sie gibt nicht nur einen Überblick über die Themenfelder des Faches, sondern thematisiert auch grundsätzliche methodische-theoretische Positionen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. So handelt das Kapitel über die Methoden nicht nur von Prospektion, Ausgrabung und Bauforschung, sondern explizit auch von der Quellenanalyse und -interpretation. Da es heute kaum noch möglich ist, auch nur annähernd die wichtigsten Grabungen und Erkenntnisse darzustellen, haben wir einige Themen in Kästchentexten exemplarisch vertieft. Literaturhinweise sind eher knapp gehalten, doch gibt ein Kapitel Wissensvermittlung am Ende Hinweise auf die für das Fach relevanten Publikationsorgane.
Mir persönlich war es hier wichtig, Theorie und Praxis zusammen zu führen, denn das eine macht ohne das andere keinen Sinn. Apropos Sinn: Ein kurzes Kapitel widmet sich Narrativen und Rezeption archäologischer Forschung und der damit verbundenen Sinnstiftung - ein zentrales Themenfeld, das bisher in der deutschen Forschung kaum behandelt wurde, m.E. aber dennoch einen Platz in einer Einführung beanspruchen muss.
Ein Praxis-Kapitel informiert über die Aufstellung der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in der Denkmalpflege, sowie in Forschung und Museen, aber auch darüber, wie sich Forschung klassischerweise finanziert.

Der Band wendet sich an alle, die einen systematischen Einstieg in die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit bekommen wollen. Das sind hoffentlich nicht nur die Studierenden des Fachs, sondern alle, die wissenschaftlich an einer Mittelalterforschung interessiert sind.

     

Inhalt

Vorwort

1 Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit

1.1 Definition (H.K./ R.S.)
  1.1.1 Definition des Mittelalters (H.K.)
  1.1.2 Neuzeitarchäologie (H.K.)

1.2 Fachliche Differenzierung
  1.2.1 Archäologie des Mittelalters im europäischen Kontext (R.S.)
  1.2.2 Islamische Archäologie (Lorenz Korn)
  1.2.3 Slawische Archäologie (R.S.)
  1.2.4 Byzantinische Archäologie / christliche Archäologie (R.S.)
  1.2.5 Industriearchäologie (Michael Herdick)

1.3 Die Forschungsgeschichte des Faches (B.S.)
  1.3.1 „Mittelalterarchäologie“ im Mittelalter und der Frühen Neuzeit
  1.3.2 Die „Archäologie des deutschen Mittelalters“ im 19. Jahrhundert
  1.3.3 Mittelalterarchäologie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts
  1.3.4 Die Etablierung der Archäologie des Mittelalters als Wissenschaft
  1.3.5 Die Archäologie des Mittelalters in der Bundesrepublik Deutschland seit der  Wiedervereinigung

2 Methoden

2.1 Von der Quelle zur Interpretation (R.S.)

2.2 Die Erschließung der Quellen (H.K.)
  2.2.1 Prospektion (H.K.)
  2.2.2 Ausgrabung (H.K.)
  2.2.3 Archäologische Bauforschung (Tilmann Marstaller)

2.3 Quellenanalyse
  2.3.1 Grabungsbefunde und ihr Kontext (R.S.)
  • Befund 3892 – ein Ofen und sein Kontext (R.S.)
  2.3.2 Bestimmung von Funden (R.S.)
  • Keramik (R.S.)
  • Glas (Verena Kaufmann)
  • Metall (Anke Scholz)
  • Organische Materialien (H.K.)
  2.3.3 Methoden der relativen Chronologie (R.S.)
  2.3.4 Methoden der absoluten Chronologie (R.S.)

2.4 Quellenkritik (R.S.)
  2.4.1 Von der vergangenen „Realität“ zur rekonstruierten Realität (R.S.)
  2.4.2 Formationsprozesse (R.S.)
  • Die Siedlung von Colletière am Lac de Paladru (R.S.)
2.5 Quelleninterpretation und Theorie (R.S.)
  2.5.1 Grundlagen der Interpretation (R.S.)
  • Experimentelle Archäologie (Michael Herdick)
  2.5.2 Das Netzwerk der Quellen (R.S./B.S.)
  2.5.3 Methoden der empirischen Forschung (R.S.)
  2.5.4 Narrative und Rezeption (R.S.)

2.6 Quellenedition (R.S.)

3 Forschungsfelder und Fragestellungen

3.1 Archäologische Siedlungsforschung
  3.1.1 Ländliche Siedlungen (R.S.)
  • Dorfforschungen in Breunsdorf (H.K.)
  3.1.2 Städte (R.S.)
  • Archäologie in der Lübecker Altstadt (Manfred Gläser)
  3.1.3 Archäologische Burgenforschung (Markus C. Blaich)
  3.1.4 Die Königspfalzen (Markus C. Blaich)

3.2 Landschafts- und Umweltarchäologie (R.S.)
  3.2.1 Wechselwirkung Mensch – Umwelt
  • Die Wüstung Würzbach (R.S.)
  3.2.2 Landschaftsveränderungen
  3.2.3 Faktor Klima
  3.2.4 Landmanagement
  3.2.5 Umweltverschmutzung

3.3 Archäologie des Kults
  3.3.1 Mittelalterliche und neuzeitliche Bestattungsplätze (H.K.)
  • Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Lauchheim (H.K.)
  3.3.2 Kirchen (Jörg Widmaier)
  • Die Stadtkirche von Baden (Jörg Widmaier)
  3.3.3 Klosterarchäologie (Christina Vossler-Wolf)
  • Das Kloster Bebenhausen (Christina Vossler-Wolf)
  3.3.4 Heidnische Kulte (R.S.)
  3.3.5 Jüdische Kultbauten (H.K.)

3.4 Wirtschaftsarchäologie
  3.4.1 Technikgeschichte (Michael Herdick)
  3.4.2 Primärindustrien (H.K.)
  • Montanarchäologie im Erzgebirge (H.K.)
  3.4.3 Handwerk (Eike Henning Michl)
  • Haithabu – frühmittelalterliches Handwerk (Eike Henning Michl)
  3.4.4 Handel und Verkehr (R.S.)
  3.4.5 Schiffsarchäologie (Lars Kröger)

3.5 Sozialarchäologie (R.S.)
  3.5.1 Gruppen, Stände, Schichten und Ränge (R.S.)
  3.5.2 Soziale Identitäten und soziale Beziehungen (R.S.)
  • Archäologie des Haushalts (Miriam Steinborn)
  3.5.3 Migration und Kolonisation (H.K.)
  • Identitäten und materielle Kultur in Panama (R.S.)
3.6 Die Menschen
  3.6.1 Die Menschen im Spiegel bioarchäologischer Untersuchungen (R.S.)
  • Schlachtfeldarchäologie in Lützen (R.S.)
  3.6.2 Alltag (Annette Zeischka-Kenzler)
  3.6.3 Gesundheit und Ernährung (Annette Zeischka-Kenzler)

4 Praxis

4.1 Denkmalpflege
  4.1.1 Was ist ein Bodendenkmal? (H.K.)
  4.1.2 Praktische Bodendenkmalpflege und Gesetzgebung (H.K.)

4.2 Private Grabungsfirmen (H.K./ R.S.)

4.3 Universitäten und außeruniversitäre Forschung (H.K./ R.S.)

4.4 Forschungsförderung  (H.K./ R.S.)

4.5 Museen und Vermittlung (H.K.)

5 Wissensvermittlung

5.1 Tagungen und Kongresse (H.K./ R.S.)
5.2 Zeitschriften und Reihen (H.K./ R.S.)
5.3 Handbücher (H.K./ R.S.)

Bildnachweis
Register
Zeittafel
Liste der Autoren






Mittwoch, 9. November 2016

A predictable Phenomenon: the next President of the United States of America

by Detlef Gronenborn

New elected president
(Foto: Michael Vadon [CC BY SA 4.0]
via Wikimedia Commons)
The world is in shock, at least considerable parts of it. Donald Trump, the outsider, the maniac, has actually won the presidential race in the most powerful nation of the globe.
Disbelieve in most parts of Europe, and many other regions world-wide. How could that happen? How could a fact-free campaign, built on emotions and outright lies become so successful?

From a long-term perspective the entire process is actually not all that surprising, was – in fact – foreseeable. If voters in the US would have voted slightly different, with a Democratic candidate winning, that very situation we are facing now would have appeared anyway in a nearer future.
The basis is the fear of change, of loss of influence, of loss of political and economic power by those portions of societies which have hitherto build up the current system, maintained it and profited from it. Often, and particularly in the US, this is equated with race, but this is only a North American phenomenon. Trump – and related phenomena – has more generally to do with the loss of power and influence. Those sub-groups within societies who have held power and thus lived stable lives in a comfort zone may have to give up their positions if their responses to the course of history were too inflexible. And humans typically have great fear of giving up their comfort zone, they then strive to resort back to security and stability.
The phenomenon is clearly not restricted to the US, in Europe it became obvious with the Brexit vote, and long before lingered around with the success of nationalistic and/or right wing movements in France, The Netherlands, Hungary, Austria and lastly also Germany. Particularly striking cases outside of Europe are Turkey and Russia. All these movements profit from the same phenomenon, fear of loss of influence and economic power, and a general fear of what the global future might bring in light of increasing regional conflicts, of global change.

Cycles

Yet these processes are really not so surprising, are actually an inherent part of the human experience, at least from the beginning of farming some 9000 years ago. Possibly they were in operation before, but for these periods we lack dense data.
With the beginning of farming societies underwent literally the first economic and societal boom phases, detectable in massive population increases. However, some few hundred years after the onset of these boom phases, societies declined, collapsed, often with social unrest and violence associated. It is precisely during these phases that we observe a phenomenon known ever since the times of Classical Antiquity. Already Polybius (Hist. VI, II, 4-7) had remarked, that the first monarch emerged after an environmental collapse and during the subsequent population increase, when “[…] the man who excels in bodily strength and in courage will lead and rule over the rest.”

Recent investigation into European data show, that this process may be verified at least for Europe. Apparently during the decline/collapse phase of the early farmers did a political type appear, which is known to political anthropology as the “Great Men”. Originally observed and defined in Melanesia this type might represent a general phenomenon in any human society under internal and external stress, when groups organized themselves more rigidly. These phases are accompanied by an increase in violence and warfare, mostly internal, hence widespread social unrest. A little later in European prehistory do we see the first massive single burials, indicating the emergence of a true elite.

From then on were these first cycles that we can observe archaeologically only repeated thereafter with chiefdoms, states and empires emerging flourishing and collapsing. The basic mechanisms remained the same – to this very, very day.

The return of the “Great Men”

So what we experience today is a very common form of human behavior, in the long-term perspective. Social entities organize themselves more rigidly, diversity decreases, and at least parts of societies turn to those promising easy and quick solutions – Polybuis’ early monarchs, or the “Great Men” of political anthropology. Donald Trump is but one figure in a long line, only the impacts have increased as today, the fate of the entire globe is in danger if decisions are taken in a wrong direction and too fast.
Very uncertain now are endeavors towards minimizing the effects of climate change, of policies towards universities, generally of policies towards cultural heritage.

References


Godelier, M., 1986. The making of great men: Male domination and power among the New Guinea Baruya. Cambridge studies in social anthropology 56. Cambridge Univ. Press, Cambridge.

Gronenborn, D., Strien, H.-C., Dietrich, S., Sirocko, F., 2014. ‘Adaptive cycles’ and climate fluctuations: A case study from Linear Pottery Culture in western Central Europe. Journal of Archaeological Science 51, 73–83. - http://dx.doi.org/10.1016/j.jas.2013.03.015

Gronenborn, D., 2016. Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: Meller, H., Hahn, H.-P., Jung, R., Risch, R. (Eds.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften: 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle … des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle), 1 ed. Landesamt f. Denkmalpflege u. Archäologie Sachsen-Anhalt, pp. 61–76.

Shennan, S., Downey, S.S., Timpson, A., Edinborough, K., Colledge, S., Kerig, T., Manning, K., Thomas, M.G., 2013. Regional population collapse followed initial agriculture booms in mid-Holocene Europe. Nat Comms 4. -  doi:10.1038/ncomms3486  (Open Access)

Denkmalzuschüsse 2017 in Sachsen: 0,00€

Wieder versucht eine Landesregierung,  die "Zuschüsse zu Sicherung, Nutzbarmachung, Erhaltung und Pflege von Kulturdenkmalen" einzusparen. Eine kleine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Wolfram Günther zeigt, dass die im Haushaltsplan 2017/18 wegfallenden Mittel für anderweitige Förderungen der Kommunen verwendet werden.
Pressemitteilung der GRÜNEN-Fraktion im Sächsischen Landtag v. 8.9.2016:

Ein betroffener Denkmaleigentümer aus Niederschöna bei Freiberg, der auf Zuschüssen für die Notsanierung einer baufälligen Toranlage eines bäuerlichen Anwesens angewiesen ist, initiierte eine Petition:
Die Petition ist bis Ende November zu zeichnen.
Bitte unterstützen! 

Aufgegriffen wurde das Thema

Noch im April hatten sich die Parteien im Sächsischen Landtag (mit Ausnahme der AfD) für eine Stärkung des Denkmalschutzes ausgesprochen, als die absehbaren personellen Engpässe in der sächsischen Denkmalpflege debattiert wurden.


Weitere Links (werden vorerst nachgetragen)

Freitag, 4. November 2016

#dguf2015 - vom Abstract zum reviewed OA-Aufsatz in Druck und Online

R. Schreg, Archaeologik – Erfahrungen mit einem Wissenschaftsblog. Archäologische Informationen 39, 2016, 87-98

Der genannte Aufsatz geht auf einen Vortrag bei der DGUF-Tagung "Schafft sich die Öffentlichkeit eine andere Archäologie? Analysen einer Machtverschiebung" zurück. Er ist nun im Druck erschienen. Seine Entstehung ist hier auf Archaeologik nachzuvollziehen.

17.4.2015: der Abstract zu meiner Präsentation erscheint hier auf Archaeologik:
15.-17.5.2015: mündlicher Vortrag am 16.5. in Tübingen
 
26.5.2015: Die Vortragspräsentation geht auf Archaeologik online
5.3.2016:  Der darauf basierende Aufsatz erscheint nach einem peer review online im early view der Archäologischen Informationen 
4.11.2016: Der Artikel erscheint nun auch im Print 


Mittwoch, 2. November 2016

Kulturgut in Syrien und Irak, Oktober 2016

Die Offensive gegen Daesh hat inzwischen schon zur Einnahme von Dabiq geführt (vergl. Archaeologik 2.1.2016). Mossul ist heftig umkämpft. Die Lage ist unübersichtlicher denn je.


    Raubgrabungen

    Nach Informationen von APSA sind dieselben Plünderer, die vor und während der Besetzung Palmyras durch Daesh aktiv waren, immer noch vor Ort präsent und arrangieren sich mittels Schmiergeldern mit den jeweiligen Machthabern, um ungestört ihrem Geschäft nachgehen zu können. Die archäologische Zone sei derzeit von einem russischen Militärcamp belegt und auch für  syrische Anwohner und Militärs gesperrt.

    Die Rebellengruppe Ahrar al-Scham meldet via twitter, bei Idlib sei ein Depot mit geplünderten Funden entdeckt worden:
    Die Bilder zeigen Fundkisten und eingetüteten und (wohl französisch) beschrifteten Funden, die offenbar aus regulären Grabungen stammen. Auf einer Kiste steht "Andron I SG 97".  Eine der Tüten enthält Tierknochen. Auf den Fundzetteln ist mehrfach US wahrscheinlich für 'unité stratigraphique' zu lesen.
    Die betreffende Rebellentruppe hat in den vergangenen Tagen einige Gebiete bei Faylun, Kurin, and Musaybeen von der Al Aqsa erobert.

    Schadensmeldungen

    APSA - Association for the Protection of Syrian Archaeology hat seit nun über einem Jahr keinen ihrer Reports veröffentlicht. Website und facebook-Seite bringen nur noch sporadisch eigene Meldungen, was kaum mit einem Rückgang der Zerstörungen zusammen hängen dürfte, sondern eher damit, dass das Informantennetzwerk zusammen gebrochen sein dürfte. 
    Im August hat APSA einige allgemeine Pressemeldungen geteilt:
    APSA via facebook
    Die Gruppe The Day After ist eine Vereinigung gemäßigter syrischer Oppositioneller, die Pläne schmiedet für eine demokratische Zukunft Syriens nach dem Bürgerkrieg. Dies umfasst eine Verfassungsreform, ein Wahlrecht, eine Übergangsjustiz, eine Reform der Sicherheitskräfte sowie den sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes. Die Gruppe besteht seit 2012. Seit kurzem existiert die The Day After / Heritage Protection Initiative - http://hpi.tda-sy.org. Die Website der Heritage Protection Initiative scheint im Juli 2016 aufgesetzt worden zu sein. Sie liefert "site monitor reports", "damage reports" und (künftig) "special reports", die bislang alle in den Juli 2016 datieren:
    Berichtet wird hier beispielsweise über einen russischen Luftangriff vom 12. November 2015, der der archäologischen Fundstelle von Ebla gegolten hat. Raketen haben die Ostseite der Akropolis getroffen und dort einen Krater im Hang hinterlassen.

    Die Kulturgutschutzinitiative wird unterstützt durch die Antiquities Coalition und kooperiert mit ASOR.

    Die laufenden Heritage for Peace Damage Newsletters für Syrien:

    gezielte Zerstörungen

    Daesh hat zuletzt wohl zu wenig Aufmerksamkeit und zu viele negative Schlagzeilen von wegen Rückzug und Finanzproblemen erhalten und meldet sich jetzt mit dem bewährten Mittel der Kulturgutzerstörung zurück.
    Daesh hat am Sonntag, 2.10. bei Hawija, 55 km südwestlich von Kirkuk rund  100 Gräber zerstört - mit Sprengstoff und Bulldozern. Daesh-Gruppen sollen außerdem mehrere archäologische Fundstellen bei Tel al-Mahwis und al-Riyadh, 45 km südwestlich von Kirkuk geplündert haben.
    Die Nachricht kommt über irakische Medien, gerade als in der Region eine irakische Offensive gegen Daesh erwartet wird und ein lokaler Führer von Daesh kurz zuvor bei einem Luftangriff getötet wurde.

    Im Falle der assyrischen Reliefs von Nohadra im Norden des Irak sind wohl eher Kurden für Kulturgutzerstörung verantwortlich zu machen - nicht mit Presslufthämmern, aber mit Spraydosen. Italienische Restauratoren haben die Schäden so gut es geht beseitigt:
    Sollte Mosul fallen, steht neben allen Unwägbarkeiten neuer Konflikte doch zu erwarten, dass die Schäden, die Daesh - und ihre lizenzierten Raubgräber - angerichtet haben, etwas besser einzuschätzen sind.

    Kriegsschäden

      Aleppo:
      Vorher - Nachher:
      Umgebung von Mosul
      Bei ihrem Vormarsch auf Mosul stoßen irakische Truppen in Schützengräben auf assyrische Siedlungsreste:

            Antikenhehlerei

            Auf dem Pariser Flughafen Charles-de-Gaule wurde bereits im März ein Marmorrelief des 14. bis 16. Jahrhunderts sichergestellt, das aus dem Libanon kommend und als "Gartendekoration" deklariert für einen Zielort in Asien bestimmt war. Der Wert des Reliefs wurde auf 250.000€ geschätzt.
            Kulturdenkmäler stehen in punkto Identitätsstiftung zunächst neutral da, sie können eine offene humane Gesellschaft ebenso begründen wie einen rassistisch, national-egoistischen Staat. Der Denkmalbestand in einer Region ist nicht desto trotz (neben anderen Elementen) eine Chance, eine Gemeinschaft aufzubauen, die sich mehr über eine gemeinsame Region als über gemeinsames Volkstum/Blut/Gene (oder was immer heute als Substitut verwendet wird [Kultur, Identität]). Das bedeutet aber auch, dass ein "Schutz" durch Verfrachtung in Museen in anderen Regionen nicht funktioniert.

            In den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden in einem Hotel in Abu Dhabi Antikenschmuggler verhaftet. Es handele sich um Araber, die versucht hätten "antique daggers", alte Münzen und einen weiteren Gegenstand zu verkaufen. Woher die Funde stammen, sagt der Artikel nicht, verweist aber auf Daesh. 

            Das Problem der Zollfreihäfen

            Der französische Wirtschaftsminister Sapin fordert vor den G20-Wirtschaftsministern, die Zollfreihäfen für Kunstwerke zu schließen:
            Zur Rolle der Freihäfen äußert sich auch die UNESCO:

            dazu: 

            Refugium

            Frankreich setzt sich für die Idee eines Refugiums für Kulturgüter ein.

            Terrorfinanzierung

            Die US Homeland Security Committee hat einen neuen Bericht erstellt, zur Frage der Finanzierung von Daesh aus Raubgrabungen erstellt.   Der Bericht führt den Antikenhandel als einen von 8 Pfeilern der Finanzierung von Daesh auf.
            Heritage for Peace hat Zweifel an der Qualität des Berichts, da er überwiegend Pressemeldungen zitiert.
            und kritisch äußert sich auch

            Im Irak wurde offenbar ein Anhänger von Daesh verhaftet, der im Verdacht steht für die Sprengung des Jonas-Schreins in Mosul mit verantwortlich zu sein:

            Veranstaltungen

            Heidelberg
            Washington/ Florenz
              Fortbildung für Archäologen und Denkmalpfleger in den betroffenene Staaten:
              Am 27.9. hat in Basrah im Irak das Museum wieder eröffnet.

                  Ausstellung in Rom

                  Die Ausstellung wurde durch den italienischen Staatspräsidenten eröffnet. In der Ausstellung befinden sich auch zwei palmyrenische Grabreliefs, denen während der Daesh-Besetzung Palmyras die Gesichter abgeschlagen wurden.  Desweiteren werden dort - im Kolosseum - 3D-Rekonstruktionen einiger syrischer Denkmäler ausgestellt.

                  Ausstellung in Toronto "Syria: A Living History"

                  bis Februar 2017. Eröffnung durch Maamoun Abdulkarim

                  Eine Liste von Veranstaltungen:

                  Wichtig sind auch populärwissenschaftliche Vorträge, mit denen das Thema der Kulturgutvernichtung an eine breitere Öffentlichkeit vermittelt wird. Exemplarisch genannt seien hier

                  Kulturgüterschutz in der universitären Lehre


                    Hilfe vor Ort

                    Tschechisches Kooperationsangebot an Syrien in der Archäologie - bei einem Besuch des tschechischen Außenministes und des Direktors des Nationalmuseums in Prag Michal Lukeš.

                    Russisches Engagement in Syrien


                    Restaurierungsarbeiten

                    in Homs:

                    laufendes ungarisches Projekt in Syrien

                    Krak des Chevaliers in Syrien
                    (Foto: A Travers  [CC BY-NC-ND 2.0] bei flickr)
                    Restaurierungsarbeiten an Kreuzfahererburgen, u.a. am Krak-de-Chevaliers und in Margat. Unter Leitung von Balazs Majo, der 2016 mit dem vom Europaparlament vergebenen Europäischen Bürgerpreis ausgezeichnet wurde, arbeitet ein syrisch-ungarisches Team bei der Restaurierung.Die Maßnahme ist auch dazu gedacht, die syrischen Universitäten, die weiterhin versuchen, ihren betrieb aufrecht zu erhalten, zu unterstützen. Nachdem im März 2014 die Rebellen vom Krak des Chevaliers vertrieben worden seien, sei die Region sicher.

                    Balázs Major

                    Read more at: http://dailynewshungary.com/hungary-charity-head-archeologist-awarded-european-citizens-prize/
                    Balázs Major, expert in Arabic studies and lead archaeologist of the mission. He was also the recipient of the European Parliament’s European Citizens’ Prize this year.

                    Read more at: http://dailynewshungary.com/hungarian-archaeologists-among-last-remaining-team-war-torn-syria/
                    Balázs Major, expert in Arabic studies and lead archaeologist of the mission. He was also the recipient of the European Parliament’s European Citizens’ Prize this year.

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                    Balázs Major, expert in Arabic studies and lead archaeologist of the mission. He was also the recipient of the European Parliament’s European Citizens’ Prize this year.

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                    Projektfotos auf facebook:

                    Juristisches


                      3D-Aktivitäten / Datenbanken

                      3D-Plots bei der genannten Ausstellung in Rom:
                      Ein Video  wirbt für die 3D-Rekonstruktionen von Iconem und die Einsendung von Fotos syrischer Monumente:
                      japanische 3D-Rekonstruktion des durch Daesh zerstörten Baal-Tempel in Palmyra:
                      Das Mainzer Cosch-Projekt:
                      Mosaik-Datenbank dokumentiert byzantinische Reliefs auch aus Syrien:

                            Links

                            frühere Meldungen zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                            Mein Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen!