Montag, 25. April 2016

Fragwürdige Renaturierung von Hochmooren ruiniert historische Archive

In den letzten Jahren werden verstärkt auch in Südwestdeutschland Moore 'renaturiert'. Die Ziele solcher Maßnahmen sind vielfältig: Sie sollen dem Artenschutz und mit der Diskussion der Moore als CO²-Senken zunehmend auch dem Klimaschutz dienen. Dazu werden künstliche Barrieren geschaffen, die den Wasserabfluss bremsen und Bäume werden gerodet.

Harzmoos bei St. Peter
Im Jahr 2013 neue errichtete Sperren im mit engem Abstand. Beim Bau entstanden massive Schäden auf der Mooroberfläche und in den Torfen
(Foto: A. Hölzer 2013, mit freundl. Genehmigung)
Ein Artikel von Adam Hölzer, ehemals am Staatlichen Museum für Naturkunde in Karlsruhe setzt sich mit dieser "Renaturierung" von Hochmooren auseinander. Er untersucht solche Maßnahmen anhand von sechs Beispielen, wie etwa dem Hinterzartener Moor, dem Ibacher Fohrenmoos, dem Kohlhüttenmoos und dem Harzmoos bei St. Peter im Südschwarzwald sowie dem NSG Waltere in Oberschwaben und dem NSG Elzhofmoor im Mittleren Schwarzwald. Die Bilanz fällt ernüchternd aus:
  • Adam Hölzer, Moor-Renaturierung – eine kritische Diskussion der Entwicklung in SW-Deutschland. standort.wald 49, 2015, 101 - 117
    [Der Verein für Forstliche Standortskunde und Forstpflanzenzüchtung e.V., der sich für eine standortnahe Waldbewirtschaftung einsetzt, verspielt übrigens viel von seinem potentiellen Einfluss dadurch, dass die Zeitschrift nicht Open Access steht.]

Kritikpunkte

Die getroffenen Maßnahmen erfolgten meist ohne die nötigen Voruntersuchungen und wurden kurzfristig mit erheblichen Geldmitteln, unter anderem von Daimler durchgeführt, die freilich die absehbaren Folgekosten nicht abdecken. Staumaßnahmen, die entweder gar keine Wirkung zeigen oder im Gegenteil zu Staubereichen führen, die bereits laufende natürliche Regenerationen unterbrechen. Barrieren aus Holzspänen führen zu einer Nährstoffanreicherung, die dem Moorcharakter zuwiderlaufen und zu Methanfreisetzungen führen, die die intendierten CO²-Speicher zunichte machen. Die Niederschlagsbilanz in den Mooren des Schwarzwaldes beispielsweise ist keineswegs so, dass ein Mangel an Wasser besteht und ein gewisser Abfluss natürlich und notwendig ist.
"In ein paar Jahren wird man erkennen, daß die ganzen Eingriffe nur Geld gekostet haben. Nur wird dann der Torf in vielen Gebieten massiv gestört sein und die unwiederbringlichen Archive werden zerstört sein. Es heißt immer, daß durch Wiedervernässung die Torfe geschützt seien. Aber das ist ein Trugschluß, auch eine trockene Oberfläche schützt den Torf. Zudem muß man dazu den Torf nicht 'umwühlen'."  (e-Mail A. Hölzer v. 29.2.2016)
Erfahrungen und Vorbilder für die Renaturierungsmaßnahmen stammen aus Norddeutschland, ohne dass darüber reflektiert wird, inwiefern diese für die südwestdeutschen Moore angemessen sind. Dabei ist auch zu bedenken, dass Moore keineswegs reine Naturphänomene sind, sondern ihre Entstehung oft ganz erheblich mit früheren Kulturlandschaften zu tun hat, die man erst verstehen muss, um angemessene Naturschutzmaßnahmen zu treffen. Dazu sind ökologische Voruntersuchungen und landschaftshistorische Forschungen erforderlich, für die gerade die Moore selbst eine erhebliche Quelle darstellen.

Politik und Sponsoren stellen derzeit gerne Geld für solche gut gemeinten Maßnahmen bereit, das natürlich auch gerne ausgegeben wird.
"Neben der Rolle der Moore als Habitat für spezialisierte Arten ist die Bedeutung der Moore als einzigartige, unersetzbare naturwissenschaftliche Archive bei den Akteuren der Moorrenaturierung offenbar zu wenig bekannt und zu wenig im Bewusstsein, so dass dieser Gesichtspunkt auch viel zu wenig Berücksichtigung findet." (Hölzer 2015, 112)
Alle diese Maßnahmen sind aber mit nicht unerheblichen Eingriffen in den noch vorhandenen Moorkörper verbunden. Da Torfabbauflächen in Südwestdeutschland relativ selten und eher klein sind, "erfolgen Eingriffe in schwach gestörte und in schon seit Jahren in Selbstheilung begriffene Moore. (...) Dabei werden erhebliche Schäden verursacht, sowohl an der Mooroberfläche als auch an den Torfprofilen, die in ungestörtem Zustand einzigartige und unersetzbare Archive unserer Vergangenheit sind"(Hölzer 2015, 101). Mit den Maßnahmen werden eben jene Daten vernichtet, die man für die Qualitätssicherung dringend benötigt.

Moore als historische Archive

Moore sind für die Archäologie bedeutende Archive, nicht nur wegen der archäologischen Fundstellen, wie etwa am Federsee, sondern wegen der dort sehr guten Erhaltungsbedingungen für Pollen, die eine Grundlage bilden, Landschafts- und Kulturgeschichte zu rekonstruieren, auch wenn dabei einige methodische Probleme zu bewältigen sind - Einflüsse des Fernflugs von Pollen oder gerade auch die Folgen des Torfstechens, das durchaus zu Kontaminationen führen kann. Selbst wenn die Maßnahmen nicht zur Zerstörung der gewachsenen Moorkörper führen, erschwert und verteuert die mangelnde Dokumentation der Naturschutzmaßnahmen eine spätere Beprobung und Interpretation.
Bohrungen in einem Moor bei Würzbach
(Foto: R. Schreg, Mai 2008)
Im Schwarzwald wie auch in Oberschwaben gibt es nur noch wenige Moore, die nicht durch solche Aktionen gestört sind, oder für die keine Pläne existieren. Erst in den vergangenen Jahren haben die Moore des Schwarzwald als Quelle der Besiedlungsgeschichte verstärkte Beachtung gefunden. Dabei konnten einige Hinweise gewonnen werden, die auf eine frühere Besiedlung hinweisen, als man lange angenommen hat. Die Forschung ist hier auf ein Zusammenspiel weiterer pollenanalytischer Forschungen wie auch landschaftshistorischer und -archäologischer Forschung angewiesen. Dabei geht es um die Grundlagen eines adäquaten Naturschutzes, aber auch um grundsätzliche Vorstellungen über den Einfluss menschlichen Handels auf Natur und Klima lange vor der Industrialisierung.


Mit bestem Dank an Adam Hölzer für ergänzende Auskünfte.

Mittwoch, 20. April 2016

Archäologie im Vergnügungspark: Eindrücke vom 81. Jahrestreffen der Society for American Archaeology in Orlando, Florida

Beitrag von Detlef Gronenborn

Zunehmend wird im letzten Jahrzehnt die Jahrestagung der Society for American Archaeology (SAA) auch von europäischen Kolleginnen und Kollegen besucht, dies mittlerweile auch im Zuge engerer offizieller Kontakte zwischen der European Association of Archaelogists (EAA) und der SAA, aber auch der Society of Africanist Archaeologists (SAfA). So gelingt es, zumindest strukturell, die verschiedenen Archäologien Afroeurasiens und beider Amerikas enger zusammenzuführen. Freilich bleiben die individuellen kulturgeschichtlichen Entwicklungen auf den jeweiligen Kontinente im Vergleich miteinander ebenso faszinierend.

Bei Walt Disney unter Palmen

Zu ihrem 81. Jahrestreffen hat sich die ehrwürdige SAA ein bislang noch nicht gewähltes Tagungszentrum ausgesucht, das Dolphin Hotel auf dem Gelände der Walt Disney World bei Orlando in Zentral-Florida.

Für manchen war diese Ortswahl problematisch, in erster Linie wohl auch aus finanziellen Gründen, denn die Übernachtungspreise im Tagungshotel wie auch den angebotenen umliegenden Hotels waren zum Teil erheblich. Wer weiter entfernt unterkam, musste mit dem Auto anfahren und Parkgebühren zahlen. Auch mag die zwar schön gestaltete aber auch völlig künstliche und abgeschlossene Resort-Landschaft nicht jedem angenehm gewesen sein. Für Lebensmitteleinkäufe musste man jedenfalls etliche Kilometer fahren, oder war auf die recht hochpreisigen Angebote im Hotelbereich angewiesen. Insgesamt schienen, gerade für europäische Tagungsteilnehmer, die Wahl von Tagungsorten im urbanen Bereich wie etwa in Austin, Texas (2007, 2014) oder Vancouver, British Columbia, Kanada (2008) aufgrund der dichteren Infrastruktur glücklicher. So waren in Florida nach Angaben der SAA 3,577 Tagungsteilnehmer zu verzeichnen.
Unter den Palmen Floridas fand sich vom 6. bis 10. April 2016 die Society of American Archaeology zu ihrem 81. Jahrestreffen zusammen.
(Foto: D. Gronenborn)

President’s Forum

Neben einigen Vorprogrammen setzte die Tagung am 6. Abends mit der Opening Session ein, dem President’s Forum, das dieses Jahr dem Thema „Climate Change and Archaeology“ gewidmet war. Vor den eigentlichen Vorträgen wurde von der derzeitigen Präsidentin, Diane Gifford-Gonzales (Emerita an der University of California Santa Cruz mit Schwerpunkt Zooarchäologie und Archäologie Ostafrikas) im Namen der Tagungsteilnehmer und der Organisation eine Respektsbezeugung gegenüber den Indigenen von Zentral-Florida ausgesprochen.

Das President’s Forum bestand dann aus einer Reihe von Vorträgen, eigentlich Diskussionsbeiträgen, namhafter mit Klimaforschung befasster Kolleginnen und Kollegen. Die Themen waren entsprechend vielfältig, einige der Vorträge jedoch etwas oberflächlich. Deutlich wurde allerdings, dass die Klimaarchäologie weiterhin ein wichtiges Thema in der globalen Archäologie sein wird, auch wenn es nicht nur in Europa vielfältige Gegnerschaft gibt.

Aus den Sektionen

Ab Donnerstag früh um 8:00 bis einschließlich Sonntag morgen 12:00 liefen die diversen Sektionen, Diskussionsforen, Symposien und Roundtables, abends auch die für die SAA so typischen von Vereinen oder Universitätsinstituten organisierten Parties. Letztere, wie auch die stets sehr lebendige cash bar am frühen Abend bieten gute Gelegenheit zur individuellen Diskussion und zum networking, denn innerhalb der Sektionen sind die Vorträge eng getaktet und Diskussionen sind selten möglich.

Da es einer Einzelperson, die ja auch direkt eigene wissenschaftliche Interessen verfolgt, kaum möglich ist, alle Veranstaltungen zu kommentieren, hier nur Bemerkungen zu den persönlich länger besuchten:

Donnerstag morgen stand da zunächst das Syposium zu den Hopewell Ceremonial Landscapes auf dem Programm, unter anderem mitorganisiert von Friedrich Lüth (DAI Berlin). Aus eigenen Schultagen im Mittelwesten wohl vertraut mit der Archäologie der Hopewell, war es interessant zu sehen, welche Möglichkeiten in dieser stark agrarisch überprägten Landschaft die großflächigen Prospektionsmethoden bieten.
Am Nachmittag stand dann das Symposium zu den „’Skull Cults’ amongst Hunter-Gatherers“ an, in dem eine Reihe von archäologischen und ethnographischen Vorträgen aus Eurasien und Nordamerika das Themenfeld umfangreich beleuchtete. Besonders im Gedächtnis – allerdings aus individuellem Interesse – blieb der Vortrag von Frederik Hallgren über mesolithische Schädeldeponierungen in Schweden und den noch nicht publizierten aber referierten DNA-Untersuchungen dazu. Diese Ergebnisse werden für die holozäne Humangeschichte Europas bedeutungsvoll werden.

Am Donnerstag abend stand dann das von mir mit organisierte Symposium zu neuen Ansätzen der Klimaarchäologie in Europa statt, was hier jedoch unkommentiert bleiben soll. Wir waren angesichts des Interesses zu abendlicher Zeit und an eigentlich abgelegenem Raum sehr zufrieden.

Vom Freitag Morgen ist von einem Symposium mit dem Titel „Terraforming and Monumentality in Hunter-Gatherer-Fisher Landscapes“ zu berichten, in dem diverese Befunde von künstlichen Muschelgärten bis zu Befestigungen und Ritualmonumenten in aneignenden Gesellschaften vorgestellt wurden. Besonders zu Fragen von Agglomerationsprozessen wurden anregende Beiträge von der Nordwestküste, aber auch dem Mississippi-Tal und Japan gegeben.

Der Nachmittag war dann einer langen Sektion zur afrikanischen Archäologie gewidmet in der die aktuellen Forschungsergebnisse beginnend vom Early Stone Age bis zum 19. Jahrhundert vorgestellt wurden. Zwar war das mit fünf Stunden Dauer kein Parforceritt, aber dennoch umfangreich und vielfältig.

Das m. E. eindrucksvollste Symposium war das von Nicole Boivin, ab Juli 2016 Direktorin für die Abteilung Archäologie am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, und Mary Pendergast (Saint Louis University, Madrid Campus) organisierte, mit dem Thema „Biological Exchange in the Anthropocene: Archaeological and Genetic Perspectives“. Hier wurden die Ergebnisse des auslaufenden Sealinks-Projektes (http://www.sealinksproject.com/) aus archäologischer wie auch bioarchäologischer Sicht vorgestellt. Es ging unter anderem um die Ausbreitung der Ratte, um die Besiedlung Madagaskars, um die Pest, aber auch um die Veränderung der microbakteriellen Flora im menschlichen Darm im Zuge der Globalisierung. Letzteres war meisterhaft vorgetragen von Christina Warinner von der University of Oklahoma.

Ein Blick in die Zukunft

Neben den ausführlicher dargelegten Symposien wurden auch noch etliche andere zumindest kurz besichtigt, um einen breiten Eindruck der Gesamtveranstaltung zu bekommen. Schließlich ist es für Europäer interessant, den Blick über den Nordatlantik zu richten, auch um eine Idee zu bekommen, wie sich das Fach global in den nächsten Jahren entwickeln könnte. Allerdings verblieb der leise Eindruck, dass die innovativste Forschung zur Zeit aus Europa kommt. Die Nordamerikanische Archäologie befindet sich seit einigen Jahren auf einem Rückzug von einer ehedem stark theoretischen Ausrichtung und versucht, sich auf das Studium materieller Kultur zu besinnen, oder aber Aspekte der britischen post-prozessualen Archäologie aufzugreifen, gelegentlich gar Ideen – eher allerdings unbewusst – des deutschen Historismus. Mit Anerkennung wird zudem die europäische, auch deutsche, archäogenetische Forschung betrachtet, und junge deutsche Genetiker konnten Professuren in Nordamerika besetzen. 

Zusammenfassend kann man daher vorsichtig formulieren, dass in den nächsten Jahren die Rolle von Klima und Umwelt in den Analysen weiter steigen wird, ja insgesamt die Bioarchäologie, insbesondere sicher die Genetik. Letztere wird wohl weiterhin mehr und mehr Deutungshoheit, zumindest beim Verfassen einer Geschichte der longue durée, erhalten. Noch wenig beachtet, zumindest auf dieser Veranstaltung, war hingegen die mathematische Simulation historischer Prozesse. Das alles sind jedoch freilich nur Eindrücke, ja Ahnungen, einer Einzelperson, die längst nicht das gesamte Spektrum der Veranstaltung aufnehmen und bewerten konnte. Dennoch, wissenschaftlich lohnend war es wieder einmal, auch zur Erweiterung des Horizontes.


Links


Bearbeitungsvermerk (20.4.2016): Nachtrag Teilnehmerzahl

Sonntag, 17. April 2016

Archäologik - was ist das?

Archaeologik ist natürlich zunächst einmal dieses Blog!
;-)

Aber Archäologik ist auch ein bislang noch wenig etablierter archäologischer Fachbegriff, den Manfred K.H. Eggert in Anlehnung an den historischen Fachbegriff der Historik geprägt hat (Eggert, 2006, 201-203). Archäologik bezeichnet die kritische und systematische Auseinandersetzung mit der „disziplinären Matrix“ bzw. den Paradigmen des Fachs, was sich auch als einer der Schwerpunkte des Blogs entwickelt hat.
Es geht um die Grundlagen archäologischer Erkenntnis, was mehr ist als Quellenkritik und die Methoden der Feldarchäologie und der Archäometrie, die überwiegend auf der Ebene der Datenerschließung und Datenanalyse ansetzen. Es geht um Methoden der Interpretation, das archäologische bzw. historische Denken und seinen wissenschaftlichen Anspruch, sowie um die Einbindung der Archäologie in die moderne Gesellschaft, was Perspektiven und Ziele entscheidend bestimmt.
Archäologik reflektiert die gängige Denkweise der Wissenschaft und analysiert beispielsweise deren Vorstellungen über das Wesen der Geschichte. 

Johann Gustav Droysen
(PD, via WikimediaCommons)
Der Begriff der Historik ist schon deutlich älter. Er reicht zurück ins 19. Jahrhundert, als Gustav Johann Droysen formuliert hatte, "die Historik ist nicht eine Encyklopädie der historischen Wissenschaften, nicht eine Philosophie (oder Theologie) der Geschichte, noch eine Physik der geschichtlichen Welt, am wenigsten eine Poetik für die Geschichtschreibung. Sie muss sich die Aufgabe stellen, ein Organon des historischen Denkens und Forschens zu sein." Und weiter: "Die Historik umfasst die Methodik des historischen Forschens, die Systematik des historisch Erforschbaren, die Topoi der Darlegungen des historisch Erforschten." Im Kontext solcher Historik wurden auch erste Überlegungen angestellt, wie schriftliche Quellen mit archäologischen Quellen zusammen hängen, was in der Folgezeit jedoch auf dieser systematischen Basis nicht weiter verfolgt wurde. 

Jörn Rüsen hat den Begriff in den 1980er Jahren aufgenommen und ihn im Sinne einer "Meta-Theorie der Geschichtswissenschaft, einer kritischen Selbstreflektion verwendet. Historik umfasst wie von Droysen definiert die Quellenkritik und Methode sowie die Strukturierung des Forschungsgebiet, aber auch eine Auseinandersetzung mit den Paradigmen und den sozialen Rahmenbedingungen der historischen Forschung.
"Die Historik bringt das in den Blick, worauf das historische Denken in seiner wissenschaftlichen Verfassung immer schon beruht, und das ohne seine Thematisierung und Explikation durch die Historik lediglich den Status nicht-explizitierter Voraussetzungen und Grundlagen hätte."  (Rüsen 1983, 10)

Diese Selbstreflektion begründet auch eine Kritikfähigkeit gegenüber dem eigenen Forschen wie der Forschungsgeschichte. So ist aus der Historik auch eine grundsätzliche Kritik der Paradigmen des Historismus erwachsen, der den Begriff der Historik ursprünglich eingeführt hat. Historik ist also nicht einfach geschichtswissenschaftliche Theorie - wie z.B. die Auseinandersetzung mit der Geschichtsphilosophie -, sondern sie bezieht sich immer auf die Praxis der Forschung.
In der disziplinären Matrix wirken fünf Faktoren zusammen: 1.) das Erkenntnisinteresse an der Vergangenheit, 2.) die sinnstiftenden Ideen, 3.) die Methoden der empirischen Forschung, 4.) die Darstellungsformen und Narrative und 5.) die aktive Rezeption und Integration der Erkenntnisse des geschichtswissenschaftlichen Forschens in die Daseinsorientierung der Gegenwart.

'Archäologik' ist das Pendant der Historik für die Archäologie. Sie ist die Beobachtung und Selbstreflektion unserer wissenschaftlichen Praxis.  

Archäologik ist nicht nur der Name, sondern auch das zentrale Thema von Archaeologik.



Literaturverweise
  • Droysen 1868
    J.G. Droysen, Grundriß der Historik (Leipzig 1868).
  • Eggert 2006
    M. K. H. Eggert, Archäologie. Grundzüge einer historischen Kulturwissenschaft. UTB 2728 (Tübingen 2006).
  • Rüsen 1983
    J. Rüsen, Historische Vernunft. Grundzüge einer Historik I (Göttingen 1983).

Montag, 11. April 2016

Why the World needs anthropologists!

Eine Konferenz zur aktuellen Relevanz der (Kultur-)Anthropologie in Ljubljana, am 27.11.2015 ausgerichtet von dem EASA (European Association of Social Anthropologists) Applied Anthropology Network fordert, dass sich Anthropologen in aktuelle Debatten einbringen sollten. Dafür steht der Begriff der "applied anthropology". Die Beiträge zeigen Themen, bei denen sich Anthropologen in aktuelle gesellschaftliche Debatten einbringen. Im Vergleich zur Archäologie haben sie es an einem wesentlichen Punkt einfacher: Sie behandeln bereits den Menschen in der Gegenwart und haben keine Zeit zu überbrücken. 
Thomas Hylland Eriksen streicht als eine Aufgabe der Anthropologie heraus, über Grenzen hinweg zu vermitteln und das in Frage zu stellen, was andere als alternativlos wahrnehmen.  ‘Ethnography, which was never really sufficient, has now become completely inadequate for understanding what’s going on even in small-scale communities.’ Dennoch ist sie grundlegend für die Analyse gesellschaftlicher Probleme - in einem weiteren interdisziplinären Kontext.

Freitag, 8. April 2016

Kulturgüterschutzgesetz: Kompromiss an der falschen Stelle geht zu Lasten unserer archäologischen Quellen

Berechtigte Kritik an der Fristenregelung im neuen Kulturgüterschutzgesetz, die dessen Sinn komplett untergräbt. Ein Kompromiss an der falschen Stelle erschwert die Verfolgung von Raubgrabungen, denn künftig muss nicht nur nachgewiesen werden, dass die üblichen (ohnehin nichtssagenden) erfundenen Provenienzangaben falsch sind, sondern auch, dass ein Fund erst nach 2007 nach Deutschland gekommen ist! Das ist so gut wie unmöglich und Deutschland macht sich mit diesem Gesetz nur lächerlich.

Interner Link

Samstag, 2. April 2016

Die "Befreiung" von Palmyra (Syrien/Irak im März 2016)

Ende März wurde die Oase von Palmyra von syrischen Regierungstruppen von Daesh zurück erobert.
Palmyra war im Mai 2015 von Daesh erobert worden, gefolgt von Massenhinrichtungen, dem Mord an dem Archäologen Khalid al-Asaad sowie gezielter Zerstörungen der antiken Hinterlassenschaften. Der vor allem Nordsyrien betreffende Waffenstillstand zwischen syrischer Regierung und oppositionellen Kräften, hat nun dem Assad-Regime die Möglichkeit gegeben, verstärkt gegen Daesh vorzugehen.

Erste Meldungen über die Rückeroberung der Ruinenstadt erschienen am 24.3.2016, doch gingen die Kämpfe insbesondere im modernen Stadtgebiet und am Flugplatz der Stadt noch am 26.3. weiter. Am 27. war dann von 400 toten Daesh-Kämpfern und der vollständigen Rückeroberung die Rede. Den Meldungen ist wenig über die Bewohner Tadmors zu entnehmen, die Daesh vor der Rückeroberung 'zur Flucht aufgefordert', evakuiert oder gar entführt hatte.

einige Links
Bei den Angaben, welche Truppen an den Kämpfen um Palmyra auf syrischer Seite beteiligt waren, gibt es unterschiedliche Angaben. Die USA hatte Meldungen über russische Luftunterstützung widersprochen. Die Rede ist auf einer australischen Website auch von iranischen Spezialeinheiten, die an der Offensive gegen Daesh beteiligt gewesen sein sollen.

Die syrische Armee will Tadmor als Operationsbasis für einen weiteren Vormarsch nach Osten nach Rakka und Deir-ez-Zor nutzen. Im Irak rücken derweil Truppen gegen Daesh in Mosul vor.

Schäden

Zerstörungen im Museum von Palmyra
(Foto: DGAM [CC BY SA 4.0]
via http://dgam.gov.sy/index.php?d=314&id=1957)
Erste Bilder aus Palmyra von DGAM: Außer den durch Daesh propagandistisch in Szene gesetzten Zerstörungen scheinen die übrigen Ruinen weitgehend unbeschädigt.



Zerstörungen in Palmyra durch Daesh (rot) und frühere Zerstörungen durch militärische Aktivitäten der syrischen Armee
Destruction in Palmyra by Daesh (red) and earlier destruction by military activities probably of the Syrian army (yellow), damage during military campaign against Daesh (light yellow)


Weitere Bilder aus der Stadt zeigen Verwüstungen im Nationalmuseum mit antiken (originalen?) Statuen, aber auch Zerstörungen, die durch Beschuss erfolgt sind. Die DGAM hatte alle beweglichen Funde vor dem Einmarsch von Daesh noch in Sicherheit gebracht, doch konnten größere und an den Wänden montierte Plastiken und Reliefs nicht evakuiert werden. 

    Schwere Schäden scheint es infolge der Kämpfe um die Zitadelle zu geben:
    Die Einschätzung der Schäden fällt höchst unterschiedlich aus. DGAM ist positiv überrascht, andere Archäologen sind schockiert:
    Letzterer Artikel konstatiert, Daesh hätte in seinen Kulturgutzerstörungen in Palmyra in den letzten Monaten nachgelassen. Laut Mahmood Abdulkarim, dem Leiter der Alterumsbehörde DGAM hätten sich Einwohner gegen die Zerstörung gestellt. Für sie sei die Ruinenstadt nicht nur ein Schatz, sondern eine Säule der lokalen Identität. “I think Daesh understood very strongly that if they continued to destroy buildings, they would be attacked by the local community.” Ich kann die lokale Wertschätzung der Ruinen für die lokale Bevölkerung - abgesehen davon, dass vor dem Krieg ca. 150.000 Touristen jährlich die Stadt besucht hätten - nicht einschätzen. Vielleicht ist das Wunschdenken: vergl.  Die Zerstörung des alten Palmyra - 1929. Archaeologik (28. Dez. 2015). Vielleicht hatte sich die Kulturgutzerstörung im Augenblick als Propagandamittel für Daesh nur abgenutzt?

    Wichtig erscheint der Hinweis, dass mit der Rückeroberung Palmyras dessen Bedrohung und Zerstörung keineswegs gestoppt sind.  Schon vor Daesh gab es Bilder aus der Stadt, die Uniformierte beim Verladen von Grabrelief zeigten. Plünderungen sind kein Alleinstellungsmerkmal des Daesh. Gerade die palmyrenischen Grabreliefs werden von Pseudo-gebildeten Sammlern gerne als schickes Accessoire ins Wohnzimmer gestellt.
     


    Der am 23.8.2015 gesprengte Tempel des Baal Schamin, 1993
    (Foto: M. Scholz)

    Reaktionen & Propaganda
    Die Reaktionen und Deutungen der Rückeroberung sind voll politischer Propaganda:
    Zweifellos stärkt die Rückeroberung das Assad-Regime.
    Russische Medien feiern die Befreiung als vorrangig russischen Erfolg, den nun auch der Westen anzuerkennen hätte

    Verständlicherweise reagiert der Westen zurückhaltender:

    Irina Bokova, Generaldirektorin der UNESCO begrüßt die Rückeroberung
    Ob die Begrifflichkeit der "Befreiung" aus Sicht der Einwohner des modernen Tadmor zutreffend ist, mag man im übrigen bezweifeln. Auch scheint es mehr als zweifelhaft, dass die Rückeroberung ein Sieg der Menschenrechte darstellt, wie ein unglücklich formulierter twitter-Post von Irina Bokova impliziert:




    Eines fällt mir negativ auf (Stand 27.3., ich hoffe auf die kommenden Tage): Kaum irgend welche Nachrichten aus Palmyra geben Auskunft über die Einwohner Tadmors. Die Stadt soll bei der Rückeroberung weitgehend leer gewesen sein. Daesh hatte die Bewohner vor Tagen "evakuiert" (laut http://aranews.net/2016/03/isis-fights-back-palmyra/). Stellt sich die Frage, ob, wie und wo die Einwohner überlebt haben oder ob sie nicht vor den Assad-Truppen trotz IS-Terror lieber in deren Gebiete geflohen sind? Stattdessen wird viel über den Wiederaufbau der Ruinen geredet. Da scheinen mir die Prioritäten dann doch etwas fragwürdig. Dass es durchaus Tradition vor Ort hat, dass Ruinen vor Menschen gehen (http://archaeologik.blogspot.de/2015/12/die-zerstorung-des-alten-palmyra-1929.html), macht die Sache nicht besser. 

    Die  eingehendste Analyse stammt bislang von der ARD-Korrespondentin Cornelia Wegerhoff, die nun auch auf das Schicksal der Bewohner und die propagandistische Bedeutung der "Befreiung" verweist.  
    In diesem Kontext auch:

    Die Frage von Restaurierung und Rekonstruktion

    Die syrische Altertumsbehörde kündigte noch am Tag der Rückeroberung eine Inspektion mit UNESCO; ICOMOS und ICCROM (International Centre for the Study of the Preservation and Restoration of Cultural Property) an sowie Planungen für einen Wiederaufbau.
    2,7 Mio € für den Wiederaufbau stehen via UNESCO bereit:
    Der italienische Außenminister Paolo Gentiloni fordert laut der staatsnahen russischen Nachrichtenagentur TASS eine größere Rolle der UNESCO beim Wiederaufbau Palmyras. "It could be an opportunity for culture-sector peacekeepers to seek more active role of UNESCO when this city of incredible importance is liberated."
    Auch Großbritannien möchte mitmachen:

      ASOR bereitet eine Bestandaufnahme auf Basis der neuen Bilder vor:
      Eine Einschätzung von russischen Archäologen
      Dass Russland politische Interessen am Wiederaufbau von Palmyra hat, zeigt sich darin, dass Putin sich persönlich dafür einsetzt
      Die Frage des Wiederaufbaus
      nachdenkliche Stimmen:

       
      weitere Reaktionen und Einordnungen

       

            Neue Pressemeldungen und Medienberichte  zu Syrien und Irak


              DAI nimmt nach 14 Jahren Unterbrechung Feldarbeiten im Südirak wieder auf

              Schadensmeldungen

                Bilanz in Mosul

                  Raubgrabungen und Antikenhehlerei

                  Kriegs- und Terrorfinanzierung durch Blutantiken

                  Neill Brodie konstatiert zunehmenden Realismus in der Wahrnehmung der tatsächlichen Rolle der Raubgrabungen für die Finanzierung von Krieg und Terror, indem neben Daesh auch die anderen Kriegsparteien verstärkt wahrgenommen werden:

                  Maßnahmen und Aktionen


                  Palmyra – Was bleibt? Louis-François Cassas und seine Reise in den Orient. - Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln mit Graphiken zu Palmyra
                  Der französische Künstler, Archäologe und Architekt Louis Francois Cassas hat im Jahre 1785 die Ruinen von Palmyra in rekonstruierenden Ansichten, aber auch in Schnitten dokumentiert.   

                  Fassadenaufriss des Bel-Heiligtums in Palmyra von Louis-François Cassas (1756-1827), Ansicht von Norden, Tuschefeder in Schwarz, laviert, 1785 (Wallraf-Richartz-Museum, Köln, Inv.-Nr. Hittorff-Nachlass, Ba. 011)
                  (gemeinfrei, via WikimediaCommons)

                  Ein Blogpost von Neill Brodie geht der Frage nach, inwiefern Medienberichte die politischen Aktionen gegen Raubgrabungen beeinflussen. Er greift ein Blogpost von Christopher Jones auf, der postuliert hat, dass Medienberichte die Raubgrabungsaktivitäten förderten:
                  Italien unterstützt die Polizei im Irak durch Ausbildung zu den Feldern Antikenhehlerei und Raubgrabungen:
                  wieder ein Versuch, die Händler einzubinden
                  UNESCO-Erklärung
                   Appell des Direktors der Syrischen Alterumsbehörde DGAM Maamoun Abdulkarim
                  3D

                  Technische Uterstützung für syrische Kollegen hat sich http://iconem.com/syria/ vorgenommen. ICONEM "is a young Paris based start-up focused on 3D reconstruction and analysis of endangered archaeological sites, which are part of our common heritage. To prevent destruction caused by conflict, looting or natural disasters, we send teams on the ground to train people and help them document their heritage." Die neue Homepage drückt die Kontakte zur syrischen Altertumsbehörde durch deren Logo auf der Startseite aus.

                  Ein tschechischer Beitrag zur Dokumentation der Schäden in Mosul:

                        Links

                        Änderungsvermerk: Links korrigiert 2.4.2016