Donnerstag, 29. September 2016

Ein (zu?) optimistischer Blick auf das Kulturgutschutzgesetz

Ein Interview mit Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin, der ein optimistisches Bild des neuen Kulturgutschutzgesetzes zeichnet. Erstmals gäbe es einen "wirkungsvollen rechtlichen Rahmen, um gegen den illegalen Handel mit archäologischen Gütern vorzugehen", der "wirkungsvoll" die entsprechende UNESCO-Konvention aus dem Jahre 1970 implementiere. Schon jetzt prüfe der Zoll genauer.
Ich kann Hilgerts positive Einschätzung leider nicht ganz nachvollziehen. Sicher: das Gesetz ist auf den ersten Blick ein Fortschritt. Aber ob es sich tatsächlich bewähren wird?
Warum sollen denn die ausländischen Partner "sehr erfreut und geradezu euphorisch" sein? Das neue Gesetz soll schließlich klarstellen, "dass Kulturgut, das sich schon vor diesem Zeitpunkt [=2007] in Deutschland bzw. dem EU-Binnenmarkt befunden hat, für eine Rückgabe nicht in Betracht kommt" (Begründung zum Gesetzentwurf S. 46 oben - http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/074/1807456.pdf). Den Schmugglern und Hehlern baut es damit auch gleich die goldene Brücke: So werden gefälschte Exportpapiere eben vor den Stichtag 2007 datiert und die längst etablierte Legende von der "alten Sammlung" wird weiterhin aufrecht erhalten werden. Immerhin wird künftig erst einmal vermutet, dass Objekte nach 2007 eingeführt wurden, was aber wohl mit den etablierten Legenden "aus alter Sammlung" leicht umgangen werden wird. Man wird sehen, inwiefern das Gesetz hier in der Praxis Wirkung entfalten kann.

ln völliger Verkenntnis archäologischer Befundzusammenhänge fallen zudem massenhaft auftretende Münzen gar nicht unter das Gesetz (§42), ebenso, wie Sorgfaltspflichten des Handels für "billige" Objekte gelockert sind - ein wichtiger Anreiz für die Raubgräber ist damit in Deutschland sogar noch legalisiert worden. Gerade die Suche nach massenhaft vorkommenden Funden richtet einen nicht unerheblichen Schaden an.

Richtig und wichtig ist Hilgerts Hinweis, dass es nicht allein um den IS geht. Terroristen oder nicht: alle Kriegsparteien verdienen an der Hoffnung der Händler, für die Raubobjekte im Westen einen Käufer zu finden. Das neue Gesetz ändert nur die Pfade und die Narrative der Legenden und gefälschten Provenienzen. Immerhin schenkt der Zoll dem Antikenhandel in der Tat nun wohl eine größere Aufmerksamkeit.
Man kann jetzt schon gespannt sein auf die Überprüfung des neuen Gesetzes in ein paar Jahren.

Links

Sonntag, 18. September 2016

Pipeline durch sacred land löst Indianeraufstand aus

Ein Pipeline-Projekt im US-Bundesstaat Nord-Dakota hat zu einem Zusammenschluss von 60 Indianerstämmen geführt, die gemeinsam gegen eine Pipeline kämpfen.
Auslöser ist unter anderem die Zerstörung einer archäologischen Fundstelle, die den Indianern als sacred land gilt.

The Dakota Access Pipeline (under construction)
Baustelle der dakota Access Pipeline im Juli 2016 in North Dakota
(Foto: Lars Plougmann [CC BY SA 2.0] via flickr)


Der Protest setzt vor allem an zwei Punkten an: Am Risiko der Wasserverschmutzung bei einem Unfall und in der Tatsache, dass die Pipeline sacred land ("geheiligtes Land") durchquert und bei den Bauarbeiten indianische Bestattungsplätze zerstört wurden. 

Risiko für Land und Wasser

Die Pipeline soll Rohöl aus Fracking in der Bakken Region in North Dakota nahe der kanadischen Grenze durch vier Bundesstaaten nach Illinois leiten. Nach ihrer noch für 2016 geplanten Fertigstellung soll sie eine Kapazität von bis zu 570.000 Barrel (mehr als 90 Millionen Liter) Öl pro Tag haben. Die Pipeline quert mehrere Flüsse, unter anderem den Missouri. War zunächst eine Querung nördlich der Stadt Bismarck geplant gewesen, die ihr Wasser aus dem Missouri bezieht, so wurde sie schließlich flußab verlegt. Damit liegt die Querung direkt bei dem Reservat der Standing Rock Sioux und gefährdet deren Grundwasser. Das Risiko wurde damit einfach auf die 'first nation' abgeschoben.
Gerade in den letzten Monaten war es in Nordamerika  mehrfach zu Unfällen gekommen, meist auf Kosten der Indianer. Ganz aktuell sind Nachrichten über ein Pipeline-Leck in Alabama.

Zerstörung von Gräberfeldern

Ende August/Anfang September hatten die Bauarbeiten westlich des Lake Oahe, N.D. Dutzende von Gräberfeldern und anderen Fundstellen einplaniert, darunter eine steinerne Stele, die ein Experte des Stammes als den bedeutendsten archäologischen Fund in Nord-Dakota seit vielen Jahren einstufte. In einem Gutachten war Anfang September 2016 auf die Bedeutung der Fundstelle hingewiesen worden. Kurz darauf haben Baueinheiten außer der Reihe, frühmorgens, gezielt und unter Bewachung mit Hundestaffel und Helicoptern die archäologischen Fundstellen gebulldozert. Es liegt der Verdacht nahe, dass die Zerstörung kein Versehen war. 

Ausgeführt wurden diese Arbeiten durch das U.S. Army Corps of Engineers. Dessen Aufgaben betreffen nicht nur militärische Anlagen, sondern es übernimmt auch die Ausführung staatlicher Bauingenieurprojekte, und ist für Baugenehmigungen zuständig, die Staatsland - wie etwa Wasserstrassen wie den Missouri - betreffen (siehe wikipedia). Das Corps besitzt für kleinere Pipelines eine generelle Genehmigung, die eine nach dem Umwelt- und Denkmalschutzgesetz (National Historic Preservation Act) eigentlich vorgeschriebene Risikoabschätzung umgeht. Die 1930 km lange Pipeline wurde deshalb als eine Kette kleinerer Bauabschnitte 'genehmigt'. Zwar beteuert das texanische Unternehmen Energy Transfer Partners, dass es sämtliche Genehmigungen für den Bau seiner Pipeline habe, doch ergeben sich einige Zweifel, an deren Rechtmäßigkeit, da die eigentlich vorgeschriebenen Risikoabschätzungen und Abstimmungen mit den Belangen des Kulturschutzes nicht ausreichend erfolgt oder ganz misachtet worden sind.
Die Klageschrift der Standing Rock Sioux:
Die Society of American Archaeologists SAA hat sich mit einem offenen Brief an den Kommandeur des U.S. Army Corps of Engineers (USACE) dem Protest angeschlossen. Die SAA konstatiert, dass die Belange des historischen Erbes, nicht genügend berücksichtigt werden. Die Umgehung der Regelungen sei illegal, die Zerstörung der Gräber verstoße gleich gegen mehrere Gesetze.
Auf ihrer gesamten Strecke betrifft die Pipeline 360 bekannte archäologische Fundstellen.

Die Indianer bezeichnen die Zerstörung ihrer Gräberfelder als Genozid.  LaDonna Bravebull Allard ist historic preservation officier der Standing Rock Sioux. Sie erklärt:
"The U.S. government is wiping out our most important cultural and spiritual areas. And as it erases our footprint from the world, it erases us as a people," she continued. "These sites must be protected, or our world will end, it is that simple. Our young people have a right to know who they are. They have a right to language, to culture, to tradition. The way they learn these things is through connection to our lands and our history.
If we allow an oil company to dig through and destroy our histories, our ancestors, our hearts and souls as a people, is that not genocide?"



Nach Luftbildern verläuft die Pipeline auf einer schon länger genztzten Trasse.

Proteste

Der Widerstand der Stämme ist friedlich. Sie legen wert darauf, nicht 'protestors', sondern 'protectors' zu sein. Auf der geplanten Trasse ist ein Camp mit fast 4000 Demonstranten entstanden, doch findet der Kampf vor allem vor Gericht statt. Der Stamm der Standing Rocks Sioux hat hier das Army Corps of Engineers verklagt (Klageschrift).  Nach einer gerichtlichen Niederlage der Stämme hat sich die Bundesregierung eingeschaltet und den Weiterbau vorerst gestoppt.

Aktivisten weisen darauf hin, dass es einen solchen Zusammenschluss zuletzt 1867 gegeben habe, als die Indianer die Schlacht am Little Big Horn gewonnen hätten.Mittlerweile wird auch in anderen Städte, in Washington, Los Angeles und Atlanta gegen das Projekt demonstriert.
Vor Ort kam es zu ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen, nachdem Sicherheitspersonal Pfefferspray und Hunde gegen die Demonstranten eingesetzt hat. Aktivisten vermuten, dass die Baugesellschaft auch mit der Zerstörung der Gräberfelder darauf zielte, Gewalt von Seiten der Demonstranten zu provozieren: "There's only one conclusion, they are attempting to provoke us to violence." folgert ein Protector.

Die American Anthropological Association unterstützt den Protest, ebenso wie mehrere Hollywood Stars, wie Leonardo di Caprio:

Archäologie, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit

Bemerkenswert an den Vorkommnissen ist, wie eng in den USA die Themen "environmentalism", Menschenrechte  und Kulturerbeschutz miteinander verwoben sind. Das ist nicht nur im konkreten Konfliktfall so, sondern schon in der Gesetzeslage des National Historic Preservation Act so angelegt.

Medienberichte

Firmenseite


weitere Links

Änderungsvermerk (18.9.2016):  Abschnitt 'Proteste' verändert und erweitert, da ursprüngliche Formulierung den Eindruck erweckt hat, die Gewalt ginge von den Stämmen aus.

Freitag, 16. September 2016

Wieso trifft man bei manchen Geschichtsevents auf mehr extrem rechte Propaganda als auf einer Pegida-Demonstration?

empfehlens- und beachtenswert:
Nachtrag (16.9.2016):
siehe auch: 

Donnerstag, 15. September 2016

Klimawandel in mehr als 20000 Jahren

Eine Zeitskala des Klimawandels. Ja, Klimawandel hat es auch früher gegeben. Aber nicht so wie heute...
Eine sehr schöne Darstellung der amerikanischen Comic-Seite von Randall Munroe (wenn auch manche Einträge zeitlich nicht ganz korrekt eingeordnet scheinen):

xkcd.com


Earth Temperature Timeline. xkcd.com  (12.9.2016)
(http://xkcd.com/ [CC BY NC 2.5])

Bemerkung 15.9.2016
Sorry - muss anders eingebunden werden - die Abbildung funktioniert bei xkcd gerade nicht mehr - offenbar zu oft verlinkt...

Dienstag, 13. September 2016

Burg oder antiker Rückzugsort? - Geschichtsrezeption beim Discounter

Nicht nur römische Münzen gibt es beim Discounter (R. Schreg/ J. Zerres: Sonderangebot der Woche! Antike "Schrottmünzen" beim Lebensmitteldiscounter . Archaeologik [24..11.2014].), sondern auch ganze Ruinen. Lidl bietet welche an, in groß und in klein, aus Betonstein muschelkalk. oder anthrazit-farben.

Beim Hersteller wird das Produkt als Burgromantik angepriesen, auch wenn das Design, doch viel eher an die Ruine eines Einfamilienhauses erinnert. Das FAZ-Feuilleton sieht darin eine"verheißungsvolle Unfertigkeit roher Steine im Vorgarten" oder eine Bürgerkriegsromantik. Lidl bewirbt es als "antiken Rückzugsort".
Über Geschmack lässt sich streiten (oder auch nicht) - einige Zeitungen lästern schon über das Angebot. Stern empfiehlt: "Lidl sollte hier nicht Halt machen. Pyramiden, Grüfte und vielleicht auch ein Stück Schützengraben mit MG-Nest könnten die deutschen Gärten weiter verschönen."

Für eine archäologisch-wissenschaftliche Perspektive ist an dem Angebot aber eher interessant, wie hier Vergangenheit rezipiert wird (oder auch nicht). 
Da sich ein Forschungsfeld am RGZM derzeit mit Authentizität und Rezeption archäologischer Funde befasst (Relikte der Vergangenheit im Heute “Kulturgüterschutz – Authentizität – Rezeption“) interessierten uns Hintergründe und Motivation zu dem Produkt. Ich habe daher an den Hersteller, die Firma EHL vier Fragen geschickt, die mir ein Mitarbeiter auch zuvorkommend beantwortet hat:

Läuft das Produkt?
Ja, wir sind mit den bisherigen Ergebnissen sehr zufrieden. Viele Kunden haben diese Idee aufgegriffen und die Ruinen zum Teil noch erweitert. 

Wie kam es zu der Produktidee?
In den letzten Jahren ist auffällig, dass Kunden nach Ideen suchen. Dem sollte mit Rechnung getragen werden. Der steigende Umsatz bei Gartenzeitschriften belegt, dass Gärten zunehmend einen erweiterten Wohnraum darstellen, an dem Menschen Ruhe und Entspannung suchen. Erlebnisse vom Urlaub in fernen Ländern, gerade aus dem mediterranen Raum, werden sich immer mehr in Gärten geholt – ebenso Kindheitserlebnisse wie spielen in Burgen und Ruinen. Bei der großen Ruine wurde auch eine Nische mit Vorbau geschaffen. In alten Burgen bzw. in der Antike dienten Nischen entweder für religiöse Bilder oder Kultstätten, oder aber für Wasserstellen. Wasser im Garten ist auch ein wichtiger Aspekt für die Entspannung.
Unser Antikmur Stein bildet die Optik alter Steine nach. Da war es naheliegend, eine Ruine zu bauen. Diese sollte dann so konzipiert sein, dass sie jeder Laie aufbauen kann. Das heißt, die Aufbauanleitung und die benötigten Utensilien müssen alle für den Do-It-Yourselfer zu verarbeiten sein. Bei dem Sturz wurde bewusst ein Eichenbalken genommen, wie es in der Antike – z.B. Pompei - auch üblich war. Die Ruinen sind auch von einem Statiker geprüft.

Wie kam das Angebot zum Discounter? Ging die Initaitive von Ihnen oder von Lidl aus?
Durch frühere Kontakte zum Einkäufer

Wer hat das Produkt gestaltet?
Gestaltet wurde das Produkt durch das Außendienstteam DIY der Firma EHL. Es wurden Probeaufbauten erstellt, bis allen klar war, dass dieses Projekt tatsächlich auch von einem unerfahren Handwerker ohne Maschineneinsatz aufgebaut werden kann.
Interessant ist hier die völlig ahistorische Anknüpfung an die Vergangenheit, in der mittelalterliche Burgen und antike Städte zur Unkenntlichkeit verschwimmen - verstärkt durch die doch eher an die Baustelle eines modernen Einfamilienhaus erinnernde Optik. Authentizität spielt bei dieser Rezeption in keiner Weise eine Rolle. Die Firma spielt viel mehr andere, nicht weniger emotionale Gründe an, weshalb Kunden sich diese Ruine kaufen. Vergangenheit und Romantik als Erholungsfaktor.
Künstliche Ruine als Ausdruck von Kultur und Bildung:
Wien, Schloss Schönbrunn
(Foto: R. Schreg, 2016)

Im Unterschied zur klassischen Romantik, in der die Ruinen in Schlossgärten auch ein gewisses Bildungsniveau und kulturelle Anknüpfungspunkte bieten ist die moderne Ruine völlig schmuckfrei und bezugslos.

Für die Debatte um die Authentizität von Relikten der Vergangenheit, wirft dieser Fall die Frage auf, inwiefern, welche anderen Kriterien ein Publikum an die Vergangenheit anlegt, ob diese nicht als viel wichtiger wahrgenommen werden.

Links


Das Angebot bei Lidl

Sonntag, 11. September 2016

Berufsverband Archäologie

Prekäre Arbeitsverhältnisse sind in der Archäologie keine Seltenheit, weder in der Denkmalpflege noch an den Universitäten. Die DGUF bringt einen Berufsverband Archäologie ins Gespräch und möchte das Thema beim nächsten Archäologen-Kongress 2017 in Mainz aufgreifen.

Aktuell hat die DGUF eine kurze Umfrage dazu gestartet und bittet die Kollegen aus dem Fach um Teilnahme:

Links

Mittwoch, 7. September 2016

Das graue Band von Hohenmölsen

Während sich die Medien auf die haarsträubenden sensationsheischenden Pressemeldungen um die höchst spekulative Entdeckung des "Vaters der Himmelscheibe" stürzen, bleibt eine andere, wesentlich handfestere Entdeckung in Sachsen-Anhalt ziemlich unbeachtet. 
Sie kommt auf den ersten Blick auch reichlich unscheinbar daher: Ein schmutzig-graues, circa zwei Meter breites Band in einer Grabungsfläche.
Rettungsgrabungen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt im Vorfeld des MiBRAG-Braunkohletagebaus haben im Bereich des schon in den 1990er Jahren geräumten Ortes Groß-Grimma unter anderem eine frühneolithische Siedlungsphase erfasst. Eine Siedlung deser Zeit ist keine Sensation mehr: Es gibt tausende von diesen Siedlungen des frühen Neolithikums (6. Jahrtausend v.Chr.), die von den ersten Bauern angelegt wurden. Nicht wenige dieser Siedlungen sind sogar ausgegraben, und trotzdem - oder gerade deshalb - sind weitere Grabungen wichtig: Sie helfen, regionale Besonderheiten zu erkennen und genauer auf die "Dorfökologie" zu schauen: Wie haben sich die Menschen in den Siedlungen organisiert, wie sah ihr soziales Zusammenleben aus und wie haben sie ihre Umwelt genutzt?

Das graue Band: Relikte bandkeramischer Landwirtschaft

Genau hier wird das graue Band interessant. Laut Pressebericht wurde ein ganzes Grabennetz mit einer Gesamtlänge von 500 Metern gefunden. Diese Befunde lagen in einer Tiefe von zwei bis drei Metern unter der heutigen Oberfläche. Die Kollegen vor Ort interpretieren diese Grabenstrukturen "als Spuren der Nutzung des Auenbodens im Tal der Grunau", die der Entwässerung des feuchten Talgrundes gedient haben sollen. In einer Pressemeldung gilt dies als erstmaliger archäologischer "Nachweis bewusster Melliorationsarbeiten [sic!] – und das 7.000 Jahre vor heute!"
Felder aus der Zeit der Bandkeramik sind tatsächlich eine Sensation.
Sollte sich die Datierung der Grabenbefunde durch OSL und 14C-Datierungen bestätigen, gehört der Befund zu den ältesten Ackerrelikten, die bisher bekannt geworden sind und ist schon deshalb extrem wichtig. Erstmals gibt es hier Möglichkeiten, zu erforschen, wie die ersten Bauern ihre Felder bestellt haben und welches Know-How sie über die Balkanroute mit nach Europa brachten.

Hier wartet man gespannt auf die Publikation, die hoffentlich genauere Informationen über die Sedimente, mögliche Pollen- oder Phytolithenanalysen aus der Verfüllung, sowie einen Gesamtplan und eine Rekonstruktion der alten (ausnahmsweise noch erhaltenen?) Oberflächen enthält, der vielleicht eine Parzellierung erkennen lässt. Es ist eine wichtige Frage, ob die Gräben tatsächlich als bewusste Meliorationsarbeiten zu verstehen sind. Prinzipiell wäre zu prüfen, inwiefern es sich auch um ausgespülte Feldraine handeln könnte. Oder ob man nicht vielmehr angeschwemmte Bachsedimente zur Düngung der Felder genutzt hat.
Untersuchungen von Biomarkern könnten Aufschluss geben, wie die Felder gedüngt wurden, was angebaut wurde. Ob das Vieh der frühen Bauern zur Düngung der Felder ausgereicht hat, scheint fraglich, wie die Dynamiken der Bäche im Frühneolithikum ausgesehen hat, ist weitgehend unerforscht. Immerhin muss man davon ausgehen, dass die Bodenerosion auf den Hängen und die Sedimentation in den Tälern (und damit der potentielle nährstoffreiche Boden) eher gering waren.

Chance Braunkohletagebau

Die Chancen auf solche Befunde wie in Hohenmölsen sind selten. In der Regel wurden seit der Linearbandkeramik die alten Oberflächen aberodiert, so dass nur die Tallagen eine Möglichkeit bieten, dass sich einschlägige Befunde erhalten haben. Zudem sind solche befunde nur schwer aufzufinden. Unter den Bedingungen des Braunkohletagebaus im Rheinland, wo sich RWE billigst vom Verursacherprinzip freigekauft wird, ist man kaum in der Lage, solche wichtigen Befunde zu erkennen und angemessen zu untersuchen. In Sachsen-Anhalt werden die Grabungen durch die MiBRAG finanziert und ermöglichen eben auch eine großflächige systematische Untersuchung scheinbar leerer und siedlungsungünstiger Flächen in den Tallagen.


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Samstag, 3. September 2016

Weg mit der Sau ? - Vom Umgang mit schwierigem Kulturgut

ein Beitrag von Jutta Zerres

Seit 1305 befindet sich das diffamierende Bildwerk an Außenwand der Wittenberger Stadtkirche: Es zeigt eine Wildsau, an deren Zitzen Kinder und Ferkel saugen. Hinter dem Tier hockt ein Mann, der das rechte Hinterbein festhält und den Schwanz hochhebt, um dabei begierig auf den Anus zu schauen. Die menschlichen Figuren sind mit Kugelhüten als Juden gekennzeichnet. Das Bild ist beredtes Zeugnis für den mittelalterlichen Antisemitismus.Von ca. 30 Orten in Deutschland, in angrenzenden Ländern und in Skandinavien sind ähnliche Darstellungen in und an Kirchen oder an öffentlichen Gebäuden bekannt. Sie datieren in die Zeit zwischen dem 13. und dem 16./17. Jahrhundert. Eine Auflistung findet sich auf wikipedia

Die "Judensau" an der Kirche in Wittenberg als Ausdruck frühneuzeitlichen Antisemitismus
(Foto: Avi1111 dr. avishai teicher [CC BY SA 4.0] via Wikimedia Commons [Ausschnitt])


Die Bildwerke haben in der Vergangenheit immer wieder zu Diskussionen geführt. Forderungen nach Entfernung sind dabei gelegentlich laut geworden, wie die Videos über die „Judensäue“ am Regensburger Dom und im Chorgestühl des Kölner Domes zeigen.



Vielfach sind mittlerweile Informationstafeln an entsprechenden Stellen angebracht worden. Auch die Wittenberger Gemeinde hatte bereits 1988 eine Gedenktafel für die Opfer des Holocaust auf dem Boden vor der Kirchenwand installiert und sich damit klar vom Inhalt des Bildes distanziert.

Im Vorfeld des 500-jährigen Jubiläums der Reformation wird die Sau im Namen der „political correctness“ nun wieder durchs Dorf getrieben. Anlass dafür ist die von dem Londoner Theologen Dr. Richard Harvey ins Leben gerufene Petition, die die Entfernung der Wittenberger Schandmals fordert. Das Bild soll verschwinden als Zeichen der Versöhnung und der Buße. Ca. 2700 Personen haben bis jetzt gezeichnet. Das Relief solle laut des Begleittextes „an einem anderen Ort in einem Rahmen ausgestellt werden, in dem der historische Bezug hergestellt werden kann“. Harvey ignoriert, dass das Bildwerk am besten innerhalb des Kontextes, für den es geschaffen wurde, sprich: die Außenwand der Kirche zu verstehen und zu erläutern ist.

Petition: https://www.change.org/p/remove-the-wittenberg-judensau

Aber damit nicht genug: Nun drohte noch ein ominöser Pastor namens Jochen Adler der Gemeinde mit einer Millionenklage, falls das Bildwerk nicht bis Ende August entfernt würde.


A. Bartetzky stellte in einem FAZ-Artikel unter dem Titel: „Die Tyrannei der Beleidigten“ fest, dass die Diskussion um die Wittenberger Judensau sich nahtlos in einen Trend einfügt. Immer wieder finden sich Beispiele dafür, wie Bilder und Worte/Schriften, die nicht in die Kategorie „p. c.“ passen, beseitigt werden, als gelte es die Mitmenschen davor zu bewahren. Bei Licht betrachtet stellt aber die Eliminierung einen Akt der Entmündigung der Rezipienten dar. Offenbar traut man den Menschen nicht mehr zu, eine eigene Bewertung und Zuordnung vorzunehmen. „Was uns aber von den Taliban und vom IS unterscheidet, ist nicht zuletzt unsere Bereitschaft, Kulturleistungen und Geschichtszeugnisse auch dann zu respektieren, wenn sie nicht zu unserem Weltbild passen“ führt Bartetztky treffend aus.

Einen völlig anderen Weg im Umgang mit den historischen Zeugnissen des Judenhasses beschritten jüngst Karl-Heinz Büchner, Bernd P. Kammermeier, Reinhold Schlotz und Robert Zwilling. Sie übersetzten Luthers Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ aus dem für den heutigen Leser unverständlichen Frühneuhochdeutschen erstmals in ein modernes Hochdeutsch. Damit wird den Lesern die Möglichkeit eröffnet sich ein eigenes Bild von Luthers ausgeprägter antisemitischer Denkweise zu machen. Im Vorfeld der geplanten offiziellen Jubelfeierlichkeiten zum Reformationsjahr 2017 wird dieser dunkle Aspekt nämlich gerne unter den Teppich gekehrt. In dem 1543 erschienen Buch schlägt der Reformator ein Sieben-Punkte-Programm vor, in dem u. a. die Zerstörung von Synagogen und Häusern, die Wegnahme religiöser Schriften, Lehrverbote für Rabbiner und Zwangsarbeit vorgesehen ist. Es lässt sich von Luthers „Handlungsanweisung“ eine direkte Linie zum Holocaust ziehen.

Donnerstag, 1. September 2016

Kulturgut in Syrien und Irak, August 2016

Der monatliche Rückblick auf die Entwicklung der Situation archäologischer Kulturgüter in Syrien und Irak im Spiegel von Medienberichten.

Zur politischen Situation in Syrien:
UNESCO-Erklärung zum Weltkulturerbe in Syrien:
zur Situation im Irak
politische/ religiöse Instrumentalisierung der Archäologie

    Schadensmeldungen

    Heritage for Peace Damage Newsletter für Syien (inzwischen deutlich mehr Informationen als Schadensmeldungen).,
    Update zum Zustand des UNESCO-Weltkulturerbes durch die syrische Altertumsbehörde:

    Aleppo


    DGAM: https://www.youtube.com/watch?v=VtIK1UW6ep8&feature=youtu.be

    Damaskus

      Tote Städte/ Spätantike Dörfer im nordsyrischen Kalksteinmassiv

      Shinsara, eine der Toten Städte wurde am 30.7. von einem Luftangriff getroffen:
      Insgesamt wurden in letzter Zeit nach einer Erhebung der syrischen Altertumsbehörde  jedoch nur relativ geringe Schäden festgestellt. Auch Raubgrabungen haben hier in jüngerer Zeit nur in kleinem Maßstab stattgefunden. Ein Problem ist Steinraub.

        Russische Luftangriffe auf Kulturgüter

        Beim 23. Byzantinistenkongress in Belgrad attackierte bei der Diskussion eines einführenden Referates ein orthodoxer Priester verbal den Referenten (bzw. den Vortragenden, denn der Autor war aufgrund anderer Verpflichtungen nicht persönlich anwesend), der beiläufig darauf hingewiesen hatte, dass viele der Fundstellen, die für sein Forschungsthema relevant sind, inzwischen durch Kriegshandlungen zerstört seien. Dabei betonte er, dass Zerstörungen nicht nur durch Daesh, sondern auch durch andere Kriegsparteien, unter anderem auch durch russische Luftangriffe zu veantworten seien. Der Priester bezichtigte ihn daraufhin der Lüge und der anti-russischen Propaganda. Man solle nur eine Fundstelle nennen, bei der belegt werden könne, dass Russland für Kulturgutzerstörungen verantwortlich ist.
        Wenn schon bei den Giftgaseinsätzen nur sehr schwierige internationale Ermittlungen eine vage Aussage getroffen werden kann, wer dafür verantwortlich ist, kann man nicht erwarten, dass es heute für irgendetwas Beweise gibt. Es ist also schwer, die Verantwortung für einzelne Zerstörungen zu beurteilen und für sofortige Ermittlungen, wer welchen Angriff geflogen und welche Zerstörungen zu verantworten hat, hat sicher niemand Zeit und die nötigen Nerven. Vielleicht gibt es also bisher keine Beweise. Aber jede Kriegspartei bringt "Kollateralschäden" hervor. Es wäre verwunderlich, wenn ausgerechnet russische Bomben nicht in Kulturerbe einschlagen. In den letzten Monaten gab es aber immer wieder Berichte von russischen Luftangriffen, bei denen auch Kulturgüter zerstört worden seien. Ohne weitere Recherche nenne ich nur:
        Wer in diesem Krieg aktiv mitmischt, muss es sich gefallen lassen, dass Zerstörungen an Kulturerbe thematisiert werden und Schäden angeprangert werden. In diesem Konflikt kann und darf niemand schon im Vorfeld einer Aufarbeitung aus seiner Verantwortung entlassen werden. Die verantwortung dafür, was vor Ort an Menschenopfern und Zerstörungen angerichtet wird, teilen sich alle Kriegsparteien, unabhängig von ihren Intentionen.

        Antikenhandel

        Der aufblühende Markt geplünderter Funde führt auch zu einer Zunahme des Angebots an Fälschungen:

        Maßnahmen

        Fördermittel für den Wiederaufbau Aleppos
         Ein Bericht der US-Regierung für den Congress:
        Unter anderem findet sich in dem Bericht mal wieder die Forderung nach einer Datenbank, die die illegalen, geplünderten Objekte erfasst. Wie sollen, denn bitte schön die ganzen Raubgrabungsfunde erfasst werden? Andersrum wird ein Schuh ´draus: Alle Objekte registrieren, die legal gehandelt werden können (das sind auch nicht so viele).

        Eine Beschränkung des Imports von Antiken aus Syrien in den USA:

          Monuments' men
          Zur Rolle des Smithsonian:

            Rezeption

            Ein Jahr nach dem Mord an Khaled al Asaad:

            Links

            frühere Meldungen zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

            Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.