Mittwoch, 6. Mai 2015

Zeugen des Untergangs

Grenzsteinzeugen gelten i.R. nicht als archäologische Funde, dafür sind sie - gemessen an den gesetzlichen Definitionen - in der Regel zu jung. Mit Masse datieren sie ins 19. und 20. Jahrhundert. Viele Exemplare, die heute nicht zuletzt in privaten Sammlungen im Umlauf sind, waren gar nie im Boden. Zeugen wurden beispielsweise in Baden-Württemberg noch bis in die 1960er Jahre genutzt. Als sie abgeschafft wurden, hatten die Gemeinden oft noch kistenweise unbenutzte Zeugen, die v.a. danach getauscht und gesammelt wurden.
Die Zeugen dienten der Sicherung von Grenzsteinen, indem der "Untergänger", ein eingeschworener Gemeindebeamte zur Überwachung der Grenzen) sie in nur ihm bekannter Anordnung zum Grenzstein vergraben hat.Im Streitfalle konnte so überprüft werden, ob sich der Grenzstein noch in originaler Lage befand oder vielleicht versetzt worden ist.

In jüngerer Zeit waren Zeugen speziell gefertigte gebrannte Tonplaketten, oft gestempelt oder in Model gepresst, bisweilen aber auch nur mit einer geritzten Signatur. Manche tragen eine Jahreszahl, in anderen Fällen können die Wappen als terminus post quem genutzt werden. Bei den hier abgebildeten Beispielen aus dem Kreis Göppingen sind einige Beispiele von Gemeinden vertreten, denen ihr offizielles Wappen erst in den 1930er Jahren oder gar erst in der Nachkriegszeit verliehen worden ist.

Marksteinzeugen aus dem Kreis Göppingen
(aus Privatbesitz, Foto R. Schreg)

Die ältesten belegbaren Stücke gehen jedoch mindestens ins 16. Jh. zurück und sind - zusammen mit anderen archäologisch fassbaren Relikten früherer Parzellierungen ein wichtiges Zeugnis für die Entwicklung der Vorstellungen von Landbesitz. Schriftliche Quellen belegen Zeugen jedoch bereits seit dem 14. Jahrhundert.

Im Heimatmuseum Geislingen befindet sich ein nach den Fundumständen wohl als Zeuge genutzter Dachziegel mit Jahreszahl 1535. Frühe Zeugen sind selten als solche zu erkennen, da man eben Scherben oder vielleicht auch Steine genutzt hat. Notwendig wäre eine gut dokumentierte Untersuchung der Lagesituation (Position in Relation zum Grenzstein, Tiefe, Neigung, Kippung...), was prinzipiell fast nie vorliegt. Ältere Zeugen wurden meist bei der Erneuerung von Grenzsteinen gefunden, dabei wurde leider meist noch nicht mal festgehalten, welchem Grenzpunkt sie zugeordnet waren, was ggf. Grundlage für eine Chronologie sein könnte (wobei evtl. die Frage auch einfacher über Archivrecherchen klärbar sein könnte). Funde im Bereich archäologischer Grabungen müssten eigentlich in größerer Zahl vorliegen, wurden aber wohl häufig nicht erkannt.


Dachziegel als Grenzsteinzeuge
(Museum im Alten Bau Geislingen a.d. Steige, Foto: R. Schreg)
Allerdings: Die archäologischen Fragestellungen an die Zeugen selbst sind begrenzt. Eine Rekonstruktion des jeweiligen 'Codes' dürfte kaum möglich sein, da wir kaum eine Datenbasis erhalten werden, die eine Rekonstruktion erlaubt. Interessant wäre es, frühe Belege zu finden und so die Anfänge einer 'staatlich' abgesicherten Grenzziehung zu erfassen. Eine zeitliche Differenzierung und Zuordnung zu einzelnen Grenzverläufen könnte jedoch ergänzende Einblicke in die Entwicklung des Phänomens der Grenze und des individuellen Landbesitzes geben.


Literaturhinweise
  • K. S. Bader, Der schwäbische Untergang. Studien zum Grenzrecht und Grenzprozeß im Mittelalter (Freiburg i.Br. 1933).
  • W. J. Schedel, Vom Grenzgericht zur Datenbank. Geschichte und Aufgabe des württembergischen Vermessungswesens am Beispiel der Stadt Göppingen. Veröff. Stadtarchiv Göppingen 25 (Göppingen 1990).



1 Kommentar:

LESEFUNDE BLAUBEUREN hat gesagt…

Aus meiner jahrelangen Arachivarbeit gelangte ich eigentlich zu der Erkenntnis, dass Untergänger nur im Plural vorkommen. Interessantes Forschungdsdesiderat, das den schwunghaften Handel mit diesen Zeugen überhaupt erst ermöglichte. Dass mehr Fälschungen( im besten Fall Masse aus Restekisten der Rathäuser) als Originale auf dem Markt sind war den ernsthaften Sammlern immer bekannt. Allerdings war wohl die Masse der Verzeugungen wohl meist für die Sammlelvitrine eher unattraktiv und das unseriöse Angebot folgte der Nachfrage. Inwischen dürften die ernst zu nehmen den Originale weitestgehend vom Markt sein und die Sammlungen wohl eher im Bereich von Nachlässen liegen. Es war wohl schon früh ein Thema von Stadtarchiven, also Archivaren und Orts- und Stadtarchive dürften noch die sichersten Quellen liefern.