Freitag, 29. August 2014

Archäologie ist Friedensarbeit

Archäologie ist Friedensarbeit: Sie behandelt das Fremde in der Vergangenheit und in der Gegenwart. meint Roberto Fontolan, Direktor des Communion and Liberation International Center in Rom (vergl. wikipedia).
Vorträge und Beiträge zu einer aktuellen Konferenz zur Situation in Syrien, 24.-30.8.2014 in Rimini

Donnerstag, 28. August 2014

Themenabend bei ARTE: Kunstmafia und Kriegsmillionen

Dienstag 2. September 2014 um 20.15: Thema Kunstmafia und Kriegsmillionen:

mit zwei Dokumentationen: "Die Spur der Tempelräuber" behandelt Statuen aus Kambodscha, die bei Sotheby's versteigert wurden. Die Dokumentation "Blutige Beute" verspricht, dass sie "den Geheimnissen des europäischen Kunsthandels auf den Grund geht. Thematisiert wird der Verdacht, dass Antikenraub und -handel der Finanzierung von Krieg und Gewalt dient und Terrorgruppen mit Geld versorgt.

siehe auch auf Archaeologik:

Donnerstag, 21. August 2014

Virtuelle Archäologie in Baden-Württemberg

Offiziell wurden vorige Woche die 3D-Modelle vorgestellt, die die archäologische Denkmalpflege Baden-Württemberg online bereit stellt.

Zu erreichen ist die 'virtuelle Archäologie' unter:
Die bisher verfügbaren Modelle zeigen die Bandbreite der Anwendungen:

Die Ansicht der 3D-Modelle erfolgt mittels Sketchfab im Browser. Hier gibt es auch die Möglichkeit, die 3D-Modelle über Social Media zu teilen oder mit einem code auf anderen Website einzubinden. Die rechtlichen Bedingungen, ob und wie das erlaubt ist, werden aber nirgendwo explizit angegeben. In den Erläuterungen ist beiläufig von "freiem Download" die Rede, weshalb hier der Menhir von Weilheim mit der bereit gestellten Funktion als Beispiel eingebunden sei:



So beeindruckend das Heidengraben-Modell auf den ersten Blick ist, so haben doch die früheren archäologischen Pläne des Oppidums einen höheren Informationsgehalt. Die Auflösung ist relativ gering, so dass es nicht prospektiv zu verwenden ist, sondern allenfalls illustrativ zu verwenden ist. Dann aber ist es eventuell störend, dass es im Hangbereich viele Datenlöcher gibt und auch die Kacheln der LiDAR-Scans sind nicht sauber geglättet sind.
Anders sieht es mit der Dokumentation des Menhirs von Weilheim aus, der sehr gut die Details erkennen lässt. Hier hat das 3D-Modell großen wissenschaftlichen Wert. Für ein breiteres interessiertes Publikum würde eine Fototextur aber einen höheren Grad an "Authentizität" vermitteln.
Grundsätzlich stellt sich bei solchen 3D-Modellen, wo ihr Nutzen über eine reine Visualisierung hinaus liegt. Die Antwort liegt sicher in der Möglichkeit zu weitergehenden Analysen - was aber das Prinzip der Open Data erfordert, das über die Bereitstellung fertig interpretierter Modelle hinaus geht.

Link

Online-Petitionen in der Archäologie

Online Petitionen sind in Mode. Man kann darüber streiten, inwiefern sie tatsächlich Einfluß auf politische Entscheidungen nehmen können. Der DGUF-Newsletter v.6.8.2014 frägt "Folgenlose Klickerei oder wachsender Einfluss der Bürger: Was Online-Petitionen und -Kampagnen erfolgreich macht". Aber jenseits der Frage, was Petitionen praktisch erreichen können, sind sie auch ein Zeichen dafür, dass eine Öffentlichkeit zunehmend eine Mitbestimmung und Beteiligung an ihrem Kulturerbe einfordert.

Petitionen

Petitionen sind ein Instrumentarium der demokratischen Meinungsbildung und können sich an verschiedene Adressaten der Legislative wie der Exekutive wenden. Petitionen an die Parlamente haben oft insofern besonderen Rechtscharakter, als ein Anrecht besteht, dass sich die Volksvertretung mit dem Anliegen auch tatsächlich auseinandersetzt. Der Bundestag unterhält dazu einen eigenen Petitionsausschuß. Über ein eigenes Portal können Petitionen auch online eingereicht werden (https://epetitionen.bundestag.de/epet/peteinreichen.html). 
Ansonsten gibt es heute zahlreiche Petitionsplattformen, von denen in Deutschland change.org und openpetition derzeit besonders bedeutend sind. Im Unterschied zu den offiziellen Petitionen an die Parlamente haben diese online-Petitionen keine rechtliche Wirkung. Sie sind lediglich Appelle. Wirksam werden sie, wenn es gelingt, eine überraschende Anzahl von Unterstützern zu finden, die zeigt, dass sich Wähler oder Kunden für ein Thema einsetzen. 

Petitionen zur Denkmalpflege

Inzwischen gibt es international eine große Zahl von Petitionen, die Fragen der Denkmalpflege und der Archäologie betreffen. Einige Beispiele seien im folgenden aufgeführt:
Pont Valentré in Cahors
(Foto: S. Schreg, 1978)


In Deutschland sind entsprechende Petitionen (noch?) relativ selten. Beispiele sind etwa:

Mittwoch, 20. August 2014

Materielle Kultur in den historischen Kulturwissenschaften (Materielle Kultur und Archäologie 3)

Das Studium materieller Kultur ist ein Teil der Kulturwissenschaften. Dabei sind die vielfältigen Beziehungen zwischen Menschen und Dingen in Zeit und Raum der Hauptforschungsgegenstand. Materielle Kultur kann nicht unabhängig von sozialen Prozessen und Rahmenbedingungen verstanden werden, wie umgekehrt soziale Handlungen und Beziehungen häufig aufs engste mit materieller Kultur verbunden sind. Objekte können als Ressourcen, Prestige- und Machtmittel im Kern sozialer Auseinandersetzungen stehen oder als Medien sozialer Kommunikation dienen – oder einfach den lebensweltlichen Rahmen sozialer Prozesse bestimmen.

Die Beschäftigung mit materieller Kultur hat innerhalb der Kulturwissenschaften einen schweren Stand. Einerseits führten die herrschenden Menschen- und Geschichtsbilder dazu, die materielle Kultur als etwas niederes zu sehen, der eine höhere, durch Ideen, Sprache und Texte repräsentierte immaterielle Kultur gegenüber steht. Andererseits hat in den 1960er Jahren der linguistic turn in den Kulturwissenschaften die Idee propagiert, wonach jede Erkenntnis sprachabhängig ist. Damit entwickelte sich eine gewisse Sprach-Fixierung, die manche lebensweltlichen und materiellen Aspekte von Kultur ins Hintertreffen geraten ließ.

In vielen Handbüchern und Einführungen in die Kulturwissenschaften spielt materielle Kultur keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Vielfach bestehen starke Traditionen aus den Literatur- und Bildwissenschaften, wohingegen Ethnologie oder eben auch Archäologie häufig lediglich eine Nebenrolle spielen.


Historische Kulturwissenschaft
Wissenschaftsverständnis Transdisziplinär
selbstreflexiv
Forschungsansatz Vergangenheitsbezogen
fachspezifisch
Forschungsgegenstand Der historische Mensch samt seiner materiellen und immateriellen Hervorbringungen
Interpretation Theorie- und analogiegeleitet
Ziel Herausarbeitung geschichtlicher Einzelkulturen und Kulturerscheinungen
Herausarbeitung wiederkehrender Züge in den geschichtlichen Erscheinungen und im geschichtlichen Prozess (Generalisierung)
Abb. 3.1 Eigenschaften der Historischen Kulturwissenschaft (nach Eggert 2006, Abb. 13.1)

 

Kulturgeschichte und Ethnologie im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert spielte die Auseinandersetzung mit materieller Kultur eine wichtige Rolle für die im Zusammenhang mit der Ausbildung nationaler Identitäten entstehenden Kulturgeschichte. Sammlungen und Kuriosenkabinette entwickelten sich zu Museen mit wissenschaftlichen und didaktischen Ansprüchen. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise die Gründungen des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg und des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz zu nennen. In der Ethnologie entstanden umfangreiche Sammlungen von Objekten fremder Völker. Eine wesentliche Aufgabe war zunächst die zeitliche und räumliche Ordnung des Materials. Die Konzepte von Typologie und Kulturräumen wurzeln in dieser frühen Phase der Erforschung materieller Kultur, der es oft noch an einer ausreichenden Kontextualisierung der Objekte bezüglich ihres Gebrauchs- oder Fundkontextes mangelte. Neben der räumlichen und zeitlichen Ordnung richtete sich das Forschungsinteresse von Anfang an auf den Alltag sowie eine weitere kulturgeschichtliche, meist evolutionär gedachte Einordnung. Für Ludwig Lindenschmit beispielsweise war es das Ziel seiner Sammlungen am Römisch-Germanischen Zentralmuseum anhand der Objekte „die Stellung der vorhistorischen Bildungszustände mit jenen der geschichtlichen Zeit in ein folgerechtes und begreifliches Verhältnis“ zu bringen (Lindenschmit 1866). Man bediente sich für die Interpretation schriftlicher und bildlicher Quellen und versuchte deshalb in der Archäologie „von den Verhältnissen der ältesten historischen Zeit, als der einzig sicheren Grundlage, ausgehend ihren Pfad in die dunkleren Räume der Vorzeit, Schritt für Schritt“ (Lindenschmit 1866) zu sichern. Archäologische und kunsthistorische Objekte wurden unter Bezug auf bildliche und schriftliche Quellen interpretiert, weshalb der frühgeschichtlichen, historischen Archäologie eine besondere Bedeutung zukam.

Montag, 18. August 2014

Gestrandete archäologische Funde der Krim

Ein Update zu Archäologie zwischen Kiew und St. Petersburg - Kulturgut im Krim-Konflikt. Archaeologik (28.3.2014) jetzt im Spiegel:

Materielle Kultur: Einige Definitionen (Materielle Kultur und Archäologie 2)

Traditionell wird der Begriff der materiellen Kultur in der volkskundlich-museologischen Forschung auf tote, bewegliche Güter bezogen, womit die gebaute Umwelt weitgehend ausgeschlossen wird (Ludwig 2011). In der Regel werden auch natürliche oder lebendige Dinge wie Bäume, Tiere aber auch Kulturlandschaften ausgenommen. Voraussetzung ist zudem, dass die Objekte auch vom Menschen wahrgenommen wurden.


Im Hinblick auf die Ziele einer Erforschung materieller Kultur – egal ob auf die Gegenwart oder die Vergangenheit bezogen – macht solch eine restriktive Begrifflichkeit heute wenig Sinn und ist nur aus der Forschungsgeschichte (siehe unten) und einem antiquierten Kulturbegriff (siehe oben) heraus zu erklären. Die neueren „material culture studies“ etwa ziehen bewusst die anthropogene Landschaft in die Analyse mit ein. „Die Frage, ob eine Sache vom Menschen gestaltet wurde, erweist sich als nachgeordnet gegenüber der Frage nach der Wahrnehmung von Gegenständen, dem Umgang damit und deren Bedeutung“ (Hahn 2005, 25). Elemente der menschlichen Umwelt, die der Mensch direkt (bewusst, aber auch unbewusst) beeinflusst, prägt oder wahrnimmt sind Teil der materiellen Kultur. Äcker, Hecken, Wege oder Brücken sind ebenso Teil der materiellen Kultur wie Möbel, Gefäße oder jedwede Luxus- und Prestigeobjekte oder Statusabzeichen.
Gräber, Schlachtfelder, aber auch  Kulturlandschaftsrelikte (Abb. 1.3; Abb. 2.1) können nicht ausgeklammert werden, wenn man vergangene Gesellschaften verstehen möchte.



Abb. 2.1 Ackerfluren als materielle Kultur: gestaltete, genutzte und auch wahrgenommene Landschaft


Problematisch ist auch das Kriterium einer Wahrnehmung durch den Menschen, da z.B. Mikroben fester Teil der Kulturgeschichte sind, aber erst in der Neuzeit als solche entdeckt wurden. Unter dem Einfluss menschlicher Kultur entwickelten sich Krankheitserreger, aber beispielsweise auch Hefe-, Milchsäure und Sauerteigbakterien.



Abb. 2.2 Holzmodell einer Bäckerei, Tempel des Mentuhotep II in Deir el-Bahari (British Museum)
Wichtiger Bestandteil des Backens sind Hefe- oder Sauerteigbakterien. Sie sind wichtiger Teil der materiellen Kultur, obgleich sie von den Menschen vor dem 19. Jahrhundert nicht bekannt waren.
(Foto: E. Naville 1906/07, via Wikimedia Commons)



Insofern bietet es sich an, unter materieller Kultur alle materialisierten Überreste vergangenen menschlichen Lebens zu verstehen, unabhängig davon, ob es sich um greifbare Gegenstände, klassische archäologische Befunde oder Geländerelikte handelt.


Dabei handelt es sich bei den archäologischen Funden aber nicht lediglich um Relikte oder Überreste, da beispielsweise Grabanlagen aber auch Architektur (ebenso wie epigraphische Denkmäler) durchaus mit einem Überlieferungswillen einhergehen mögen. Gräber künden an nachfolgende Generationen vom Stellenwert der Familie oder reklamieren möglicherweise auch ganz konkrete Besitzansprüche an Land. Monumente, Kunstobjekte oder bildliche Darstellungen sind ebenso nicht nur als Relikte zu verstehen (vergl. die Kategorien intentionaler/funktionaler Daten: Härke 1993; Archaeologik).




Abb. 2.3 Definitionen von Sachkultur/materieller Kultur
(Graphik: R. Schreg)


Die Begrifflichkeiten von Objekten, Dingen, Sachen etc. sind sehr komplex und ihr Gebrauch ist nicht einheitlich. Die folgende Übersicht stellt einige gebräuchliche Definitionen zusammen:


Ding
Oberbegriff: bezeichnet die einzelnen Gegenstände der materiellen Kultur,
speziell deren physischen Erscheinungsformen (engl. ‚lumps’, eigentlich Brocken oder Klumpen), um ihre Materialität, Dreidimensionalität und physische Präsenz hervorzuheben.
teilweise auch bezogen auf naturgegebene Dinge

problematische Abgrenzung gegen „Sache”, „Objekt” oder „Artefakt”
Objekt
1.) Dinge mit kultureller Bedeutung
Der Begriff ist „psychologisch besetzt“ und lässt jeweils ein ‚Subjekt’ als Gegenüber mitdenken.
Damit lassen sich Objekte der Natur, die nicht weiter bearbeitet, benutzt oder kulturell und sozial eingeordnet werden, aus der materiellen Kultur ausscheiden, was aber umgekehrt auch bedeutet, dass Objekte der direkten Umwelt Teil der materiellen Kultur sind, auch wenn sie wie Tiere oder Bäume lebendig sind.
2.) vom Betrachter unabhängig existente, dem Menschen gegenüber gestellt
Gegenstand
Objekt mit kultureller Bedeutung, schließt aber lebendige Objekte aus
Sache
Betonung auf Gebrauchswert: Objekte menschlicher Arbeit
Artefakt
Betonung auf der Herstellung, dem Produktionsvorgang: intentional und durch menschliche Arbeit
Zeug
Begriff nach Heidegger: vom Menschen geschaffen, dem Menschen dienstbar gemacht
Werk
Begriff nach Heidegger: vom Menschen geschaffen, aber kein unmittelbarer Zweck
Güter (goods)
Betonung auf Konsum und allgemeine ökonomische Dimension
Ware
Betonung auf Markt
Überrest /Relikt
nicht mit der Intention eines Überlieferungswillens produzierte Gegenstände
Nach: Ludwig 2011; Hahn 2005, 19ff.




zur Serie 'Materielle Kultur und Archäologie'
zu Teil 1
zu Teil 3
Literaturnachweise (folgt)




Sonntag, 17. August 2014

Der Begriff der materiellen Kultur (Materielle Kultur und Archäologie 1)

Im Deutschen wird ‚materielle Kultur’ zumeist synonym mit „Sachkultur“ gebraucht. Beide Begriffe verweisen auf alle gegenständlichen Objekte, die vom Menschen produziert oder in sein Handeln eingebunden sind. Je nachdem ob quellenkritisch oder kulturtheoretische Überlegungen im Vordergrund stehen, kann jedoch durchaus unterschiedliches gemeint sein (Veit 2014, 357).
Auf einer ersten Ebene kann materielle Kultur einfach als Sammelbegriff zur Charakterisierung archäologischer Quellen dienen (ebd.). Dabei wird Sachkultur meist auf bewegliche Kleinfunde bezogen, während Architektur oder andere materialisierte Relikte menschlichen Handelns wie beispielsweise Landschaften, Gräber oder Schlachtfelder oft unberücksichtigt bleiben. Hier zeigt sich eine Definitionsproblematik, auf die noch zurückzukommen sein wird (siehe unten).

Bundesarchiv Bild 183-49400-0002, Wohnzimmer, VEB Möbelwerke Colmnitz
Abb. 1.1 materielle Kultur:
DDR-Wohnzimmer des VEB Möbelwerke Colmnitz auf der Leipziger Herbstmesse 1957(Foto: Bundesarchiv, Bild 183-49400-0002 [CC-BY-SA] via Wikimedia Commons)

Abb. 1.2 materielle Kultur:
Rekonstruierter Hauptraum eines slawischen Hauses,
Freilichtmuseum Archeoskanzen in Modra bei Staré Město
(Foto: R. Schreg, 2013)


Abb. 1.3 materielle Kultur:
Landschaftsveränderung infolge menschlichen Handelns
- Abraumhalde römischen oder mittelalterlichen Bergbaus bei Imsbach in der Südpfalz
(Foto R. Schreg, 2006)


Jenseits dieser konkreten Bedeutung steht der Begriff der materiellen Kultur aber auch für einige theoretische geschichtsphilosophische und kulturwissenschaftliche Konzepte. Materielle Kultur ist etwa ein wichtiger Begriff des historischen Materialismus. Materielle Kultur steht im marxistischen Geschichtsdenken für den materiellen Unterbau, der dem geistigen Oberbau gegenüber gestellt wird. Teil der materiellen Kultur sind hier Produktionsmittel und Produkte, deren Verfügbarkeit als wesentlicher Faktor für die historische Entwicklung begriffen wird. In der aktuellen Forschung scheint diese Konnotation überwunden zu sein, so dass der Begriff heute für ein interdisziplinäres Forschungsfeld steht, das neben der Archäologie insbesondere die Ethnologie, aber auch die Soziologie umfasst. Mit dem material turn in den Geschichtswissenschaften wurde aber auch dort die Bedeutung der materiellen Lebensgrundlagen stärker bewusst, so dass das Studium der materiellen Kultur heute einen fachübergreifender Ansatz der Kulturwissenschaften, insbesondere auch der historischen Kulturwissenschaften darstellt. Materielle Kultur steht in der Ur- und Frühgeschichte „bis heute zunächst einmal in erster Linie für kulturtheoretisch informierte Ansätze und damit zugleich für eine fächerübergreifende, kulturvergleichende Perspektive“ (ebd.). Ulrich Veit sieht den Begriff der materiellen Kultur als "Leitbegriff einer kulturanthropologisch ausgerichteten Archäologie. Deren Anhänger setzen auf interkulturellen Vergleich und Generalisierung und grenzen sich damit dezidiert gegenüber älteren antiquarischen und historisierenden Ansätzen ab"  (ebd.).

Konnotationen des Begriffs

Aus der forschungsgeschichtlichen Perspektive hat der deutsche Begriff der materiellen Kultur einige problematischer Konnotationen, derer man sich bewusst sein muss. Meines Erachtens sollte man damit pragmatisch umgehen, da bisher keine adäquate Bezeichnung gefunden wurde, die diese Probleme umgehen kann.

  • ein eingeschränkter Kulturbegriff:

Der Begriff ‚materielle Kultur’ führt insbesondere in archäologischem Zusammenhang zu dem Risiko eines antiquierten, rein materiell verstandenen Kulturbegriffes. Archäologische ‚Kulturen’ bezeichnen lediglich modern definierte Gruppen ähnlicher materieller Ausprägungen, die häufig immer noch als historisch relevante Gruppe missverstanden werden. ‚Materielle Kultur’ bezieht sich aber nicht auf den noch immer erstaunlich selten reflektierten archäologischen Kulturbegriff (vergl. Hachmann 1987; Fröhlich 2000), sondern auf ein wesentlich umfassenderes Kultur-Verständnis, das eben auch soziales Handeln und Wahrnehmungen mit einbezieht. Allzu leicht wird der Begriff auf Materialforschung im Sinne von Werkstoffkunde verkürzt und die für archäologischen Interpretationen wichtige soziale (und die ökologische) Dimension vergessen oder an den Rand gedrängt. Die Auseinandersetzung mit materieller Kultur ist deshalb nicht nur eine Beschäftigung mit den Objekten selbst, sondern vor allem auch mit der Gesellschaft, ihrem funktionalen und sozialen Alltag, wie auch ihrem Werten und Mentalitäten.


  • ein problematisch passiver Begriff von ‚Material’ und ‚Materialität’:

Ein wesentliches Problem des gängigen Materialbegriffs ist, dass er eine passive Rolle von Material impliziert. Die aktive Rolle, die Material spielen kann, obwohl diese im alltäglichen Sprachgebrauch durchaus angelegt ist, wird in ihm kaum reflektiert.
Der abstraktere Begriff der Materialität, verstanden als die Stofflichkeit der Dinge, wirft die Fragen nach der sozialen Dimension von Objekten auf, da „die Vorstellung von Materie historisch und kulturell produziert ist“ (www) und umgekehrt Materialität Kultur und Ideen formt. Materialität gilt daher als einer der Schlüsselbegriffe der Kulturwissenschaften und ist hier seit einigen Jahren gut etabliert (z.B. Düsseldorfer Graduiertenkolleg „Materialität und Produktion“).

  • Zwischen Abwertung und Fetischismus:

Außerordentlich problematisch ist, dass der Begriff der materiellen Kultur einen Gegensatz zu einer höheren geistigen Kultur schafft. Wohl nicht zuletzt deswegen war etwa in der Volkskunde/Ethnologie die Auseinandersetzung mit Objekten über lange Zeit hinweg etwas unter die Räder gekommen. Auch in der Archäologie gewinnt man aus Gesprächen mit Kollegen den Eindruck, dass die Auseinandersetzung mit 'materieller Kultur' mit antiquierten Materialeditionen verbunden wird. So sehen beispielsweise auch Geismar u.a. 2014 (314) das Risiko, dass die Material Culture Studies als eine Aufwertung des „Fetischismus des Objekts“ missverstanden würden, den sie jedoch gerade durch die Kontextualisierung des Objekts im Rahmen der Material Culture Studies gebannt sehen.


  • eine marxistisch-ideologische Komponente:

Bereits angesprochen wurde die marxistische Bedeutung des Begriffes. Allzu leicht haftet dem Begriff der materiellen Kultur deswegen eine ideologische Konnotation an, die den unbelasteten wissenschaftlichen Gebrauch des Begriffs erschweren. Einerseits mag dieser marxistische Hintergrund ein Faktor dafür sein, dass die Auseinandersetzung mit materieller Kultur seit den 1930er Jahren deutlich nachgelassen hatte, andererseits mag er auch erklären, wie der Begriff seit den 1960er Jahren zum „Kampfbegriff zur Kritik idealistischer bzw. mentalistischer Kulturkonzepte“ (Veit 2014) werden konnte.
Die Auseinandersetzung mit materieller Kultur hat mit ihrem Alltagsbezug jedoch zwangsläufig die Tendenz, Geschichte von unten zu betrachten – auch ohne ideologische Vorurteile. Der moderne Gebrauch des Begriffes hat sich von der marxistischen Konnotation emanzipiert, indem die im Marxismus vorausgesetzte bestimmende Rolle der materiellen Kultur gegenüber den Ideen problematisiert wird.



zur Serie 'Materielle Kultur und Archäologie'
zu Teil 2
Literaturnachweise (folgt)


Änderungsvermerk 18.8.: geringe textliche Anpassung in Abschnitt 1

Materielle Kultur und Archäologie

Die Auseinandersetzung mit materieller Kultur ist für die Archäologie Alltagsgeschäft, stellen Funde, oder allgemeiner die materiellen Niederschläge menschlichen Handelns im Sinne evidenter wie latenter Befunde ihre ureigene Quellenbasis dar. Der ‚material turn’ der Geisteswissenschaften, der seit den 1980er Jahren immer wieder proklamiert wurde, hat deshalb in der Archäologie – ähnlich dem ‚spatial turn’ – kaum Niederschlag gefunden: man hat das in der Archäologie ja schon immer praktiziert…Dennoch scheint es lohnend, die Ansätze des ‚material turn’ bzw. der ‚material culture studies’ in der Archäologie genauer zu reflektieren.
In einer kleinen Post-Serie werden in den kommenden Monaten einige Aspekte des Themas beleuchtet. Die Überlegungen gehen auf ein Arbeitspapier zurück, das einerseits eine knappe Einführung bieten soll, andererseits einige interessante Themenfelder benennen möchte. Eine tiefergehende Diskussion und Darstellung ist mit diesem Paper aber noch nicht beabsichtigt.

Geplante Posts:

  1. Der Begriff der materiellen Kultur
  2. Materielle Kultur: einige Definitionen
  3. Materielle Kultur in den historischen Kulturwissenschaften
  4. Materialität der Kultur
  5. Archäologie und materielle Kultur
  6. Themen der Archäologie
  7. Methoden
  8. Herausforderungen
  9. Chancen
  10. Literaturhinweise



Donnerstag, 14. August 2014

Archäologie nominiert für die Kategorie Comedy des Deutschen Radiopreises

Für den Deutschen Radiopreis 2014 wurde die Sendung "Fenster zur Steinzeit:  Archäologische Sensation an Baustelle des Stuttgarter Bahnhofs“ von SWR2 Wissen in der Kategorie "Comedy" nominiert!

Logo Deutscher Radiopreis
(NDR Presse und Information)
Udo Zindel und Wolfgang Rein hatten am 1. April mit Unterstützung von Kollegen des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg, dem Landesmuseum Württemberg und der DGUF über die sensationellen Grabungsbefunde rund um die Nesenbachfrau berichtet, die bei den Bauarbeiten zu Stuttgart 21 gefunden worden sein soll. Dabei gelang der Nachweis der ältesten Spätzle und auch die Ursprünge des Stuttgarter Stadtwappens wurden geklärt.
"Das Hörerecho war das größte in der Geschichte von SWR2 Wissen: Mehr als 100 Hörermails gingen ein, viele Anrufe und Briefe, und die Story verbreitete sich rasant." Nicht nur die Deutsche Apothekerzeitung" ist auf den Aprilscherz hereingefallen. Denn immerhin konnte die Story durch verschiedene Links auch 'verifiziert' werden:

Flankiert wurde der Beitrag im Nachhinein durch seriöse Informationen zur Arbeitsweise der Archäologie:

Mittwoch, 13. August 2014

10 Jahre danach: Perspektiven auf den archäologischen Kulturgutschutz

10 Jahre nach der Plünderung des Nationalmuseums in Bagdad legt SAFE einen Reader mit Stellungnahmen zur Rolle des archäologischen Kulturgutschutzes vor:

Montag, 11. August 2014

Good bye, Sekhemka! - Ägyptens Kulturgüter im Juli 2014

ein Beitrag von Jutta Zerres

Der Fokus der Berichterstattung zur Situation ägyptischer Kulturgüter lag im vergangenen Monat nicht in Ägypten; das medienbeherrschende Ereignis spielte sich viel mehr in Großbritannien ab. Hier wurde allen Protesten zum Trotz am 10. Juli im Londoner Auktionshaus Christie’s die Statue des Sekhemka, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhundets im Besitz des Museums der zentralenglischen Stadt Northampton befunden hatte, für den unglaublichen Betrag von fast £ 16 Mio (ca. 20 Mio €) versteigert. Der Schätzwert war vorher zwischen £ 4-6 Millionen (ca. 5 bis 7,5 Millionen €) veranschlagt worden. Mit dem Geld will das Council Borough Northampton die Erweiterung des örtlichen Museum, der Art Gallery und die Renovierung eines weiteren Museums finanzieren. 
Statue of Sekhemka
Statue des Sekhemka, vom Museum Northampton bei Christie's verhökert
(Foto: Bibilovski (Own work) [CC-BY-SA-4.0], via Wikimedia Commons)
Der Ägyptische Botschafter in London Ashraf Elkholy brachte es auf den Punkt: “museums should spread culture, not selling heritage for money” und “a museum should not be a store”. Ein solcher Verkauf von museumseigenen Beständen zur kurzfristigen Lösung von finanziellen Problemen verstößt gegen ethisch-moralische Grundsätze von Museen. Die UK Museums Association (MA) und das ägyptischen Antikenministerium zeigten sich entsetzt. Der ICOM stellte fest, dass der Verkauf solch hochwertiger Kulturgüter den Raub ähnlicher Objekte fördere. Vor Ort hatte sich schon vor geraumer Zeit eine Gruppe mit dem Namen „Save Sekhemka Action Group“  formiert, die einen Blog und eine Facebookseite einrichtete. 
Mehrere Petitionen wurden ins Leben gerufen; eine davon erhielt über 1000 Unterschriften.
B. Eldrid vom Northampton Borough Council begründet den Verkauf mit den hohen Kosten, die die Versicherung der Statue verschlinge. Dieses Argument rechtfertigt den Verkauf nicht, denn das Northampton Borough Council hätte bei drohender finanzieller Überbelastung durch Versicherungsbeiträge die Statue in eine andere öffentliche Sammlung (z. B. das British Museum) oder nach Ägypten zurück geben können.
Außerdem, so Eldrid weiter, habe das Objekt für die Stadtgeschichte keine Aussage. Diesem Argument widersprach die Aktionsgruppe entschieden. Die Statue sei durch ihre lange Aufbewahrung in Northampton längst Teil der Ortsgeschichte geworden.

Die qualitätvolle Kalksteinsteinfigur des hohen Beamten Sekhemka und seiner Frau datiert ins Alte Reich. S. Compton, der 2. Marquis von Northampton hatte sie 1850 von einer Ägyptenreise nach England mitgebracht. Sein Nachfahre schenkte die Statue am Ende des 19. Jahrhunderts dem Council Borough Northampton und seitdem war sie im örtlichen Museum ausgestellt. Der heute noch lebende Nachkomme des Adeligen, der sich ebenfalls den Protesten angeschlossen hatte, erhält jetzt 45% des Erlöses. Den Zuschlag bekam übrigens ein privater Sammler, der anonym bleiben möchte. Vermutlich verschwindet Sekhemka nun auf Nimmerwiedersehen für die Öffentlichkeit und die Forschung in einer privaten Sammlung.
Nur ein schwacher Trost: Wenige Tage später wurde dem Museum von Northampton vom Art Council, einer Art Kulturstiftung in Großbritannien die Akkreditierung für mindestens fünf Jahre entzogen.
Die britische Presse berichtete ausführlich, so dass die Zahl der Artikel kaum übersehbar ist. Bis auf Selket’s Blog griff kein deutschsprachiges Medium die Geschichte auf:


Reaktionen auf den Verkauf:
Link

Was war sonst los?


“Gesteinsklau in der Pyramide-Das geht gar nicht!”- Egypt's Heritage Task Force veröffentlichte am 14. Juli eine Stelungnahme zur Strafverfolgung der beiden selbsternannten Pyramidenforscher in Deutschland (vergl. auf Archaeologik). „Die Strafverfolgung in Deutschland ist ein wichtiges Zeichen: Wer im Ausland Weltkulturerbe beschädigt und Teile entwendet, wird dafür auch hier in Deutschland zur Rechenschaft gezogen!“

Über den Diebstahl und die Gefährdung durch Zerstörung von mittelalterlichen und neuzeitlichen Handschriften in der Öffentlichen Bibiliothek von Zagazig berichtet Egyptindependent, 29.7.14: http://www.egyptindependent.com/news/17-historical-manuscripts-stolen-183-vulnerable-damage-and-theft

Einen Überblick zu illegalen Grabungen und Zerstörungen an historischen Stätten seit 2011 gibt ein Bericht bei El-Ahram, 24.7.14: http://weekly.ahram.org.eg/News/6818/32/Egypt%E2%80%99s-heritage-crisis.aspx

Die dänische Polizei konfizierte ein Paket mit acht gestohlenen Artefakten aus Ägyten, die von den USA aus über die Schweiz nach Dänemark geschickt worden waen:

Frankreich und Dänemark geben Artefakte aus pharaonischer und islamischer Zit an Ägypten zurück.

interne Links

laufende Ägyptenreports

Sonntag, 10. August 2014

Handelsverbot für syrische Antiken - #HistoryNotGuns


Amr Al-Azm, Professor an der Shawnee University, früher Professor in Damaskus und Mitarbeiter der syrischen Altertumsbehörde hat eine Petition an die UN gestartet, die ein Verbot des Handels mit syrischen Antiken einfordert.

aus der Petition:

"Es ist wichtig, dass unser Kulturerbe erhalten bleibt. Nicht nur wegen seiner einzigartigen Schönheit und seines historischen Quellenwerts, sondern auch, weil es uns helfen wird, eine neue syrische Identität zu schaffen. Der Markt für gestohlenes Kulturgut aus Syrien geht derzeit in die Millionen, aber es gibt einen entscheidende Chance:
Die UN muss den Handel mit syrischen Altertümern verbieten.
Bislang hat die UN zahlreiche Apelle ignoriert, eine Resolution zu verabschieden, wie sie es schon einmal für Iraks Kulturerbe getan hat. Jetzt steht viel mehr auf dem Spiel, was die UN handeln lassen sollte. Der Kulturgüterraub in Syrien ist ein einträgliches Geschäft,das extrimistischen Gruppen wie ISIS Millionen von Dollar in die Kriegskasse spült."

Mittwoch, 6. August 2014

Kulturgüter in Syrien (Juli 2014)

Mit dem Vordringen der Extremisten von IS scheint die Aufmerksamkeit für das Kulturerbe in Syrien wieder zuzunehmen. Das Thema wird oft mit den Aktivitäten von IS (ISIS) verknüpft, die außer Syrien auch den Irak betreffen. Einige Zeitungsmeldungen dazu unter:
Medienberichte

Blogbeiträge

Heritage Task Force der Opposition
Mit Hilfe des Penn Museums und des Smithsonian wurde inzwischen mit Schulungen des Museumspersonals begonnen.

Zerstörungen und Plünderungen
Inzwischen liefert der Damage Newsletter von Heritage for Peace eine aktuelle Übersicht über die Zerstörungen im syrischen Bürgerkrieg (Archiv der Newsletter). Hier sind umfassend die Quellen zusammengeführt, die ich zu einem Großteil auch für Archaeologik beobachtet habe. Für den Juli enthalten die Newsletter vom 5. und 20. Juli sowie vom 3. August neue Meldungen zu Zerstörungen und Raubgrabbungen, so dass ich nun dort aufgeführte Informationen zu einzelnen Fundstellen weitgehend außer Acht lassen werde.
Bemerkenswert sind allerdings die hochaufgelösten Satellitenbilder, die Raubgrabungsspuren in Dura Europos, Mari und Tell Sheikh Hamad dokumentieren:
Mari, Tell von Osten
(Foto: M. Scholz 1993, m. freundl. Genehmigung)

Dienstag, 5. August 2014

Medienberichte zu IS in Syrien und Irak

Zu Zerstörungen und Plünderungen von Monumenten und archäologischen Fundstellen durch islamistische Extremisten von IS (Islamischer Staat, ehem. ISIS oder ISIL) in Syrien und Irak:

Radiobeiträge
Blogbeiträge
Das von IS Anfang August 2014 kontrollierte Gebiet.
(Karte: Haghal Jagul [CC0 1.0 - Public Domain], via Wikimedia Commons)
Interne Links