Donnerstag, 24. Januar 2013

Indianerspitzen von der Schwäbischen Alb

Das Problem verschleppter Artefakte und von Abfällen moderner "experimenteller" Archäologie ist im Prinzip erkannt (vergl. Archaeologik). Es ist kein neues Problem. Hier seien einige Beispiele extremer Fundverschleppungen aus dem Württembergischen gezeigt, die aber gleichwohl von kulturhistorischer Bedeutung sind - wenn auch nicht für die Steinzeit, sondern für die Geschichte des 19. Jahrhunderts.

1.) Im Heimatmuseums Geislingen liegen 8, teilweise fragmentierte Geschossköpfe. Sie sind in dem von Georg Burkhardt in den 1920er und 30er Jahren angelegten Inventarbuch unter der Nummer 624 verzeichnet.
Abb. 1. Heimatmuseum Geislingen Inv. 624:
indianische Pfeilspitzen
(Foto R. Schreg, 1993)

2.) Ende des 19. Jahrhunderts fand ein Bauer beim "Ausrotten" einer Hecke etwa 2 Kilometer nordnordwestlich von Sigmaringen beieinander liegend vier Silexspitzen, ein Silex-"Amulett", zwei Bronzenadeln, einen Kammrest, etwa 20 "Tonperlen" und menschliche Knochen. Apotheker Hieronymus Edelmann (1853-1922) interpetierte den Befund als neolithische Bestattung, die durch ein merowingerzeitliches Grab gestört sein soll. Die Funde kamen mit der Sammlung Edelmann, der die Funde im Herbst 1894 erwarb, ans British Museum. Bei der Publikation des Sammlungsbestandes äußerten H. Zürn und S. Schiek unter Verweis auf die meist amerikanische Herkunft solcher Pfeilspitzen Zweifel an der Authentizität des Komplexes.
Abb. 2. Sigmaringen [Slg. Edelmann, im British Museum]
(Zeichnung: Monika Shaffer, aus: Zürn/ Schiek 1969, Taf. 2 B)


3.) Das Inventar des bronzezeitlichen Grabes 3 eines Grabhügels in Flur Gockeler bei Onstmettingen (Stadt Albstadt, Zollernalbkreis) umfasst neben einem vierkantigen Bronzestift sechs Feuersteinpfeilspitzen. Alle Funde sollen links vom Kopf gelegen haben. Die Funde stammen aus einer 'Grabung' von Dreschmaschinenbesitzer Johannes Dorn und gelangten 1904 ins Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin.
Abb. 3. Onstmettingen, Gockeler Grab 3
(aus: Pirling/Wels-Weyrauch/ Zürn 1980, Taf. 40)


In all diesen Fällen handelt es sich um indianische Projektilspitzen. Charakteristisch sind die Basis-Ausbildungen mit seitlichen Einkerbungen ("side notched basis") an einer relativ großen Spitze, wie sie insbesondere für die archaischen Kulturen Nordamerikas üblich sind, in ähnlicher Weise aber auch noch später auftreten. Beispiele sind zwei Spitzen aus Geislingen (Abb. 1, rechts), die aus Sigmaringen sowie einige Exemplare aus Onstmettingen (Abb. 3, Nr. 1.2.5). Hinzu kommen Spitzen mit einem breiten, rechteckigen Stiel ("straight stemmed"), typisch insbesondere für Projektile spätarchaischer Zeit und des early Woodland (bezogen auf die Chronologie im Nordosten der USA). Einzelne Spitzen sind nicht weiter charakteristisch und könnten durchaus aus einem regionalen archäologischen Kontext stammen - hier müsste ein genauerer Blick auf das Rohmaterial geworfen werden.

All diese Funde sind bereits vor dem Zweiten Weltkrieg nach Württemberg gelangt. Im Falle der Funde von Geislingen ist im Inventarbuch festgehalten, dass es sich um Indianische Pfeilspitzen handelt. Die Funde von Sigmaringen (Abb. 2) gelangten Ende der 1960er Jahre in Verdacht (Zürn/Schiek 1969). Im Falle von Onstmettingen sind die Projektilspitzen bislang unerkannt als authentische Grabfunde publiziert. Hier liegt der Verdacht nahe, dass sie bewusst untergeschoben wurden. Johannes Dorn (1853-1925) ist als Ausgräber von Grabhügeln auf der Schwäbischen Alb berüchtigt. Bis 1925 hat er zahlreiche Grabhügel ausgeräumt und die Funde an verschiedene Museen und Privatsammlungen verkauft. Meines Wissens sind bisher keine bewussten Manipulationen der Inventare bekannt geworden - nur lassen seine Dokumentationen aus heutiger Sicht, falls überhaupt existent, sehr zu wünschen übrig. Im Falle der indianischen Pfeilspitzen aus einem Grab liegt hingegen eine Befundfälschung vor, für die aber nicht zwingend J. Dorn verantwortlich sein muß (vergl. zu Dorn: Scheff 2001).

Im 19. Jahrhundert dürften indianische Pfeilspitzen als Geschenke, aber auch als Sammlungsobjekte nach Deutschland gekommen sein. Ein Beispiel beschreibt der Reisebericht von Paul Wilhelm Herzog von Württemberg, einem Neffen des ersten württembergischen Königs Friedrich I, der 1822 bis 24 Kuba und Nordamerika bereiste und als einer der Entdecker der Missouriquellen gilt.
Solche Tänze werden auch zu Ehren eines Fremden gehalten, wobei die Sitte ist, die Indianer zu beschenken, welcher Gebrauch für mich zuletzt sehr lästig wurde, doch mir den Vortheil gewährte, allerlei Putzsachen und Waffen dieser Indianer einzuhandeln. (S. 347).
Diese Indianer tragen viel Federschmuck und schöne Bogen von Gelbholz, von denen ich einige einhandelte, sowie Pfeile, die noch mit Feuersteinen bewaffnet waren (S. 373).
Hier ist nicht von archäologischen Funden die Rede, doch zeigt sich das Interesse an solchen Pfeilspitzen im allgemeinen. 
E. Cosack (2000) verweist bei einer Zusammenstellung indianischer Geschosspitzen aus Norddeutschland noch auf einen anderen möglichen Zusammenhang: Zur Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges vermieteten viele deutsche Fürstentümer Soldaten an die Engländer. In diese Kämpfe waren immer wieder auch indianische Stammesverbände involviert, wobei wohl nicht alle indianischen Krieger mit Feuerwaffen kämpften. Die Pfeilspitzen könnten also auch von deutschen Soldaten auf amerikanischen Schlachtfeldern aufgesammelt worden sein.

Die Pfeilspitzen zeigen das Problem der Kontamination historischer Überlieferung durch alte Sammlungen und weiträumige Fundverschleppung. Zürn und Schiek konstatierten Ende der 1960er Jahre, dass entsprechende Pfeilspitzen meist amerikanischer Herkunft in vielen öffentlichen und privaten Sammlungen Südwestdeutschlands lägen. (Ich meine, aus der Umgebung von Nürtingen hätte ich auch schon mal eine entsprechende Publikation registriert, die ich aber nicht wieder finde. Hinweise werden gerne angenommen!)
Zugleich aber mögen einige der Funde interessante Zeugnisse friedlicher wie kriegerischer Kulturkontakte im 18. und 19. Jahrhundert sein.

Literatur/Quellen

E. Cosack, Indianer in Norddeutschland. Arch. Korrbl. 30, 2000, 193–207.

R. Schreg, Archäologische Sammlungsbestände im Heimatmuseum Geislingen/Steige - Archäologie der Ur- und Frühgeschichte (unpubl. Verzeichnis, Geislingen 1995).

Robert E. Boszhardt, A Projectile Point Guide for the Upper Mississippi River Valley (University of Iowa Press 2003), ISBN 978-0-877-45870-8 (online Version)

R. Pirling/U. Wels-Weyrauch/H. Zürn, Die Bronzezeit auf der Schwäbischen Alb. PBF XX,3 (München: C.H. Beck 1980), ISBN 3-406-04005-5

J. Scheff, Johannes Dorn (1853-1925) - Landwirt und Altertumsforscher. Heimatkundliche Blätter Balingen 48, 2001, (2) 1253-1255; (3) 1259-1260 (online als pdf bei der Heimatkundlichen Vereinigung Zollernalb e.V.)

P. Wilhelm Herzog von Württemberg, Erste Reise nach dem nördlichen Amerika in den Jahren 1822 bis 1824 (Stuttgart, Tübingen: Cotta'sche Verlagsbuchhandlung 1835) (googleBooks)

H. Zürn/ S. Schiek, Die Sammlung Edelmann im Britischen Museum zu London. Urkunden zur Vor- und Frühgeshcichte aus Wüdwürttemberg-Hohenzollern 3 (Stuttgart 1969).

interner Link

Nachtrag (30.4.2013):
Korrektur (17.3.2014):
entsprechend Kommentar Korrektur des Autorennamens Scheff 2001

Kommentare:

Simon Matzerath hat gesagt…

Danke für den schönen Beitrag! Im Museum Zitadelle Jülich (Rheinland) befinden sich identische Pfeilspitzen mit ominöser Herkunft aus Nordamerika ... Spannend ist übrigens auch der Transport von Beilklingen in der Kolonialzeit. Sie werden teilweise als archäologische Funde in Mitteleuropa neu entdeckt und dann oft falsch als einheimisch deklariert. Dazu Pierre Pétrequin, Une source de confusion : les haches ethnographiques et les réutilisations tardives dans les séries néolithique européennes. In: Pétrequin et al. (Hrsg.), JADE. Grandes haches alpines du Néolithique européen. Ve et IVe millénaires av. J.-C. (Toulouse 2012), 535-543.

Anonym hat gesagt…

Hallo Rainer, zu Deinem leider nur zu relevanten Artikel eine kleine Korrektur: Der Autor in den Balinger Heimatblättern heißt nicht Scheer, sondern Jürgen SCHEFF. Er ist u.a. ehrenamtlicher Leiter des Ebinger Museums im Kräuterkasten und hat, wie er Doro und mir erzählte, für seine Geschichte über Dorn bis Berlin tief in den Archiven gewühlt. Nach allem, was er da zutage gefördert hat, war Dorn nicht ganz so schlimm, wie ihn zuletzt Oeftiger et al. gemacht haben, v.a. hat er durchaus Aufzeichnungen angefertigt (die aber v.a. die Zollern gar nicht haben wollten). Bewusste Täuschung würde ich Dorn nicht unterstellen wollen. Interessant finde ich, dass J. Dorns Vater ab 1853 als Ausgräber für wohl eben jenen Wilhelm v. Württemberg auf der Alb nachweisbar ist (Scheff 2001, 1254); vielleicht kommt das Zeug von Onstmettingen ja von daher? Grüße, Andreas W.

Rainer Schreg hat gesagt…

Salve! dank dir für die Hinweise!
- Korrektur ausgeführt.
Die Beziehungen zwischen Dorns Vater und Wilhem v. Württemberg lassen in der Tat spekulieren, ob die Onstmettinger Pfeilspitzen nicht wirklich just zu den in dem Reisebericht genannten gehört haben...
Grüße R