Mittwoch, 27. Mai 2015

Archäologie der Enteignung

"Das historische Narrativ darf deshalb nicht nur von einer Nation, von einer Epoche, oder nur einer Religion handeln" (Yonathan Mizrachi, ein israelischer Archäologe der Gruppe "Emek Shaveh", die sich gegen die politische Instrumentalisierung von Archäologie einsetzt)

Samstag, 23. Mai 2015

Quellenverlust - Der Diebstahl historischer Grenzsteine

H. Steidle, Raubgräber klauen historische Grenzsteine. Schwäbische.de (20.5.2015) - http://www.schwaebische.de/region_artikel,-Raubgraeber-klauen-historische-Grenzsteine-_arid,10236114_toid,353.html berichtet über den Diebstahl historischer Grenzsteine im Raum Laichingen, im nordwestlichen Alb-Donau-Kreis auf der Schwäbischen Alb. Geklaut wurden Grenzsteine auf Gemarkung Feldstetten, die dort einen alten Rechtsbezirk um Egelsee abgegrenzt hatten.
Verwiesen sei in diesem Kontext auf zwei Beiträge auf Archaeologik, die nun erkennen lassen, welchen Quellenverlust dies bedeutet:
R. Schreg, Wüstungen im Blaubeurer Lagerbuch von 1457. Archaeologik (8.7.2013) mit einer knappen Skizze der regionalen Siedlungsgeschichte, in deren Kontext die geklauten Steine zu sehen waren. Ihre genaue Lage und Beschriftung ist ein wichtiges Puzzlestück zur Rekonstruktion des mittelalterlichen Siedlungsgefüges und war ein wesentliches Element der historischen Kulturlandschaft. Da in Egelsee das Vorgängerkloster des Klosters Blaubeuren zu lokalisieren ist, wird hier die landesgeschichtliche Dimension solcher Grenzsteine deutlich, die aber auch so, eine wesentliche Quelle zur Rekonstruktion des mittelalterlichen Siedlungsgefüges darstellen. Seine Kenntnis ist insofern von Bedeutung, als sich abzeichnet, dass die ländliche Siedlungsgeschichte viel bewegter war, als bisher vermutet. Die Vorstellung alter Ortskerne, die auf eine Siedlungsgründung in der Merowingerzeit zurückreichen sollten, hat sich als falsch erwiesen und wir stehen vor der Herausforderung, das unstete Wesen des frühmittelalterlichen Siedlungen zu verstehen - und den Übergang zu den heute noch existenten Dörfern, was v.a. eine Entwicklung des Spätmittelalters scheint.

Wüstungen im Blaubeurer Lagerbuch von 1457, darunter Egelsee bei Feldstetten. Die jetzt geklauten Grenzsteine waren ein wichtiges Geländezeugnis für die Rekonstruktion der spätmittelalterlichen Siedlungslandschaft (Gaphik R. Schreg, Kartengrundlage aufgrund SRTM-Daten - weiß - Wüstungen, rot - bestehende Ortschaften).
Der noch nicht so alte Blogpost zu den Zeugensteinen (R. Schreg, Zeugen des Untergangs. Archaeologik [6.5.2015]) hat das Thema der Grenzen angeschnitten, die für uns heute so selbstervständlich sind. Tatsächlich ist die Vorstellung von Grenzen historisch gewachsen und Grenzsteine sind ein Zeugnis dieses geistigen Wandels. Für die Kenntnis der Zeugen sind historische Grenzsteine so lange von Bedeutung, so lange sie in situ sind und wir - bei methodisch sorgfältig durchgeführter Grabung - die Lagebeziehung von Zeugen und Grenzstein erkennen können. Auch das haben die Diebe der Grenzsteine zunichte gemacht.
Die Diebe haben nicht nur Steine geklaut, sondern Quellen der Geschichte - und nicht nur der Heimatgeschichte.
 

Sonntag, 17. Mai 2015

#dguf2015 - Der zweite Tag der DGUF-Tagung in den Social Media

Am zweiten Tag der DGUF-Tagung "Schafft sich die Öffentlichkeit eine andere Archäologie?" in Tübingen konnte ich Erfahrungen aus Archaeologik zusammenfassen und in die Diskussion einbringen. Die tweets zur Tagung:
Guido Nockemann bietet Tag 2 auf storify:

Interner Link

Mittwoch, 6. Mai 2015

Zeugen des Untergangs

Grenzsteinzeugen gelten i.R. nicht als archäologische Funde, dafür sind sie - gemessen an den gesetzlichen Definitionen - in der Regel zu jung. Mit Masse datieren sie ins 19. und 20. Jahrhundert. Viele Exemplare, die heute nicht zuletzt in privaten Sammlungen im Umlauf sind, waren gar nie im Boden. Zeugen wurden beispielsweise in Baden-Württemberg noch bis in die 1960er Jahre genutzt. Als sie abgeschafft wurden, hatten die Gemeinden oft noch kistenweise unbenutzte Zeugen, die v.a. danach getauscht und gesammelt wurden.
Die Zeugen dienten der Sicherung von Grenzsteinen, indem der "Untergänger", ein eingeschworener Gemeindebeamte zur Überwachung der Grenzen) sie in nur ihm bekannter Anordnung zum Grenzstein vergraben hat.Im Streitfalle konnte so überprüft werden, ob sich der Grenzstein noch in originaler Lage befand oder vielleicht versetzt worden ist.

In jüngerer Zeit waren Zeugen speziell gefertigte gebrannte Tonplaketten, oft gestempelt oder in Model gepresst, bisweilen aber auch nur mit einer geritzten Signatur. Manche tragen eine Jahreszahl, in anderen Fällen können die Wappen als terminus post quem genutzt werden. Bei den hier abgebildeten Beispielen aus dem Kreis Göppingen sind einige Beispiele von Gemeinden vertreten, denen ihr offizielles Wappen erst in den 1930er Jahren oder gar erst in der Nachkriegszeit verliehen worden ist.

Marksteinzeugen aus dem Kreis Göppingen
(aus Privatbesitz, Foto R. Schreg)

Die ältesten belegbaren Stücke gehen jedoch mindestens ins 16. Jh. zurück und sind - zusammen mit anderen archäologisch fassbaren Relikten früherer Parzellierungen ein wichtiges Zeugnis für die Entwicklung der Vorstellungen von Landbesitz. Schriftliche Quellen belegen Zeugen jedoch bereits seit dem 14. Jahrhundert.

Im Heimatmuseum Geislingen befindet sich ein nach den Fundumständen wohl als Zeuge genutzter Dachziegel mit Jahreszahl 1535. Frühe Zeugen sind selten als solche zu erkennen, da man eben Scherben oder vielleicht auch Steine genutzt hat. Notwendig wäre eine gut dokumentierte Untersuchung der Lagesituation (Position in Relation zum Grenzstein, Tiefe, Neigung, Kippung...), was prinzipiell fast nie vorliegt. Ältere Zeugen wurden meist bei der Erneuerung von Grenzsteinen gefunden, dabei wurde leider meist noch nicht mal festgehalten, welchem Grenzpunkt sie zugeordnet waren, was ggf. Grundlage für eine Chronologie sein könnte (wobei evtl. die Frage auch einfacher über Archivrecherchen klärbar sein könnte). Funde im Bereich archäologischer Grabungen müssten eigentlich in größerer Zahl vorliegen, wurden aber wohl häufig nicht erkannt.


Dachziegel als Grenzsteinzeuge
(Museum im Alten Bau Geislingen a.d. Steige, Foto: R. Schreg)
Allerdings: Die archäologischen Fragestellungen an die Zeugen selbst sind begrenzt. Eine Rekonstruktion des jeweiligen 'Codes' dürfte kaum möglich sein, da wir kaum eine Datenbasis erhalten werden, die eine Rekonstruktion erlaubt. Interessant wäre es, frühe Belege zu finden und so die Anfänge einer 'staatlich' abgesicherten Grenzziehung zu erfassen. Eine zeitliche Differenzierung und Zuordnung zu einzelnen Grenzverläufen könnte jedoch ergänzende Einblicke in die Entwicklung des Phänomens der Grenze und des individuellen Landbesitzes geben.


Literaturhinweise
  • K. S. Bader, Der schwäbische Untergang. Studien zum Grenzrecht und Grenzprozeß im Mittelalter (Freiburg i.Br. 1933).
  • W. J. Schedel, Vom Grenzgericht zur Datenbank. Geschichte und Aufgabe des württembergischen Vermessungswesens am Beispiel der Stadt Göppingen. Veröff. Stadtarchiv Göppingen 25 (Göppingen 1990).



Freitag, 1. Mai 2015

Kulturgut in Syrien und Irak (April 2015)

Zu den Zerstörungen in Hatra und Nimrud
Nachdem am Karfreitag (3.4.2015) ein Video zu den Zerstörungen in Hatra (siehe Archaeologik 4.4.2015)  aufgetaucht ist, hat IS in einem Propagandavideo am 11.4. auch die Zerstörungen in Nimrud dokumentiert (Archaeologik 12.4.2015).
Sprengung von Nimrud
(IS-Propaganda-Video
In den Ruinen wurden vor den Wänden Fässer mit Sprengstoff verteilt. Außerdem wurden schwere Baumaschinen eingesetzt.
Es wird diskutiert, wann genau das Video entstanden ist. Von besonderem Interesse ist die Frage, ob die Zerstörungen vor oder erst nach den Medienberichten vom Anfang März entstanden sind (vergl. Archaeologik 9.3.2015).
Versuche einer ersten Schadensanalyse:
Zu den Zerstörungen in Nimrud:

Weitere Medienberichte zu Hatra:
Vor diesen Meldungen hat Paul Collins (Oxford) einen Vortrag am Ashmolean Museum gehalten:
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Schadensberichte
Herausgegriffen seien hier nur zwei Meldungen zu St. Simeon in Nordsyrien bei Aleppo. DGAM berichtet von Vandalismus und Plünderungen (https://www.youtube.com/watch?v=TZEHyfDXY5k&feature=youtu.be). Ein Video aus anderer Quelle scheint zu zeigen, dass eine Anti-Assad-Truppe von Jihadistinnen die Kirche St. Simeon Stylites als Camp nutzt (http://www.ibtimes.co.uk/syria-female-jihadists-set-anti-assad-training-camp-worlds-oldest-byzantine-church-empower-1495746).
In Aleppo gab es wieder Sprengungen in Tunneln unter der Altstadt, sowie Bombenangriffe, wie Protect Syrian Archaeology berichtet: