Mittwoch, 31. Oktober 2012

Heidenheim-Schnaitheim: Fragen frühmittelalterlicher Besitzstrukturen

Heidenheim-Schnaitheim, Seewiesen
frühmittelalterliche Siedlung
schwarz: Grubenhäuser, orange: Pfostenbauten
(Umzeichnung R. Schreg nach Leinthaler 2003)
Der Befund der frühmittelalterlichen Siedlung Seewiesen bei Heidenheim-Schnaitheim zeigt eine interessante innere Gliederung, die in Südwestdeutschland weitgehend einzigartig scheint: Grubenhäuser und Pfostenhäuser sind hier weitgehend räumlich getrennt. Dabei muss man die Befunde südlich der Hauptgrabungsfläche freilich außer Acht lassen, da hier nur punktuelle Notgrabungen stattgefunden haben, die kaum in der Lage sind, die Standorte von Pfostenhäusern aufzuzeigen.

Im Bereich der Grubenhäuser wurden zwar zahlreiche Pfostenbefunde dokumentiert, doch lassen sie sich nicht zu Hausgrundrissen zusammen schließen. Vielmehr scheint es sich um einzelne Zaunfluchten zu handeln. 


Bei aller Vorsicht der Quellenkritik stellt sich hier die Frage, wie diese Gliederung der Siedlung zu erklären ist.
Liegt hier ein separates Handwerksviertel vor? Besonders auffallende Handwerksbefunde gibt es in der Siedlung nicht. Eisenverhüttung ist zwar bekannt, aber offenbar besser in der Siedlung Fürsamen auf der anderen Seite der Brenz dokumentiert.
Repräsentiert das Grubenhausviertel einen geschlossenen Besitzkomplex? Für gewöhnlich liegen Pfostenbauten und Grubenhäuser in frühmittelalterlichen Siedlungen in einer Gemengelage, scheinen direkt aufeinander bezogen zu sein und eine Nutzungseinheit zu bilden.  Insofern wäre es denkbar, dass in Schnaitheim einzelne Wirtschaftseinheiten aus einem Hof im Nordosten und einem Grubenhaus im Südwesten bestanden, also räumlich getrennt waren. Das Grubenhausviertel würde dann also zu mehreren Besitzkomplexen gehören.

Warum liegen in den Seewiesen die Grubenhäuser (von wenigen Ausnahmen abgesehen) nicht zwischen den großen Pfostenbauten? Offenbar bestanden hier hofübergreifende Nutzungsregelungen oder -zwänge, die die individuellen Entscheidungen der Hofinhaber einschränkten.

War das Land also gar nicht in individueller Verfügungsgewalt? Der Begriff des Privatbesitzes trifft für das frühe Mittelalter aufgrund der herrschaftlichen Rechte nicht zu.
Im Areal der Grubenhäuser sind Gräbchen und Zaunsysteme zu erkennen, die nach ihrer Orientierung zur Siedlung gehören dürften. Das Areal der Grubenhäuser war also wohl mit Zäunen in abgegrenzte Nutzungsflächen gegliedert. Haben wir es hier mit einer Kleinparzellierung zu tun, ähnlich moderner Kleingärten? Besitzabgrenzungen oder Nutzungsgrenzen? Man geht davon aus, dass die Grubenhäuser primär als Handwerkerhütten dienten. Auch in den Seewiesen treten die obligatorischen Webgewichte auf. Wenn hier aber auch Kleinvieh (Schwein, Geflügel) gehalten wurde, dürfen Zäune nicht als Indiz für Besitzgrenzen verstanden werden.

Prinzipiell denkbar wäre es, dass der Grundwasserspiegel die Anlage von Grubenhäusern in einigen Bereichen der Siedlung verhinderte und sich deshalb die Standorte der Grubenhäuser auf einer geeigneten Fläche konzentrierten. Allerdings befindet sich die Brenz westlich der Siedlung im Anschluß an die Grubenhausbebauung, so dass eher im Bereich der Grubenhäuser mit größerem Grundwassereinfluss zu rechnen ist. Die These ist also unwahrscheinlich.

Die Fragen der Besitzsstrukturen können in Schnaitheim aus den archäologischen Daten heraus nicht geklärt werden. Archäologische Beobachtungen zeigen anhand von Siedlungsfunden mehrfach eine Dynamik der Siedlung bzw. der Landnutzung, die generell die Frage aufwerfen, wie Grundbesitz im frühen Mittelalter strukturiert war.

Inwiefern projezieren wir hier moderne Eigentumsbegriffe ins Frühmittelalter und inwiefern verstellt uns die herrschaftliche Perspektive der Schriftquellen den Blick auf lokale Rechtsverhältnisse?


Literaturhinweise
  • B. Leinthaler, Eine ländliche Siedlung des frühen Mittelalters bei Schnaitheim, Lkr. Heidenheim. Materialh. Arch. Bad.-Württ. 70 (Stuttgart 2003).
  • R. Schreg, Kontinuität und Fluktuation in früh- und hochmittel­alterlichen Siedlungen Süddeutschlands. In: C. Fey/ S. Krieb (Hrsg.), Adel und Bauern in der Gesellschaft des Mittelalters. Internationales Kolloquium zum 65. Geburtstag von Werner Rösener. Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 6 (Korb: Didymos-Verlag 2012) 137-164. 
interner Link



 

Montag, 29. Oktober 2012

Der Meteoritenbuddha - eine weltanschaulich motivierte Fälschung im Umfeld der SS?

Archaeologik bringt nur ausnahmsweise Meldungen über Neufunde. So habe ich auch die Pressemeldungen aus dem Sommer 2012 übergangen, die von einer aus einem Meteoriten gearbeiteten Buddha-Statuette berichtet haben, die eine Nazi-Expedition Ende der 1930er Jahre nach Deutschland gebracht haben soll.
Sicher: Die Statue ist einzigartig, der erste Beleg für eine Verarbeitung solchen Materials. Aber was sagt uns das kulturgeschichtlich? Der erste Beleg eines kaum gebräuchlichen Materials, bis ein noch älterer Beleg gefunden wird.

Jetzt spricht aber manches dafür, dass die Geschichte eine ganz andere ist. Die Materialbestimmung ist zwar richtig, aber eine stilistische Einschätzung der Statue spricht eher für eine Datierung ins 20. als ins 11. Jahrhundert - "pseudo-tibetisch". Zudem sind die umfangreichen Protokolle der betreffenden Nazi-Expedition erhalten. Der Zoologe und Tibetforscher Ernst Schäfer führte die Expedition 1938 für das SS-Ahnenerbe durch, in deren Protokolle die Statuette nicht aufgeführt ist.

Gut denkbar also, dass es sich um eine weltanschaulich motivierte Fälschung im Umfeld der SS handelt, immerhin trägt die Statue eine großes Hakenkreuz auf dem Bauch. - Oder doch eine Fälschung für den Antikenhandel?

Tibetexpedition 1938, Ernst Schäfer rechts im Bild
(Foto E. Krause, Bundesarchiv, Bild 135-KA-03-076 [CC-BY-SA-3.0],
via Wikimedia Commons)

Quellen
Nachtrag (29.10.2012):
Offenbar ist auch die Zuweisung an Buddha falsch. Es ist wohl eine hinduistischeGottheit dargestellt.
Dazu noch der Link auf http://www.broowaha.com/articles/14676/nazi-sporsored-expediton-found-vaisravana-statue-not-buddha, auch wenn der Autor nicht durchgehend wissenschaftlich argumentiert (Stichwort: mythologische Metallanalyse) sowie die Darstellung bei huscarl.at (17.10.2012): Gelehrtenstreit um frühbuddhistische Figur aus Meteoritenmetall

Literaturhinweis

  • E. Buchner/M. Schmieder/G. Kurat u. a., Buddha from space-An ancient object of art made of a Chinga iron meteorite fragment. Meteoritics & Planetary Science 47.9, 2012, 1491–1501. - doi: 10.1111/j.1945-5100.2012.01409.x

Besten Dank für den Hinweis geht an Christina von Elm.


    Freitag, 26. Oktober 2012

    Kambodscha im Streit mit Sotheby's um eine Khmer-Statue aus Koh Ker

    npr (23.10.2012): Cambodia Vs. Sotheby's In A Battle Over Antiquities (A. Kuhn) berichtet über den Streit zwischen Kambodscha und dem Auktionshaus Sotheby's um eine Statue, die versteigert werden soll.
    Koh Ker, Prasat Thom
    Tempel von Koh Ker
    (Foto: Arian Zwegers [CC BY 2.0] via flickr)
    Interessant an der Sache ist nun, dass man einmal sehr genau weiß, wo die Statue gestanden hat, da sie offenbar genau auf eine in Koh Ker noch vorhandene Basis mit entsprechenden Ausarbeitungen passt. Noch nicht mal Sotheby's scheint das zu bestreiten. Es geht also nur darum, wann die Statue außer Landes kam.

    Eine Analyse der Situation in Kambodscha in brachte schon 2005: NewsMekong: On the Trail of Khmer Antiquities. Seit dem Ende des Bürgerkriegs Anfang der 1990er Jahre nahmen Plünderungen historischer und archäologischer Stätten in Kambodscha dramatisch zu.  Der Zugang zu vielen Fundstellen war allerdings durch zahlreiche Landminen aus den Kriegsjahren erschwert, um Koh Ker wurden sie erst in den letzten Jahren geräumt. Schon 1995 hat Kambodscha allerdings die UNIDROIT Convention on Stolen or Illegally Exported Cultural Objects (Rome, 1995) unterzeichnet. Seit 1970 gilt zudem die UNESCO Convention on the Means of Prohibiting and Preventing the Illicit Import, Export and Transfer of Ownership of Cultural Property.
    Rund 70 km nördlich kam es Anfang letzten Jahres (und schon früher) zu militärischen Auseinandersetzungen mit Thailand, die den Tempel von Prasat Preah Vihear ebenfalls beanspruchen (vgl. wikipedia: Grenzkonflikt zwischen Kambodscha und Thailand; Archaeologik [24.4.2011]: Erneute Kämpfe um UNESCO-Weltkulturerbe).

    Dank an B. Schröder für den Hinweis auf die Links.

    Nachtrag (14.11.2012)

    Mittwoch, 24. Oktober 2012

    Traktorfakt

    Klinge mit frischen Retuschen
    (Foto: R. Bollow [mit freundl. Genehmigung])
    Robert Bollow zeigt ein eindrückliches Beispiel einer Pflugretusche an einer Silexklinge:
    Umgepflügt 420. Post "JohnDeerefakt" - Die Landmaschine hat zu geschlagen!


    Dienstag, 23. Oktober 2012

    Plünderung "mit Listen was heraus gebracht werden soll"

    Ein guter Beitrag bei ttt titel thesen temperamente v. 21.10.2012: Syriens Weltkulturerbe in Gefahr: in der ARD-Mediathek, der die Bedrohung durch Plünderung, Beschuß und puren Vandalismus zeigt und auch deutlich macht, wie die Opfer an Menschen  mit den Opfern der Steine zusammenhängen.

    Das Team berichtet aus Aleppo aber auch aus den Toten Städten in Nordsyrien (vgl. zu einer dieser Städte hier auf Archaeologik), ebenfalls UNESCO-Welterbe, wo frische Raubgrabungen dokumentiert werden.

    In der Sendung findet sich auch der Hinweis auf ein Angebot bei  ebay. Hier wird ein palmyrenisches Relief versteigert, das freilich "Ex: Early American private Collection" stammen soll. Solche Reliefs waren auf Videos zu sehen, die im Juli auf you tube gestellt wurden und zeigen, wie syrische Soldaten derartige Grabstelen auf einen Pick-up verladen (siehe Archaeologik: Plünderung in Palmyra).


    interner Link

    Montag, 22. Oktober 2012

    Arguin 1443 - ein portugiesischer Stützpunkt zwischen Sand und Meer

    Um 1442 begannen die portugiesischen Vorstöße entlang der westafrikanischen Küste. Nuno Tristão erreichte 1443 die Insel Arguin, wo 1445 auf Veranlassung von Heinrich dem Seefahrer ein erster Stützpunkt angelegt wurde. Zuvor waren europäische Niederlassungen in nordafrikanischen Städten sowie auf den Kanaren entstanden. Arguin liegt auf einer Insel im heutigen Mauritanien südlich von Capo Blanco. In dieser Region stößt die Sahara direkt an die Atlantikküste, so dass stets ein landwärts gerichteter Wind weht. Für die Schifffahrt war dies eine gefährliche Zone, da das Risiko groß war, in der rund 30 Meilen tiefen Flachwasserzone auf Grund zu laufen (wie z.B. 1810 die Méduse, deren Unglück in zahlreichen Gemälden festgehalten wurde und die vor allem wegen des Kannibalismus auf einem Floß mit Überlebenden berühmt geworden ist). Trotz dieser Schwierigkeit etablierte sich bei Arguin der Handel mit Sklaven, Fellen, Ambra, sowie Straußenfedern und Gummi. Seit dem 17. Jahrhundert kam es zu einem laufenden Wechsel der Kolonialherren: Niederländer, Franzosen, Brandenburger und Engländer. Als 1685 die offenbar vernachlässigte Festung von den Brandenburgern genommen wurde, wurde sie wiederhergestellt und wenige Jahre nach der französischen Eroberung 1721 endgültig geschleift.

    Picture from www.Landscape-Photo.net (CC BY-NC-ND)
    Arguin-Sandbank (Foto: Bruno Monginoux 2010 [CC BY-NC-ND 2.0], via Landscape-Photo.net)


    Von der portugiesischen Festung, beziehungsweise von ihren späteren Ausbauten sind einige Beschreibungen und Karten überliefert.
    Olfert Dappert:
    Umbstaendliche und eigentliche
    Beschreibung von Africa
    (Meurs 1670)
    (Google books

    Die Beschreibungen der Insel charakterisieren diese als heiß und kahl, allenfalls ein Busch sei zur Versorgung mit Brennholz vorhanden. Für die Wasserversorgung stand Süßwasser zur Verfügung, das mittels eines Brunnens erschlossen wurde.
    Fort d'Arguin, Johannes Vingboons 1665 (Nationaal Archief [Public domain], via Wikimedia Commons)

    Zur Festung selbst scheint archäologisch bislang wenig bekannt. Luftbilder lassen einige Geländerelikte, unter anderem einen Graben, erkennen sowie ein vorgelagertes Ruinenfeld. Die Überdeckung mit Sand macht es schwierig, Details zu erkennen. 1939 fand jedoch nahe der Festung eine kleinere Grabung statt, die einen Brunnen freigelegt hat.

    Arguin auf einer größeren Karte anzeigen

    bei Bing
    Plan der Festung Arguin, Jean-Baptist Labat 1721.
    (Public Domain, via Wikimedia Commons)

    Mehrere Karten und Darstellungen zeigen eine Eingeborenen-Siedlung vor der Festung. Ansonsten sind Reste der indigenen Siedlung aus zwei Sondagen 1987 und 2000 bekannt, die sich gegenüber zeitgleichen Siedlungen auf dem Festland durch Importfunde auszeichnet, jedoch ansonsten keine kulturellen Einflüsse der Kolonialherren erkennen lässt. Die Siedlung ist mit einem Muschelhaufen verbunden, wie sie für die Küstenregion charakteristisch sind (Descamps/ Vernet 2005).

    Arguin auf einer größeren Karte anzeigen


    Literatur
    Descamps/Vernet 2004
    C. Descamps/R. Vernet, Kjokkenmodding ou sambaqui ? Le site Aramad sur l’île d’Arguin (Mauritanie). In: S. Sanogo/T. Togola (Hrsg.), Proceedings of the 11th Congress of the PanAfrican Association for Prehistory and Related Fields 2001 (Bamako 2004) 141–152. [online]

    Gronenborn 2011
    D. Gronenborn, Die europäische Expansion nach Westafrika. In: D. Gronenborn (Hrsg.), Gold, Sklaven, Elfenbein. Mittelalterliche Reiche im Norden Nigerias / Gold, Slaves, Ivory. Medieval empires in Northern Nigeria). Mosaiksteine 8 (Mainz 2011) 16–25.

    van der Heyden 2001
    U. van der Heyden, Rote Adler an Afrikas Küste. Die brandenburgisch-preußische Kolonie Großfriedrichsburg in Westafrika. 2. Aufl. (Berlin 2001).

    Monod 1983
    T. Monod, L’île d’Arguin, Mauritanie: essai historique. Série separatas - Centro de Estudos de História e Cartografia Antiga 23 (1983).

    Nixon 2011
    S. Nixon, The rising trade with Africa. In: M. Carver/J. Klápště (Hrsg.), The Archaeology of Medieval Europe Vol. 2: Twelfth to Sixteenth Centuries (Aarhus 2011) 361–369.

    Schreg 2011
    R. Schreg, Zur Afrikarezeption im europäischen Mittelalter / Considerations on Africa in medieval Europe. In: D. Gronenborn (Hrsg.), Gold, Sklaven, Elfenbein. Mittelalterliche Reiche im Norden Nigerias / Gold, Slaves, Ivory. Medieval empires in Northern Nigeria). Mosaiksteine 8 (Mainz 2011) 10–15.

    Vernet 2007
    R. Vernet, Le golfe d'Arguin de la préhistoire à l'histoire : littoral et plaines intérieures (2007) [online bei academia.edu].

    Links


    Änderungsvermerk
    Detailluftbild Arguin ausgetauscht (7.7.2013)

    Samstag, 20. Oktober 2012

    Auszeichnung für Erich von Däniken

    Erich von Däniken erhält das "Goldene Brett vorm Kopf für das Lebenswerk".
    (Das Goldene Brett [ CC BY-ND 3.0])
    Am Freitag vergab die Gesellschaft für Kritisches Denken im Naturhistorischen Museum in Wien den Preis "Goldenes Brett vorm Kopf 2012". Neben dem regulären Preis für den "erstaunlichsten pseudo-wissenschaftlichen Unfug des Jahres" wurde auch ein Preis fürs Lebenswerk vergeben, mit der eine Person ausgezeichnet werden sollte, "die sich jahrzehntelang mit besonders beeindruckender Resistenz gegen wissenschaftliche Fakten einen Namen gemacht hat". Däniken qualifizierte sich mit seinen "beeindruckenden Beweisen" für die historische Rolle von Außerirdischen. "Ein Leben lang den Blick ins All zu richten und trotzdem beide Augen fest geschlossen zu halten, ist eine besondere Leistung", so Michael Horak, einer der Initiatoren des Preises.

    Freitag, 19. Oktober 2012

    Kontinuität und Fluktuation in früh- und hochmittel­alterlichen Siedlungen Süddeutschlands

    Zwei Ergebnisse der Archäologie des Mittelalters der letzten Jahrzehnte in Bezug auf die Siedlungsgeschichte in Süddeutschland scheinen mir wesentlich:
    1. Das Dorf des Spätmittelalters ist tatsächlich in vielen Landschaften das Produkt einer langen Entwicklung, die maßgeblich durch eine Siedlungskonzentration geprägt ist, die im Wesentlichen im 12./13. Jahrhundert, in manchen Regionen möglicherweise auch schon etwas eher stattgefunden hat.
    2. Die älteren Siedlungen des frühen und hohen Mittelalters lagen in der Peripherie der späteren Ortslagen und waren häufigen Umstrukturierungen und Verlagerungen unterworfen.
    Ein Verständnis dieser Entwicklungen ist wesentlich für die Agrar- und Siedlungsgeschichte, liefert aber darüber hinaus grundlegende Einblicke in die komplexen - (human)ökologischen - Wechselbeziehungen zwischen 'Natur' und Gesellschaft, die auch für moderne Raumplanungen wichtig sind.

    Im wesentlichen in der Nachkriegszeit hat die Forschung eine Siedlungsdynamik entdeckt, die durch andauernde Siedlungsverlagerungen und -umstrukturierungen charaktierisiert wird und die dem alten Bild einer jahrhundertlangen Siedlungskonstanz widerspricht.
    Die Forschung hat dieses Phänomen zunächst in Norddeutschland entdeckt, kann heute aber auch zahlreiche Beispiele aus Süddeutschland vorweisen.

    Aschheim bei München
    Siedlungen außerhalb des frühneuzeitlichen Dorfes
    (Rechtecke: Gräberfelder [ausgefüllt: mit Beigaben - weiß: beigabenlos])
    (Graphik R. Schreg)

    Mengen im Breisgau
    Siedlungen außerhalb des frühneuzeitlichen Dorfes
    (Rechtecke: Gräberfelder [ausgefüllt: mit Beigaben - weiß: beigabenlos],
    Hochrechteck: Burg, Punkte: Siedlungsfunde)
    (Graphik R. Schreg)
    Um die Entwicklung besser zu verstehen, ist es notwendig, die früh- und hochmittelalterlichen Siedlungen vor der Ausbildung der späteren Ortslagen genauer zu charakterisieren, denn nur so kann die Ausbildung der spätmittelalterlichen Ortslagen in ihren Voraussetzungen und ihrer Bedeutung beurteilt werden.
    Mengen im Breisgau
    zwei Siedlungsareale, die sich im Lauf der Zeit zunehmend voneinander distanzieren
    (Graphik R. Schreg)


    Wüstung Berslingen
    Im bekannten Grabungsausschnitt weitgehend platzkonstante Siedlung, die jedoch deutliche Umstrukturierungen erkennen lässt und sich in ihrer Spätphase auf wenige große Häuser reduziert.
    (Graphik R. Schreg)


    Höfe konnten häufig graduell und kleinräumig verlagert werden. Totale Verlagerungen innerhalb eines Siedlungsareals sind prinzipiell denk- aber nicht nachweisbar. In einigen Fällen kam es zu einer allmählichen Verlagerung der Siedlung. Andere Beispiele zeigen hingegen eine weitgehende Platzkonstanz der Siedlungen, wobei aber deutliche Umstrukturierungen ihrer Binnenstruktur zu beobachten sind. Der Wandel der Höfe verändert den Charakter der Dörfer. Aus Reihensiedlungen werden im Laufe weniger Generationen Haufensiedlungen; bisweilen sind aber auch gegenläufige Entwicklungen zu beobachten.

    Die Konzentration im späteren Ortskern während des 12./13. Jahrhunderts ist unter dem Begriff der Verdorfung in der Forschung schon lange bekannt und wurde mit Gemeindebildung und Etablierung der Dreizelgenwirtschaft in Verbindung gebracht. Die früheren Siedungsverlagerungen wie auch die Siedlungskonzentration im späteren Ortskern sind im Prinzip nur mit flexiblen Besitzverhältnissen möglich.

    Die in diesem Kontext verwendeten Begriffe der »semipermanenten« Siedlungsweise und der Wandersiedlung erwecken falsche Assoziationen mit Nomadismus bzw. Wanderfeldbau. Beides ist durch den archäologischen Befund klar zu widerlegen. Die Siedlungen sind bezogen auf die einzelnen Generationen durchaus permanent und die geringe Distanz der Verlagerungen belegt, dass sie nicht mit der Erschließung neu gerodeter Ackerflächen erklärt werden können.

    Ein Grund bzw. eine Voraussetzung der Siedlungsverlagerungen ist die begrenzte Haltbarkeit der Holzgebäude. Wie der Befund eines auf kleinem Raum mehrfach erneuerten Gebäudes in  Lauchheim zeigt, können sich die Häuser jedoch auf engem Raum ablösen, eine Siedlungsverlagerung kommt dadurch noch nicht zustande.

    Ein möglicher weiterer Hintergrund der Siedlungsverlagerungen könnte in der Generationenfolge liegen. Daraus ergibt sich eine ungerichtete, graduelle, ggf. auch einmal eine totale Verlagerung der kompletten Siedlung. Schwierig an diesem Erklärungsmodell ist die Tatsache, dass bei aller Fluktuation der Siedlungen doch auch eine jeweils relativ lange Kontinuität über mehrere Generationen auf einem Hofplatz konstatiert werden muss, die Verlagerung also nicht bei jedem Generationenwechsel erfolgte.

    Die Gründe der Verlagerung müssen – soweit man nicht jeweils spezifische historische Ereignisse dafür verantwortlich machen möchte – in langfristig wirkenden Strukturen des Agrarökosystems liegen.


    Ländliche Siedlungen sind Teil des Agrarökosystems, das die Nutzungsflächen, Produktionsmittel und Produktionsweisen umfasst. Wichtige Regulatoren sind dabei die Energie- und Stoffkreisläufe. Ein grundlegendes Problem vorindustrieller Agrarwirtschaft war die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit. Jede produzierende Landnutzung führt zwangsläufig zum Entzug von Nährstoffen aus dem Boden und dessen mittel- bis langfristiger Auslaugung.

    Eine fluktuierende Siedlungsweise kann dabei als Teil einer schonenden Bodenbewirtschaftung verstanden werden. Sie könnte dazu dienen, um gut gedüngtes altes Siedlungsland unter den Pflug zu nehmen. Organische Abfälle und Fäkalien dürften im direkten Siedlungsumfeld als Dünger eingesetzt worden sein, wobei nach ethnographischen Analogien durchaus eine vorherige Aufbereitung durch Kompostierung oder Fermentierung denkbar wäre. Die Umstrukturierungen innerhalb der Siedlungen, aber auch die zahlreichen älteren Siedlungslagen im Umfeld der späteren Dörfer belegen, dass der Landbesitz nicht durch fest fixierte Parzellen bestimmt wurde. Hier ist eher an Modelle der individuellen Allmendenutzung zu denken, die – solange die Bevölkerung nicht zu groß ist – eine relativ flexible Nutzung des Landes und eine Verlegung der Hofstellen ermöglichen.

    Der Übergang zum langfristig ortskonstanten Dorf wäre demnach nicht nur im Kontext sozialen Wandels, sondern auch im Kontext veränderter Mensch-Umweltbeziehungen zu sehen.

    Literaturhinweis

    Dieser Blog-Post beruht auf einem eben erschienenen Aufsatz:
    • R. Schreg, Kontinuität und Fluktuation in früh- und hochmittel­alterlichen Siedlungen Süddeutschlands. In: C. Fey/ S. Krieb (Hrsg.), Adel und Bauern in der Gesellschaft des Mittelalters. Internationales Kolloquium zum 65. Geburtstag von Werner Rösener. Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 6 (Korb: Didymos-Verlag 2012) 137-164.
    der leider nicht per green OA online zur Verfügung gestellt werden darf.


    Donnerstag, 18. Oktober 2012

    Religionseiferer gegen Felszeichnungen in Marokko

    In Marokko wurden 8000 Jahre alte Felszeichnungen von Salafisten zerstört - meldet AFP:

    Betroffen sind Felsbilder südlich von Marrakesh.

    Mittwoch, 17. Oktober 2012

    Die letzte antike Stadt

    Caričin Grad. Blick von der Akropolis nach Süden
    über die Ober- und Unterstadt
    (Foto R. Schreg, 2012)
    Etwa 30 km westlich von Leskovac in Südserbien liegen die seit dem späten 19. Jahrhundert bekannten Ruinen von Caričin Grad. 1912 begannen dort Ausgrabungen, die inzwischen das Bild einer mehrgliedrigen frühbyzantinischen Stadtanlage erbracht haben. Einige Argumente sprechen dafür, in Caričin Grad die von Iustinian gegründete neue Hauptstadt Iustiniana Prima zu sehen, obgleich ein epigraphischer Beleg noch aussteht.

    Die Tagung "Early Byzantine City and Society” - Conference dedicated to the centenary of archaeological research in Caričin Grad, 3.-7. Oktober 2012 - Leskovac, Serbien hat nun eine Bilanz der 100jährigen Forschung gezogen, neue Ergebnisse vorgestellt und in den größeren Kontext von Forschungen zu frühbyzantinischen Städten gestellt.

    Die Stadt gilt als die letzte Stadtgründung in antiken Traditionen. An die Stelle der klassischen Akropolis mit ihren Tempeln tritt hier die Kathedrale und der angrenzende Bischofssitz. Die Oberstadt ist durch ein Straßenkreuz klassisch gegliedert. Ein Forum fehlt jedoch. 


    video 
    3D-Animation eines Kapitells der Hauptstraße der
    Oberstadt
    (R. Schreg, 2012 [kleiner Test])

    Die Grabungen in Caričin Grad finden seit den 1980er Jahren mit internationaler Beteiligung statt und haben zwischenzeitlich fast 50% der Kernstadt (Unter- und Oberstadt/Akropolis) erfasst. Dabei hat erst 2011 der Einsatz von LiDAR-Scans das Bild der Stadt entscheidend verändert. Erst mit diesem detaillierten Geländemodell ist es gelungen, ältere Beobachtungen aus Luftbildern, früheren geophysikalischen Prospektionen der 1980er Jahre sowie älteren Sondageschnitten in ein neues Gesamtbild einzuordnen. Demnach bestanden um die bekannte Anlage mehrere befestigte Unterstädte und bislang 'extra muros' lokalisierte Gebäude lagen tatsächlich innerhalb der Stadt. Erstmals ist es auch gelungen, den Aquaeduct der Stadt auf 20 km im Gelände zu verfolgen und mehrere Befestigungsanlagen im Umfeld zu lokalisieren.

    Dienstag, 16. Oktober 2012

    Ein byzantinisches Dorf in Israel - Chorazin

    Nördlich von Kapernaum am See Genezareth liegen die Ruinen eines byzantinischen Dorfes. Hier fanden mehrjährige Grabungen statt, die eine Datierung ins 4. bis frühe 8. Jahrhundert, aber auch eine mamelukische Siedlungsphase ergaben. Im Zentrum der ca 3 ha großen Siedlung befindet sich eine Synagoge, in deren nächster Nähe mehrere größere Wohnkomplexe, die über die normalen Gehöfte heraus ragen.



    Größere Kartenansicht




    Größere Kartenansicht

    Im Luftbild sind einzelne Flureinteilungen im Umfeld des Dorfes zu erkennen. Vor allem zeichnen sich nordwestlich des Dorfes Feld- und Siedlungsstrukturen ab, zu denen mir noch keine Referenzen und Informationen zur Datierung vorliegen.

    Literatur

    • Y. Hirschfeld, Farms and Villages in Byzantine Palestine. Dumbarton Oaks Papers 51, 1997, 33–71. bes. 42

    Sonntag, 14. Oktober 2012

    Frühmittelalterliche Grabkeramik aus Siebenbürgen - eine Rezension

    Călin Cosma
    Funerary Pottery in Transylvania of the 7th-10th centuries 
    Ethnic and cultural interferences in the 1st millenium B.C. to the 1st millenium A.D. 18
    Romanian Academy / Institute of Archaeology and Art History, Cluj-Napoca

    (Cluj-Napoca Editura Mega 2011)

    ISBN 978-606-543-127-0


    Während des frühen Mittelalters ist das östliche Mitteleuropa eine Landschaft, in der verschiedene Akteure aufeinandertreffen. Die archäologische Forschung hat hier verschiedene Kulturgruppen definiert, die sich nicht zuletzt in den Grabanlagen unterscheiden. Das Hauptinteresse der Keramikforschung galt dementsprechend nicht nur der reinen Frage der Chronologie, sondern insbesondere auch der ethnischen Interpretation, die aber meist mehr über das Geschichts- und Raumverständnis unserer Gegenwart als über die sozialen Verhältnisse der Vergangenheit aussagt.


    In jüngerer Zeit beginnt sich dies zu ändern. Einerseits durch das im allgemeinen steigende Bewußtsein, der allgemeinen Probleme ethnischer Interpretationen und deren überschätzter Bedeutung für das Verständnis von historischen Prozessen, andererseits durch die zunehmende Bedeutung naturwissenschaftlicher Methoden, die die Fragestellungen vermehrt in Richtung der Wirtschaftsarchäologie verschieben. Als Beispiel für diese neuere Entwicklung seien summarisch die Arbeiten von Hajnalka Herold zur frühmittelalterlichen Keramik in Nordost- und Südwestungarn genannt (z.B. Herold 2006).

    Die Studie von Călin Cosma zur Grabkeramik des 7. bis 10. Jahrhunderts in Siebenbürgen setzt andere Schwerpunkte. Ihr Interesse gilt vor allem der Deponierung von Gefäßen im Grab. Der Autor schreibt der Keramik eine Bedeutung zu, die über den praktischen Gebrauch hinausgeht. Gleich im ersten Satz weist er darauf hin, dass Keramik "over time (...) was worldwide used on the three main events of a human life: the birth, the baptism, the funeral".  Man mag daran zweifeln, ob dies so glücklich formuliert ist, doch zweifellos ergibt sich aus der Deponierung der Keramik im Grab ein ritueller Kontext, der dem Objekt eine Bedeutung über die Funktion hinaus zuschreibt.

    Montag, 8. Oktober 2012

    Permanent und saisonal - alpine Wüstungen

    Die Kenntnis der Siedlungsgeschichte in den Alpen hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Deutlich wird, das sich verschiedene Phasen der Siedlungsexpansion und der Wüstung immer wieder ablösten.
    Wechselnde Landnutzungsstrategien werden in den mittelalterlichen Siedlungsresten besonders deutlich. In Google sind in heute abgelegenen Tälern und teils in großer Höhe Siedlungsreste zu erkennen.
    Die Anlage im Kartenausschnitt zeigt eine alpine Wüstung im Kanton Schwyz auf 1930 m ü.NN, die vom 11. bis ins 14. Jahrhundert bewohnt war. Erkennbar sind neben den Gebäuderesten verschieden große Pferche wohl für Schaf und Ziege.


    Größere Kartenansicht
     

    Montag, 1. Oktober 2012

    Neue Meldungen zu Syrien (September)

    Ein Großbrand hat in den letzten Tagen wohl große Teile des historischen Basars in Aleppo vernichtet. An anderen Fundstellen wird zunehmend über Plünderungen spekuliert, noch sei aber kein Schmuggel ins Ausland nachweisbar. Naturgemäß ist die Faktenlage aber sehr unklar.

    Brand in Aleppo, aus einem Video bei YouTube
    Aleppo

    weitere Meldungen im September

    interne Links